Journalistin und Autorin

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Category — Veröffentlichungen

Neue Arbeiten von mir

Am 6. August 20 erschien in „Die Tagespost“ ein Artikel von mir über die Vorgänge auf dem Berg Athos. Einige ultraorthodoxe Mönche unter Führung ihres Abtes Methodios leisten erbitterten Widerstand gegen die vom griechischen Staat angeordnete Räumung ihres Klosters und ihr Feindbild ist dabei Patriarch Bartholomeos, der gemeinsam mit dem römisch-katholischen Papst bete und überhaupt ein Häretiker sei. Darum „Orthodoxie oder Tod!“

Ebenfalls im Monat August wurde die wiederaufgerichtete Mariensäule auf dem Prager Altstädter Ring von Kardinal Dominik Duka geweiht, auch darüber gab es einen kurzen Bericht von mir.

Ansonsten blieb ich nicht untätig und bereite – mit Gottes Hilfe – ein neues Buchprojekt vor, für das ein kleiner, aber wichtiger Verlag bereits Interesse angemeldet hat.

Im Oktoberheft des Vatican-Magazins wird dann auch, nach meiner unmassgeblichen „Abrechnung“ mit dem Pazifismus Leo Tolstois :-), wieder ein Heiligtum der besonderen Art vorgestellt – und weil wir alle Fernweh haben, wird es eine wunderschöne Kirche mit einem wundertätigen Kruzifix in Italien sein.

September 1, 2020   No Comments

Buchbesprechung für Cicero – Juri Buida: Nulluhrzug

Im Juni-Heft des Cicero findet sich eine Buchbesprechung von mir, die aus Platzgründen leider stark gekürzt werden musste. Ich veröffentliche sie hier nach Rücksprache in voller Länge, weil mir die russische Literatur als studierte Slawistin sehr am Herzen liegt und ich Juri Buida für einen der aktuell besten russischen Schriftsteller halte. Leider tun sich deutsche Verlage mit zeitgenössischer russischer Literatur eher schwer – und ich habe vor einigen Jahren ein Interview mit einer der besten Übersetzerinnen aus dem Russischen ins Deutsche gelesen, die ich kenne, die sich aber leider aus lauter politischer Korrektheit zum Beispiel weigert, einen Mann wie Zakhar Prilepin zu übersetzen. Wenigstens liegt eines seiner Bücher mittlerweile auf Deutsch vor, zu bedanken haben wir uns dafür bei Matthes und Seitz und dem Übersetzer Erich Klein – und ich kann das Buch „Sankya“ nur dringend empfehlen.
Nun aber zu Buidas Nulluhrzug:

>>Man müsste sich Solschenizyns Helden aus seiner Gulag-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ als einen glücklichen Mann vorstellen, wenn man ihn mit Iwan Ardabjew, dem Helden oder vielmehr Antihelden aus Juri Buidas Roman „Nulluhrzug“ vergleichen wollte.
Ardabjews Welt besteht aus Gleisen, Schwellen, Ausweichstellen, Kohlebunkern, Eisenbahnbrücken, Schlossereien und Werkstätten sowie ein paar Baracken, in denen die Menschen, die an dieser Bahnstrecke angesiedelt worden sind, mehr hausen als leben können. Der einzige Zweck des Daseins dieser Station Nummer Neun und ihrer Siedler – das sind neben Ardabjew noch sein Wahlbruder Wassili mit dessen Frau Gussja und ein jüdisches Ehepaar, die schöne Fira und ihr Mann Mischa – , besteht darin, täglich oder besser mitternächtlich das reibungslose Durchfahren des Nulluhrzuges zu gewährleisten, der aus hundert Waggons mit verplombten Türen und vier Lokomotiven besteht, und von dem keiner weiß, was er eigentlich transportiert: Holz,Werkzeug oder gar Menschen; und wenn Menschen, dann wohin, in welche Lager, von denen Station Neun nur eine Außenstation ist. Und so warten sie, diese Handvoll Existenzen, jeden Tag aufs Neue auf den „Nuller“: „So wartet man auf Gott oder den Teufel … aber nicht auf einen Zug“ wirft Gussja Ardabjew einmal vor und bezeichnet damit die schiere Leerheit seiner Existenz in deprimierender Umgebung, bei scheußlichem Essen wie Büchsenfleisch, Kartoffeln, Kohl – und der Autor erzählt dies stringent auf die alles vernichtende Katastrophe hin zu Ende.

Ardabjews Charakter bleibt merkwürdig unkonturiert, wir erfahren, dass er der Sohn eines Volksfeindes ist und sein Vater die Mutter vor den Augen des Zehnjährigen erschoss. Dass er eine große Vorliebe fürs Dominospielen hat, weshalb sein Spitzname Don Domino lautet, und ein Buch von Dumas besitzt, dessen Titel der Autor des Nulluhrzuges unerwähnt lässt. Ardabjew ist weiterhin ein geradezu besessener Liebhaber, der es bereits mit allen Streckenhuren getrieben hat, und zwar so wild und ausdauernd, dass eine der Frauen ihre Brandwunde am nächsten Morgen mit Soda und Ei kühlen muss. Neben dieser heftigen erotischen Leidenschaft und einem außergewöhnlichen Stehvermögen besitzt Ardabjew aber einen besonderen, einen surreal-poetischen Blick auf weibliche Schönheit. Auf Fira, die schöne verheiratete Jüdin, die einzige, die er nicht besitzen kann. Sie hatte er einmal dabei beobachtet, wie sie sich in einer Waschschüssel wusch und dabei wundervolle Dinge gesehen: Die ganze prachtvolle Frau wurde vor seinen Augen – durchsichtig! Er konnte ihr „vogelgleich flatterndes Herz“, ihre „dunstig-massive Leber“, die durchsichtige silberne Glocke“ der Harnblase, hellblaue Knochen, „schwimmend im rosa Gelee“ ihres Leibes erkennen. Der Anblick ist so atemberaubend, dass er davonstürzt, vor dieser phantasmagorischen Schönheit der Frau flieht, er weglaufen muss. Zulaufen dagegen wird ihm im Wortsinne die Streunerin Aljona, die davon überzeugt ist, Menschen im „Nuller“ spüren zu können und sich wie eine Besessene um Mitternacht auf die Gleise legt, den Zug über sich hinweg donnern lässt, bis sie dabei grauenvoll zu Tode kommt.
Danach geschehen nur noch außerplanmäßige Dinge: Es kommen eines Nachts nacheinander zwei, drei, vier Nulluhrzüge. Ein andermal hält der Nuller an, anstatt wie immer durchzufahren. Als Ardabjew an die achte Station telegrafiert, erhält er die kryptische Antwort, dass es keine neunte Station und auch gar keinen Zug gebe …

Kafka soll beim Verlesen seiner verstörenden Geschichten häufig gelacht haben; Gorki bescheinigte Andrei Platonow einst, eine seiner Erzählungen grenze an einen finsteren Albtraum. Es gibt große Anklänge an diese beiden Autoren, vielleicht knüpft Juri Buida, im Jahr 1954 – ein Jahr nach Stalins Tod – im Kaliningrader Gebiet geboren, im „Nulluhrzug“ an deren literarische Tradition an. Im Grunde aber erzählt er in einem ganz eigenständigen Tonfall, der von Ganna-Maria Braungardt wie immer gekonnt ins Deutsche übersetzt wurde. Der „Nulluhrzug“ wurde unter dem Titel „Don Domino“ 1993 zuerst in der Moskauer Zeitschrift „Oktjabr“ veröffentlicht und ein Jahr später für den Russischen Booker Prize nominiert.

Juri Buida: Nulluhrzug
Gebunden mit Schutzumschlag, 142 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03785-7

Juli 5, 2020   No Comments

Zum Tag des heiligen Philip Neri – ein Artikel von mir aus PUR zum Jahr der Orden 2015

Er war Goethes Lieblingsheiliger und als Spaßvogel Gottes bekannt – Philipp Neri, geboren am 21. Juli 1515 in Florenz als Sohn eines Notars. Die Kirche feiert in diesem Jahr seinen 500. Geburtstag. Zahllose Anekdoten ranken sich um den humorvollen, äußerst beliebten „Heiligen der Freude“ und „Apostel Roms“, wie er noch genannt wird. Dorthin hatte es ihn im Alter von 18 Jahren zum Studium der Theologie und Philosophie gezogen. Vier Jahre später nimmt er sein apostolisches Wirken auf, er besucht Kranke und wird Mitglied der Bruderschaft „Gefährten der göttlichen Liebe“. Beim innigen Gebet in den Katakomben von San Sebastiano macht er eine umwälzende mystische Erfahrung: Der Geist Gottes senkt sich wie ein Feuerball herab und dringt in sein Herz ein, weitet seine Brust, lässt ihn fortan für den Heiligen Geist glühen. Tatsächlich fand man bei der Obduktion nach seinem Tod ein ungewöhnlich vergrößertes Herz in einem erweiterten Brustraum vor. Seine karitativen Tätigkeiten kommen vor allem Kranken und Rompilgern zu Gute, die zu dieser Zeit oftmals mittellos, krank und siech in den Hospitälern lagen. Eigentlich zieht es Philipp, wie so viele missionarisch begabte Männer dieser Zeit, nach Indien. Doch sein Beichtvater erklärt ihm frank und frei: „Dein Indien ist Rom“ und legt ihm nahe, sich zum Priester weihen zu lassen.
Bald fanden sich interessierte Laien, Beichtkinder und Messbesucher zu regelmäßigen Gebetstreffen auf seinem Zimmer zusammen – das erste Oratorium entsteht.
„Orare“ ist das lateinische Wort für beten, der Ort an dem gebetet wird, ist also das Oratorium. Doch nicht nur das gemeinschaftliche Beten, auch die gemeinsame Lektüre von geistlichen Schriften und den Austausch darüber steht im Mittelpunkt, denn das Buch, so Neri, sei der Weg des Heiligen Geistes. Neben den Heiligenviten, der Franziskus-Legende, die Gesänge des Jacopone da Todi wurden auch Katharina von Siena und Johannes Cassian gelesen und gemeinsam besprochen. Weiterhin gab es Vorträge zur Kirchengeschichte, natürlich Predigten und musikalische Beiträge von höchster Güte, die sich zu einer eigenen musikalischen Gattungsform herausbildeten, dem „Oratorio“. Schließlich fördert die Gemeinschaft auch das vierzigstündige Gebet sowie Tageswallfahrten zu den sieben Hauptkirchen Roms. Offizielle kirchliche Anerkennung erhält das Oratorium am 15. Juli 1575 durch Papst Gregor XIII., der durch eine Bulle die Kongregation des Oratoriums an der Kirche Santa Maria in Valicella errichtet.
Obwohl Neri gar nicht die Absicht hatte, eine Art Ordensgemeinschaft zu gründen oder gar Regeln zu verfassen, breiteten sich Idee und Lebensform des Oratoriums geführt vom Heiligen Geist immer weiter aus. Als Neri an Fronleichnam des Jahres 1595 stirbt, leben Laienbrüder, Kleriker und Priester in bereits weiteren sechs italienischen Städten nach dem Vorbild der römischen Gemeinschaft, das heißt, sie richten sich nach den evangelischen Räten, allerdings ohne Gelübde und weniger als ein Orden mit festen Regeln, sondern als eine Kongregation. Dabei ist jedes Haus eigenständig, der Obere, oder besser Hausvater, wird auf drei Jahre gewählt und „Präpositus“ genannt, diesem stehen vier Deputierte bei der Leitung der Gemeinschaft zur Seite.
Einzig gestützt auf die karge schriftliche Hinterlassenschaft des heiligen Philipp Neri – ein paar Briefe, wenige kurze Gebet und Notate zu geistlichen Maximen, leben die Oratorianer, zumeist Weltpriester, im Streben nach der Vervollkommung, wie es der Heilige lehrte: „Wichtig ist, dass wir heilig werden.“ Um dieses Ziel zu erreichen stützt man sich fest auf das Fundament des so genannten oratorianischen „Vierecks“, dessen Eckpfeiler die Demut, die Liebe, das Gebet und die Freude sind, welche die Mitte, die Vollkommenheit umschließen.
Der Heilige empfahl seinen Mitbrüdern Selbstkontrolle, Wohltätigkeit, vernünftige Askese und insbesondere beständigen Frohsinn. So schrieb er einmal an seine Nichte, eine Dominikanerin: „Freut Euch am gemeinsamen Leben, flieht jede Eigenartigkeit, erstrebt die Reinheit des Herzens, denn der Heilige Geist wohnt in denen, die rein und einfach sind, und er ist der Meister des Gebetes; er lässt uns in beständigem Frieden und beständiger Heiterkeit sein, die ein Vorgeschmack des Paradieses sind.“

Der wohl bekannteste Oratorianer ist sicherlich Kardinal John Henry Newman, der 1845 konvertierte und kurz danach das erste Oratorium in England, zunächst in Birmingham, später auch in London einführte. Newman wurde 2010 von Papst Benedikt XVI. selig gesprochen.
Das erste Oratorium in Deutschland begründete, vergleichsweise früh, Johannes Georg Seidenbusch im Jahre 1692 in Aufhausen bei Regensburg, dort etablierte sich gleichzeitig eine hoch frequentierte Wallfahrt.

Das Oratorium wird heute als Gesellschaft apostolischen Lebens päpstlichen Rechts behandelt und konnte die Anzahl seiner Häuser seit 1934 bis heute fast verdoppeln. 2011 waren das 84 Häuser mit über 420 Priestern, fast 150 Diakonen, sowie Priesteramtskandidaten und Laienbrüdern. Oratorianer finden sich mittlerweile auf fast allen Kontinenten. Sie alle bemühen sich, dem heiligen Philipp Neri nachzufolgen, dessen vielleicht wichtigste spirtuelle Maxime lautet: „Der wahre Weg in den heiligen Tugenden Fortschritte zu machen, ist die Ausdauer im heiligen Frohsinn.“

Mai 26, 2020   No Comments

Neue Arbeiten von mir

Vergangene Woche erschien aktuell in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ ein Stück von mir über die Initiative „Beten für Bischöfe“, die derzeit immer weitere Kreise zieht.

Im Vatican-Magazin Ausgabe Juni/Juli 2020 habe ich über das geistliche Paar David und Abigajil in der gleichnamigen Rubrik geschrieben. Außerdem wird ein Essay von mir kommen über Leo Graf Tolstoi und eine ganze Schule von Religionsphilosophen, die sich ihm entgegenstellten – allen voran der auch im Westen durch seine „Kurze Erzählung vom Antichristen“ gut bekannte Philosoph und Dichter Wladimir Solowjow [Solov’ev].
Update: Der Essay zu Tolstois Gegnern wird nun erst im Heft August-September 20 erscheinen.

Mai 23, 2020   No Comments

13. Mai – Gedenktag Unserer lieben Frau von Fatima

Im Jahre 2017 jährte sich die Erscheinung der Muttergottes in Fatima zum 100.Mal. Zu diesem Anlass schickte mich damals „Cicero – das politische Magazin aus Berlin“ für eine Reportage vor Ort. Sie erschien im Maiheft des Jahres.

Heute ist wieder Fatimatag im Jahre des Herrn 2020 und ich möchte gerne auf einen Livestream mit einer virtuellen Pilgertour in Fatima hinweisen. Er beginnt um 21 Uhr und wird auf der Facebookseite „Fatima the Movie“ zu sehen sein.

© Barbara Wenz: Fatima 17.3.2017

Mai 13, 2020   4 Comments

Poeten, Priester und Propheten – Die Tagespost Literaturserie Band 2

Wir haben wieder geschrieben – ein Kranz von Tagespost-Autoren, die unregelmäßig im Feuilleton über christliche Schriftsteller veröffentlichen, bekannte wie unbekannte, französische wie russische, italienische wie tschechische, deutsche, englische, skandinavische Schriftsteller, die uns allen etwas zu sagen haben. Und Stefan Meetschen, Alexander Pschera und Alexander Riebel haben wieder, jetzt schon zum zweiten Mal, unsere Beiträge neu sortiert und herausgegeben, damit wieder ein schöner Sammelband entsteht.

Ich bin mit einem Artikel über Nikolai Gogol, über Dostojewski und über meinen besonderen Liebling Alexander Solschenizyn („Ein zärtlicher Titan“) vertreten.

Auch wer regelmäßig die Tagepost liest, wird dankbar sein, diese Beiträge über christliche Literaten wieder in einem Band zusammengefasst zu finden.

Erschienen im fe-Medienverlag Kißlegg
ISBN 978-3-86357-253-2

März 23, 2020   No Comments

Vatican-Magazin Ausgabe November 2019

Mit dem dringend nötigen Titelthema „Das Heil kommt von den Juden. Und nicht aus dem Regenwald“.

Einen Einblick in das aktuelle Heft gibt es hier. Das starke Editorial von Guido Horst ist kostenlos einsehbar, wie einige andere ausgewählte Beiträge auch.
In meiner Rubrik „Geistliche Paare“ habe ich Claude de la Colombière und Margareta Maria Alacoque vorgestellt.

November 7, 2019   No Comments

Zum 155. Geburtstag der heiligen Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna

gebürtige Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt und Konvertitin zum russisch-orthodoxen Glauben mein Artikel aus der Serie „Geistliche Paare“ über sie und ihren Mann Sergej, der Onkel des letzten Zaren für das Vatican-Magazin Ausgabe Mai 2017:

Sie war die schönste Frau ihrer Zeit in Europa – neben Kaiserin Elisabeth von Österreich – die deutsche Prinzessin Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt und Rhein. Und sie sollte als getaufte Lutheranerin und Konvertitin, Schwester der letzten Zarin, für die russisch-orthodoxe Kirche zu Jelisaweta Fjodorowna und, brutal ermordet von den Bolschewiken, zur heiligen Neumärtyterin werden.

Als eines von sieben Kindern am 1. November 1864 geboren und lutheranisch getauft auf den Namen ihrer heiligen Vorfahrin, Elisabeth von Thüringen, wuchs sie in einer liebevollen, doch nicht abgehobenen Umgebung auf. Ihr Vater Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt ist der künftige Großherzog, ihre Mutter, Prinzessin Alice, die Tochter der englischen Königin Viktoria. Nach dem Vorbild ihrer heiligen Ahnin wurde sie angehalten, an Samstagen den Kranken in den Hospitälern Blumen zu bringen und stets nach den Armen,Waisen und Kriegsinvaliden zu schauen. Die älteren Kinder, also auch sie, hatten eigene Verpflichtungen im großherzoglichen Haushalt; sie mussten ihre Betten selbst machen, die Öfen besorgen, ihre Zimmer aufräumen und reinigen. Gleichzeitig legte Prinzessin Alice viel Wert auf die Pflege der schönen Künste, ihre Kinder sangen und musizierten –
von Ella, wie man Elisabeth in der Familie rief, wird berichtet, dass sie gut zeichnen konnte. Es hätte eine glückliche Kindheit und Jugend sein können, wenn nicht zuerst das dreijährige Brüderchen so unglücklich aus dem Fenster stürzte, dass es starb und schließlich im Winter des Jahres 1878 ein jüngeres Schwesterchen und die Mutter, Prinzessin Alice, der Diphtherie erlagen. Tapfer tröstete die Halbwaise nun ihre Großmutter, Königin Viktoria, die ihre weitere Erziehung übernahm.
Einige Frauen aus ihrem Hause waren bereits durch Heirat eng mit der Romanov-Dynastie verbunden wie etwa Maria Alexandrowna, die Gattin Zar Alexanders II. Dadurch kam es auch immer wieder zu verwandtschaftlichen Besuchen der Zarin, des Zarewitsch und seiner Geschwister, unter ihnen ein liebenswürdiger, stiller und sehr gläubiger junger Mann namens Sergej.
Gleichzeitig warb ein gewisser Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm II., beharrlich um Ella, den diese allerdings als von eher rüpelhaftem Benehmen empfand – ganz anders als ihre große Liebe, Sergej Alexandrowitsch, ein schüchterner und zurückhaltender junger Mann von feiner Wesensart, den sie dann 1884 heiratete.

Inzwischen war Alexander II. einem Mordanschlag zum Opfer gefallen, und Alexander III. hatte den Thron bestiegen. Elisabeth war nun die Schwägerin des Zaren, und sie interessierte sich brennend für Russland, seine Sprache – und seinen Glauben. Gleichzeitig beeindruckte sie nicht nur die Gesellschaft am Zarenhof, wie den französischen Botschafter in St. Petersburg, Maurice Paléologue, sondern auch das einfache Volk. Der Franzose skizziert ihre Persönlichkeit in seinen Aufzeichnungen wie folgt: “Groß, schlank, mit hellen, unschuldsvollen tiefen Augen, zärtlichem Mund, weichen Zügen, einer geraden und feinen Nase, reinen, ebenmäßigen Linien, ist sie im Gang und in den Bewegungen von bezauberndem Rhythmus. Ihr Gespräch verrät einen schönen Geist, natürlich und ernst veranlagt.“ Ihrerseits ist Elisabeth vom tiefen und ernsten Glauben des Volkes ergriffen, ebenso wie von der äußerst frommen Zarenfamilie; sie ist fasziniert von Liturgie und Ritus der russisch-orthodoxen Kirche, dem sie zumeist nur unbeholfen folgen kann, wenn sie Sergej zum Gottesdienst begleitet. Sie weiß nicht, wie sie sich richtig verhalten soll, wenn er sich vor den Ikonen tief verbeugt und sie küsst – für eine Lutheranerin ein fremdartiger Brauch – also beschließt sie als Kompromiss vor dem heiligen Bild einen tiefen Knicks zu machen. Sergej betrachtete diese Hinwendung seiner Frau zur Orthodoxie mit zurückhaltendem Interesse – Elisabeth hat mehrmals heftig betont, er habe sie niemals zur Konversion überredet.
Der christliche Glaube verbindet die Liebenden tief und erhält einen entscheidenden Impuls, als der Zarenbruder Sergej mit Elisabeth gemeinsam eine Wallfahrt ins Heilige Land unternimmt, um dort an der Weihe der russischen Kirche „Heilige Maria Magdalena“ im Garten Gethsemane teilzunehmen. Als sie die Schönheit des Ortes sah, an dem der Herr so sehr gebetet, gewacht und gelitten hat, äußerte sie spontan, dass sie hier einmal gerne begraben sein wolle. Der Herr sollte diesen Wunsch auf besondere Weise erhören. Zunächst aber bereitet sie nach ihrer Rückkehr den Eintritt in die orthodoxe Kirche vor, schreibt Briefe an ihre Verwandten, fleht beinahe um Verständnis, vor allem bei ihrem Vater – der ihr dieses Verständnis aber versagt.
Wie ernst es ihr mit diesem Schritt ist, zeigt ein Zitat aus einem Brief an ihren Bruder: „Ich tue es mit so brennendem Glauben, da ich fühle, dass ich eine bessere Christin werden kann und einen Schritt auf Gott hintue. Ich tue dies aus der Überzeugung, dass es die höchste Religion ist.“
Am Vorabend zum Lazarussonntag des Jahres 1891 wurde sie in die orthodoxe Kirche aufgenommen, war Jelisaweta Fjodorowna geworden – es entsprach einem damaligen Brauch, dieses Patronymikon zu verwenden, wenn es den Namen des Vaters der betreffenden Frau im Russischen nicht gab – wie es bei Elisabeths Vater Ludwig der Fall war. Fjodorowna – das sollte bedeuten: „die Gabe Gottes“.
Im gleichen Jahr ernennt Alexander III. seinen Bruder Sergej, der während des russisch-türkischen Krieges zum Generalmajor befördert, dann den Oberbefehl über die Leibgarde des Zaren erhielt, zum Generalgouverneur von Moskau – ein neuer Lebensabschnitt für das junge Paar beginnt. Einander im Glauben ermutigend, weigern sie sich sogar, getrennt voneinander zu verreisen, möchte einer ohne den anderen nicht sein.
Als christliche Ehefrau strebt Jelisaweta vor allem nach den Tugenden der Vollkommenheit und Vergebung, sie schreibt: „Eine ganz vollkommene Frau zu sein – dies ist nicht einfach, denn man muss lernen, alles zu verzeihen.“ Gleichzeitig erhält sie in Moskau ausgiebig Gelegenheit, um ihren karitativen Tätigkeiten nachzugehen, die sie auch vor dem verrufensten Stadtviertel mit dem größten Elend, der höchsten Kriminalitätsrate und Kindersterblichkeit nicht Halt machen lassen – sehr zum Kummer der Polizeibeamten, die sie eigentlich schützen sollen und denen sie entgegnet, dass sie nichts zu fürchten habe, da sie unter dem Schutz des Allerhöchsten stehe, dessen Wille geschehe.
Als im Februar 1904 nach dem Angriff der Japaner auf Port Arthur der russisch-japanische Krieg ausbricht, sorgt sie sich nicht nur um das Wohl der verletzten Heimkehrer, sondern lässt ganze Feldkapellen, komplett mit Ikonostasen und allem, was für einen würdigen Gottesdienst nötig ist, an die Frontlinien schicken, den einzelnen Soldaten auch Geschenke wie kleine Ikonen und Gebetbücher für den Gebrauch im Feld. Mittlerweile residiert der ehemalige Zarewitsch, jetzt Nikolaus II. im Winterpalast, zusammen mit der jüngsten Schwester Elisabeths, Zarin Alexandra Fjodorowna. Den beiden Unglücklichen werden nur noch wenige Jahre vergönnt – Sergej und seiner Frau noch weniger Zeit bemessen sein: Am 17. Februar 1905 wirft der Sozialrevolutionär Iwan Kaljajew eine Bombe in die offene Kutsche des Gouverneurs von Moskau. Jelisaweta selbst ist kurz nach dem Anschlag vor Ort, um die blutigen Fleischstücke ihres Liebsten einzusammeln und seinen zerstörten Körper zunächst in die Kirche zu bringen – die Menschen erzählen sich, Sergejs Herz habe man auf einem der umliegenden Dächer gefunden.
Jelisaweta begegnet diesem unermesslichen Schmerz, dieser fundamentalen Erschütterung mit kämpferischem, christlichen Geist, wacht ganze Nächte betend und besucht den Attentäter im Gefängnis, um ihm ihre Vergebung zuzusichern und ihn zur Reue zu bewegen, damit er seine Seele retten könne. Sie lässt ihm die Heilige Schrift und eine kleine Ikone in der Zelle, doch Kaljajew bleibt verstockt.
Aus den ersten Schritten in die christliche Vergebung erwächst in Sergejs Witwe, die in den Jahren danach anfängt, das Herzensgebet immer inniger zu pflegen, der feste Wille, sich nun vollkommen in die Nachfolge Christi zu stellen. Durch den Verkauf ihres privaten Besitzes, vor allem auch ihrer Juwelen, wollte sie eine Klostergründung finanzieren, den „Martha und Maria Konvent der Barmherzigkeit“ in Moskau, das fast vier Jahre nach dem Attentat seine Pforten für sechs Schwestern öffnete – Jelisaweta hatte nämlich beobachtet, dass es in der monastischen Kultur Russlands an einer Gemeinschaft fehlte, die sowohl Gebet und liturgische Feiern mit tätiger Arbeit, vor allem karitativer Arbeit verband. So gehörte auch ein Hospital mit 22 Betten, eine Armenküche, eine Apotheke und ein Hospiz zu dieser Gründung. Im Martha- und Maria-Kloster leben bereits 12 Monate später schon 30 Schwestern und im Jahre 1913 werden 10.914 Patienten betreut und 139.443 kostenlose Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben. Der Glaubensweg, den Jelisaweta gemeinsam mit Sergej begonnen, der ihre Konversion damals mit Tränen in den Augen gesegnet hatte, und den sie nun alleine weitergehen musste, gestützt auf eine treue Gemeinschaft von Ordensschwestern, denen sie als Äbtissin vorstand, trug also reiche Frucht.
Doch mit der Kriegserklärung der Deutschen im August 1914 kam eine weitere, schicksalhafte Wende im Leben der Jelisaweta Fjodorowna. Ganz Russland wurde in diesem Sommer von einem hochexplosiven Gemisch aus patriotischen Gefühlen und aufgewühlter Deutschenfeindlichkeit ergriffen – es waren die Tage, in denen man Sankt Petersburgs Name „entgermanisierte“ – die Stadt hieß nun Petrograd. Zarin Alexandra Fjodorowna, die Schwester Elisabeths, die sehr zum Missfallen ihrer Schwester fast völlig unter dem Einfluss des sibirischen Wandermönchs Rasputin stand, wurde von manchen Politikern als deutsche Spionin betrachtet.
Der Zar wird im März 1917 abdanken, die provisorische Regierung fällt im Oktober (alter Kalender) bzw. November des selben Jahres und die Bolschewisten ergreifen die Macht. Die Zarenfamilie und ihre Verwandten werden deren blutiges Regime nur etwas mehr als ein halbes Jahr überleben. Nikolaus, Alexandra und ihre Kinder werden in Jekaterinburg erschossen, fast zur gleichen Zeit stößt man die Schwester der Zarin mit einigen anderen Adligen und einer Nonne in einen aufgelassenen Schacht im benachbarten Alapajewsk 30 Meter in die Tiefe. Möglicherweise konnten herausragende Balken noch ihren Aufprall abmildern, der Augenzeugenbericht eines der Täter beschreibt noch, dass man das Planschen von Menschen in Wasser hörte. Also warf man noch eine Granate hinterher, um das Werk zu vollenden. Die Antwort von unten war göttlicher Lobpreis und frommer Gesang. Dies erzürnte die Mörder vollauf und so sammelten sie Zweige und Kleinholz, brannten es an und warfen es hinunter, bis der Gesang endlich verstummte.
Angehörige der „Weißen“ bargen die Leichname und überführten sie zunächst nach China, dann nach Palästina. Elisaweta und ihre Leidensgenossin Barbara wurden in der Kirche der heiligen Maria Magdalena beigesetzt – der Herr hat seiner treuen Dienerin diesen einen Wunsch erfüllt.
Im Jahre 1981 wurden sie von der russischen Kirche im Ausland kanonisiert und werden seither als heilige Neumärtyrerinnen der russischen Orthodoxie verehrt.

November 1, 2019   No Comments

Frei im Herzen – mein Essay über den russischen Religionsphilosophen Nikolai Berdjajew

Oktober 30, 2019   No Comments

Gastautorin auf der Internetseite „Hans Urs von Balthasar kennen lernen“

Mein Artikel über Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Rahmen meiner Serie „Geistliche Paare“ für das Vatican-Magazin in print erschienen ist und der auch hier auf diesem Blog von mir eingestellt wurde, ist nun in einer gekürzten Version auch auf der liebevoll aufgemachten und äußerst informativen Seite über diesen Ausnahmetheologen erschienen:

Hans Urs von Balthasar kennen lernen – Theologie, die staunt – Theologie, die lebt – Theologie, die kniet

Ich kann allen Interessierten einen Besuch dort ans Herz legen.

März 20, 2019   No Comments