Journalistin und Autorin

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Category — Heiligtum der besonderen Art

Editorial von Guido Horst für Vatican-magazin Januar 2021

>> Vor genau fünfzig Jahren begann die Würzburger Synode. Manche Menschen vorgerückten Alters wissen sogar noch, was das war.[…]

Den Jüngeren sei gesagt, dass mit der Würzburger Synode etwas begann, was die deutsche Amtskirche heute noch im Griff hat: geschäftiger Gremienkatholizismus, Bischöfe und Laien auf herrlicher Augenhöhe, Debatten um Strukturen, Dauerthemen wie Zölibat, klerikale Macht, Laienpredigt, Frauenweihe, neue Sexualmoral, Laien am Altar – und ökumenische Gefälligkeiten. Also „Lähmung durch Reformeifer“ (O-Ton Ratzinger, wie sein Biograf Peter Seewald schreibt). Das alles dauert jetzt schon fünfzig Jahre und findet im Synodalen Weg seinen soundsovielten Aufguss. Kirche wie ein Parlament, Progressive gegen Konservative, hohe Politik, die die Menschen mit ihren Alltagssorgen nicht interessiert. […]

Auf dem Hintergrund der Trümmer der Totalitarismen des zwanzigsten Jahrhunderts erkennt [Hannah] Arendt diese lichte Wahrheit: ,Das Wunder, das den Lauf der Welt und den Gang menschlicher Dinge immer wieder unterbricht und vor dem Verderben rettet, das als Keim in ihm sitzt und als Gesetz seine Bewegung bestimmt, ist schließlich die Tatsache der Natalität, das Geborensein.
Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien die frohe Botschaft verkünden: ,Uns ist ein Kind geboren’.“ Und dem Geheimnis der Menschwerdung (Weihnachten) wie auch der Gegenwart des Gekreuzigten in seiner Kirche (Ostern) begegne man nur dann in rechter Weise, wie Franziskus sagt, „wenn wir unsere Waffen ablegen und demütig und wesentlich sind“.<< Der ganze Text ist auf der Homepage des Vatican-magazin abrufbar.



Vorankündigung für Februarheft
Aus meiner Feder bzw. Linse gibt es im Heft Februar 21 einen Fotoessay über die „terra dei santi“ anlässlich der zweiten Auflage meines literarischen Reiseführers „Poetische Pilgerorte“. Außerdem schreibe ich über Kloster Ottobeuren als Heiligtum der besonderen Art speziell im Hinblick auf das 200. Geburtsjahr von Pfarrer Sebastian Kneipp, das wir 2021 begehen und der in der Basilika von Ottobeuren nicht nur getauft und gefirmt wurde, sondern auch seine Primiz gefeiert hat.

Januar 21, 2021   No Comments

Mein Mittelitalien-Führer „Poetische Pilgerorte“ geht in die zweite Auflage


Es ist soweit – und ich glaube, es kann keinen besseren Zeitpunkt geben als diesen: Viele Menschen, viele gläubige Menschen sehnen sich nach dem Süden. Doch wir leben in einer dramatischen Zeit. Auch in Italien steigen die Zahlen wieder erschreckend an, gleichzeitig nimmt die Sehnsucht zu: Nach Rom, nach Loreto, nach Norcia zum heiligen Benedikt, nach Manoppello zum rätselhaften Antlitz Christi, nach Lanciano mit seinem eucharistischen Wunder.
Vor gut einem Jahrzehnt erschien mein literarischer Reiseführer im Michael Müller Verlag Aachen. Seither ist viel geschehen, vieles hat sich geändert. Mit dem plötzlichen und unerwarteten Tod von Michael Müller im Februar 2014 hat die katholische Kirche in Deutschland eine beeindruckende Verleger- und Journalistenpersönlichkeit verloren. Ich behalte ihn in sehr guter Erinnerung, denn unsere Zusammenarbeit war von Aufrichtigkeit und Vertrauen geprägt.
Nun hat es Bernhard Müller von fe-medien in Kisslegg unternommen, mein damals im Aachener Verlag zuerst erschienenes Pilgerbuch erneut aufzulegen. Der Zeitpunkt passt wie kein anderer. Ich wünsche meinem Buch, dass es viele Leser findet, die sich ihre Sehnsucht bewahrt haben und – wenn es momentan nicht anders geht – mit meinen Texten auf eine Entdeckungsreise vom Lesesessel aus nach Mittelitalien aufbrechen möchten. Und nebenzu ist das Buch ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk. Besonders gefreut hat mich, dass sich fe-medien dazu entschlossen hat, die wunderschönen Fotos aus Italien, der jeweiligen Heiligtümer, auch in der zweiten Auflage farbig abzudrucken und in das Buch wieder mitaufzunehmen.
Wer es von mir persönlich signiert haben möchte, schickt mir einfach eine Nachricht über das Kontaktformular.

Barbara Wenz: Poetische Pilgerorte – Reisen ins mystische Mittelitalien
Fe-Medienverlags GmbH Kisslegg, 2020
ISBN 978-3-86357-285-3
www.fe-medien.de

Oktober 29, 2020   No Comments

Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche hat eine Erklärung zur Hagia Sophia

verfasst. Die Erklärung trägt das Datum vom 16./17. Juli. Übrigens das Datum der Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewisten (im Jahre 1918)

>>Die Heilige Synode der Russisch en Orthodoxen Kirche bedauert zutiefst die Entscheidung der türkischen Behörden, die Sophienkirche ihres Museumsstatus zu berauben und sie der muslimischen Gemeinschaft zu übergeben.
Diese Entscheidung wurde getroffen, ohne die Petitionen und die ausdrückliche Position der Vorsteher und Hierarchen der orthodoxen Ortskirchen, der Vertreter ausländischer Staaten, zahlreicher internationaler Öffentlichkeits- und Menschenrechtsorganisationen, Geistlicher verschiedener Konfessionen und religiöser Traditionen zu berücksichtigen. Sie verletzt die religiösen Gefühle von Millionen von Christen auf der ganzen Welt, was dazu führen kann, dass das interreligiöse Gleichgewicht und das Verständnis zwischen Christen und Muslimen nicht nur in der Türkei selbst, sondern auch anderswo gestört wird.
In einer Zeit, in der das Christentum an vielen Orten auf der Welt eine verfolgte Religion ist, in der der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten anhält, ist diese Entscheidung der türkischen Behörden besonders schmerzhaft. Das Gotteshaus der Heiligen Sophia wurde zu Ehren Christi, des Erlösers, erbaut und ist in den Köpfen von Millionen von Christen nach wie vor ein Gotteshaus. Für die orthodoxe Kirche hat dieses eine besondere historische und spirituelle Bedeutung.
Wenn wir uns an die brüderlichen Ortskirchen wenden, stellen wir mit besonderer Trauer fest, dass ein so freudloses Ereignis für die Heilige Orthodoxe Kirche heute die orthodoxe Welt ohne echten Zusammenhalt trifft, was eine direkte Folge der antikanonischen Legalisierung des Schismas in der Ukraine war und unsere Fähigkeit schwächte, neuen spirituellen Bedrohungen und zivilisatorischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Jetzt, im Zeitalter wachsender Christianophobie und zunehmenden Drucks der säkularen Gesellschaft auf die Kirche, ist Einheit noch mehr als zuvor erforderlich. Wir rufen die brüderlichen Ortskirchen auf, im Geist des Friedens und der Liebe zu Christus gemeinsam einen Weg aus der Krise zu suchen.
Wir hoffen, dass die türkischen Behörden die notwendigen Anstrengungen unternehmen werden, um die auf wundersame Weise überlebenden unschätzbaren christlichen Mosaiken zu erhalten und christlichen Pilgern den Zugang zu ihnen zu ermöglichen.
In der Hoffnung auf die weitere Bewahrung und Stärkung des gegenseitigen Respekts und Verständnisses zwischen Gläubigen verschiedener Weltreligionen appellieren wir an die Weltgemeinschaft, alle erdenkliche Hilfe zu leisten, um den besonderen Status der Sophienkirche, der für alle Christen von bleibender Bedeutung ist, zu erhalten.<<

Juli 20, 2020   No Comments

Die heilige Rita von Cascia und ihr Gebetsfelsen

Die heilige Rita von Cascia gehört, was den Grad ihrer Verehrung betrifft, zu den Heiligen der Superlative. Aus ganz Europa, wie auch aus Übersee, strömen bis zu einer Million Pilger im Jahr in das Städtchen Cascia, hinter den sieben Bergen, den Monti Sibillini, im Südosten von Umbrien. Die Basilika von Cascia bewahrt Ritas unverweslichen Leichnam, gehüllt in die Ordenstracht der Augustinerinnen, auf. Ihr Glassarg wird von einem prächtigen Schrein ummantelt und von goldenen Engeln bewacht. Seine eigenwillige Gestaltung erinnert an die Schlafkapsel eines Raumschiffes, in dem Astronauten der Zukunft ihre jahrhundertelangen Reisen durch den interstellaren Raum überbrücken. Nur, dass die heilige Rita nicht den Landeanflug erwartet, sondern die Wiederkunft des Herrn

Die Basilika wurde 1937 direkt neben dem historischen Konvent erbaut, in dem heute noch etwa fünfzig Augustinerinnen leben und Reliquien wie Ritas Ehering und Rosenkranz aufbewahren. Dort kann man auch den bemalten Holzsarg besichtigen, in dem sie Mitte des 15. Jahrhunderts beigesetzt wurde. Als man ihn im Jahre 1627, im Zuge des Seligsprechungsverfahren unter Papst Urban VIII. öffnete, fand man ihren Körper nach mehr als 150 Jahren unversehrt – und das, obwohl Holz weitaus mehr Luft und Feuchtigkeit durchlässt, als etwa ein gemauerter Sarkophag. Nach der Umbettung in einen Glasschrein ging erst so richtig die Post ab: Augenzeugen berichteten, dass die heilige Rita ihre Augen öffnete und wieder schloss, sich umdrehte und einmal sogar zum Deckel ihres Sarges empor geschwebt sei.
Nicht weiter verwunderlich, immerhin war Rita schon zeit ihres Lebens eine Art katholisches Superwoman. Das fing schon in der Wiege an. Ein Schwarm Bienen soll sich auf dem Gesicht des kleinen Mädchens niedergelassen haben, ohne sie zu verletzen. Sie verspürte schon als Kind eine Berufung zum Ordensleben, wurde aber im Alter von 12 Jahren an einen brutalen Tyrann verheiratet, der sie psychisch und physisch misshandelte und dem sie zwei Söhne gebar. Mit heroischer Tapferkeit und Demut ertrug sie ihren gottlosen Mann und war dabei ein solches Vorbild an Frömmigkeit, dass sie es nach über zwanzig Jahren Ehe schaffte, ihn zu bekehren.
Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde er Opfer eines politisch motivierten Attentats. Als ihre beiden Söhne daraufhin eine Vendetta starten wollten, bat Rita Gott inständig, die beiden zu sich zu nehmen, bevor sie ihre Rachepläne durchführen und somit in große Sünde fallen könnten. Ihr Wunsch wurde erhört: Im Jahre 1402 starben auch noch ihre Söhne. Rita hätte jetzt ihrer Berufung folgen und in den Augustinerinnenkonvent von Cascia eintreten können. Doch die sagten Njet. Laut der Regel war die Aufnahme von Witwen nicht gestattet. Rita ließ nun ihre Beziehungen zur Gemeinschaft der Heiligen spielen, und es stellte sich heraus, dass es sogar enorm gute waren: Keine geringeren als Johannes der Täufer, Augustinus höchstpersönlich und Nikolaus von Tolentino – eine wahrhaft himmlische task force – schritten ein und transportierten sie mittels ihrer überirdischen Kräfte eines Nachts in die Kapelle des Konvents. Als die Schwestern in aller Herrgottsfrühe die – verschlossene! – Türe öffneten, staunten sie nicht schlecht. Und so kam es, dass Rita doch noch dort Aufnahme fand, endlich am Ziel ihres Lebens!

Geboren wurde sie um 1370 oder 1380 als Margherita Lotti-Mancini in Roccaporena, einem winzigen Gebirgsnest unweit von Cascia. Ihr Elternhaus ist erhalten und kann besichtigt werden, ebenso die Kirche, in der sie getauft und getraut wurde. Der spektakulärste von allen Orten, die mit der heiligen Rita in Verbindung stehen, ist aber sicher der „Scoglio della Preghiera“ – am Ortseingang erhebt sich ein etwa 120 Meter hoher, kegelförmiger Felsen, der von einer Steinschanze gekrönt wird, darüber wurde eine Kapelle errichtet. Zu Ritas Zeiten war der Weg, der sich in Serpentinen auf einer Seite des Felsens emporwindet, noch nicht ausgebaut. Pilger aus aller Welt haben gespendet, um den Pfad zu befestigen und einzufassen – ihre Namen mit Jahreszahlen sind auf den Simsen, die den Weg säumen, eingraviert. Das junge Mädchen, das sich so sehr nach einem Leben als Augustiner-Eremitin sehnte, hat sich oft auf den beschwerlichen Weg hinauf gemacht, ohne sicheren Halt für ihre Tritte und ohne das moderne, feste Schuhwerk, das wir heute kennen. Ganz oben, hoch über dem engen Tal, in dem sich die grauen Natursteinhäuschen von Roccaporena ducken, wird die junge Margherita Tage des Fastens und des Gebets verbracht haben – direkt unterhalb des Gebetsfelsens entspringt eine Quelle, die Versorgung mit herrlich frischem Wasser war sicher gestellt. Es ist ein ganz besonderer Ort, voller Majestät, den sie sehr geliebt haben muss.
Heute ist es erstaunlich zu sehen, mit welcher Zuversicht, Ausdauer und froher Gestimmtheit insbesondere ältere Menschen, Rentner, Greisinnen und Greise, Kranke und Behinderte diesen Aufstieg wagen, um oben auf dem eigentlichen Gebetsfelsen Rosen niederzulegen. Rita liebte diese Blumen und die Heiligenlegende erzählt, dass sie sich auf ihrem Krankenlager – es war tiefster Winter – einen Strauß frische Rosen gewünscht hat. Das Wunder geschah, eine Mitschwester fand frisch erblühte Rosen im Garten und brachte sie ihr. Seither weiht die Kirche am 22. Mai, ihrem Todestag, die „Rita-Rosen“, die insbesondere den Kranken aufgelegt werden, um Heilung zu bringen. Rita selbst litt 15 Jahren lang an einer Stirnwunde, die ihr, so ist überliefert, von einem Dorn aus der Dornenkrone Jesu zugefügt wurde. Im Kloster in Cascia ist das Fresko mit dem Gekreuzigten noch zu besichtigen, vor dem sie damals kniete und inständig bat, das Leiden des Herrn teilen zu dürfen.
Dabei war ihr eigenes Leben doch nicht gerade arm an Leid. Für ein einziges Frauenleben war das Maß schon reich bemessen: Erst unglücklich verheiratet, dann sterben Mann und Kinder, danach lebt sie nur noch für Gott ein Leben voller Buße und mystischen Erlebnissen.
Kurz vor ihrem Tod erhielt sie noch einmal eine großartige Vision, in der sie Jesus Christus zusammen mit der heiligen Gottesmutter schaute. Als sie starb, verbreitete sich paradiesischer Wohlgeruch im Konvent und die Glocken der Kirchen im Ort läuteten von selbst – wie von Engelshänden betätigt. Doch damals fing ihre Arbeit erst richtig an!
Besonders für Frauen ist die heilige Rita eine beliebte Ansprechpartnerin, war sie doch in ihrem Leben sowohl Ehefrau und Mutter als auch Nonne. Unangefochten ist ihr hoher Status als Heilige für aussichtslose Fälle, ungezählte Male konnte sie das Blatt für diejenigen wenden, die sie vertrauensvoll anriefen. Weil sich darunter vermutlich viele Autofahrer befanden, die in Italien unterwegs waren – jeder, der es selbst erlebt hat, weiß, was für ein aussichtsloser Fall der italienische Straßenverkehr ist – wurde sie auch noch die Patronin der Autofahrer in Italien. Heilige Rita von Cascia, bitt’ für uns!

(zuerst erschienen in Vatican-Magazin Mai 2011]

Mai 21, 2020   1 Comment

13. Mai – Gedenktag Unserer lieben Frau von Fatima

Im Jahre 2017 jährte sich die Erscheinung der Muttergottes in Fatima zum 100.Mal. Zu diesem Anlass schickte mich damals „Cicero – das politische Magazin aus Berlin“ für eine Reportage vor Ort. Sie erschien im Maiheft des Jahres.

Heute ist wieder Fatimatag im Jahre des Herrn 2020 und ich möchte gerne auf einen Livestream mit einer virtuellen Pilgertour in Fatima hinweisen. Er beginnt um 21 Uhr und wird auf der Facebookseite „Fatima the Movie“ zu sehen sein.

© Barbara Wenz: Fatima 17.3.2017

Mai 13, 2020   4 Comments

Livestream mit Heiligen Messen und Eucharistischer Anbetung aus Altötting

Leserinnen und Leser des Vatican-magazins wissen, dass ich Altötting Mitte Januar in einer herrlich mystischen, mittwinterlichen Atmosphäre besucht habe mit wenig Pilgern, aber dafür ganz viel lichter Strahlkraft im Dunkel unserer Zeit. Der Artikel erschien im Februarheft dieses – bislang so unglückselig verlaufenden – Jahres 2020.

Für Katholiken und alle Christen ist es besonders schwer zu ertragen, dass wir gerade in der vorösterlichen Fasten- und Bußzeit des Trostes der heiligen Messe beraubt sind. Wie für alle anderen Menschen auch, wie auch für die Nichtglaubenden, die sich vielleicht anderer Tröstungen beraubt fühlen (Kinogänge, Fitnessstudio, Treffen mit Freunden in der Stammkneipe, beim Tapas-Spanier, zum Pizzaessen, einfach mal wieder zusammensitzen und eine Runde Kartenspielen oder Darten gehen und und und – auch wenn das natürlich völlig andere Tätigkeiten sind als ein Besuch der Heiligen Messe) müssen wir uns jetzt überlegen, wie wir weiter vorgehen wollen, müssen Struktur in unser Glaubensleben bringen wie auch in unsere Alltagsroutine.
Was das Glaubensleben betrifft, so haben wir jetzt dankenswerterweise die Möglichkeit, den Livestream aus der Altöttinger Gnadenkapelle zu verfolgen mit den täglichen Heiligen Messen, dem Rosenkranz, der Anbetung. Es schaut ein wenig statisch aus, aber wer genauer hinschaut, sieht deutlich, wie das rote Licht vorm Tabernakel flackert.

Da ich mein Überleben eines schwerwiegenden Unfalls Ende Januar der Fürbitte der Heiligen Gottesmutter von Altötting zuschreibe, die ich wenige Tage zuvor besucht hatte, ist das für mich eine besonders kostbare Gabe und ein Gnaden- Geschenk, das wir einem an sich bösartigen Virus verdanken, das ist das Paradoxe daran. Und so empfinde ich diese Zeit auch als eine ganz besondere Zeit, nicht nur des Schreckens und der Angst, sondern auch der Hoffnung und der Gnade – ein Geschenk, das wir nutzen dürfen und sollen.

Ich wünsche dem Livestream viele Zuschauer, nutzt die Zeit, mitzubeten, die Messe mitzufeiern, das Gnadenbild intensiv und ohne Zeitdruck immer wieder betrachten und darüber meditieren zu können. Die Herzen vieler bayerischer Könige sind in dieser Kapelle bestattet. Doch genau wie Tschenstochau ist es zwar ein Nationalheiligtum, doch gehört dabei der ganzen Welt.

März 27, 2020   No Comments

Zum Tag der heiligen Odile – der „Mutter des Elsass“

Es gibt zahlreiche spektakuläre Aussichtspunkte in den elsässischen Nordvogesen, doch der berühmteste unter ihnen ist zugleich ein heiliger Berg und eine Pilgerstätte: Der Odilienberg, 764 Metern über dem Meeresspiegel, bietet atemberaubende Ausblicke über die Landschaft der Rheinebene nach Osten zwischen Kehl und Lahr bis in die Hänge des Schwarzwalds, wie nach Westen über die Kämme der Vogesen bis weit ins Land hinein. Schon in frühester Vorzeit diente das Buntsandsteinmassiv mit seinem Hochplateau als Zufluchtsort. Eine 10 Kilometer lange Wallmauer umgibt seine Hänge, die so genannte Heidenmauer, von der man annahm, dass sie prähistorischen Ursprungs sei. Neueste Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass sie aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammen könne. Die Römer unterhielten dort eine Höhenfestung, die sie Altitona nannten. Heute befinden sich auf seinem Gipfel nicht nur der uralte Merowingerfriedhof, sondern auch eine großzügige und modernisierte Anlage, die auf den Resten des ehemaligen Klosters der heiligen Odilie, der Schutzpatronin des Elsass, errichtet wurde. Hier werden noch immer ihre Reliquien verehrt. Dieser Ort hat viele Pilger magnetisch angezogen, unter ihnen auch Johann Wolfgang von Goethe, der darüber in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt: „Einer mit hundert, ja tausend Gläubigen auf den Ottilienberg begangenen Wallfahrt denke ich noch immer gern. Hier, wo das Grundgemäuer eines römischen Kastells noch übrig, sollte sich in Ruinen und Steinritzen eine schöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Kapelle, wo sich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmutige. Das Bild, das ich mir von ihr machte und ihr Name prägte sich tief ein.“

Odilia oder Ottilie kam um das Jahr 660 als erstes Kind des fränkischen Herzogs Adalric (auch Attich, Etich) zur Welt. Adalric gehört zu den Stammvätern der Capetinger, sein Name taucht ebenso in den Ahnentafeln vieler bedeutender Herrscherhäuser wie der Salier, Staufer, Zähringer und Habsburger auf. Man geht davon aus, dass Odilia in dem Schloss ihres Vaters zur Welt kam, das dieser auf den römischen Ruinen von Altitona errichtet hatte. In einer Mischung aus Wut, Scham und Schuldgefühl befahl Adalric, dass sein erstgeborenes Kind, enttäuschenderweise eine Tochter und noch dazu blind geboren, in der Wildnis ausgesetzt werden solle. Der Herzog handelte gemäß einem heidnischen Brauch, da er insgeheim befürchtete, dass das behinderte Kind die göttliche Strafe für eine von ihm begangene schändliche Tat sei. Doch Persinda, seine Gemahlin, versuchte verzweifelt, das sichere Todesurteil für ihr Kind abzuwenden. Sie sandte deshalb einen Boten an ihre ehemalige Amme, die in einiger Entfernung lebte und die sich freudig dazu bereit erklärte, die Pflege und Erziehung des Mädchens zu übernehmen. Odilie wuchs, unter der Obhut ihrer Amme, in einem „Palma“ genannten Kloster auf, welches heute als Baume-les-Dames in der Nähe von Besançon identifiziert wird.
Das Christentum steht in dieser Zeit in Mitteleuropa in voller Blüte, auch wenn Adalrics Anwandlungen noch tief im heidnischen Gedankengut zu wurzeln scheinen. Denn die irischen Wandermönche und Missionare, die auf dem Weg nach Süden, nach Rom und Jerusalem durch das europäische Festland zogen, konnten das einfache Volk mit ihrem missionarischen Eifer, ihren glühenden Predigten und ihrer überzeugenden Lebensweise für das Evangelium entfachen. Vom heiligen Columban – nicht zu verwechseln mit dem Heiligen gleichen Namens, der in Schottland missionierte, ist bekannt, dass um das Jahr 592, also knapp 60 Jahre vor der Geburt Odilias, durch die Vogesen zog und unter anderem das bedeutsame Benediktinerkloster in Luxueil gründete. Die Leuchtspur des heiligen Columbans von Luxueil und seiner Gefährten zog sich durch ganz Süddeutschland, die Donauregion und den Bodensee, bis hinunter nach Norditalien. Selbst bis zu den slawischen Siedlungen im Osten drangen sie vor und prägten mit ihrer glühenden Hingabe das ganze siebte Jahrhundert in Mitteleuropa. Die Evangelisierung war mobil, meist zu Fuß durchzogen heilige Männer die Landen.
Und so tat es auch ein Bischof aus den bayrischen Landen, Erhard von Regensburg. Dieser Bischof Erhard empfing eines Tages eine göttliche Weisung: Er solle nach Palma gehen und dort ein blindes Mädchen auf den Namen Odilia taufen. Sie soll im Alter von 12 Jahren gewesen sein, als der Regensburger Bischof sie im wörtlichen Sinne aus der Taufe hob, denn zu dieser Zeit bestand der Ritus noch darin, dass man die Täuflinge in das Wasser eines geweihten Brunnens eintauchte. Schließlich salbte der Bischof die blinden Augen seines Taufkindes mit Chrisam. Und da geschah das Wunder: Odilia öffneten sich die Augen – sie erblickte zum ersten Mal seit ihrer Geburt das Licht. Nein, nicht das Licht der Welt, wie man Geburt noch gerne umschreibt: Es handelte sich insbesondere um eine geistliche Neu-Geburt in Christo. Durch das göttliche Wunder der Heilung ihrer Sinne, der jahrelang verschlossen gewesenen Augen, ereignete sich auch eine grundlegende Lebenswende für Odilia. Sie lernte Lesen und Schreiben und man ließ ihr die allerbeste Ausbildung angedeihen, denn sie war, wenn auch verstoßen, die Tochter eines Herzogs. Die Jahre zogen ins Land und es geschah, dass einer ihrer Brüder von ihrem Schicksal erfuhr und den Vater mit der Schwester wieder versöhnen wollte. Doch Adalric wollte, verstockt wie er war, nichts davon wissen und drohte seinem Sohn sogar. So ließ jener ohne Wissen des Vaters nach der Schwester schicken, um sie nach Hause auf die Hohenburg zu holen, wo er nicht nur sein Schloss erbaut, sondern mittlerweile auch ein Kloster gegründet hatte. Adalric muss ein sehr jähzorniger Mensch sein, denn als er Odilia und ihr Gefolge anreisen sah, verlor er dermaßen die Beherrschung gegenüber seinem Sohn, der sich nur das Beste für ihn und Odilia gewünscht hatte, dass er mit einem Stock auf ihn losging und in maßloser Wut erschlug. Es war die letzte Grausamkeit, die er in seinem Leben begehen sollte, den Rest seiner Tage verbrachte er voller Trauer und Reue in dem von ihm gegründeten Kloster, nicht ohne sich vorher mit Odilia herzlich versöhnt zu haben. Sie, die bis kurz vor seinem Tod als einfache Magd in seinem Kloster gelebt hatte, wurde von ihm in einem Moment der Barmherzigkeit, als er ihr zufällig begegnete, wie sie Mehl austrug, um für die Armen Brot zu backen, mit allen Würden und Rechten als Vorsteherin des Klosters eingesetzt. Nun hatte sie die verantwortungsvolle Aufgabe, für 130 Schwestern zu sorgen. Doch sie ließ auch Neubauten errichten: Eine Kirche, die dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht werden sollte, der ihr Schutzpatron war, seit sie während ihrer Taufe das Augenlicht wiedererlangt hatte, und ein Tochterkloster am Fuße des Berges, in dem besonders Alte und Kranke betreut werden sollten, die den steilen Aufstieg zum Mutterkloster nicht bewältigen konnten. Alle diese großartigen Unternehmungen erlebte Adalric nicht mehr – er starb kurze Zeit, nachdem er sie als Äbtissin eingesetzt hatte.
Als treue Tochter ehrte sie ihren Vater, der doch einst ihren Tod erwünscht hatte und fastete und betete nach seinem Hinscheiden tage- und nächtelang hartnäckig für seine Erlösung und um göttliche Barmherzigkeit. Ihre Trauer war unermesslich, denn sie musste davon ausgehen, dass Adalrics Seele aufgrund seiner schlimmen Taten am Orte der Verdammnis weilte. Aufgrund ihres großes Glaubens und ihrer Hingabe wurde Odilia erhört. Eines Nachts öffnete sich der Himmel und ein strahlender Glanz brach über sie herein. Die Vita berichtet, dass sie folgende Worte vernahm: „Odilia, die du Gott teuer bist, bezähme doch deine quälende Schwermut! Denn du hast von Gott für die Sünden deines Vaters Vergebung erlangt. Siehe auch, aus der Unterwelt befreit, wird er von Engeln geleitet, um sich dem Chor der Patriarchen zu gesellen!“ Sie aber pries Gottes Güte und sagte Dank dafür, dass er sich ihrer unwürdigen Gebete angenommen habe.
Heute markiert die so genannte Tränenkapelle den Ort, an dem das inständige und anhaltende Gebet der Heiligen stattgefunden hat: den ehemaligen Klosterfriedhof mit dem Grab ihres Vaters.

Zu den Umständen ihres eigenen Todes an einem 13. Dezember, das genaue Jahr ist unbekannt, soll jedoch nach 723 liegen, wird berichtet, dass Odilia, entgegen sämtlicher Gepflogenheiten der Zeit ihre Mitschwestern von ihrem Sterbelager wegschickte, damit sie die Psalmen sängen. Der Jammer der Frauen war groß, als sie bei ihrer Rückkehr die geliebte Äbtissin tot vorfanden, insbesondere auch deshalb, weil sie ohne den Empfang des Viatikums, der letzten heiligen Kommunion hinübergegangen sei. So sehr flehten, weinten und beteten sie, dass Odilias Lebensodem zurückkehrte. Sie setzte sich auf und beklagte sich bei den trauernden Frauen, denn sie habe im Jenseits die heilige Jungfrau Lucia getroffen und eine solche Freude genossen, die kein lebender Mensch ermessen könne. Doch die frommen Schwestern ließen sich durch solche Vorwürfe nicht beirren: Man könne ihnen schließlich Unachtsamkeit und Pflichtvergessenheit vorwerfen, wenn sie Odilia ohne einen letzten Empfang des Leib des Herrn sterben ließen! Daraufhin ließ die Äbtissin sich die heilige Kommunion bringen, empfing sie und hauchte ihre Seele im Kreise der Schwestern aus. Um ihre Grablege soll sich noch tagelang ein himmlischer Wohlgeruch ausgebreitet haben.

Das Kloster auf dem Sandsteinmassiv trotzte sämtlichen Zeitläuften. Nach einer Hochblüte unter Äbtissin Herrad von Landsberg, die im 12. Jahrhundert den „Hortus Delicarum“ das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammenfasste, wurde es während des Dreißigjährigen Krieges mehrmals geplündert. Danach übernahmen Prämonstratensermönche die Fürsorge für Odilias Grab und die zahlreichen Pilger, die vor allem um Heilung von Augenkrankheiten baten. Was der Bauernkrieg nicht geschafft hatte, gelang den Jakobinern der Französischen Revolution – die völlige Vertreibung der Ordensleute und die Vernichtung einer bislang beliebten Wallfahrt. Doch nicht für lange. Keine 60 Jahre später wurde das profanisierte Kloster zurückgekauft und dem Bischof von Straßburg unterstellt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts pulsiert das geistliche Leben auf dem Berg wieder, ist das Kloster nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, sondern auch einer der beliebtesten Wallfahrtsorte in Frankreich, der im Jahr 1988 als prominentesten Pilger der Neuzeit Papst Johannes-Paul II. empfangen durfte.

Über dem Eingangstor des ehemaligen Klosters ist die in Stein gemeißelte Inschrift zu lesen: „Hier blühte einst die heilige Äbtissin Odilia, hier waltet sie immerfort als Mutter des Elsass“.
Im Herzen des ehemaligen Klosters, das von drei Ordensschwestern vom Heiligen Kreuz und einem Kaplan betreut wird, glüht die Liebesflamme der Ewigen Anbetung: Seit 1931 kommen Gruppen von Gläubigen aus allen Pfarreien und Dekanaten, um vor dem Allerheiligsten tagsüber und in der Nacht zu beten – eine Woche lang, bis sie von der nächsten Gruppe abgelöst werden. Draußen blickt die überlebensgroße Statue der heiligen Odilia mit dem Äbtissinnenstab auf einem Balustradenturm weit in die oberrheinische Tiefebene und hält ihre segnende Hand über die Landschaft und ihre Bewohner. Es ist ein gewaltiges Zeichen, sichtbar für alle, für den gläubigen wie den nichtglaubenden Besucher dieser besonderen heiligen Stätte.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Januar 2014]

Dezember 12, 2018   No Comments

Zum Tage – russisch-orthodoxe Andacht zum heiligen Nikolaus von Myra

Diese Andacht wird normalerweise eher am 19. Dezember gesungen – die russisch-orthodoxe Kirche feiert nach dem alten Kalender – doch nach all dem Weihnachtsmann-Krimskrams heute brauchte ich ein wenig Erbauung.
Wer Russisch lesen und sprechen kann, ist in der Lage, mitzusingen, das Video hat Untertitel.

Es enthält auch, circa ab Minute 8.00, den Akathistos zum heiligen Nikolaus, dessen deutsche Übertragung man hier auf den Seiten der St. Michaels-Gemeinde finden kann.

Wer das Vatican-Magazin bezieht oder es gerne kennen lernen möchte: In meiner Rubrik „Heiligtum der besonderen Art“ geht es diesmal um die Basilika San Nicola in Bari, auch wenn der Artikel wenig zentraleuropäisch-winterlich geworden ist; dafür erzähle ich eine der Geschichten, die im Akathist auch besungen wird, die sich um den heiligen Bischof ranken und seinen Ruhm als Wundertäter und Nothelfer begründeten.

Dezember 6, 2017   2 Comments

Heiliger Pellegrino Laziosi – Schutzpatron der Krebskranken

Forlì in der Emilia-Romagna ist sozusagen die kleine Schwester Bolognas, doch bleibt das Städtchen heute von den meisten ausländischen Touristen eher unbeachtet. Den meisten ist es lediglich durch seinen kleinen Flughafen bekannt, der von einer Billigfluglinie genutzt wird, so dass man preiswert ein Wochenende im nahe gelegenen Bologna verbringen kann.

Für zahlreiche Pilger aber, die um den geistlichen Schatz dieses Städtchens wissen, besitzt eine Wallfahrt nach dort immense, ja lebenswichtige Bedeutung. Denn in der Basilika San Pellegrino Laziosi befindet sich der Schrein des gleichnamigen Heiligen, der als Schutzpatron der Krebskranken und der chronisch Kranken verehrt wird. Die Basilika in der Via Girolamo Mercuriali im historischen Zentrum wird von den Brüdern des Servitenordens betreut; sie beten auch mindestens wöchentlich in den und für die Anliegen aller Schwerkranken und Leidenden weltweit, die vielleicht schon zu gebrechlich sind, um sich auf den Weg nach Forlì zu machen.

Der Geburtstag des Pellegrino Laziosi ist unbekannt. Man nimmt an, dass er entweder um 1250 oder 1265 in Forlì geboren wurde. Die Überlieferung besagt, dass er das einzige Kind seiner Eltern war und deshalb besonders geliebt und verwöhnt worden sei. Eine weitere überlieferte Begebenheit im Zusammenhang mit seiner Bekehrung ist umstritten: Pellegrino soll sich am Aufstand unzufriedener Bürger gegen den Kirchenstaat, dem Forlì angehörte, beteiligt haben und dabei handgreiflich gegen einen der Begründer des Servitenordens geworden sein, der versuchte, die Menge zu besänftigen.
Der „Ordo Servorum Mariae“ geht auf die Initiative von Florentiner Kaufleuten zurück, die sich in den Dreißiger Jahren des 13. Jahrhundert zusammenfanden, um mit und durch die Verehrung Mariens, Gott und den Menschen zu dienen. Die Serviten übernahmen sehr bald die Ordensregel des Augustinus und verbreiteten sich bald in ganz Italien sowie in Deutschland und Frankreich. Auch Laien fühlten sich von dem Charisma der „Diener Mariens“ angezogen, die Terziaren erhielten zweihundert Jahre später offizielle päpstliche Anerkennung.

Doch zurück zu unserem Pellegrino, der über seinen tätlichen Angriff auf einen Gottesmann so erschüttert gewesen sein soll, dass er sich zunächst entschuldigte und schließlich bekehrte. Während eines langen, flehentlichen Reuegebetes vor dem Bild der Muttergottes in einer Kirche wurde ihm eine Vision geschenkt, in der Maria ihm sagte, sie wolle ihn errettet sehen, sie werde ihm selbt den Weg zur Seligkeit zeigen. Befiehl, o Himmelskönigin, soll Pellegrino geantwortet haben, und ich werde dir gehorchen. Maria erwiderte, in dem sie sich auf die wörtliche Bedeutung seines Vornamens Pellegrino – „Pilger“, bezog, er solle nach Siena in den Konvent des Servitenordens pilgern, wo er heilige Männer vorfinden werde, denen er sich anschließen möge. Und so machte sich unser Pellegrino ohne zu zögern auf den Weg nach Siena, um sich im dortigen Konvent vorzustellen. Nach seiner Probezeit ließ er sich mit dem schwarzen Habit der Diener Mariens einkleiden und legte die Gelübde von Keuschheit, Armut und Gehorsam ab.
Wie lange er in Siena blieb ist unklar, jedoch soll ihn sein Oberer im Alter von 30 Jahren zurück nach Forlì geschickt haben, damit er in seiner Geburtsstadt Gott und den Menschen dienen, die Gläubigen durch seine große Bußfertigkeit und sein asketisches Leben ermutigen und die Ungläubigen unterweisen solle. Er wachte ganze Nächte auf Knien im Gebet durch, wenn er nicht fastete, nahm er seine Mahlzeit im Stehen ein. Jeden Tag ging Pellegrino zudem zur Beichte und bekannte unter Tränen seine Sünden. Kurz, er brannte vor Eifer, den Willen Gottes zu tun und seine Gebote zu erfüllen.

Die Zeit der Prüfung kam auch für diesen vorbildlichen Heiligen: Als er 60 Jahre alt war schwoll sein rechtes Bein an und wurde brandig. Ursache war vermutlich ein Venenleiden, verschlimmernd hinzu kam ein aggressiver Knochentumor an eben jenem Bein. Unser Heiliger ertrug sein Leiden tapfer und ohne sich je zu beklagen oder seinen Mitbrüdern zur Last zu fallen, denn er war sich gewiss, dass ihm diese Prüfung von Gott gesandt wurde, um ihn zu vervollkommnen. Sein Arzt sah keine andere Möglichkeit mehr, das Leben Pellegrinos zu retten, als das Bein abzunehmen.
Voller Gottvertrauen schleppte sich der nun auf Leben und Tod Erkrankte in der Nacht vor dem Eingriff zu einer Darstellung des Gekreuzigten, einem Fresko, vermutlich aus der Schule von Rimini, welches heute noch im Kapitularsaal bewundert werden kann. Bevor er erschöpft an Ort und Stelle in den Schlaf fiel, soll er folgendes Gebet gesprochen haben: „O Erlöser der Menschheit, um uns von unseren Sünden freizukaufen hast du dich der Qual des Kreuzes und dem allerbittersten Todeskampf unterworfen. Während Du auf Erden weiltest, hast Du viele Menschen geheilt: Du hast Leprakranke wieder rein und den Blinden sehend gemacht, als er Dich anflehte: ‚Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich!’ O Herr, mein Gott, erbarme Dich mir ebenso und befreie mein Bein von dieser Krankheit, denn wenn du es nicht tust, so muss es weggeschnitten werden!“
Im Traum sah Pellegrino den Herrn vom Kreuz steigen, sich niederbeugen und sein Bein berühren – als er wieder erwachte, war er vollständig geheilt. Pellegrino pries glücklich und dankbar den Herrn und kehrte als gesunder Mann in seine Kammer zurück. Wie groß war das Erstaunen des Arztes, der am nächsten Morgen zu Pellegrino kam, um den Eingriff durchzuführen! Zunächst dachte der verblüffte Chirurg, der fromme Mann spräche im Fieberwahn, als er ihm wieder und wieder beteuerte, dass Gott, der Herr in vollständig geheilt habe und er wieder nach Hause gehen könne. Schließlich konnte er sich selbst davon überzeugen, in dem er Pellegrinos Bein nochmals eingehend untersuchte – kein Brand mehr, kein faulendes Gewebe, alles wieder heil und wie neu!

Die Nachricht von diesem Wunder, das von einem Arzt noch dazu bestätigt werden konnte, verbreitete sich in Windeseile. Zahlreiche Menschen strömten herbei und dankten Gott, andere bekehrten sich. Als Pellegrino Laziosi im Alter von 80 Jahren an einem Fieber starb, nahmen so viele Menschen Anteil, dass Forlì in der Nacht seine Stadttore nicht schließen konnte. Wie so oft, wenn ein Heiliger gestorben ist, wurde davon berichtet, dass sein Körper nach dem Tode noch einen wunderbaren und überirdischen Duft verströmte. Doch es geschah ein noch weit größeres Wunder: Ein blinder Bettler, der vom Tode Pellegrinos gehört hatte und vor dessen aufgebahrten Leichnam um Heilung bitten wollte, widerfuhr vor einer großen Menschenmenge folgendes: Der leblose Körper Pellegrinos soll sich aufgerichtet und den Mann mit dem Kreuzzeichen gesegnet haben – im selben Augenblick hatte er sein Augenlicht wiedererlangt und pries die Größe und Allmacht Gottes. Weitere, spektakuläre Heilungswunder geschahen – doch die katholische Kirche ließ sich ein wenig Zeit mit der Kanonisierung dieses schon zu Lebzeiten hoch verehrten Heiligen: 1609 erfolgte die Seligsprechung durch Papst Paul V., die Heiligsprechung durch Benedikt XIII. erfolgte über 100 Jahre später, 1726.

Heute ruht unser Pellegrino in einem gläsernen Schrein in einer Seitenkapelle der Basilika, die seinen Namen trägt und ein bedeutendes Heiligtum des Servitenordens ist. Ihre Fassade aus dem 13. Jahrhundert hat sich weitgehend erhalten. Neben dem Besuch der Kapelle des Heiligen empfiehlt sich auch die Besichtigung des Kapitelsaals, in dem sich heute noch das Fresko mit der Darstellung des Gekreuzigten befindet, vor dem das Heilungswunder an Pellegrino geschah.
Am Eingang gleich rechts verdient ein sehr schönes und typisches Renaissancegrabmal für Luffo Numai Beachtung, der zur Zeit der Caterina Sforza und der Borgias ein wichtiger Politiker und Ratgeber in Forlì war. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der hölzerne Chor hinter dem Hauptaltar, der von einer beeindruckenden Addolarata-Statue des Bologneser Bildhauers Angelia Pio (1690-1770) überragt wird. Die Orgel über dem Portal wurde von dem Venezianer Orgelbaumeister Gaetano Callido gebaut.

Ein Besuch beim heiligen Pellegrino empfiehlt sich vor allem in den ersten Maitagen, sein Festtag ist 1. Mai, der Servitenorden gedenkt seiner am 4. Mai. Zum Festtag sind auf dem Platz vor der Basilika unzählige Stände mit buntem Zitronat und Zitrusfrüchten aufgebaut, wie es einer alten Tradition entspricht, deren Ursprung nicht mehr genau festzustellen ist.
Wer in einem ernsten Anliegen in versammelter Stille um die Fürsprache des heiligen Pellegrinus für sich oder andere bitten möchte, meidet aber vielleicht diesen Tag besser. Unzählige Gläubige haben sich im Laufe der Jahrhunderte mit ihren Anliegen vertrauensvoll an ihn gewendet, viele sind erhört worden; eine erstaunlich große Zahl, nämlich über 300 sollen es allein in der kleinen umbrischen Stadt Città di Castello gewesen sein.
Dort wirkte Pater Tassinari, ein Servit aus Forlì, als geistlicher Führer der heiligen Veronika Giuliani (Vatican-Magazin Mai 2012), dessen Gangrän, also Wundbrand, in den Jahren 1702 und 1726 geheilt wurde. Im Jahre 1716 genas die heilige Veronika sofort und vollständig von einer lebensgefährlichen Infektion, während Tassinari für sie eine Messe zu Ehren Pellegrinos feierte. Durch die Ausbreitung der Serviten, die in Rom mit dem „Marianum“ eine päpstliche theologische Fakultät unterhalten, welche sich insbesondere der Mariologie widmet, wird die Verehrung des Heiligen heute in ganz Europa wie auch in Kanada, den USA, Brasilien und sogar auf den Philippinen praktiziert.

[Zuerst erschienen in Vatican-Magazin, Rubrik Heiligtum der besonderen Art]

Mai 2, 2017   No Comments

Die Botschaft von Fatima und ich

Ich bin ja von Haus eigentlich Protestantin und wohl unverdächtig, gegenüber Marienerscheinungsorten anfällig zu sein. Ich darf auch sagen, ich war schon oft genug an allen möglichen heiligen Orten, Rom, Loreto, Assisi, Norcia, Cascia, Bari und San Giovanni Rotondo, bedeutendere und weniger bedeutende ohne Zahl.
Fatima ist einzigartig. Dabei konnte ich nie wirklich etwas damit anfangen, bis ich endlich hier war. Wo ich mich zuhause noch jedes Mal überwinden musste, endlich einmal wieder den Rosenkranz zu beten, ich lief in Fatima durch die Straßen und ließ die Perlen durch meine Finger gleiten, als würde ich Schwimmzüge machen. Es war so natürlich wie zu atmen.
Nossa Senhora, sie ist da – niemand braucht sich etwas vorzumachen. Natürlich kann man das ignorieren, aber es ändert nichts.
Und noch etwas: Das Zeichen von Fatima ist auch ein Zeichen der unbedingten Liebe zum Papst. Bei allem Hader und Zwist, bei allem Unwohlsein, das ich manchmal auch teile – ein kleines Hirtenmädchen, Jacinta Marto, machte es uns vor: Sie opferte erst Jesus und dann dem Heiligen Vater alles, ihre Gebete, ihr schweres Leiden, am Ende auch ihr Leben und ihr Sterben auf, um ihn zu unterstützen (und natürlich, um die Sünder zu bekehren).
Ja, sie hatte ja keine Ahnung, was der Heilige Vater alles falsch oder richtig machte. Darum ging es ihr auch gar nicht. Sie wusste nur, was er zu leiden hat, und das erfasste sie in ihrem winzig kleinen Herzen intuitiv. Nur ihr wird eine Vision zuteil, in der sie den Heiligen Vater einsam an einem Tisch sitzen und bitterlich weinen sieht über die Zerstörung der Welt und die Verfolgung der Kirche, während draußen vor seinem Haus die Menschen ihn beschimpfen und Steine gegen die Mauern schleudern.
Vermutlich ist das nicht das Bild, das uns beim Gedanken an den derzeitigen Heiligen Vater als erstes in den Sinn kommt – und dennoch wissen wir nicht, ob es nicht auch auf ihn zutrifft, auf einer Ebene, von der wir nichts wissen können.
Das Mädchen Jacinta, dessen Heiligsprechung zusammen mit der ihres Bruders Franciso übrigens gestern angekündigt wurde und von Papst Franziskus voraussichtlich bei seinem Besuch im Mai 2017 in Fatima vorgenommen wird, hat alles für Jesus und den Heiligen Vater gegeben – sogar das bittere Schicksal, ohne die Letzte Wegzehrung ganz alleingelassen in einem Krankenhaus in Lissabon, fern ihres Heimatortes, qualvoll an Rippenfellentzündung zu sterben – im Alter von kaum zehn Jahren, wie es ihr angekündigt worden war.
Wie kann ein so kleines Mädchen so viel von der Liebe wissen, müssen wir uns, die wir uns doch als erwachsen bezeichnen und das Leben scheinbar so gut kennen, betroffen fragen, angesichts dieser kleinen portugiesischen Hyazinthe aus vergoldetem Stahl.
Die große Fastenzeit ist immer eine besonders gnadenreiche, aber auch eine sehr unruhevolle Zeit – ein Blick in die Tagesschlagzeilen treibt uns immer wieder Tränen in die Augen. Auch dieses Jahr ist das so – aber da ist die Verheißung von Fatima, und nach den hochfestlichen Ostertagen dürfen wir am 13. Mai den hundersten Jahrestag der ersten Erscheinung Unserer Lieben Frau von Fatima begehen. Ihr unbeflecktes Herz, so hat sie uns durch die drei Seherkinder ausrichten lassen, wird unsere Zuflucht und zugleich der Weg sein, der uns zu Gott führen wird.
Wir dürfen ihr vertrauen. Sie hat Jacinta und Francisco früh zu sich geholt, wie sie es ihnen versprochen hat. Und durch die Weihe der Welt an ihr unbeflecktes Herz hat sich am Ende sogar Russland bekehrt. Was für ein ungeheuer machtvolles Zeichen, fast hört man die Jungfrau jubelnd das Magnifikat singen, während sie den Eisernen Vorhang zerreißt und Menschen auf der Berliner Mauer tanzen.
Sie ist es, die hervorbricht wie die Morgenröte, schön wie der Mond, auserwählt wie die Sonne und schrecklich wie Heerscharen, die uns diese Zusage gibt: Ihr Herz wird unsere Zuflucht sein, und durch ihr mütterliches Herz gelangen wir unter sicherem Geleit zu Jesus, unserem Herrn, der die Wahrheit und das Leben ist.
In Ewigkeit. Amen.

März 24, 2017   No Comments