Journalistin und Autorin

Random header image... Refresh for more!

Category — Orthodoxe Kirchen

Das Herzensgebet

„Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme Dich mir Sünder“ – so lautet der Text einer uralten Gebetsformel, zu russisch „Jesusgebet“ genannt“, im Deutschen eher geläufig als „Herzensgebet“. Es wird an einer Gebetsschnur gebetet und ist der „Rosenkranz“ der orthodoxen Kirche. Es mag einem Mönch oder einer Nonne aufgetragen sein, täglich 1000 Mal diese Gebetsformel zu wiederholen. In der deutschen Sprache ziehe ich die Bitte „Mein Jesus Barmherzigkeit!“ eigentlich vor, da es mir nicht so umständlich erscheint. Aber das ist alles Ansichtssache.
Da ich gerade eine Walaam-Phase habe, habe ich natürlich auf Youtube auch das Jesusgebet vertont gefunden, das EINTAUSENDMAL gesungen wiederholt wird. Es gehen mir leider langsam die Worte aus, um das zu beschreiben, was passiert, wenn man sich das – ob konzentriert oder nebenher – in ganzer Länge anhört.

September 30, 2020   1 Comment

Mickey Rourke, der heilige Nektarios und ein Marienhymnus

In meinem nächsten Beitrag für „Die Tagespost“ bringe ich Mickey Rourke und den heiligen Nektarios zusammen, einen sehr beliebten orthodoxen Heiligen des 20. Jahrhunderts, der auch Autor eines Marienhymnus ist, welcher in der orthodoxen Kirche circa den Stellenwert der Lauretanischen Litanei bei uns einnimmt. Das „Agni Parthene“ – und ich war dabei – erklang tatsächlich auch einmal vor der Schwarzen Madonna von Loreto. Ich erinnere mich noch, es war eine Pilgergruppe von Russinnen mit ihrem Priester, sie standen versammelt im Heiligen Haus (das eher ein Heiliges Häuschen ist) und sangen glockenklar und überirdisch diese Hymne. Ich habe sie unten eingefügt, gesungen von Männerstimmen, aber trotzdem mit Gänsehautgarantie.

O reine Jungfrau, Herrscherin
Gebärerin Gott Sohnes
Freue dich, unvermählte Braut
O Jungfrau, Mutter, Königin
und Zierde seines Thrones

(Über das Männerkloster Walaam gibt es übrigens eine hervorragende ARTE-Doku, ebenfalls auf You Tube).

September 27, 2020   No Comments

Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche hat eine Erklärung zur Hagia Sophia

verfasst. Die Erklärung trägt das Datum vom 16./17. Juli. Übrigens das Datum der Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewisten (im Jahre 1918)

>>Die Heilige Synode der Russisch en Orthodoxen Kirche bedauert zutiefst die Entscheidung der türkischen Behörden, die Sophienkirche ihres Museumsstatus zu berauben und sie der muslimischen Gemeinschaft zu übergeben.
Diese Entscheidung wurde getroffen, ohne die Petitionen und die ausdrückliche Position der Vorsteher und Hierarchen der orthodoxen Ortskirchen, der Vertreter ausländischer Staaten, zahlreicher internationaler Öffentlichkeits- und Menschenrechtsorganisationen, Geistlicher verschiedener Konfessionen und religiöser Traditionen zu berücksichtigen. Sie verletzt die religiösen Gefühle von Millionen von Christen auf der ganzen Welt, was dazu führen kann, dass das interreligiöse Gleichgewicht und das Verständnis zwischen Christen und Muslimen nicht nur in der Türkei selbst, sondern auch anderswo gestört wird.
In einer Zeit, in der das Christentum an vielen Orten auf der Welt eine verfolgte Religion ist, in der der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten anhält, ist diese Entscheidung der türkischen Behörden besonders schmerzhaft. Das Gotteshaus der Heiligen Sophia wurde zu Ehren Christi, des Erlösers, erbaut und ist in den Köpfen von Millionen von Christen nach wie vor ein Gotteshaus. Für die orthodoxe Kirche hat dieses eine besondere historische und spirituelle Bedeutung.
Wenn wir uns an die brüderlichen Ortskirchen wenden, stellen wir mit besonderer Trauer fest, dass ein so freudloses Ereignis für die Heilige Orthodoxe Kirche heute die orthodoxe Welt ohne echten Zusammenhalt trifft, was eine direkte Folge der antikanonischen Legalisierung des Schismas in der Ukraine war und unsere Fähigkeit schwächte, neuen spirituellen Bedrohungen und zivilisatorischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Jetzt, im Zeitalter wachsender Christianophobie und zunehmenden Drucks der säkularen Gesellschaft auf die Kirche, ist Einheit noch mehr als zuvor erforderlich. Wir rufen die brüderlichen Ortskirchen auf, im Geist des Friedens und der Liebe zu Christus gemeinsam einen Weg aus der Krise zu suchen.
Wir hoffen, dass die türkischen Behörden die notwendigen Anstrengungen unternehmen werden, um die auf wundersame Weise überlebenden unschätzbaren christlichen Mosaiken zu erhalten und christlichen Pilgern den Zugang zu ihnen zu ermöglichen.
In der Hoffnung auf die weitere Bewahrung und Stärkung des gegenseitigen Respekts und Verständnisses zwischen Gläubigen verschiedener Weltreligionen appellieren wir an die Weltgemeinschaft, alle erdenkliche Hilfe zu leisten, um den besonderen Status der Sophienkirche, der für alle Christen von bleibender Bedeutung ist, zu erhalten.<<

Juli 20, 2020   No Comments

Die gesunde Seele – Übersetzung eines Blogbeitrags von Vater Tryphon

>>Jeder Tag bringt uns neue Herausforderungen zur Gesundheit unserer Seele. Die Momente, wenn ein Familienmitglied oder Arbeitskollege eine Bemerkung macht, die dich einfach nur verärgern soll, das sind die Momente in denen du dein Herz beschützen musst. Wenn diejenigen in deiner Umgebung klatschen und tratschen über einen Abwesenden, dann ist das deine Gelegenheit, zu schweigen und dich nicht daran zu beteiligen. Der Autofahrer, der dich auf der Autobahn geschnitten hat; die Frau, die hinter dir in der Checkout-Schlange am Flughafen drängelt, der unhöfliche Nachbar; das sind Momente in deinem Leben, in denen du die Kontrolle zurückerlangen und deine Spiritualität stärker wachsen lassen kannst.

Wenn Prüfungen und Versuchungen auf ein friederfülltes Herz treffen, fördern sie Heilung und machen die Seele so viel stärker und gesünder. Auf sie zu reagieren ergibt nichts weiter als eine Lähmung der Seele, Reaktionen fesseln uns an unsere gefallene Natur. Alle Versuchungen mit einem friedvollen Herzen annehmen und nicht auf äußere negative Reize zu reagieren, hilft dir dabei, dich für die nächste Runde an Prüfungen und Versuchungen vorzubereiten. So wirst du ganz allmählich und Schritt für Schritt erleben, dass der Frieden Jesu dich in jeder Sekunde des Tages erfüllt und dir einen frohen Geist und ein friedvolles Herz schenken wird.

Mit Liebe in Christo,
Abt Tryphon.
<< Nachbemerkung von mir: Mein heutiger negativer Stimulus war die Nachricht, dass die ehemalige Hauptkirche der frühen Christenheit zu einer Moschee umgewandelt werden und dort am 24. Juli das erste Freitagsgebet abgehalten werden soll. Wie ich so vor mich hin ergrimme, klicke ich auf meine derzeitige Lieblingsseite, die von Abt Tryphon. Und lese diesen Impuls von heute. Und passenderweise hat er ihn, und das war vermutlich reiner Zufall und schiere Koinzidenz, mit einem Foto bebildert, wie orthodoxe junge Männer ihr Retreat in seinem Kloster mit dem Hissen der byzantinischen Fahne begonnen haben. Gott hat einen sehr wundervollen, sehr feinen Humor. Es ist wirklich an uns, ihn zu ergründen, anstatt uns über unsere Emotionen und Ressentiments den sauberen Blickwinkel zu verbauen. Und letztlich ist das Osmanische Reiche ja auch einstmals untergegangen. Erdogans Zeit wird auch irgendwann vorüber sein. What comes up, must come down.

Juli 11, 2020   No Comments

Abt Tryphons „The Morning Offering“

Seit ich ihn entdeckt habe, vor fast eineinhalb Jahren, lese ich, wann immer ich kann, morgens nach meinen Gebeten als einen Impuls den neuen Beitrag in Abt Tryphons Blog „The Morning Offering“. Es ist ein orthodoxes englischsprachiges Blog, aber ich lese als römisch-Katholische mit stets neuem Gewinn. Außerdem schmückt er jeden Beitrag mit wunderschönen, idyllischen Bildern seines Klosters bei Washington.

Als ich mich noch nicht so intensiv mit der Orthodoxie beschäftigte, jetzt aber immer mehr auch im beruflichen Rahmen, ging ich eigentlich davon aus, das einzige, was uns, jedenfalls auf der rein theologisch-doktrinellen Ebene trennte, sei das Filioque.

Dem ist aber nicht so. Heute lese ich bei Vater Tryphon, dass die Orthodoxie das Konzept der Erbsünde nicht kennt (sowieso ein bisschen schwere Materie):

>>Although we do not refer to ourselves as “saved”, as do Evangelical Christians, we nevertheless believe that we are in need of salvation. (We believe salvation is a process.) Our understanding of sin in an ancestral way, which is distinct from the concept of original sin and the hereditary guilt that required, consequently, a substitutionary atonement-type of sacrifice, separates us doctrinally from Western Christianity.

Had there not been a fall, the Second Person of the Holy Trinity, the Logos (Word) would still have incarnated into the flesh and taken on our nature. For it is by this condescension by our Creator God to take on the nature of that which He created that we are given the opportunity of being deified (Saint Paul said we shall become as gods).<< Ich fand das eine äußerst interessante Aussage, obwohl ich dachte, die Erbsünde verstanden zu haben, finde ich es doch spannend, dass es noch ein anderes, altes Konzept dazu gibt, das sich als "sin in an ancestral way" umschreiben lässt. Hier zum Eintrag bei Abt Tryphon.

Juni 13, 2020   No Comments

Glauben aus dem Herzen – Eine Einführung in die Orthodoxie

>> Es besteht keine grundsätzliche Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen, dem Ewigen und dem Vorläufigen, dem Himmlischen und dem Irdischen. Sie berühren sich und existieren miteinander. Die einzige Trennung ist die zwischen dem unerschaffenen Gott und der geschaffenen Welt. Auch diese wird, ohne aufgehoben zu werden, durch die Teilhabe der geschaffenen Welt an den unerschaffenen Energien Gottes überbrückt. Damit wird die Welt geheiligt und in eine neue Schöpfung verwandelt, worin sich alles verbindet und harmonisch zusammenwirkt. Die Gegensätze zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, dem Vorläufigen und Ewigen, dem Leben und dem Tode werden aufgehoben. Die Natur wird durch die Gnade verklärt. Das Vorläufige nimmt am Ewigen teil. Das Sterbliche wird zum Unsterblichen und der Tod wird überwunden. Das Wunder befindet sich weder außerhalb des alltäglichen Lebens noch wird es durch die Methode der Entmythologisierung beseitigt. Das ganze Leben der Kirche beruht auf dem Wunder, ja es ist von jeher selbst eines. Die Vereinigung des Gläubigen mit Christus, die sich in dem Mysterium der heiligen Liturgie vollzieht, ist kein Symbol, sondern sie ist wirklich. Der Mensch partizipiert an der Gnade Gottes und wird Teilhaber an seinem Reich, und das Reich Gottes existiert mitten in dieser Welt, ohne mit ihr identisch zu sein. Dieses gegenwärtige Leben ist eine Vorwegnahme des Zukünftigen, und das Zukünftige ist eine Vollendung des Gegenwärtigen. << Aus dem Kapitel: Zum Begriff der Orthodoxie von Georg Mantzaridis

Juni 4, 2020   No Comments

Neue Arbeiten von mir

Vergangene Woche erschien aktuell in der katholischen Wochenzeitung „Die Tagespost“ ein Stück von mir über die Initiative „Beten für Bischöfe“, die derzeit immer weitere Kreise zieht.

Im Vatican-Magazin Ausgabe Juni/Juli 2020 habe ich über das geistliche Paar David und Abigajil in der gleichnamigen Rubrik geschrieben. Außerdem wird ein Essay von mir kommen über Leo Graf Tolstoi und eine ganze Schule von Religionsphilosophen, die sich ihm entgegenstellten – allen voran der auch im Westen durch seine „Kurze Erzählung vom Antichristen“ gut bekannte Philosoph und Dichter Wladimir Solowjow [Solov’ev].
Update: Der Essay zu Tolstois Gegnern wird nun erst im Heft August-September 20 erscheinen.

Mai 23, 2020   No Comments

Online-Messen

Neben der Möglichkeit, den youTube-Kanal aus Altötting zu verfolgen und so die Heiligen Messen aus der Gnadenkapelle live mitzufeiern oder um 15 Uhr den Rosenkranz zu beten, gibt es auch noch die Möglichkeit, den Livestream der Heiligen Messe aus dem westpfälzischen „Altötting“ – nämlich dem wundervollen Wallfahrtsort Maria Rosenberg, den ich ebenfalls schon im Vatican-Magazin als Heiligtum der besonderen Art vorgestellt hatte – , täglich um 10 Uhr zu verfolgen.
Es zelebriert ein guter und lieber Bekannter, Hochwürden Pfarrer Volker Sehy.

Ganz wichtig (nicht nur) für unsere orthodoxen Geschwister: Die Nonnen vom Kloster der heiligen Großfürstin Elisabeth in Buchendorf, bei denen ich letztes Jahr zu Gast sein durfte, übertragen jetzt sämtliche Gebete sowie die Göttliche Liturgie ebenfalls live:

Die Gottesdienste werden online übertragen auf https://www.facebook.com/Orthodoxes.Frauenkloster.

Nächste Übertragungen der Klostergottesdienste:

Sa, 04.04.20, 04.00: Morgengottesdienst mit Akathistos-Hymnos an die Allhl. Gottesgebärerin •
Stundenlesungen, Göttliche Liturgie

Sa, 04.04.20, 17.00: Vigil zum 5. Fastensonntag: Ged. der hl. Maria von Ägypten

So, 05.04.20, 06.40: Stundenlesungen, Göttliche Liturgie

Mo, 06.04.20, 17.00: Vigil zum Fest der Verkündigung an die Allhl. Gottesgebärerin

Di, 07.04.20, 08.00: Stundenlesungen, Typika, Abendgottesdienst mit Hl. Liturgie zum Fest

Weitere Infos auf der Internetseite des Klosters

April 3, 2020   No Comments

Zum 155. Geburtstag der heiligen Großfürstin Jelisaweta Fjodorowna

gebürtige Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt und Konvertitin zum russisch-orthodoxen Glauben mein Artikel aus der Serie „Geistliche Paare“ über sie und ihren Mann Sergej, der Onkel des letzten Zaren für das Vatican-Magazin Ausgabe Mai 2017:

Sie war die schönste Frau ihrer Zeit in Europa – neben Kaiserin Elisabeth von Österreich – die deutsche Prinzessin Elisabeth Alexandra Luise Alice von Hessen-Darmstadt und Rhein. Und sie sollte als getaufte Lutheranerin und Konvertitin, Schwester der letzten Zarin, für die russisch-orthodoxe Kirche zu Jelisaweta Fjodorowna und, brutal ermordet von den Bolschewiken, zur heiligen Neumärtyterin werden.

Als eines von sieben Kindern am 1. November 1864 geboren und lutheranisch getauft auf den Namen ihrer heiligen Vorfahrin, Elisabeth von Thüringen, wuchs sie in einer liebevollen, doch nicht abgehobenen Umgebung auf. Ihr Vater Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt ist der künftige Großherzog, ihre Mutter, Prinzessin Alice, die Tochter der englischen Königin Viktoria. Nach dem Vorbild ihrer heiligen Ahnin wurde sie angehalten, an Samstagen den Kranken in den Hospitälern Blumen zu bringen und stets nach den Armen,Waisen und Kriegsinvaliden zu schauen. Die älteren Kinder, also auch sie, hatten eigene Verpflichtungen im großherzoglichen Haushalt; sie mussten ihre Betten selbst machen, die Öfen besorgen, ihre Zimmer aufräumen und reinigen. Gleichzeitig legte Prinzessin Alice viel Wert auf die Pflege der schönen Künste, ihre Kinder sangen und musizierten –
von Ella, wie man Elisabeth in der Familie rief, wird berichtet, dass sie gut zeichnen konnte. Es hätte eine glückliche Kindheit und Jugend sein können, wenn nicht zuerst das dreijährige Brüderchen so unglücklich aus dem Fenster stürzte, dass es starb und schließlich im Winter des Jahres 1878 ein jüngeres Schwesterchen und die Mutter, Prinzessin Alice, der Diphtherie erlagen. Tapfer tröstete die Halbwaise nun ihre Großmutter, Königin Viktoria, die ihre weitere Erziehung übernahm.
Einige Frauen aus ihrem Hause waren bereits durch Heirat eng mit der Romanov-Dynastie verbunden wie etwa Maria Alexandrowna, die Gattin Zar Alexanders II. Dadurch kam es auch immer wieder zu verwandtschaftlichen Besuchen der Zarin, des Zarewitsch und seiner Geschwister, unter ihnen ein liebenswürdiger, stiller und sehr gläubiger junger Mann namens Sergej.
Gleichzeitig warb ein gewisser Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen, der spätere Kaiser Wilhelm II., beharrlich um Ella, den diese allerdings als von eher rüpelhaftem Benehmen empfand – ganz anders als ihre große Liebe, Sergej Alexandrowitsch, ein schüchterner und zurückhaltender junger Mann von feiner Wesensart, den sie dann 1884 heiratete.

Inzwischen war Alexander II. einem Mordanschlag zum Opfer gefallen, und Alexander III. hatte den Thron bestiegen. Elisabeth war nun die Schwägerin des Zaren, und sie interessierte sich brennend für Russland, seine Sprache – und seinen Glauben. Gleichzeitig beeindruckte sie nicht nur die Gesellschaft am Zarenhof, wie den französischen Botschafter in St. Petersburg, Maurice Paléologue, sondern auch das einfache Volk. Der Franzose skizziert ihre Persönlichkeit in seinen Aufzeichnungen wie folgt: “Groß, schlank, mit hellen, unschuldsvollen tiefen Augen, zärtlichem Mund, weichen Zügen, einer geraden und feinen Nase, reinen, ebenmäßigen Linien, ist sie im Gang und in den Bewegungen von bezauberndem Rhythmus. Ihr Gespräch verrät einen schönen Geist, natürlich und ernst veranlagt.“ Ihrerseits ist Elisabeth vom tiefen und ernsten Glauben des Volkes ergriffen, ebenso wie von der äußerst frommen Zarenfamilie; sie ist fasziniert von Liturgie und Ritus der russisch-orthodoxen Kirche, dem sie zumeist nur unbeholfen folgen kann, wenn sie Sergej zum Gottesdienst begleitet. Sie weiß nicht, wie sie sich richtig verhalten soll, wenn er sich vor den Ikonen tief verbeugt und sie küsst – für eine Lutheranerin ein fremdartiger Brauch – also beschließt sie als Kompromiss vor dem heiligen Bild einen tiefen Knicks zu machen. Sergej betrachtete diese Hinwendung seiner Frau zur Orthodoxie mit zurückhaltendem Interesse – Elisabeth hat mehrmals heftig betont, er habe sie niemals zur Konversion überredet.
Der christliche Glaube verbindet die Liebenden tief und erhält einen entscheidenden Impuls, als der Zarenbruder Sergej mit Elisabeth gemeinsam eine Wallfahrt ins Heilige Land unternimmt, um dort an der Weihe der russischen Kirche „Heilige Maria Magdalena“ im Garten Gethsemane teilzunehmen. Als sie die Schönheit des Ortes sah, an dem der Herr so sehr gebetet, gewacht und gelitten hat, äußerte sie spontan, dass sie hier einmal gerne begraben sein wolle. Der Herr sollte diesen Wunsch auf besondere Weise erhören. Zunächst aber bereitet sie nach ihrer Rückkehr den Eintritt in die orthodoxe Kirche vor, schreibt Briefe an ihre Verwandten, fleht beinahe um Verständnis, vor allem bei ihrem Vater – der ihr dieses Verständnis aber versagt.
Wie ernst es ihr mit diesem Schritt ist, zeigt ein Zitat aus einem Brief an ihren Bruder: „Ich tue es mit so brennendem Glauben, da ich fühle, dass ich eine bessere Christin werden kann und einen Schritt auf Gott hintue. Ich tue dies aus der Überzeugung, dass es die höchste Religion ist.“
Am Vorabend zum Lazarussonntag des Jahres 1891 wurde sie in die orthodoxe Kirche aufgenommen, war Jelisaweta Fjodorowna geworden – es entsprach einem damaligen Brauch, dieses Patronymikon zu verwenden, wenn es den Namen des Vaters der betreffenden Frau im Russischen nicht gab – wie es bei Elisabeths Vater Ludwig der Fall war. Fjodorowna – das sollte bedeuten: „die Gabe Gottes“.
Im gleichen Jahr ernennt Alexander III. seinen Bruder Sergej, der während des russisch-türkischen Krieges zum Generalmajor befördert, dann den Oberbefehl über die Leibgarde des Zaren erhielt, zum Generalgouverneur von Moskau – ein neuer Lebensabschnitt für das junge Paar beginnt. Einander im Glauben ermutigend, weigern sie sich sogar, getrennt voneinander zu verreisen, möchte einer ohne den anderen nicht sein.
Als christliche Ehefrau strebt Jelisaweta vor allem nach den Tugenden der Vollkommenheit und Vergebung, sie schreibt: „Eine ganz vollkommene Frau zu sein – dies ist nicht einfach, denn man muss lernen, alles zu verzeihen.“ Gleichzeitig erhält sie in Moskau ausgiebig Gelegenheit, um ihren karitativen Tätigkeiten nachzugehen, die sie auch vor dem verrufensten Stadtviertel mit dem größten Elend, der höchsten Kriminalitätsrate und Kindersterblichkeit nicht Halt machen lassen – sehr zum Kummer der Polizeibeamten, die sie eigentlich schützen sollen und denen sie entgegnet, dass sie nichts zu fürchten habe, da sie unter dem Schutz des Allerhöchsten stehe, dessen Wille geschehe.
Als im Februar 1904 nach dem Angriff der Japaner auf Port Arthur der russisch-japanische Krieg ausbricht, sorgt sie sich nicht nur um das Wohl der verletzten Heimkehrer, sondern lässt ganze Feldkapellen, komplett mit Ikonostasen und allem, was für einen würdigen Gottesdienst nötig ist, an die Frontlinien schicken, den einzelnen Soldaten auch Geschenke wie kleine Ikonen und Gebetbücher für den Gebrauch im Feld. Mittlerweile residiert der ehemalige Zarewitsch, jetzt Nikolaus II. im Winterpalast, zusammen mit der jüngsten Schwester Elisabeths, Zarin Alexandra Fjodorowna. Den beiden Unglücklichen werden nur noch wenige Jahre vergönnt – Sergej und seiner Frau noch weniger Zeit bemessen sein: Am 17. Februar 1905 wirft der Sozialrevolutionär Iwan Kaljajew eine Bombe in die offene Kutsche des Gouverneurs von Moskau. Jelisaweta selbst ist kurz nach dem Anschlag vor Ort, um die blutigen Fleischstücke ihres Liebsten einzusammeln und seinen zerstörten Körper zunächst in die Kirche zu bringen – die Menschen erzählen sich, Sergejs Herz habe man auf einem der umliegenden Dächer gefunden.
Jelisaweta begegnet diesem unermesslichen Schmerz, dieser fundamentalen Erschütterung mit kämpferischem, christlichen Geist, wacht ganze Nächte betend und besucht den Attentäter im Gefängnis, um ihm ihre Vergebung zuzusichern und ihn zur Reue zu bewegen, damit er seine Seele retten könne. Sie lässt ihm die Heilige Schrift und eine kleine Ikone in der Zelle, doch Kaljajew bleibt verstockt.
Aus den ersten Schritten in die christliche Vergebung erwächst in Sergejs Witwe, die in den Jahren danach anfängt, das Herzensgebet immer inniger zu pflegen, der feste Wille, sich nun vollkommen in die Nachfolge Christi zu stellen. Durch den Verkauf ihres privaten Besitzes, vor allem auch ihrer Juwelen, wollte sie eine Klostergründung finanzieren, den „Martha und Maria Konvent der Barmherzigkeit“ in Moskau, das fast vier Jahre nach dem Attentat seine Pforten für sechs Schwestern öffnete – Jelisaweta hatte nämlich beobachtet, dass es in der monastischen Kultur Russlands an einer Gemeinschaft fehlte, die sowohl Gebet und liturgische Feiern mit tätiger Arbeit, vor allem karitativer Arbeit verband. So gehörte auch ein Hospital mit 22 Betten, eine Armenküche, eine Apotheke und ein Hospiz zu dieser Gründung. Im Martha- und Maria-Kloster leben bereits 12 Monate später schon 30 Schwestern und im Jahre 1913 werden 10.914 Patienten betreut und 139.443 kostenlose Mahlzeiten an Bedürftige ausgegeben. Der Glaubensweg, den Jelisaweta gemeinsam mit Sergej begonnen, der ihre Konversion damals mit Tränen in den Augen gesegnet hatte, und den sie nun alleine weitergehen musste, gestützt auf eine treue Gemeinschaft von Ordensschwestern, denen sie als Äbtissin vorstand, trug also reiche Frucht.
Doch mit der Kriegserklärung der Deutschen im August 1914 kam eine weitere, schicksalhafte Wende im Leben der Jelisaweta Fjodorowna. Ganz Russland wurde in diesem Sommer von einem hochexplosiven Gemisch aus patriotischen Gefühlen und aufgewühlter Deutschenfeindlichkeit ergriffen – es waren die Tage, in denen man Sankt Petersburgs Name „entgermanisierte“ – die Stadt hieß nun Petrograd. Zarin Alexandra Fjodorowna, die Schwester Elisabeths, die sehr zum Missfallen ihrer Schwester fast völlig unter dem Einfluss des sibirischen Wandermönchs Rasputin stand, wurde von manchen Politikern als deutsche Spionin betrachtet.
Der Zar wird im März 1917 abdanken, die provisorische Regierung fällt im Oktober (alter Kalender) bzw. November des selben Jahres und die Bolschewisten ergreifen die Macht. Die Zarenfamilie und ihre Verwandten werden deren blutiges Regime nur etwas mehr als ein halbes Jahr überleben. Nikolaus, Alexandra und ihre Kinder werden in Jekaterinburg erschossen, fast zur gleichen Zeit stößt man die Schwester der Zarin mit einigen anderen Adligen und einer Nonne in einen aufgelassenen Schacht im benachbarten Alapajewsk 30 Meter in die Tiefe. Möglicherweise konnten herausragende Balken noch ihren Aufprall abmildern, der Augenzeugenbericht eines der Täter beschreibt noch, dass man das Planschen von Menschen in Wasser hörte. Also warf man noch eine Granate hinterher, um das Werk zu vollenden. Die Antwort von unten war göttlicher Lobpreis und frommer Gesang. Dies erzürnte die Mörder vollauf und so sammelten sie Zweige und Kleinholz, brannten es an und warfen es hinunter, bis der Gesang endlich verstummte.
Angehörige der „Weißen“ bargen die Leichname und überführten sie zunächst nach China, dann nach Palästina. Elisaweta und ihre Leidensgenossin Barbara wurden in der Kirche der heiligen Maria Magdalena beigesetzt – der Herr hat seiner treuen Dienerin diesen einen Wunsch erfüllt.
Im Jahre 1981 wurden sie von der russischen Kirche im Ausland kanonisiert und werden seither als heilige Neumärtyrerinnen der russischen Orthodoxie verehrt.

November 1, 2019   No Comments

Frei im Herzen – mein Essay über den russischen Religionsphilosophen Nikolai Berdjajew

Oktober 30, 2019   No Comments