Journalistin und Autorin

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Heilige Josephine Bakhita


Dieser ebenso wundervollen wie außergewöhnlichen Heiligen, derer wir heute gedenken, und ihrem Santuario in Schio, wo sie einfach nur „La nostra Madre Moretta“ genannt wird, habe ich im Vatican Magazin Dezember 2019 einen eigenen Beitrag gewidmet.

Doch zuerst hat unserer Papst em. Benedikt XVI. das Wort:
„Ja, dieser Patron hatte selbst das Schicksal des Geschlagenwerdens auf sich genommen und wartete nun „zur Rechten des Vaters“ auf sie [Josephine]. Nun hatte sie „Hoffnung“ – nicht mehr bloß die kleine Hoffnung, weniger grausame Herren zu finden, sondern die große Hoffnung: Ich bin definitiv geliebt, und was immer mir geschieht – ich werde von dieser Liebe erwartet. Und so ist mein Leben gut. Durch diese Hoffnungserkenntnis war sie „erlöst“, nun keine Sklavin mehr, sondern freies Kind Gottes. Sie verstand, was Paulus sagte, wenn er die Epheser daran erinnerte, daß sie vorher ohne Hoffnung und ohne Gott in der Welt gewesen waren – ohne Hoffnung, weil ohne Gott. So weigerte sie sich, als man sie wieder in den Sudan zurückbringen wollte; sie war nicht bereit, sich von ihrem „Patron“ noch einmal trennen zu lassen.“
Nachzulesen bei kath.net hier.

Und hier mein Text für VM Dezember 2019:

Der Name des norditalienischen Städtchens Schio in der Provinz Vicenza, östlich des Gardasees, ist im deutschsprachigen Raum nur wenig geläufig, obwohl es doch Eingang in die Weltliteratur gefunden hat. An der Fassade eines Hauses ganz in der Nähe des Doms informiert eine Gedenkplakette darüber, dass hier zur Zeit des Ersten Weltkriegs der bedeutende Erzähler und spätere Literaturnobelpreisträger Ernest Hemingway gewohnt hat. Hemingway, damals kaum zwanzig Jahre alt, meldete sich aus reiner Abenteuerlust beim Roten Kreuz an der italienischen Front und war bis zu seiner Verwundung durch eine Granate Sanitätsfahrer. Seine Erlebnisse in Norditalien, wozu auch die unglückliche Liebe zu einer britischen Krankenschwester gehört, hat er gut zehn Jahre danach unter dem Titel „A Farewell to Arms“ – deutscher Titel „In einem anderen Land“ – veröffentlicht. Die Geschichte endet traurig, der gemeinsame Sohn mit der Krankenschwester wird tot geboren und die Geliebte stirbt an ihren inneren Blutungen. „Die Welt zerbricht jeden … die, die nicht zerbrechen wollen, die tötet sie,“ so das Resümee des Ich-Erzählers – dieser Satz deutet bereits auf das traurige Lebensende des Schriftstellers hin. Doch seine Zeit in Schio hat Hemingway sehr genossen. Nach Kriegsende, im Juni des Jahre 1922, kehrte er sogar noch ein Mal zurück. Über Schio und die dortige Osteria „Cantarana“, die er offenbar gerne und oft besuchte, schrieb er: „Da gab es eine Gartenwirtschaft in Schio, deren Mauern von Glyzinien überwachsen waren, wo wir während der warmen Abende Bier tranken, unter einem Mond, der uns bombardierte und alle Arten von Schattenspielen mit der Platane, unter der unser Tisch stand, spielte.“ Wir wissen nicht, um welche Themen es am Biertisch ging, aber es ist gut möglich, dass man dem jungen US-Amerikaner die Geschichte von „La nostra madre moretta“ erzählt, er sie vielleicht sogar einmal selbst gesehen hat, denn Giuseppina Bakhita, ehemalige Sklavin aus dem Sudan, befand sich bereits seit dem Jahr 1902 in dem Städtchen, genauer gesagt lebte sie im dort ansässigen Institut der Canossianerinnen.
„Unsere braune Mutter“ – so nannten die Einwohner von Schio diese charismatische Ordensfrau liebevoll, die ein so schweres Schicksal aus dem fernen Nordostafrika nach Nordostitalien verschlagen hatte; ein Schicksal, das sie persönlich felsenfest als reinen Glücksfall betrachtete, trotz all der bedrückenden Not und dem schweren Leid, das sie hatte durchstehen und ertragen müssen. Denn, davon war sie zutiefst überzeugt: Wäre sie nicht von ihrer Familie losgerissen, von Sklavenhändlern verschleppt und weiterverkauft worden, hätte sie niemals ihren Herrn Jesus und seine von ihr stets geliebte jungfräuliche Mutter kennen gelernt.
„Bakhita“ – dies war der Name, den ihr die Sklavenhändler aufzwangen, er bedeutet „die Glückliche; die vom Glück begünstigte“ in Arabisch. Diese Praxis der Vergabe eines neuen Namens diente dazu, der künftigen Sklavin ihre Herkunft und eigentliche Identität zu nehmen. In Bakhitas Fall ist das vollständig gelungen – sie konnte sich später nicht mehr an ihren eigentlichen Namen und den ihrer Familie erinnern. Vermutlich im Jahre 1869 in Olgossa geboren, verlebte das Mädchen zunächst eine glückliche Kinderzeit in einer liebevollen und auch für die dortigen Verhältnisse wohlhabenden Familie. In den ersten Jahren ihres irdischen Daseins kannte sie kein Leid und keinen Schmerz. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ihre ältere Schwester von Banditen verschleppt wurde. Das war die erste Erfahrung schlimmen Schmerzes, doch Bakhitas Kreuzweg hatte noch nicht begonnen. Auch für ihre Eltern muss der Raub einer weiteren Tochter das Herz zerrissen haben. Zunächst wurde das Mädchen, das jetzt also Bakhita war und vermutlich gerade zwischen sechs oder sieben Jahre alt, einen Monat lang gefangen gehalten. Zwar gelang ihr die Flucht, doch wird sie wieder eingefangen und weiterverkauft. Inzwischen befindet sie sich fast tausend Kilometer entfernt von ihrem Geburtsort, ihrer Familie und ihren Geschwistern, in Khartoum am Zusammenfluss des Blauen und des Weißen Nils. Dort wird sie – der Sudan steht seit dem Jahre 1806 unter der Herrschaft der Osmanen, mehrfach verkauft und zuletzt an einen türkischen General, dessen Ehefrau die Haussklaven grausam zu misshandeln pflegte. Bakhita wurde fast jeden Tag mit Peitschenhieben gefügig gemacht, ein Mal, wie sie sich erinnert, aus reiner Willkür anhaltend gegeißelt, ihre Wunden blieben unbehandelt. Die grausamste Tortur, der man sie dort unterzog, war die „Tätowierung“ mit mehr als einhundert Rasierklingenschnitten am ganzen Körper. Nach der Prozedur rieb man die blutenden Wunden mit Salz ein. Bakhita überlebte – ihr schönes Gesicht blieb unversehrt, doch die vielen grauenvollen Narben trug sie fortan am ganzen Körper.
Endlich wird sie an den italienischen Generalkonsularagenten Legnani verkauft und das Blatt beginnt sich für die mittlerweile Sechzehnjährige „vom Glück Begünstigte“ endlich zu wenden. Legnani gibt sie an seinen Freund Augusto Michieli ab, der ein Kindermädchen für seine Tochter Mimmina sucht und nimmt sie mit nach Venedig. Der Gutsverwalter Michielis wiederum gehört – welch ein Zusammenspiel! – zu den geistlichen Beratern von Kardinal Sarto, des späteren Papstes Pius X. Der Mann schließt Bakhita ganz besonders in Herz und bemüht sich zuallererst um das Seelenheil der vermeintlichen Mohammedanerin; in Wirklichkeit wusste Bakhita nichts von einem Gott, obzwar sie sich bereits nach ihm sehnte: „Beim Anblick der Sonne, des Mondes und der Sterne, der Schönheiten der Natur, sagte ich zu mir selbst: ‚Wer mag der Herr all dieser schönen Dinge sein?‘ Und ich empfand einen tiefen Wunsch, ihn zu sehen, zu erkennen, ihm Ehre zu erweisen.“
Sie wurde zusammen mit Mimmina christlich unterwiesen und mit der vollen Unterstützung ihres Gönners namens Illuminato Checchini , des Gutsverwalters der Familie, in das Katechumenat aufgenommen.
Überliefert wird, dass sie, als sie zum ersten Mal ein Kruzifix sah, sie zutiefst beeindruckt gefragt habe, was dieser Mann verbrochen habe, dass er so behandelt werde. Nichts, lautete die Antwort, er wollte aus Liebe für uns sterben, für uns und auch für dich. Erstaunt wiederholte sie die Worte: „Auch für mich?!“
Ihre Liebe zum Gekreuzigten wuchs nun stetig und als sie im Katechumenat erfuhr, dass sie durch die Taufe ein Kind Gottes werde, wuchs ihre Sehnsucht ins Unermessliche. Doch die Eltern von Mimmina besaßen ein Hotel in Sudan und wollten die Katechumenin dahin mitnehmen.
In dieser Situation traf Bakhita wohl zum ersten Mal in ihrem bisherigen Leben eine eigene, eine freie Entscheidung: Sie weigerte sich, die Familie zu begleiten, da sie die Taufe noch nicht empfangen hatte und im Sudan – ihrem Herkunftsland – nicht imstande sein würde, das neu angenommene Christentum auch ordentlich zu praktizieren. Deshalb wolle sie bei den Schwestern bleiben. Ihre Herrschaft übte Druck auf sie aus, doch Bakhita, die ja in Italien den Status einer freien Frau innehatte, blieb, wenngleich mit wehem Herzen, standhaft. Und so wurde sie vom Patriarchen von Venedig am 9. Januar 1890 auf den Namen Giuseppina Margherita Fortunata – die vom Glück begünstigte in der italienischen Namensform – getauft. Am selben Tag empfing sie auch die Firmung und feierte Erstkommunion „mit einer Freude, die nur Engel beschreiben könnten“, wie sie in ihren Erinnerungen berichtet. Sie bleibt auch danach noch bei den Canossianerinnen und innerhalb von drei Jahren wächst in ihr die Gewissheit, zum Ordensleben berufen zu sein. So tritt sie im Dezember 1893 in Verona in das Noviziat ein und wird von Kardinal Sarto auf die Gelübde geprüft, die sie drei Jahre später, am Tag der Unbefleckten Empfängnis, ebenfalls in Verona, ablegt.
Die allgemeine Freude darüber ist so groß, dass der Neffe der Ordensgründerin Maddalena de Canossa, ein Kardinal, sie unbedingt empfangen möchte.
Der Orden der Canossianerinnen ist seit 1886 auch in Schio ansässig und führt dort einen Kindergarten, eine Grund- und Berufsschule und ein Waisenhaus. Giuseppina, die zumeist als Pförtnerin im Orden eingesetzt wird, schickt man 1902 nach Schio, wo sie in der Küche arbeitet und ihre Aufgaben in treuem Gehorsam, stets voller Milde, Güte und Zärtlichkeit gegenüber Anderen erfüllt. Sie, die ehemalige Sklavin, gibt sich nun in freier und heilige Hingabe dem Willen Gottes hin, als eine „Sklavin der Liebe“ an „El Paron“ den Patron oder auch „El Segnor“ – den Herrn, wie sie ihn in Reminiszenz an ihr früheres Dasein bewusst nennt. Doch bald schon erhält sie eine neue wichtige Aufgabe.
Als Italien im Mai 1915 in den Ersten Weltkrieg eintritt, wird ein Teil der Schwestern evakuiert, Giuseppina bleibt in Schio und tut nun Dienst in der Sakristei, ein Dienst, der sie mit besonderer Freude erfüllt, kann sie doch „El Paron“ so stets ganz nahe sein. Liebe zum Herrn und Liebe zu den Mitmenschen war der Ordensgründerin das Allerwichtigste. Dazu gehört für Giuseppina auch an erster Stelle das Verzeihen und die Vergebung für alle Menschen, die ihr in der Vergangenheit so viel Furchtbares angetan haben: „Würde ich den Sklavenhändlern begegnen, die mich geraubt haben und denen, die mich gefoltert haben, würde ich mich niederknien und ihnen die Hände küssen. Wenn das alles nicht passiert wäre, würde ich heute nicht Christin und Ordensschwester sein. … Diese Armen wussten nicht, welch großen Schmerz sie mir zufügten. Sie waren ja die Herren und ich ihre Sklavin. So wie wir gewohnt sind, das Gute zu tun, taten die Sklavenhändler das Ihrige, nicht aus Bosheit, sondern aus Gewohnheit.“
Das sind die Worte einer einfachen Frau – aber was für eine Herzensbildung spricht aus ihnen!

Bis auf zwei Jahre, in denen sie als Pförtnerin in Vimercate bei Mailand dient, bleibt sie bis zu ihrem Lebensende im Ordenshaus in Schio. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, und das Städtchen von Fliegerbomben verschont bleibt, sind die Einwohner fest davon überzeugt, dass sie dies der Anwesenheit ihrer „Madre Moretta“zu verdanken haben.
In ihren letzten Jahren wird Giuseppina zusehends kränker, sie leidet an Arthritis, muss im Rollstuhl sitzen, hinzu kommt quälendes Bronchialasthma. Dem sich allmählich nahenden Tod sieht sie gelassen entgegen, denn: „Wenn ein Mensch so sehr einen anderen liebt, dann wünscht er brennend, bei ihm zu sein: Warum also so große Angst vor dem Tod? Der Tod bringt uns zu Gott.“
Sie stirbt am 8. Februar 1947, auf ihren Lippen die Worte: „Wie froh ich bin, die Jungfrau! Die Jungfrau!“ und wird am 17. Mai 1992 zusammen mit Josémaria Escriva selig gesprochen, acht Jahre später dann heilig und gilt als Schutzpatronin der katholischen Kirche im Sudan.
Es gäbe noch so viel zu erzählen von dieser außergewöhnlichen Heiligen. Doch alles, was noch gesagt werden könnte, erübrigt sich bei einem Blick auf ihr himmlisches, lächelndes Antlitz: Nigra sum, sed formosa! Diese außergewöhnliche Frau mit dem bezaubernden Charisma widerlegte mit ihrem bemerkenswerten Schicksal die oben angeführten Worte jenes Schriftstellers, ihres Zeitgenossen, der ein paar Jahre lang nur einen Steinwurf entfernt von ihr lebte: Die Welt konnte die Frau, die Giuseppina Bakhita war und ist, weder zerbrechen noch töten.

Februar 8, 2021   No Comments

Die heilige Rita von Cascia und ihr Gebetsfelsen

Die heilige Rita von Cascia gehört, was den Grad ihrer Verehrung betrifft, zu den Heiligen der Superlative. Aus ganz Europa, wie auch aus Übersee, strömen bis zu einer Million Pilger im Jahr in das Städtchen Cascia, hinter den sieben Bergen, den Monti Sibillini, im Südosten von Umbrien. Die Basilika von Cascia bewahrt Ritas unverweslichen Leichnam, gehüllt in die Ordenstracht der Augustinerinnen, auf. Ihr Glassarg wird von einem prächtigen Schrein ummantelt und von goldenen Engeln bewacht. Seine eigenwillige Gestaltung erinnert an die Schlafkapsel eines Raumschiffes, in dem Astronauten der Zukunft ihre jahrhundertelangen Reisen durch den interstellaren Raum überbrücken. Nur, dass die heilige Rita nicht den Landeanflug erwartet, sondern die Wiederkunft des Herrn

Die Basilika wurde 1937 direkt neben dem historischen Konvent erbaut, in dem heute noch etwa fünfzig Augustinerinnen leben und Reliquien wie Ritas Ehering und Rosenkranz aufbewahren. Dort kann man auch den bemalten Holzsarg besichtigen, in dem sie Mitte des 15. Jahrhunderts beigesetzt wurde. Als man ihn im Jahre 1627, im Zuge des Seligsprechungsverfahren unter Papst Urban VIII. öffnete, fand man ihren Körper nach mehr als 150 Jahren unversehrt – und das, obwohl Holz weitaus mehr Luft und Feuchtigkeit durchlässt, als etwa ein gemauerter Sarkophag. Nach der Umbettung in einen Glasschrein ging erst so richtig die Post ab: Augenzeugen berichteten, dass die heilige Rita ihre Augen öffnete und wieder schloss, sich umdrehte und einmal sogar zum Deckel ihres Sarges empor geschwebt sei.
Nicht weiter verwunderlich, immerhin war Rita schon zeit ihres Lebens eine Art katholisches Superwoman. Das fing schon in der Wiege an. Ein Schwarm Bienen soll sich auf dem Gesicht des kleinen Mädchens niedergelassen haben, ohne sie zu verletzen. Sie verspürte schon als Kind eine Berufung zum Ordensleben, wurde aber im Alter von 12 Jahren an einen brutalen Tyrann verheiratet, der sie psychisch und physisch misshandelte und dem sie zwei Söhne gebar. Mit heroischer Tapferkeit und Demut ertrug sie ihren gottlosen Mann und war dabei ein solches Vorbild an Frömmigkeit, dass sie es nach über zwanzig Jahren Ehe schaffte, ihn zu bekehren.
Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde er Opfer eines politisch motivierten Attentats. Als ihre beiden Söhne daraufhin eine Vendetta starten wollten, bat Rita Gott inständig, die beiden zu sich zu nehmen, bevor sie ihre Rachepläne durchführen und somit in große Sünde fallen könnten. Ihr Wunsch wurde erhört: Im Jahre 1402 starben auch noch ihre Söhne. Rita hätte jetzt ihrer Berufung folgen und in den Augustinerinnenkonvent von Cascia eintreten können. Doch die sagten Njet. Laut der Regel war die Aufnahme von Witwen nicht gestattet. Rita ließ nun ihre Beziehungen zur Gemeinschaft der Heiligen spielen, und es stellte sich heraus, dass es sogar enorm gute waren: Keine geringeren als Johannes der Täufer, Augustinus höchstpersönlich und Nikolaus von Tolentino – eine wahrhaft himmlische task force – schritten ein und transportierten sie mittels ihrer überirdischen Kräfte eines Nachts in die Kapelle des Konvents. Als die Schwestern in aller Herrgottsfrühe die – verschlossene! – Türe öffneten, staunten sie nicht schlecht. Und so kam es, dass Rita doch noch dort Aufnahme fand, endlich am Ziel ihres Lebens!

Geboren wurde sie um 1370 oder 1380 als Margherita Lotti-Mancini in Roccaporena, einem winzigen Gebirgsnest unweit von Cascia. Ihr Elternhaus ist erhalten und kann besichtigt werden, ebenso die Kirche, in der sie getauft und getraut wurde. Der spektakulärste von allen Orten, die mit der heiligen Rita in Verbindung stehen, ist aber sicher der „Scoglio della Preghiera“ – am Ortseingang erhebt sich ein etwa 120 Meter hoher, kegelförmiger Felsen, der von einer Steinschanze gekrönt wird, darüber wurde eine Kapelle errichtet. Zu Ritas Zeiten war der Weg, der sich in Serpentinen auf einer Seite des Felsens emporwindet, noch nicht ausgebaut. Pilger aus aller Welt haben gespendet, um den Pfad zu befestigen und einzufassen – ihre Namen mit Jahreszahlen sind auf den Simsen, die den Weg säumen, eingraviert. Das junge Mädchen, das sich so sehr nach einem Leben als Augustiner-Eremitin sehnte, hat sich oft auf den beschwerlichen Weg hinauf gemacht, ohne sicheren Halt für ihre Tritte und ohne das moderne, feste Schuhwerk, das wir heute kennen. Ganz oben, hoch über dem engen Tal, in dem sich die grauen Natursteinhäuschen von Roccaporena ducken, wird die junge Margherita Tage des Fastens und des Gebets verbracht haben – direkt unterhalb des Gebetsfelsens entspringt eine Quelle, die Versorgung mit herrlich frischem Wasser war sicher gestellt. Es ist ein ganz besonderer Ort, voller Majestät, den sie sehr geliebt haben muss.
Heute ist es erstaunlich zu sehen, mit welcher Zuversicht, Ausdauer und froher Gestimmtheit insbesondere ältere Menschen, Rentner, Greisinnen und Greise, Kranke und Behinderte diesen Aufstieg wagen, um oben auf dem eigentlichen Gebetsfelsen Rosen niederzulegen. Rita liebte diese Blumen und die Heiligenlegende erzählt, dass sie sich auf ihrem Krankenlager – es war tiefster Winter – einen Strauß frische Rosen gewünscht hat. Das Wunder geschah, eine Mitschwester fand frisch erblühte Rosen im Garten und brachte sie ihr. Seither weiht die Kirche am 22. Mai, ihrem Todestag, die „Rita-Rosen“, die insbesondere den Kranken aufgelegt werden, um Heilung zu bringen. Rita selbst litt 15 Jahren lang an einer Stirnwunde, die ihr, so ist überliefert, von einem Dorn aus der Dornenkrone Jesu zugefügt wurde. Im Kloster in Cascia ist das Fresko mit dem Gekreuzigten noch zu besichtigen, vor dem sie damals kniete und inständig bat, das Leiden des Herrn teilen zu dürfen.
Dabei war ihr eigenes Leben doch nicht gerade arm an Leid. Für ein einziges Frauenleben war das Maß schon reich bemessen: Erst unglücklich verheiratet, dann sterben Mann und Kinder, danach lebt sie nur noch für Gott ein Leben voller Buße und mystischen Erlebnissen.
Kurz vor ihrem Tod erhielt sie noch einmal eine großartige Vision, in der sie Jesus Christus zusammen mit der heiligen Gottesmutter schaute. Als sie starb, verbreitete sich paradiesischer Wohlgeruch im Konvent und die Glocken der Kirchen im Ort läuteten von selbst – wie von Engelshänden betätigt. Doch damals fing ihre Arbeit erst richtig an!
Besonders für Frauen ist die heilige Rita eine beliebte Ansprechpartnerin, war sie doch in ihrem Leben sowohl Ehefrau und Mutter als auch Nonne. Unangefochten ist ihr hoher Status als Heilige für aussichtslose Fälle, ungezählte Male konnte sie das Blatt für diejenigen wenden, die sie vertrauensvoll anriefen. Weil sich darunter vermutlich viele Autofahrer befanden, die in Italien unterwegs waren – jeder, der es selbst erlebt hat, weiß, was für ein aussichtsloser Fall der italienische Straßenverkehr ist – wurde sie auch noch die Patronin der Autofahrer in Italien. Heilige Rita von Cascia, bitt’ für uns!

(zuerst erschienen in Vatican-Magazin Mai 2011]

Mai 21, 2020   1 Comment

Zum Tage – russisch-orthodoxe Andacht zum heiligen Nikolaus von Myra

Diese Andacht wird normalerweise eher am 19. Dezember gesungen – die russisch-orthodoxe Kirche feiert nach dem alten Kalender – doch nach all dem Weihnachtsmann-Krimskrams heute brauchte ich ein wenig Erbauung.
Wer Russisch lesen und sprechen kann, ist in der Lage, mitzusingen, das Video hat Untertitel.

Es enthält auch, circa ab Minute 8.00, den Akathistos zum heiligen Nikolaus, dessen deutsche Übertragung man hier auf den Seiten der St. Michaels-Gemeinde finden kann.

Wer das Vatican-Magazin bezieht oder es gerne kennen lernen möchte: In meiner Rubrik „Heiligtum der besonderen Art“ geht es diesmal um die Basilika San Nicola in Bari, auch wenn der Artikel wenig zentraleuropäisch-winterlich geworden ist; dafür erzähle ich eine der Geschichten, die im Akathist auch besungen wird, die sich um den heiligen Bischof ranken und seinen Ruhm als Wundertäter und Nothelfer begründeten.

Dezember 6, 2017   2 Comments

Gewidmet den Märtyrern des 20. und 21. Jahrhunderts – San Bartolomeo all’Isola in Rom

In dieser finsteren Nacht der Welt, umgeben von Unbarmherzigkeit im Westen gegenüber Ungeborenen, Alten und Sterbenden und von Gnadenlosigkeit im Nahen Osten unter einem Kalifat des Gräuels, ist es für manchen oft sehr schwer, einen Lichtschein am Firmament zu erblicken. Dabei hängt in Wahrheit über uns als ein glühendes Spektakel, wie ein Vorhang, der Vorhang vor dem Allerheiligsten Gottes. Eine wogende aurora borealis, die sich hebt und senkt und wallend unsere Welt mit dem Feuer der Liebe und dem Ganzopfer der Hingabe des eigenen Lebens mit Purpur durchsträhnt. Wir müssen nur hinschauen, nach oben, inmitten der Dunkelheit, die uns umgibt, und unsere Augen weit aufreißen, dann können wir es lodern sehen.
Sein santuario hat es auf Roms Tiberinsel gefunden, seit alters her ein Ort der Heilung und Heiligung: Wo heute die vor über tausend Jahren erbaute Kirche San Bartolomeo mit dazugehörigem Kloster steht, befand sich einst ein Äskulaptempel mit Hospiz. Neben dem Eingang zur Kirche findet sich der Eingang zum jüdischen Kinderkrankenhaus, was die Präsenz von bewaffneten Frauen und Männern in Uniform erklärt. Auch die „Barmherzigen Brüder“, die „Fatebenefratelli“ führen hier auf der Tiberinsel ein Krankenhaus, auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchplatzes mit dem ebenfalls aus dem Jahre 1000 stammenden Marmorbrunnen.
San Bartolomeo wird von der geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio betreut und ist heute, genauer seit dem Jahre 2002 ein echtes Heiligtum der besonderen Art: Sie ist dem Andenken an Märtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet und versammelt so viele Reliquienschätze an einem einzigen Ort wie vermutlich keine andere Kirche der Welt. Alles ging auf eine Idee des seligen Johannes-Paul II. aus dem Jahre 1999 zurück – anlässlich des bevorstehenden Heiligen Jahres ließ er eine Kommission für die „neuen Märtyrer“ einrichten, die das Blutzeugnis der Christen im 20. Jahrhundert dokumentieren sollte. Das Team nahm seine Arbeit in den Gebäuden der zu San Bartolomeo gehörenden Klosteranlage auf und trug im Laufe seiner Tätigkeit rund 12.000 Dossiers und unzählige Materialien wie Briefe, Stolen, Gebetbücher oder andere persönliche Gegenstände zusammen.

Am 12. Oktober 2002 wurde San Bartolomeo feierlich zur Gedenkstätte für die neuen Märtyrer proklamiert, wodurch Papst Johannes-Paul II. einmal mehr sein feines Gespür für historische Zusammenhänge bewies: Denn die Gebeine des heiligen Bartholomäus, einem Apostel Jesu, der von vielen Forschern auch als „Nathanael von Kana“, einem ehemaligen Jünger Johannes des Täufers identifiziert wird, liegen in einem Sarkophag unter dem Hauptaltar. Die Kopfreliquie gelangte zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert nach Deutschland und wird im Bartholomäusdom zu Frankfurt aufbewahrt, in dem lange Zeit die römisch-deutsche Kaiser und deutschen Könige gekrönt wurden.

Nathanael, den sie als Apostel Bartholomäus nannten, ging nach dem Pfingstereignis auf Missionsreise nach Ägypten, Indien und Armenien, wo er auch das Martyrium erlitt: Ihm wurde für die Zerstörung der dort verehrten Götzenbilder von einem Bruder des Königs bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, danach ans Kreuz geheftet oder auch, in einer anderen Fassung der Überlieferung, enthauptet. Dieses Geschehen solle sich im antiken Edessa, dem Urfa der modernen Türkei zugetragen haben, einer Stadt, die sich heute direkt an der Grenze zum Blutmolochreich des Islamischen Kalifats befindet.

Auf dem Hauptaltar befindet sich seit der Proklamation als Heiligtum für die neuen Märtyrer eine große, beeindruckende Ikone zu diesem Thema: Über dem ganzen Geschehen thront Jesus Christus, umgeben von Heerscharen von Engeln und Heiligen. Auf der sichelförmigen Wolke darunter stehen die Worte „Durch die große Bedrängnis hindurch“, darunter findet sich eine Kathedrale, gekrönt von Stacheldrahtzäunen, die ein Konzentrationslager symbolisiert, stellvertretend für die drei großen christlichen Konfessionen sind abgebildet der Lutheraner Dietrich Bonhoeffer, der einstige Patriarch von Moskau, Tichon, und der Dominikaner Giuseppe Girotti, der in Dachau ermordet wurde.
Des Weiteren sieht man auf der rechten Seite einstürzende Gebäude und Erschießungskommandos, die an den Völkermord an den Armeniern und das Leid der Christen in Albanien gemahnen. Ein anderer Bildabschnitt erinnert an gefolterte und getötete Bischöfe und Priester, unter ihnen auch Oscar Romero sowie Juan Gerardi und Giuseppe Puglisi – letztere wurden von der Mafia ermordet. Außerdem sind zu sehen Gefangene in einem rumänischen Kerker, ein Kloster auf einer der russischen Solovezkij-Inseln, das zu einem Gulag umfunktionierte wurde. Abgebildet ist auch ein katholischer Priester, der dort interniert war und einem alten orthodoxen Popen beistand, in dem er schwere Arbeit für ihn übernahm. Ein Beispiel, das zeigt, wie auch der abhängige und eingekerkerte Mensch noch für seinen Nächsten Akte der Liebe und Solidarität ausführen kann. Auch die Schar verfolgter Christen ohne Kennzeichen einer Nation erfüllen die göttlichen Gebote, indem sie in ihrer eigenen Bedrängnis noch andere speisen, sich um die Kranken kümmern und allen das Evangelium verkünden. Nähert man sich betrachtend und meditierend dieser Ikone über dem Hauptaltar, so spürt man das Wehen des göttlichen Liebesbrandes, Schrecken, Leid, Not und Tod transformieren sich zu Ereignissen mit tieferer, überweltlicher Bedeutung, die herrliche Ikone scheint wie umhegt von riesigen Engelsflügeln, das Schicksal all dieser bekannten und unbekannten Menschen eingehegt in das Gold, zu dem sie geworden sind, als sie durch die dargestellten Brennöfen gingen.

Von den acht Seitenkapellen sind sechs den modernen Märtyrern gewidmet und bergen Reliquienstücke verschiedenster Art und von Angehörigen der großen christlichen Konfessionen. In der Kapelle des heiligen Franziskus, die den Opfern des Kommunismus gewidmet ist, finden sich deshalb auch das Skapulier eines rumänisch-orthodoxen Archimandriten und der Rosenkranz eines orthodoxen Priesters, Aleksander Men’, der am 9. September 1990 in Moskau am Altar seiner Kirche erschossen wurde, während er die göttliche Liturgie zelebrierte. Am Bekanntesten dürfte für westliche Ohren der Name Jerzy Popieluszko klingen, der im Jahre 2010 selig gesprochen wurde. 1972 zum Priester geweiht, trat er seinen Dienst in der Nähe von Warschau an. Ab Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 zog er mit seinen „Messen für das Vaterland“ immer größere Massen von Gläubigen an. In seinen Predigten prangerte er soziale Missstände, die Verletzung von Menschenrechten, den forcierten Atheismus und psychische wie physische Übergriffe des Regimes an.

Die Kapelle des heiligen Karl Borromäus ist den neuen Märtyrern des amerikanischen Kontinents gewidmet. Wir finden hier unter anderem das Messbuch des seligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, der am 24. März 1980 während einer Messe in der Krankenhauskapelle von San Salvador erschossen wurde. Sein gewaltsamer Tod gab das Signal zum Beginn des Bürgerkrieges in El Salvador.

In der Kapelle der heiligen Francesca Romana versammeln sich liturgische und persönliche Gebrauchsgegenstände zum Andenken an die neuen Märtyrer in Asien, Ozeanien und Nahost.
Dem Besucher ist das Berühren der Gegenstände üblicherweise verwehrt, so bleibt nur, sich betend auf den steinernen Absatz zu knien und um die Fürsprache von beeindruckenden Persönlichkeiten wie Shabaz Bhatti oder Don Andrea Santoro zu bitten. Bhatti war der zuständige Minister in Pakistan für die Minderheiten, er wurde in Islamabad am 2. März 2011, als in Deutschland der Kirchenkampf um das so genannte „Memorandum Kirche“ tobte, erschossen, weil er sich für den Dialog und für den Frieden in seinem Land unter den religiösen Minderheiten einsetzte. Berühmt geworden ist sein geistliches Testament, in dem er
ein klares und entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus ablegt: „Ich denke, dass die Hilfsbedürftigen, die Armen, die Waisen, welcher Religion sie auch immer angehören, zu aller erst als Menschen zu sehen sind. Ich denke, dass diese Menschen Teil meines Körpers in Christus sind, dass sie der verfolgte und hilfsbedürftige Teil von Christi Körper sind. Wenn wir diese Mission zu Ende bringen, werden wir uns einen Platz zu Jesu Füßen verdient haben und ich werde Ihn anschauen können, ohne mich schämen zu müssen.“
Bhattis Bibel ist hier ausgestellt, neben Kelch, Patene und Stola von Andrea Santoro, einem missionarisch tätigen Priester in der Türkei, der von einem Jugendlichen am 5. Februar 2006 ermordet wurde, während er ins Gebet vertieft war. Auch Luigi Padovese, apostolischer Vikar in Anatolien, ereilte dieses Schicksal am 3. Juni 2010. In der Kapelle der heiligen Francesca Romana bewahrt man seine Mitra auf.

Den Opfern des Nationalsozialismus ist die Kapelle zu den schmerzhaften Geheimnissen gewidmet. Hier findet sich ein Brief des seligen Franz Jägerstätters, den er kurz vor seiner Enthauptung am 9. August 1943 aus dem Gefängnis schrieb. Außerdem findet sich dort eine Reliquie des seligen Kardinals Clemens August von Galen, dem Erzbischof von Münster, der sich unter dem Wahnsinn des Hitler-Regimes mutig in aller Öffentlichkeit gegen das Euthanasieprogramm an Kranken und Behinderten stellte, weshalb er auch den Beinamen „Der Löwe von Münster“ trägt.
Das Andenken an die neuen Märtyrer Europas bewahrt die Kapelle der „Madonna della Pace“ auf. Darunter auch Stola und Kreuz des Giuseppe Puglisi, der von Angehörigen der Mafia am 15. September 1993 ermordet wurde.

Die Kapelle des heiligen Antonius von Padua hütet persönliche Gegenstände von modernen Märtyrern in Afrika und Madagaskar, darunter auch das Kreuz, das Schwester Leonella Sgorbati zum Zeitpunkt ihres Todes trug. Sie wurde im Alter von 66 Jahren in Mogadischu von sieben Kugeln getroffen, als sie gerade das Krankenhaus verließ, wo sie Unterricht in Krankenpflege gegeben hatte.

Für jeden Rompilger ist die Basilika San Bartolomeo tatsächlich zu einem spirituellen must geworden, für jeden Christen, egal welcher Konfession oder Großkirche er angehört, wird der Besuch dieses Ortes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber lassen wir unseren mittlerweile emeritierten Papst sprechen, der die Gedenkstätte am 7. April 2008 besucht hat, denn trefflichere Worte lassen sich kaum finden: „Der auferstandene Jesus durchleuchtet ihr Zeugnis. So können wir den Sinn ihres Martyriums verstehen. Es ist die Macht der Liebe, wehrlos und siegreich zugleich auch in der scheinbaren Niederlage.“
Dem betenden Pilger wird diese Einsicht aufgehen, und er wird getröstet und beeindruckt zugleich diese wunderbare Wallfahrtsstätte verlassen.


Ikone auf dem Hauptaltar „Attraverso la grande tribolazione“

/Zuerst erschienen in der Serie „Heiligtum der besonderen Art“ im Vatican-Magazin August-September 2015/

März 29, 2016   No Comments

Ausblick auf meine nächsten Veröffentlichungen

Im PUR-Magazin Februar 2015 ist ein Kurzporträt des Dominikanerordens erschienen, im Vatican-Magazin Februar 2015 (kommt Mitte des Monats) habe ich über die heilige Clothilde und Chlodwig, also die Merowinger und das Christentum geschrieben.
In Bälde sollte mein Interview mit Torsten Hartung („Du musst dran glauben“) plus Rezension seines unglaublich beeindruckenden Buches in der Tagespost erscheinen. Dort plane ich auch für die Reihe „Poeten, Priester und Propheten“ einen Beitrag über Karin Struck sowie über Paul Claudel.
Ich darf auch nochmal über die preisgünstige Möglichkeit hinweisen, die „Tagespost“ als ePaper für 14 Euro im Monat zu abonnieren.
Als nächster Orden im Kurzporträt ist dann der Karmel eingeplant, für das Vatican-Magazin als Heiligtum der besonderen Art die Basilika St. Kastor in Koblenz.

Februar 4, 2015   No Comments

Die „terra dei santi“ und ihr lächelnder Stern – Nikolaus von Tolentino und sein Heiligtum

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Ausgabe Juni/Juli 2010]

Das Festungsstädtchen Tolentino bildet mit Osimo, wo der hl. Joseph von Copertino begraben liegt, Loreto mit dem Heiligen Haus aus Nazareth, dem unweit gelegenen Assisi, Cascia, Montefalco und zahlreichen anderen Orten eine terra dei santi aus den mittelitalienischen Provinzen Le Marche und Umbrien.
Tolentinum picenum, so lautete der alte Name des Städtchens am Chienti-Fluss, dem ehemaligen Siedlungsgebiet der alten Picener. Tolentino besaß bereits einen zuverlässigen Stadtheiligen, den Märtyrer Flavius Julius Catervus, aus einer vornehmen Senatorenfamilie, der unter Trajan die Tolentiner Bevölkerung christianisiert habe, weshalb er den Märtyrertod sterben musste.
Betritt man die Altstadt, so empfängt den Besucher und Pilger bereits direkt bei der Stadtpforte die antikisierend wiederaufgebaute Kirche S. Catervo, in welcher der beeindruckend Marmorsarkophag des Catervus aus dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wird, der zu den künstlerisch bedeutendsten der Region zählt. Ihn zieren die Darstellungen vom Guten Hirten und von der Anbetung der Drei Könige.
Catervus ist heute der gatekeeper des Herzstücks von Tolentino: der Basilika des heiligen Nikolaus, dessen Travertin-Fassade von einem riesigen strahlenden Stern geschmückt wird. Der Stern, so heißt es, hat den Heiligen in den letzten Jahren seines Lebens begleitet. Er stieg über seinem Geburtsort, Castel S. Angelo, auf, wanderte über den Himmel und blieb immer über der Basilika stehen, wenn Nikolaus die Heilige Messe feierte.
Castel S. Angelo, unweit von Tolentino, ist der Ort, an dem diese Geschichte beginnt. Genau genommen beginnt sie im viel weiter südlich gelegenen Bari, denn die Eltern unseres Heiligen, kinderlos bislang, unternahmen eine Wallfahrt zum heiligen Nikolaus nach Bari, ihn um die Gnade eines Kindes zu bitten. Selbstverständlich boten die einfachen Leutchen dem großen Heiligen eine Gegenleistung an: Ordensmann oder Ordensfrau – ein Geschenk an die Kirche solle das ersehnte Kind einmal werden. Der Bischof von Myra fand diesen deal so fair, dass er ihren Wunsch 1245 erfüllte und gleich noch ein Sahnehäubchen drauf setzte: Aus seinem „Patenkind“ sollte einer der beliebtesten und geliebtesten Heiligen der italienischen Kirche werden.
Das 13. Jahrhundert hat der Kirche zahlreiche Kirchenlehrer und Theologen, charismatische und entschiedene Bischöfe, und so große Heilige wie Franziskus von Assisi geschenkt. Thomas von Aquin, Bonaventura, Albertus Magnus lehrten an den aufblühenden Universitäten, Mechthild von Helfta empfängt ihre Visionen, die Kreuzzüge sind endgültig gescheitert. Es ist das letzte Aufglühen vor den einsetzenden Wirren und dem Verfall von Papsttum und Kirche im 14. Jahrhundert mit dem großen abendländischen Schisma. Wie der Stern, der ihn begleitete, und den man häufig auf seiner Brust abgebildet sieht, strahlt unser Nicola noch in dieses dunkle Jahrhundert hinein, als wollte er denen, die treu im Glauben stehen, ein Licht in der umfassenden Finsternis sein, die die Kirche zu überwältigen drohte.
Große persönliche Frömmigkeit zeichnet jeden Heiligen der katholischen Kirche aus, bei Bruder Nicola kamen von klein auf Herzensgüte, Mitleidensfähigkeit und große Demut hinzu.
Es ließ sich allerbestens an: Mit 15 Jahren trat der fromme Knabe sein Noviziat im Augustinerkonvent an und bereits in diesem zarten Alter erwies er sich als „stark in den Prüfungen, tüchtig in den Tugenden und heroisch in der Buße“.
Nach seiner Priesterweihe durch den Bischof von Osimo und Cingoli im Jahre 1270 wurde er in einen Konvent bei Pesaro versetzt. Feierte er die Messe, so liefen ihm jedes Mal Tränen über das Gesicht, vor allem bei der Wandlung, weshalb das Volk herbeiströmte, um Zeuge seiner Ergriffenheit und Hingabe zu werden.
Seine ganze Hinwendung galt nicht nur den Kranken und reuigen Sündern, sondern insbesondere den Armen Seelen, die auf Erlösung aus dem Fegefeuer hofften. Dies geschah auf Intervention eines verstorbenen Mitbruders, der ihm eines Samstagnachts im Traum erschien und bat, die hl. Messe am Sonntag für die Verstorbenen zu feiern, damit er und alle anderen von ihren Qualen erlöst würden. Unser Nicola wusste, was sich für einen wahrhaft gehorsamen und demütigen Augustiner-Eremiten gehörte: Anstatt mit einem frommen Ausruf von der Pritsche zu schnellen, federnden Schrittes den Kreuzgang entlangeilen und den Pater Prior aus seiner Zelle zu trommeln, um ihm von dieser wundersamen Möglichkeit, Seelen zu retten, enthusiastisch zu berichten, wog er eine Weile den Kopf. Schließlich gab er dem verzweifelten Entschlafenen zu bedenken, dass er die Konventsmesse zu singen habe – eine absolut unverhandelbare Verpflichtung -, und deshalb keine Messe für die Verstorbenen feiern könne.
Pater Pellegrino, die Erscheinung aus dem Fegefeuer, musste mit einer solch spröden Reaktion gerechnet haben, denn er beschloss, ganz auf Breitbild-HDTV und höchste Dolby-Audioqualität zu setzen: Er zeigte Nicola das Tal von Pesaro, angefüllt mit lauter Seelen von Verstorbenen, die in einem riesenhaften Fegefeuer brannten – Stanley Kubrick hätte es nicht besser inszenieren können.
Nicola beeindruckte das Szenario insoweit, als er die Nacht im Gebet verbrachte und den Prior bat, eine ganze Woche lang die hl. Messe in der Fürbitte für die armen Seelen feiern zu dürfen. Sein Mitbruder erschien ihm abermals, um ihm zu danken und die Gewissheit zu geben, er habe den größten Teil der Seelen aus dem brennenden Tal retten können. Und so mehrte sich der Ruhm des jungen Nicola, dessen nächste Stationen Fano und Recanati waren, wo er ein totes Kind auferweckte, die Seele eines gemeuchelten Mitbruder aus dem Fegefeuer erlöste, die Kranken pflegte und die Verzweifelten tröstete.
1275 kam er nach Tolentino. Hier kümmerte er sich weiter intensiv um die Armen und Bedürftigen, und unterzog sich strengsten Bußübungen: er war ein beliebter und milder Beichtvater, der zu gütig war, um seinen Beichtkindern schwere Bußen aufzuerlegen. Stattdessen büßte er also für deren Verfehlungen und ruinierte sich nach und nach seine blühende Gesundheit. Niemand sah ihn jemals Fleisch, Eier, Fisch oder Obst essen. Stattdessen nahm er drei Gläser Wein mit Wasser vermischt pro Tag zu sich, wobei es vorkommen konnte, dass sich das Wasser in seinem Glas zu vorzüglichem Wein verwandelte.
Doch selbst ein großer Heiliger kann in den Zwiespalt zwischen Demut und Gehorsam geraten. Einmal erkrankte er so schwer, dass ihm der Tolentiner Arzt als stärkende Mahlzeit ein paar knusprig gebratene Rebhühner verordnete. Nicola hätte liebend gerne heroisch verzichtet aus Gründen der Askese, doch diesem Ansinnen stand die Weisung seines Priors entgegen, der ihm kurzerhand befahl, gefälligst alles bis auf das letzte Flügelchen aufzuessen. Nicola gehorchte stets und immer, wie sein Oberer wusste, dem letztlich an der Gesundheit seines Schützlings mehr gelegen war als an dessen spirituellen Obsessionen.
Nicola blickte auf den Teller, von dem es appetitanregend duftete, wendete dann den Blick gen Himmel und bat dringend darum, entsagen zu dürfen. Nach göttlicher Logik konnte es nur einen einzigen Ausweg aus dieser Zwickmühle geben, der Nicola einerseits nicht des Ungehorsams schuldig machte und andererseits seine Bußübungen torpedierte: Die Rebhühner wurden wieder lebendig, werden zutiefst verwirrt ihr kerrick-kerrick gekrächzt und sich dann Flügel schlagend in die Lüfte erhoben haben.
Wir dürfen vermuten, dass die heilige Muttergottes diese Auflösung zwar als äußerst elegant empfand, aber hinsichtlich des Gesundheitszustandes ihres Schützlinges nicht hinreichend wirkmächtig. Darum wies sie ihn in einer Vision an, frisch gebackenes Brot in Wasser zu tauchen und davon zu essen. Und Nicola genas auf der Stelle.
Noch heute werden Nikolaus-Brötchen im Heiligtum gesegnet. Man taucht sie in Wasser und betet ein Vater Unsere, Ave Maria und Ehre sei dem Vater, bevor man sie zu sich nimmt.

Der Gebäudekomplex des Heiligtums besteht aus der Basilika mit ihrer prächtig vergoldeten Kassettendecke, der Sakramentenkapelle aus dem 17. Jahrhundert und dem Glockenturm. Daneben befindet sich das romanische Meisterwerk des um 1210 erbauten Kreuzganges mit herrlichem Glyzinien-Bewuchs, mit den Eingängen zu den Mönchszellen. Parallel zu Chor und Apsis der Basilika liegt die Kapelle der hl. Arme, in der 450 Jahre lang die Arme des Heiligen verehrt wurden, die irgendein Wahnsinniger vom Körper abgetrennt hatte. Bei wichtigen kirchlichen Ereignissen begannen diese auch prompt zu bluten. Heute liegt der komplette – wieder aufgefundene – Leichnam des Heiligen in der unterirdischen Krypta aus dem 19. Jahrhundert in einem vergitterten Glassarg.
Das ganze Ensemble ist von großer kunsthistorischer Bedeutung, doch die capellone genannte Große Kapelle mit den gotischen Kreuzgewölben ist ein wahres Kleinod: Decke und Wände sind mit farbenprächtig leuchtenden Fresken aus der Giotto-Schule bedeckt, wie wir sie aus der Basilika in Assisi kennen. Das Gewölbekreuz ist mit Darstellungen der Evangelisten und Kirchenväter geschmückt, die Wände zeigen Episoden aus dem Leben Jesu Christi, der heiligen Jungfrau und dreizehn Szenen aus der Vita des heiligen Nikolaus von Tolentino mitsamt seinen Aufsehen erregendsten Wundertaten: der Auferweckung des Mädchens Filippa aus Fermo von den Toten, die Rettung Schiffbrüchiger, eines zu Unrecht Verurteilten und Erhängten; auf dem Sterbebett umgeben von Engeln und Heiligen – als sein Todestag gilt der 10. September 1305.
In der Mitte des Raumes steht der Steinsarkophag aus dem Jahre 1474, in dem seine Reliquien bis zu seiner Umbettung in die moderne Krypta aufbewahrt wurden, darauf eine Statue (um 1460), wie er, im Mönchsgewand, in der einen Hand ein Buch hält und in der anderen einen Stern mit einem lachenden Kindergesicht.
Für einen Besuch der Basilika des heiligen Nikolaus in Tolentino sollte man sich viel Zeit nehmen, denn neben den Kunstschätzen und den Reliquien beherbergt das Heiligtum auch verschiedene interessante Sammlungen, wie etwa die einzigartigen Votivtafeln – die ältesten stammen noch aus dem 14. Jahrhundert – eine Keramik- und Gemäldesammlung, Paramente und Brokate sowie eine Krippensammlung. Auf keinen Fall sollte man die Diorama-Schau im Untergeschoß versäumen, in der in zahlreichen detailverliebten und bezaubernd ausgeschmückten Guckkästen das Leben und Wirken des Heiligen nacherzählt wird.
Die Anrufung des heiligen Nikolaus von Tolentino empfiehlt sich vor allem Eltern für ihre Kinder und Enkel, für Menschen, die sich im Kampf gegen das Böse bewähren müssen und für die Verstorbenen und die Armen Seelen. Für den Besuch des Heiligtums am Sonntag nach dem 10. September kann man nach Anordnung von Papst Bonifatius IX. aus dem Jahr 1400 einen vollständigen Ablass gewinnen.
Unabhängig davon wirkt unser Nicola unermüdlich und bis zum heutigen Tage noch Wunder. Und wer ihn an einem stillen Frühlings- oder Herbstabend besucht, sieht vielleicht sogar seinen lächelnden Stern über der Basilika stehen.
Heiligtum der Basilika des Hl. Nikolaus, 62029 Tolentino (MC), Italien
Zwischen 12 und 15 Uhr geschlossen wegen Mittagsruhe.
http://www.sannicoladatolentino.it

September 10, 2014   No Comments