Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 3)
„Und Gott hat sogar gewollt, dass es eine Heilige war. Er hat den alten Ritterbund geehrt. Das nie ausgelieferte, alte Schwert ruht auf Knien, die der Stolzeste der Unsern nur unter Tränen umfangen kann. Wiessen Sie, ich liebe diese zarte Erinnerung an den Turnierruf: ‚Ehre den Damen!‘ Ist das nicht etwas, worüber euere gelehrten Herren vor Ärger grün werden könnten, da sie schon einmal den Weibern nicht grün sind, was meinen Sie?“
(…)
„Was werfen Sie den Männern der Kirche denn vor?“ brachte ich schließlich ziemlich dumm heraus.
„Ich? Nicht viel. Dass sie uns verweltlicht haben. Die erste echte Verweltlichung begann mit dem Soldaten, und zwar nicht erst gestern. Wenn ihr über die Auswüchse des Nationalismus jammert, sollte ihr euch daran erinnern, dass ihr einst mit den Kronjuristen der Renaissance geliebäugelt habt, als sie das christliche Recht in die Tasche steckten und mit zäher Geduld vor eurer Nase und euren Augen den heidnischen Staat wieder aufrichteten, den Staat, der kein andres Recht kennt als sein eigenes Wohl – die unbarmherzigen Vaterländer, die voll Habsucht und Hochmut sind.“
„Hören Sie einmal“, sagte ich, „ich weiß nicht viel von Geschichte, aber ich meine, in der feudalen Anarchie steckten doch auch Gefahren.“
„Sicherlich … Ihr aber habt diese Gefahren nicht auf euch nehmen wollen. Ihr habt die Christenheit unvollendet gelassen: sie bildete sich zu langsam, kostete zuviel und brachte zu wenig ein. Habt ihr nicht übrigens früher euere Basiliken mit den Steinen der Tempel erbaut? Ein neues Recht, wo doch das Gesetzbuch des Justinian noch gültig und greifbar war? … Der Staat, der alles überwacht, und die Kirche, die den Staat überwacht, diese klare und schöne Formel musste euern Politikern doch gefallen. Nur waren wir aber auch noch da! Wir hatten unsere Vorrechte und über alle Grenzen hinaus unsere schrankenlose Bruderschaft. Wir hatten sogar unsere Klöster. Soldatenmönche! Das mochte die Prokonsuln in ihren Gräbern aufwecken, und auch euch war nicht wohl dabei. Soldatenehre, müssen Sie wissen, lässt sich nicht auf die Goldwaage der Kasuisten legen. Da braucht man nur den Prozess der Jungfrau von Orléans zu lesen. ‚Im Namen des bei Euern Heiligen beschworenen Glaubens, im Namen der Treue zu Euerm Lehnsherrn, im Namen der Rechtmäßigkeit des Königs von Frankreich verlaßt Euch auf uns‘, sagten sie, ‚wir werden Euch von allem lossprechen.‘ – ‚Ich will nicht losgesprochen werden‘, rief sie. ‚Dann werden wir Euch verdammen!‘ Da hätte sie antworten können:’Ich werde also mit meinem Eid verdammt werden.‘ Denn unser Gesetz war der Eid. Ihr habt den Eid gesegnet, ihm aber gehören wir an und nicht euch.“
Januar 30, 2015 No Comments
Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 2)
„Die Soldaten von damals gehörten nämlich der Christenheit an, und die Christenheit gehört heute keinem mehr. Es gibt keine mehr, es wird nie mehr eine Christenheit geben.“
„Warum?“
„Weil es keine Soldaten mehr gibt. Ohne Soldaten keine Christenheit. Oh, Sie werden mir erwidern, die Kirche lebt noch, und das sei die Hauptsache. Sehr richtig. Nur wird es kein Reich Christi in der Zeitlichkeit mehr geben. Die Hoffnung auf dieses Reich ist mit uns gestorben.“
„Mit Ihnen?“ rief ich aus. „Es fehlt doch nicht an Soldaten.“
„Soldaten? Nennen Sie das ruhig Militär. Der letzte echte Soldat ist am 30. Mai 1431 gestorben, und ihr habt ihn umgebracht. Gerade ihr! Schlimmer noch als umgebracht, ihr habt ihn verurteilt, ausgestoßen und dann verbrannt!“
„Wir haben ihn aber auch zur Heiligen erhöht!“
„Sagen Sie lieber: Gott hat es so gewollt. Und wenn er diesen Soldaten so hoch erhoben hat, dann eben deshalb, weil es der letzte war. Der letzte eines so edeln Geschlechts konnte nur ein Heiliger sein. Und Gott hat sogar gewollt, dass es eine Heilige war. „
Januar 29, 2015 No Comments
Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 1)
>>Unsere Geschlechter hatten das Rittertum im Blut, die Kirche brauchte es nur zu segnen. Sie waren eben Soldaten, nichts als Soldaten, Soldaten, wie sie die Welt nie wieder gesehen hat. Sie waren Beschützer des Staates und nicht dessen Diener, sie standen auf gleichem Fuß mit ihm. Die höchste Verkörperung des Soldatentums der Vergangenheit, die des Soldaten am Pflug im alten Rom, haben sie gewissermaßen gestrichen. O gewiss, aus der Geschichte waren sie nicht alle gerecht noch sittenrein. Nichtsdestoweniger verkörperten sie eine Gerechtigkeit, eine Art von Gerechtigkeit, an die sich seit Jahrhunderten das Leid der Elenden klammert und die manchmal deren Traum erfüllen. Denn schließlich ist die Gerechtigkeit in der Hand der Mächtigen nur ein Werkzeug, um zu regieren, wie irgendein anderes auch. Warum nennt man sie Gerechtigkeit? Sagen wir eher Ungerechtigkeit, aber eine berechnete, leistungsfähige Ungerechtigkeit, die gan und gar auf der schreckenerregenden Erfahrung von der Widerstandskraft des Schwachen aufgebaut ist, auf seiner Fähigkeit zu leiden, Demütigung und Unglück zu ertragen. Es ist eine genau auf jenem Spannungsgrad gehaltene Ungerechtigkeit, wie man ihn nötig hat, um das Räderwerk der riesigen, die reichen Leute herstellende Maschine in Gang zu halten, ohne dass der Kessel platzt. Und da verbreitete sich eines Tags über die ganze Christenheit das Gerücht, eine Art von Polizeitruppe des Herrn Jesus Christus sei im Entstehn begriffen … Ein bloßes Gerücht, was ist das schon, zugegeben. Aber sehn Sie: sobald man an den fabelhaften, anhaltenden Erfolg eines Buches wie Don Quijote denkt, kann man nicht umhin zu begreifen: Wenn sich die Menschheit durch Lachen für die Enttäuschung ihrer großen Hoffnung immer noch rächt, so deshalb, weil sie sie lange genug gehegt, weil sie sie tief im Herzen getragen hat. Sie haben das Unrecht wieder gutgemacht, mit ihren eisernen Fäusten haben sie es getan. Ihr könnt nun sagen, was ihr wollt: Die da schlugen mit gewaltigen schweren Hieben drein – mit den gewaltigen Hieben haben sie in unsere Gewissen eine Bresche geschlagen. Wie viele Frauen bezahlen heute noch einen hohen Preis für das Recht, die Namen jener Männer zu tragen, die armen Soldatennamen. Und die einstmals von irgendeinem ungeschickten Handwerker auf ihre Schilde gemalten kindlichen Wappenzeichen sind nun der Traum der reichen Herren von Kohlengruben, Erzhütten und Stahlwerken. Finden Sie das nicht spaßig?“ >>
Januar 29, 2015 No Comments
Botschaft von Papst Franziskus zur Fastenzeit 2015 – Auszüge
1. „Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit“ (1 Kor 12,26) – Die Kirche
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Die Kirche ist communio sanctorum, weil die Heiligen an ihr teilhaben, aber auch weil sie Gemeinschaft an heiligen Dingen ist: an der Liebe Gottes, die in Christus offenbar geworden ist, und an allen seinen Gaben. Zu diesen gehört auch die Antwort derer, die sich von dieser Liebe erreichen lassen. In dieser Gemeinschaft der Heiligen und der Teilhabe am Heiligen besitzt keiner etwas nur für sich, sondern was er hat, ist für alle. Und weil wir in Gott verbunden sind, können wir auch etwas für die Fernen und diejenigen tun, die wir aus eigener Kraft niemals erreichen könnten, denn mit ihnen und für sie beten wir zu Gott, damit wir uns alle seinem Heilswirken öffnen.
2. „Wo ist dein Bruder?“ (Gen 4,9) – Die Gemeinden und die Gemeinschaften
Um das, was Gott uns schenkt, empfangen und vollkommen fruchtbar machen zu können, müssen wir die Grenzen der sichtbaren Kirche in zwei Richtungen überschreiten.
Zum einen, indem wir uns betend mit der Kirche des Himmels verbinden. Wenn die irdische Kirche betet, entsteht eine Gemeinschaft des gegenseitigen Dienstes und des Guten, die bis zum Angesicht Gottes reicht. Mit den Heiligen, die ihre Fülle in Gott gefunden haben, bilden wir einen Teil jenes Miteinanders, in dem die Gleichgültigkeit durch die Liebe überwunden ist. Die Kirche des Himmels ist nicht triumphierend, weil sie sich von den Leiden der Welt abgewandt hat und sich ungestört der Freude hingibt. Vielmehr können die Heiligen schon sehen und sich darüber freuen, dass sie mit dem Tod und der Auferstehung Jesu die Gleichgültigkeit, die Hartherzigkeit und den Hass ein für alle Mal überwunden haben. Solange dieser Sieg der Liebe nicht die ganze Welt durchdrungen hat, sind die Heiligen noch mit uns als Pilger unterwegs. In der Überzeugung, dass die Freude im Himmel über den Sieg der gekreuzigten Liebe nicht vollkommen ist, solange auch nur ein Mensch auf der Erde leidet und stöhnt, schrieb die heilige Kirchenlehrerin Terese von Lisieux: „Ich rechne bestimmt damit, im Himmel nicht untätig zu bleiben. Mein Wunsch ist, weiter für die Kirche und die Seelen zu arbeiten“ (Brief Nr. 254 vom 14. Juli 1897).
…
3. „Macht euer Herz stark“ (Jak 5,8) – Der einzelne Gläubige
…
Deswegen, liebe Brüder und Schwestern, möchte ich mit euch in dieser österlichen Bußzeit Christus bitten: „Fac cor nostrum secundum cor tuum – Bilde unser Herz nach deinem Herzen“ (Gebetsruf aus der Herz-Jesu-Litanei). Dann werden wir ein starkes und barmherziges, waches und großmütiges Herz haben, das sich nicht in sich selbst verschließt und nicht in den Schwindel der Globalisierung der Gleichgültigkeit verfällt. …
Ganzer Wortlaut hier auf kath.net
Januar 27, 2015 No Comments
Sidonius Apollinaris: Über die fränkischen Krieger
Auch dieser (Maioranus) bezwingt Ungeheuer; denen hängt das Haar, vom rötlichen Haupt herniedergezogen, in die Stirn, und der entblößte Nacken glänzt durch das Fehlen von Haaren; es schillern wasserblaue Augen in hellem Glanz, und da sie im Gesicht ganz rasiert sind, durchpflügen sie, statt eines Bartes, nur die dünnen Scheitelhaare mit dem Kamm. Ein genähtes Gewand umspannt eng die gewaltigen Glieder der Männer, da die Kleidung hoch getragen wird, bleibt ihnen das Knie frei. Ein breiter Gurt umspannt den schlanken Leib. Die schnellen Äxte aus weiter Entfernung zu werfen und zuvor den Ort des Einschlags zu wissen, auch die Schilde kreisen zu lassen, ist ihnen ein Spaß, ebenso, geschleuderten Speeren im Sprung zuvorzukommen und ehen an den Feind zu gelangen. Schon im Knabenalter reift die Lust am Krieg. Geraten sie einmal in einen Nachteil, sei es durch Minderzahl, sei es durch Ungunst des Geländes, über der Tod sie, nicht die Furcht; unbesiegbar halten sie stand, und ihr Mut überlebt beinahe noch ihren letzten Atemzug.
Sidonius Apollinaris, carm. 5 v 238-253
Januar 22, 2015 No Comments
Peter Dyckhoff: Sterben im Vertrauen auf Gott

Die zeitlose Kunst des Sterbens – eine Buchbesprechung von Barbara Wenz, erschienen am 20. November 2014 in Die Tagespost
Im November gedenken wir nicht nur unserer Verstorbenen, auch die absterbende Natur weist deutlich darauf hin: Alles ist vergänglich. Die geistliche Vorbereitung auf die eigene Sterbestunde ist in der heutigen Zeit nicht gerade eine weit verbreitete spirituelle Praxis; und obwohl wir in jedem Ave Maria beten „Bitte für uns, heilige Gottesmutter, jetzt und in der Stunde unseres Todes“, so versuchen wir doch häufig jeden Gedanken daran zu vermeiden. „Sterben im Vertrauen auf Gott“ ist ein Buch, das uns an dieses Thema heranführen will. Es besteht aus zwei Teilen. In der ersten Hälfte des Buches meditiert der Autor über 11 Kupferstiche eines unbekannten Meisters aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, in denen fünf Versuchungen des Teufels in der Sterbestunde fünf Trost spendende Eingebungen der Engel sich gegenüber stehen. Im letzten Bild sieht man, wie die erlöste Seele des Sterbenden, der den Kampf bestanden hat, von seinem Engel zum Himmel hinaufgetragen wird. Diese illustrierte Unterweisung, wie man eine gute Sterbestunde bestehen könne, wurde in der damaligen Zeit noch von jedem verstanden und sollte besonders auch Leseunkundigen eine Hilfe sein. Wir Heutige stehen etwas verloren vor den Stichen, weil wir zumeist verlernt haben, in den geistlichen Dimensionen des Mittelalters zu denken.
Peter Dyckhoff erweist sich in der Auslegung dieser ins Bild gefassten „ars moriendi“, dieser „Kunst des Sterbens“, als wahrer Meister. Jedes, häufig zunächst unverständliche Detail, wird von ihm erfasst und mit Sinn erfüllt. Seine Interpretationen werden dann zu regelrechten Bild-Meditationen, wenn er seine Ausführungen mit Zitaten aus den Psalmen, von Augustinus, Bernhard von Clairvaux, Hildegard von Bingen und anderer großer Heiliger und Kirchenlehrer ergänzt. Das Großthema des Bilderzyklus ist die Verzweiflung des Sterbenden, welcher der Meister aus dem 15. Jahrhundert die Barmherzigkeit Gottes gegenüberstellt. Bemerkenswert ist dies auch aus dem Grund, weil von früheren Zeiten häufig gesagt wird, es habe keine „barmherzige Pastoral“ gekannt, sondern habe Höllenfeuer und Verdammnis gepredigt. Ebenfalls wird bei der Lektüre verständlich, warum es für die Menschen dieser Zeit so wichtig war, gut vorbereitet zu sterben und die schrecklichste Vorstellung ein jäher Tod war, welcher heute wiederum von vielen als durchaus wünschenswerter denn ein längeres und womöglich schmerzhaftes Siechtum betrachtet wird.
Der mittelalterliche Mensch, der sich gut auf seinen Tod vorbereitet hatte, musste sich in der für seine Seele alles entscheidenden Sterbestunde nicht mehr mit irdischen Dingen beschäftigen, eine der fünf Versuchungen des Teufels. Vielmehr konnte er unbesorgt loslassen und nur noch auf die liebende Barmherzigkeit Gottes vertrauen. Ebenso stellte der Abschied von Familie und Freunden eine wichtige Station während des Sterbeprozesses dar, damit sich der Sterbende allein auf sein Seelenheil, das in dieser Phase seines Lebens auf dem Spiel stand wie nie zuvor, konzentrieren und sich, mit dem Blick auf den nackten Christus am Kreuz, vollkommen in der Entfaltung der Tugenden Demut, Zuversicht und Geduld üben konnte. Vielleicht waren die Menschen, die diese psychologisch äußerst sensiblen Beobachtungen gemacht haben, in unserem modernen Sinne nicht aufgeklärt, aber sie hatten dafür praktisch tagein tagaus mit dem Tod und mit Todkranken zu tun. Je weiter in unserer modernen Gesellschaft das Sterben aus den Häusern und Familien ausgelagert wird – hier sind ausdrücklich nicht Hospize gemeint, sondern das anonyme, unbetreute Sterben in Krankenhäusern – desto weniger wird über die „novissima“ gewusst: im Mittelalter sprach man bezeichnenderweise von den „neuesten“, nicht von den „letzten Dingen“.
Im zweiten Teil des Buches widmet sich der Autor zum einen seinen ganz persönlichen Erfahrungen mit Sterben und Tod in der eigenen Familie, zum anderen macht er sich Gedanken darüber, warum der Tod überhaupt sein muss und bietet nebenzu noch eine profunde Erläuterung des Psalm 22, des Sterbegebets Jesu am Kreuz. Dyckhoff liefert uns Anleitungen dazu, wie die Beschäftigung und der Umgang mit dem Tod zu einer existentiellen Demutsübung werden kann, wie wir in der Auseinandersetzung mit dem Unverfügbaren Gott begegnen können: „Was von Gott kommt, muss unweigerlich auch zu Gott führen.“
Dyckhoff gelingt ein positives, ein hoffnungsfrohes und zuversichtlich machendes Buch über das Sterben im Vertrauen mit Gott, denn: „Im Glauben an die Auferstehung und das ewige Leben können und dürfen wir bewusst auf unseren Tod zugehen, da Christus das Tödliche am Tod überwunden hat.“ Nicht zuletzt bieten seine Ausführungen zum christlichen Sterben eine wertvolle Anleitung zum christlichen Leben, was zunächst wie ein Paradox klingt, wurde von den großen Heiligen und vielen einfachen Gläubigen schon immer gewusst. Durch eine Vielzahl von angemessenen Gebeten und Meditationsvorschlägen hat der Autor außerdem ein Buch geschrieben, das auch für Sterbebegleiter, ob ehrenamtlich oder ganz privat, äußerst hilfreich sein kann. An sich ist es die ideale Novemberlektüre, bevor wir uns im Advent wieder auf die Geburt des Lichtbringers vorbereiten.
Doch da wir mitten im Leben vom Tod umfangen sind, wie eine uralte lateinische Antiphon, die später von Rilke abgewandelt wurde, besagt, ist es ein Buch, das keine Zeit hat. Und sofern, man das von einem Buch über das Sterben sagen kann, ein Buch, das dank der Feinfühligkeit und des tiefen Glaubens seines Autors, dem Leser wohl tut.
Peter Dyckhoff: Sterben im Vertrauen auf Gott
Media Maria Illertissen, 2014
ISBN 978-3-9816344-3-3
https://www.media-maria.de/
Dezember 18, 2014 No Comments
Ulrich Nersinger: Paul VI. – ein Papst im Zeichen des Wiederspruchs

Pünktlich zur Seligsprechung Paul VI. Mitte Oktober des Jahres hat der renommierte Vatikanist und Historiker Ulrich Nersinger seinen schmalen, gut lesbaren Band zur Persönlichkeit dieses Papstes vorgelegt, der vielen, vor allem jüngeren – aber nicht nur diesen – Katholiken doch eher fremd geblieben ist. Auf ihn folgte im 1978 Johannes Paul I., dessen Amtszeit nur knapp einen Monat währte. Im gleichen Jahr wurde Johannes-Paul II. gewählt, dessen Pontifikat zum zweitlängsten der Kirchengeschichte wurde. Nicht nur quantatitiv unterschied sich der Pole auf dem Papstthron von seinen Vorgängern – wir wissen über seine Persönlichkeit, seine Denkweise, seine Aussagen und seine Spiritualität viel mehr – oder glauben, mehr zu wissen – weil er sich geschickt die Macht der Medien zunutze machte, seine Person zu „inszenieren“ verstand: Wojtyla hatte Bühnenerfahrung, und das merkte man ihm meistens an – dies als Anmerkung in positiver Hinsicht.
Bei Paul VI. war das anders. Sein Pontifikat wird allzu häufig reduziert auf die – je nach kirchenpolitischem Lager – ge- oder missglückte Liturgiereform, die unter seiner Ägide durchgesetzt wurde. Häufig wird dabei die Anekdote erzählt, wie Seine Heiligkeit nach vollzogener Liturgiereform seinen Privatsekretär nach Pfingsten verwundert fragte, wieso der ihm grüne Messgewänder bereit gelegt habe, man befände sich noch in der Pfingstoktav mit der eigentlich vorgeschriebenen liturgischen Farbe Rot – „Aber“, so der verunsicherte Mann, „Eure Heiligkeit haben doch höchstselbst die Pfingstoktav abgeschafft“. Auf diese Antwort hin, so wird kolportiert, soll der Papst in Tränen ausgebrochen sein.
Man wird es Ulrich Nersinger hoch anrechnen müssen, dass er es unternommen hat, den wahren Charakter dieses Pontifex, den eigenen Wert dieses häufig unterschätzten, auf die Reform verkürztes Pontifikats herausgearbeitet zu haben. Es war seine Absicht, einen Abschnitt der Kirchengeschichte, der in seiner Tiefe nicht mehr wirklich verstanden wird, auszuloten, um die kirchliche Gegenwart zu verstehen und die Zukunft im christlichen Glauben anzugehen.
Paul VI. war viel mehr, viel erhabener als derjenige, der über seine eigene Liturgiereform angeblich in Tränen ausbrach, derjenige wegen seiner Enzyklika Humanae Vitae, die erst heute allmählich verstanden wird, als „Pillen-Paule“ verächtlich gemacht wurde. Paul VI. war ein Mann von hoher Zivilcourage und großer Beherztheit. Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini, wie sein voller Name lautete, zeigte diese Tugenden selbst am Vorabend des Konklaves im Monat Juni des Jahres 1963. Er schreibt nämlich an den Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „The Tablet“ eine harsche Kritik an dem Bild Pius‘ XII., wie es Rolf Hochhuth in seinem „Stellvertreter“ dargestellt – oder vielmehr entstellt – hat. Der Brief trifft in der Redaktion eine Stunde nach der Wahl Montinis ein und wird am 29. Juni 1963 abgedruckt.
Von diesem engagierten und kraftvollen Brief, den Nersinger in Auszügen zitiert, ist eher selten die Rede, wenn es um Paul VI. geht. Er scheut sich auch nicht, massiv in das noch tagende, von ihm wieder einberufene Zweite Vatikanische Konzil einzugreifen, als es zur Bedeutung Mariens in der Kirche kommt. Am 22. November 1964 hat er sich durchgesetzt und erklärt Maria feierlich zur Mutter der Kirche.
Nersinger sucht nicht nur in Selbstzeugnissen und Konzilsdokumenten nach einer Beschreibung, die diesem Papst gerecht wird, sondern auch in Berichten von Zeitgenossen. Zuvorderst ist da auch Jean Guitton zu nennen, der französische katholische Philosoph, der im Jahre 1967 ein Gespräch mit Paul VI. in Buchform veröffentlichte.
Löwenmut, Beherztheit und grenzenloses Vertrauen sind sicherlich nicht die Attribute, die einem beim Gedanken an den Montini-Papst in den Sinn kommen. Doch tatsächlich ist es seiner – eigentlich umstrittenen – Geste zu verdanken, das Andreashaupt im Jahre 1964 nach Griechenland zurücksenden, als Zeichen der Versöhnungsbereitschaft und seines guten Willens. Tatsächlich gelang es unter seiner Ägide, was keinem Papst seit fast tausend Jahren gelungen war: Die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation zwischen West- und Ostkirche, die seit dem Jahre 1054 bestanden hatte, gelingt mit einer gemeinsamen Erklärung.
Die Jahre des Montini-Pontifikats sind geprägt von Vietnamkrieg und Terror; Paul VI. versucht zu vermitteln. Der 1. Januar, den wir jedes Jahr als Tag des Friedens feiern, geht auf seine Initiative zurück.
Es ist erstaunlich, wie viele Entdeckungen zur Persönlichkeit Paul VI., wie viel Wissenswertes Ulrich Nersinger in seinem kleinen Band zusammengetragen hat – und wie viel Interesse er selbst bei dem zu erwecken mag, der diesem Papst im Rückblick eher skeptisch gegenüber stehen mag. Wie immer reiht Nersinger nicht einfach trockene Quellen an- und hintereinander, sondern er ordnet sie mit leichter Hand zu einem gelungenen Spannungsbogen, der durch die Höhen und Tiefen eines Pontifikates in herausfordernder Zeit führt.
Wer sich mit der jüngeren Kirchengeschichte beschäftigt und die Gegenwart verstehen will, kommt um dieses empfehlenswerte Büchlein, das mit dem ebenso bewegenden wie beeindruckenden geistigen Testament Montinis schließt, nicht herum.
Ulrich Nersinger: Paul VI. – ein Papst im Zeichen des Widerspruchs.
Patrimonium-Verlag Mainz 2014
ISBN-13:978-3-86417-027-0
EUR 14,80
Dezember 3, 2014 No Comments
Besprechung meiner Premierenlesung in „Die Rheinpfalz“ vom 14. November 2014
>>Ausdrucksvoll und mit variierender Stimme las Wenz über 45 Minuten, ohne irgendeine Passage zu kommentieren. Gebannt lauschten ihr die Zuhörer. […] Es ist beeindruckend, wie Barbara Wenz das Zusammenspiel zwischen Historie und Gegenwart darstellt und wie man sich die Charaktere der Akteure plastisch vorstellen kann. Sie baut Spannung auf und lässt den Zuhörer im Ungewissen, warum der Reporter umgebracht wurde, was das mit dem Schleier zu tun hat.<<
November 14, 2014 No Comments
Mein „Farnese-Komplott“ als Buchtipp von Radio Vatikan
>>>>Die leicht und heiter gestaltete Heute-Ebene kontrastiert mit historischen Rückblenden zur Geschichte der Reliquie, des „Volto Santo“. Dieses hauchfein gewobene Tuch mit dem Antlitz des Erlösers wird auch in der Wirklichkeit in Manoppello aufbewahrt, wohin es auf abenteuerlichen Wegen von Maria Magdalena über Konstantinopel und Rom geraten sein soll. Barbara Wenz gelingt ein unangestrengt wirkender Krimi, der mit einem packenden Einstieg und einem flotten Showdown den Monte Mario hinunter aufwartet und sich gerade in der Mischung aus leichtem Ton und religiöser Aufladung gut lesen lässt.<< Ganze Besprechung hier auf den Seiten von Radio Vatikan vom 8. November 2014.<<
November 14, 2014 No Comments
Der Kollege Martin D. Wind an Katharina Reiche (CDU) zum Vorstoß in der Sterbehilfe-Debatte
>>Meine Meinung dazu:
Ich nehme an, liebe Frau Reiche, Sie sind davon überzeugt, etwas „Gutes“ zu tun. Ich nehme auch an, dass Sie zumindest erstaunt, wenn nicht gar verärgert darüber sind, dass es Menschen gibt, die sich Ihnen und Ihren Mitstreitern in den Weg stellen und Ihr vermeintlich „gutes Anliegen“ stoppen wollen.
Wissen Sie, es gab in der Geschichte der Menschheit schon immer solche Menschen, die etwas „gut gemeint“ haben. Und hier sehen Sie schon, wohin meine Argumente führen werden. Das Gegenteil von „gut gemacht“ ist „gut gemeint“. Und mehr kann ich Ihrer Idee auch nicht abgewinnen.
Aus gutem Grund hat die Natur beinahe allen Lebewesen eine natürliche Scheu vor dem Töten anderer Lebewesen mitgegeben. Selbst Tiere, die sich von anderen Tieren ernähren, müssen erst lernen, für ihr Futter zu töten. Bei uns Menschen ist sogar festzustellen, dass wir – wenn wir nicht irgendwelche krankhaften Störungen haben – unsere Tötungshemmung in der Regel nur dann überwinden können, wenn wir uns in extremsten physischen und psychischen Ausnahmezuständen befinden oder aber zumindest ein kulturelles Ritual um die Notwendigkeit des Tötens benötigen (Armee, Blutrache, Ehre). Sind diese Voraussetzungen nicht gegeben, so sind sich eigentlich beinahe alle Menschen kulturübergreifend einig, dass die Tötung eines Mitmenschen nicht geduldet wird oder gar zu sanktionieren ist, sei es strafrechtlich oder mit moralisch-gesellschaftlicher Ächtung.
Und ehrlich gesagt: Das ist auch gut so.
In der Szene der Tötungsbefürworter zum Lebensende wir viel von Menschenwürde, Humanität und Menschenrecht geredet. Und da wird dann oft – durchaus belegbar – behauptet, dass man den „Willen eines leidenden Menschen respektieren“ müsse. Es muss allerdings auch die Frage gestellt und ERHLICH beantwortet werden, wie dieser Wunsch und Wille zustande kommt.
Aus der Szene der Menschen, die Sterbenden auf ihrem letzten Weg beistehen, wird dazu oft Erstaunliches erzählt. Z. B., dass Menschen, die sterbenskrank in ein Hospiz kommen, mehrfach den Wunsch äußern, jetzt „endlich sterben zu dürfen, weil sie das so wollen“. Interessanterweise haben diese „hoffnungslosen Menschen“ es in der Regel nicht mehr gar so eilig mit der finalen Umsetzung ihres Wunsches wenn sie eine gut geführte Palliativbetreuung erhalten, bei guter und liebevoller Zuwendung und nachdem man ihnen sehr deutlich gezeigt hat, dass sie keineswegs eine „Belastung für ihre Umgebung“ darstellen. Diese Erfahrungen sind für die Niederlande und Belgien dokumentiert und auch in Deutschland (wenn mich nicht alles täuscht sogar statistisch untersucht) abrufbar.
Solche Erfahrungen und Berichte sollten Ihnen deutliche Hinweis auf Hintergründe des Sterbewunsches geben und Sie darüber nachdenken lassen, ob Sie sich nicht besser dafür einsetzen sollten, im Umfeld von Schmerz- und Sterbepatienten etwas zu ändern anstatt dem Objekt der Pflege mehr oder weniger nett verpackt mitzuteilen, dass es sich selbst und seine Umgebung doch bitte von seinem siechen Dasein befreien möge.
Ich habe in der eigenen Familie erlebt, wie meine hochbetagte Großmutter nach jahrelangem „abwesendem“ Siechtum und aufwändiger Pflege an ihrem letzten Weihnachten aus ihrer tiefen geistigen Nacht aufgestiegen ist und zu ihrer eigenen und unser aller Freude ihre alten Weihnachtslieder mit strahlenden Augen und brüchiger Stimme gesungen hat. SIe ist dann am folgenden Ostern verstorben. Dieser eine kleine Moment des Glücks in einer geborgenen Atmosphäre wäre uns und ihr nicht vergönnt gewesen, hätten wir als pflegende Angehörige entschieden, sie Jahre früher von ihrem „Leiden zu erlösen“. Sie können jetzt behaupten, das sei eine egoistische Sichtweise. Möglich. Aber ich habe meiner Großmutter in die strahlenden Augen gesehen und ich habe Abschied genommen von einer hinfälligen und „abwesenden“ Frau, die aber in diesem Moment wusste, dass sie, geborgen im Kreise wirklich wohlmeinender Menschen, in Ruhe eines natürlichen Todes sterben darf.
Das ist nur ein erster Denkanstoß. Es ist ein relativ oberflächlicher Einstieg mit nur einem Argument und einer Linienführung. Ich hoffe, er setzt bei Ihnen einen Denkprozess in Gang, der Sie zu einer wirklich am Menschen und an der Menschenwürde orientierten Einstellung zu einer wahrhaftig „humanen“ Sterbebegleitung führen wird.
Das wünsche ich Ihnen von Herzen.<<
Oktober 30, 2014 No Comments