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Geistliche Paare: Heinrich Seuse und Elisabeth Stagl

Vom seligen Heinrich von Seuse, auch Henricus Suso genannt, ist keine Grabstätte, sind keine Reliquien geblieben. Weder sein genaues Geburtsjahr noch sein tatsächlicher Geburtsort sind bekannt: Um 1295 oder wenige Jahre später, jedenfalls vor 1300, das Elternhaus stand entweder in Überlingen oder Konstanz. Allerdings sind uns die Werke Seuses überliefert worden – wenn auch nur in Abschriften: Das „Büchlein der Wahrheit“, das „Büchlein der Ewigen Weisheit“, das „Briefbüchlein“, einige Predigten und insbesondere seine selbstverfasste „Vita“.
Weithin gilt Heinrich Seuse zusammen mit seinem Lehrer Meister Eckhart und dem dominikanischen Theologen Johannes Tauler, als Teil des großen deutschen „mystischen Dreigestirns“ – doch seine erhaltenen Schriften werden besonders auch von Germanisten – sie gehören sprachlich wie literarisch gesehen zur schönsten Prosa des deutschen Spätmittelalters.
Der katholische Dichter Reinhold Schneider bezeichnet Seuses Schriften und seinen literarischen Stil als „Krongut unserer Sprache“ – es habe „wenig seinesgleichen an Innigkeit und Feuer, Herzlichkeit und Einfalt, Tiefsinn, Schönheit, umschmelzender Gewalt.“

Im Konstanzer Inselkloster bei den Dominikanern erhält der Knabe Heinrich ab seinem dreizehnten Lebensjahr eine solide Ausbildung zunächst in Latein, Lektüre der Heiligen Schrift, dem Offizium und der Ordensregel, sodann in philosophia rationalis – aristotelischer Logik – und in der philosophia realis, also Physik, Geometrie, Astronomie und Metaphysik. Daran schließen sich Studien in Theologie und Philosophie an,worin er sich als so begabt erweist, dass man ihn um 1323 zum Studium Generale nach Köln schickt. Zu seinen Lehrern dort gehört der berühmte Meister Eckhart. Etwa vier Jahre später kehrt er wieder in sein Stammkloster zurück und wirkt dort als Lektor pder auch „Lesemeister.

Obwohl er in dem relativ geschützten Raum, im Kloster eines bedeutenden Ordens seine Jugendjahre verbringt, empfindet der erwachsene Mann später ein großes Unbehagen gegenüber der Welt und seinen Zeitgenossen. Er lebe unter „wölfischen Menschen“, in einer vergreisenden Welt erkaltender Minne.
Der Topos des mundus senescens, der alternden Welt, ist aus der Antike wohlbekannt und wurde zum Beispiel von Papst Gregor in seiner Leichenpredigt auf Rom während der Belagerung durch die Langobarden im Jahr 592 benutzt. Seuses Pessimismus auch gegenüber den Menschen war wohlbegründet: Im Jahre 1330 geriet er unter den Verdacht der Häresie und wird in Maastricht „mit zitterndem Herzen“, wie er selbst es beschreibt, vor das Ordensgericht gestellt. Im 23. Kapitel seiner Vita mit der Überschrift: „Von mannigfaltigem Leid“ klingt das erschütternde dieser Erfahrung durch: „Viel Dinge wurden ihm zur Last gelegt, deren eines war: dass er Bücher schreibe, die falsche Lehren enthielten; durch sie werde das ganze Land mit ketzerischem Schmutz verunreinigt. Gar übel ward er mit scharfen Worten angefahren, und große Leiden wurden ihm angedroht, obgleich Gott und die Welt seine Unschuld kannten.“
Zwar wird er rehabilitiert, doch die Vorwürfe haben ihn schwer verletzt. Von der reinen Schreibtisch- und Lehrtätigkeit als „Lesemeister“ für den Klosternachwuchs verlegt er nun seinen Schwerpunkt auf die geistliche Betreuung von Dominikanerschwestern und reist dafür als Spiritual von Frauenkloster zu Frauenkloster. In Kloster Töß bei Winterthur lernt er um das Jahr 1335 die etwa gleichaltrige Elsbeth Stagl kennen, gebürtig aus Zürich, die seine geistliche Tochter wird und die er bis zu ihrem Tod um das Jahr 1360 als Seelsorger begleitet. Auch an der Entstehung seiner „Vita“ hat sie maßgeblichen Anteil.
Seuse hat sich ungefähr bis zu der Zeit, in der er Elsbeth begegnet, sein Leben lang hart kasteit und seinen Leib gezüchtigt. Doch dieser Weg hat ihn in eine geistige Sackgasse geführt. Er wird immer trauriger und bedrückter, ist unzufrieden mit sich selbst. Eines Tages sitzt er in seiner Zelle und vernimmt eine Stimme, die ihm sagt:“Tuo uf der celle venster, und luog und lern!“ An dieser Stelle kommt uns der Zuruf an den heiligen Augustinus und seinen Bekehrungsmoment sofort in den Sinn „Nimm und lies!“. Aber Heinrich ist ja schon christgläubig, es fehlt ihm nur das rechte Verhältnis zur Sühne, zur Askese und zur Nachfolge Christi in seinen Leiden. Also steht er auf und öffnet das Fenster, erblickt davor ein Hündchen, das mit einem „Fußtuch“ spielt – heute wäre das vielleicht eine alte Socke – und hin und her zerrt, schüttelt und Löcher hinein beißt. Dieses Tuch wird für ihn zur Chiffre für den wahren Gehorsam gegen Gott: Nicht sich selbst will er weiterhin Leiden auferlegen, sondern die Leiden, die von außen auf ihn erlegt werden, die ihm von Gott über andere, über seine Mitmenschen oder durch Krankheiten gesendet werden, sie reichen aus – die will er von nun an geduldig ertragen und nicht mehr versuchen, sie aus sich selbst noch zu mehren.
Das „Fußtuch“ ist seither nicht mehr aus der Ikonographie wegzudenken. Wer immer Seuse künstlerisch darstellen wollte, brachte es meist mitsamt dem Hündchen in seiner Abbildung unter und für Seuse selbst wurde es so bedeutsam, dass er es an sich nahm und immer mit sich trug. Als ihm eines Tages die Eingebung kommt, es an seine liebe geistliche Tochter Elsbeth Stagl zu verschenken, da kann er sich nicht dazu überwinden, es herzugeben, nicht einmal an sie …
Neben dem Fußtuch treffen wir in künstlerischen Darstellungen des Dominikaners immer wieder auf Rosen, jede Menge weiße und rote Rosen, manchmal auch als Kranz um seinen Kopf – und auch sie haben einen Bezug zum Leiden, den Seuse selbst so ausdeuten möchte: „Die Menge der Rosen, das sind die mannigfaltigen Leiden, die Gott ihm zusenden will, die er freundlich von Gott empfangen und geduldig leiden soll“. Und auch: „Leiden kleidet die Seele mit rosigem Kleide, mit Purpurfarbe, es trägt den Kranz von roten Rosen.“ Was nun seine geistliche Gefährtin Elsbeth Stagl betrifft, so war Seuse, besorgt um ihre stets schwache Gesundheit, fast bis zur Abweisung schroff, als diese ihn um seine Unterweisungen bittet. Er rät ihr, davon zu lassen, sie solle das nehmen, was ihr gemäß sei, sie scheine ihm doch noch eine recht ungeübte Schwester. Sie gibt zurück: „Lieber Vater, wisset, dass meine Begierde nicht steht nach klugen Worten, sie steht nach heiligem Leben, und das recht und redlich zu erreichen habe ich Mut, wie weh das auch tun mag.“ Er solle nicht erschrecken über ihre „kranke, zarte, frauliche Natur“, denn „was ihr auszuhalten befohlen, das der Natur wehtut, das getraue ich mich zu erfüllen mit Gottes Hilfe.“ Woraufhin Seuse ihr wiederum seine maßvolle Praxis nahelegt: „Liebe Tochter, wenn du dein geistliches Leben nach meiner Lehre einrichten willst, … so unterlass derlei übertriebene Strenge, da dies der Schwäche der Frau und deiner wohlgeordneten Natur nicht ziemt. Der liebe Heiland sprach ja nicht: Nehmet mein Kreuz auf euch, er sagte: Nehme jeder Mensch sein Kreuz auf sich. …. Allgemein gesprochen ist kluge Strenge der maßlosen vorzuziehen. Da aber der Mittelweg schwierig zu finden ist, so ist es doch angemessener, ein wenig darunter zu bleiben, als sich zuviel darüber hinaus zu wagen. …. Ich erwarte, dass Gott dir ein andersartig Kreuz auf den Rücken legen wird, das dir schmerzhafter sein wird als alle eigene Züchtigung. Kommt dir dies Kreuz, so empfange es mit Geduld.“

Wenn Stagl von sich selbst als zarte, frauliche Natur spricht, so blitzt hinter dem zeitgemäßen Bescheidenheitstopos und der Demutshaltung einer gehorsamen, gottesfürchtigen Schülerin durchaus der starke Charakter, der Mut und sozusagen die „hochgemute Seele“ (Walter Nigg) Elsbeths auf. Sie ist selbst geistliche Schriftstellerin, hat sie doch um 1340 das Tössener Schwesternbuch verfasst. Schwesternbücher waren Anfang des 14. Jahrhunderts ein beliebtes Mittel zur geistlichen Unterweisung in den Dominikanerinnenklöstern. Das Tössener Schwesternbuch umfasst 39 Viten von Frauen, die erbaulich und gleichzeitig prachtvolle Lektüre sind. Dieses Werk, für Walter Nigg „eines der schönsten Klosterbücher“ ist auch heute noch, ebenso wie die Schriften Seuses, Gegenstand von germanistischen Studien. Und man sagt sogar, Elsbeth Stagl sei Zürichs erste Schriftstellerin gewesen.
Tatsächlich wäre die Vita des Heinrich Seuse gar nicht in der Welt, wenn Elsbeth nicht gewesen wäre. Denn sie war diejenige, die damit begonnen hatte, ihren geistlichen Lehrmeister über sein Leben zu befragen, wenn er sie besuchte. Sobald sie wieder alleine war, machte sie sich heimlich an die Niederschrift des Geschilderten. Und eines Tages gesteht sie Seuse ihre Unternehmung ein. Doch dieser reagiert unvermittelt mit einem Wutausbruch, fordert die Herausgabe des Manuskriptes und wirft es ins Feuer. Die umsichtige Schwester hatte allerdings auch daran gedacht, Kopien anzufertigen. Ihr Werk blieb erhalten und Seuse, der sich irgendwann wieder beruhigt hatte, fand das Unterfangen mit der Zeit eine doch recht gute Idee. Er ergänzte das von Elsbeth über ihn bereits verfasste, indem er über sie, seine Schülerin schrieb. Und so ist auf eigentlich wunderbare Weise diese Vita entstanden – als ein Gemeinschaftsprojekt zwischen einem Mann und einer Frau, die übereinander und miteinander schrieben. Streng genommen ist also diese Vita eben nicht, wie man hin und wieder liest, die „erste Autobiografie“ der deutschen Literaturgeschichte.
Die Beziehung zwischen Elsbeth und Heinrich war so innig, dass sie sogar über den Tod hinausreichte. Als sie im Sterben lag, sandte er ihr einen Abschiedsbrief mit folgender Ermunterung:“Du hast nun fürbass nichts mehr zu tun als göttlichen Frieden in stiller Ruhe zu haben und fröhlich der Stunde deines zeitlichen Vergehens in die vollkommen ewige Seligkeit zu harren.“
Nach ihrem Heimgang erschien die geliebte geistliche Tochter dem großen Mystiker in einer herrlichen Vision – „in Gestalt einer Abgeschiedenen, leuchtend in schneeweißem Gewand, wohl geziert mit lichtvoller Klarheit, voll himmlischer Freuden“. Elsbeth starb vermutlich im Jahr 1360, am 25. Januar 1366 folgte Heinrich ihr nach.
Dieser Mann und diese Frau, dieses Mystikerpaar schimmern seither – um es abschließend mit den Worten von Walter Nigg zu sagen, in ihrer Gottzugewandtheit wie ein heller Stern am herbstlichen Abendhimmel des Mittelalters.

[zuerst erschienen im Vatican-magazin Ausgabe Dezember 2018]

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