Heiliger Pellegrino Laziosi – Schutzpatron der Krebskranken
Forlì in der Emilia-Romagna ist sozusagen die kleine Schwester Bolognas, doch bleibt das Städtchen heute von den meisten ausländischen Touristen eher unbeachtet. Den meisten ist es lediglich durch seinen kleinen Flughafen bekannt, der von einer Billigfluglinie genutzt wird, so dass man preiswert ein Wochenende im nahe gelegenen Bologna verbringen kann.
Für zahlreiche Pilger aber, die um den geistlichen Schatz dieses Städtchens wissen, besitzt eine Wallfahrt nach dort immense, ja lebenswichtige Bedeutung. Denn in der Basilika San Pellegrino Laziosi befindet sich der Schrein des gleichnamigen Heiligen, der als Schutzpatron der Krebskranken und der chronisch Kranken verehrt wird. Die Basilika in der Via Girolamo Mercuriali im historischen Zentrum wird von den Brüdern des Servitenordens betreut; sie beten auch mindestens wöchentlich in den und für die Anliegen aller Schwerkranken und Leidenden weltweit, die vielleicht schon zu gebrechlich sind, um sich auf den Weg nach Forlì zu machen.
Der Geburtstag des Pellegrino Laziosi ist unbekannt. Man nimmt an, dass er entweder um 1250 oder 1265 in Forlì geboren wurde. Die Überlieferung besagt, dass er das einzige Kind seiner Eltern war und deshalb besonders geliebt und verwöhnt worden sei. Eine weitere überlieferte Begebenheit im Zusammenhang mit seiner Bekehrung ist umstritten: Pellegrino soll sich am Aufstand unzufriedener Bürger gegen den Kirchenstaat, dem Forlì angehörte, beteiligt haben und dabei handgreiflich gegen einen der Begründer des Servitenordens geworden sein, der versuchte, die Menge zu besänftigen.
Der „Ordo Servorum Mariae“ geht auf die Initiative von Florentiner Kaufleuten zurück, die sich in den Dreißiger Jahren des 13. Jahrhundert zusammenfanden, um mit und durch die Verehrung Mariens, Gott und den Menschen zu dienen. Die Serviten übernahmen sehr bald die Ordensregel des Augustinus und verbreiteten sich bald in ganz Italien sowie in Deutschland und Frankreich. Auch Laien fühlten sich von dem Charisma der „Diener Mariens“ angezogen, die Terziaren erhielten zweihundert Jahre später offizielle päpstliche Anerkennung.
Doch zurück zu unserem Pellegrino, der über seinen tätlichen Angriff auf einen Gottesmann so erschüttert gewesen sein soll, dass er sich zunächst entschuldigte und schließlich bekehrte. Während eines langen, flehentlichen Reuegebetes vor dem Bild der Muttergottes in einer Kirche wurde ihm eine Vision geschenkt, in der Maria ihm sagte, sie wolle ihn errettet sehen, sie werde ihm selbt den Weg zur Seligkeit zeigen. Befiehl, o Himmelskönigin, soll Pellegrino geantwortet haben, und ich werde dir gehorchen. Maria erwiderte, in dem sie sich auf die wörtliche Bedeutung seines Vornamens Pellegrino – „Pilger“, bezog, er solle nach Siena in den Konvent des Servitenordens pilgern, wo er heilige Männer vorfinden werde, denen er sich anschließen möge. Und so machte sich unser Pellegrino ohne zu zögern auf den Weg nach Siena, um sich im dortigen Konvent vorzustellen. Nach seiner Probezeit ließ er sich mit dem schwarzen Habit der Diener Mariens einkleiden und legte die Gelübde von Keuschheit, Armut und Gehorsam ab.
Wie lange er in Siena blieb ist unklar, jedoch soll ihn sein Oberer im Alter von 30 Jahren zurück nach Forlì geschickt haben, damit er in seiner Geburtsstadt Gott und den Menschen dienen, die Gläubigen durch seine große Bußfertigkeit und sein asketisches Leben ermutigen und die Ungläubigen unterweisen solle. Er wachte ganze Nächte auf Knien im Gebet durch, wenn er nicht fastete, nahm er seine Mahlzeit im Stehen ein. Jeden Tag ging Pellegrino zudem zur Beichte und bekannte unter Tränen seine Sünden. Kurz, er brannte vor Eifer, den Willen Gottes zu tun und seine Gebote zu erfüllen.
Die Zeit der Prüfung kam auch für diesen vorbildlichen Heiligen: Als er 60 Jahre alt war schwoll sein rechtes Bein an und wurde brandig. Ursache war vermutlich ein Venenleiden, verschlimmernd hinzu kam ein aggressiver Knochentumor an eben jenem Bein. Unser Heiliger ertrug sein Leiden tapfer und ohne sich je zu beklagen oder seinen Mitbrüdern zur Last zu fallen, denn er war sich gewiss, dass ihm diese Prüfung von Gott gesandt wurde, um ihn zu vervollkommnen. Sein Arzt sah keine andere Möglichkeit mehr, das Leben Pellegrinos zu retten, als das Bein abzunehmen.
Voller Gottvertrauen schleppte sich der nun auf Leben und Tod Erkrankte in der Nacht vor dem Eingriff zu einer Darstellung des Gekreuzigten, einem Fresko, vermutlich aus der Schule von Rimini, welches heute noch im Kapitularsaal bewundert werden kann. Bevor er erschöpft an Ort und Stelle in den Schlaf fiel, soll er folgendes Gebet gesprochen haben: „O Erlöser der Menschheit, um uns von unseren Sünden freizukaufen hast du dich der Qual des Kreuzes und dem allerbittersten Todeskampf unterworfen. Während Du auf Erden weiltest, hast Du viele Menschen geheilt: Du hast Leprakranke wieder rein und den Blinden sehend gemacht, als er Dich anflehte: ‚Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich!’ O Herr, mein Gott, erbarme Dich mir ebenso und befreie mein Bein von dieser Krankheit, denn wenn du es nicht tust, so muss es weggeschnitten werden!“
Im Traum sah Pellegrino den Herrn vom Kreuz steigen, sich niederbeugen und sein Bein berühren – als er wieder erwachte, war er vollständig geheilt. Pellegrino pries glücklich und dankbar den Herrn und kehrte als gesunder Mann in seine Kammer zurück. Wie groß war das Erstaunen des Arztes, der am nächsten Morgen zu Pellegrino kam, um den Eingriff durchzuführen! Zunächst dachte der verblüffte Chirurg, der fromme Mann spräche im Fieberwahn, als er ihm wieder und wieder beteuerte, dass Gott, der Herr in vollständig geheilt habe und er wieder nach Hause gehen könne. Schließlich konnte er sich selbst davon überzeugen, in dem er Pellegrinos Bein nochmals eingehend untersuchte – kein Brand mehr, kein faulendes Gewebe, alles wieder heil und wie neu!
Die Nachricht von diesem Wunder, das von einem Arzt noch dazu bestätigt werden konnte, verbreitete sich in Windeseile. Zahlreiche Menschen strömten herbei und dankten Gott, andere bekehrten sich. Als Pellegrino Laziosi im Alter von 80 Jahren an einem Fieber starb, nahmen so viele Menschen Anteil, dass Forlì in der Nacht seine Stadttore nicht schließen konnte. Wie so oft, wenn ein Heiliger gestorben ist, wurde davon berichtet, dass sein Körper nach dem Tode noch einen wunderbaren und überirdischen Duft verströmte. Doch es geschah ein noch weit größeres Wunder: Ein blinder Bettler, der vom Tode Pellegrinos gehört hatte und vor dessen aufgebahrten Leichnam um Heilung bitten wollte, widerfuhr vor einer großen Menschenmenge folgendes: Der leblose Körper Pellegrinos soll sich aufgerichtet und den Mann mit dem Kreuzzeichen gesegnet haben – im selben Augenblick hatte er sein Augenlicht wiedererlangt und pries die Größe und Allmacht Gottes. Weitere, spektakuläre Heilungswunder geschahen – doch die katholische Kirche ließ sich ein wenig Zeit mit der Kanonisierung dieses schon zu Lebzeiten hoch verehrten Heiligen: 1609 erfolgte die Seligsprechung durch Papst Paul V., die Heiligsprechung durch Benedikt XIII. erfolgte über 100 Jahre später, 1726.
Heute ruht unser Pellegrino in einem gläsernen Schrein in einer Seitenkapelle der Basilika, die seinen Namen trägt und ein bedeutendes Heiligtum des Servitenordens ist. Ihre Fassade aus dem 13. Jahrhundert hat sich weitgehend erhalten. Neben dem Besuch der Kapelle des Heiligen empfiehlt sich auch die Besichtigung des Kapitelsaals, in dem sich heute noch das Fresko mit der Darstellung des Gekreuzigten befindet, vor dem das Heilungswunder an Pellegrino geschah.
Am Eingang gleich rechts verdient ein sehr schönes und typisches Renaissancegrabmal für Luffo Numai Beachtung, der zur Zeit der Caterina Sforza und der Borgias ein wichtiger Politiker und Ratgeber in Forlì war. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der hölzerne Chor hinter dem Hauptaltar, der von einer beeindruckenden Addolarata-Statue des Bologneser Bildhauers Angelia Pio (1690-1770) überragt wird. Die Orgel über dem Portal wurde von dem Venezianer Orgelbaumeister Gaetano Callido gebaut.
Ein Besuch beim heiligen Pellegrino empfiehlt sich vor allem in den ersten Maitagen, sein Festtag ist 1. Mai, der Servitenorden gedenkt seiner am 4. Mai. Zum Festtag sind auf dem Platz vor der Basilika unzählige Stände mit buntem Zitronat und Zitrusfrüchten aufgebaut, wie es einer alten Tradition entspricht, deren Ursprung nicht mehr genau festzustellen ist.
Wer in einem ernsten Anliegen in versammelter Stille um die Fürsprache des heiligen Pellegrinus für sich oder andere bitten möchte, meidet aber vielleicht diesen Tag besser. Unzählige Gläubige haben sich im Laufe der Jahrhunderte mit ihren Anliegen vertrauensvoll an ihn gewendet, viele sind erhört worden; eine erstaunlich große Zahl, nämlich über 300 sollen es allein in der kleinen umbrischen Stadt Città di Castello gewesen sein.
Dort wirkte Pater Tassinari, ein Servit aus Forlì, als geistlicher Führer der heiligen Veronika Giuliani (Vatican-Magazin Mai 2012), dessen Gangrän, also Wundbrand, in den Jahren 1702 und 1726 geheilt wurde. Im Jahre 1716 genas die heilige Veronika sofort und vollständig von einer lebensgefährlichen Infektion, während Tassinari für sie eine Messe zu Ehren Pellegrinos feierte. Durch die Ausbreitung der Serviten, die in Rom mit dem „Marianum“ eine päpstliche theologische Fakultät unterhalten, welche sich insbesondere der Mariologie widmet, wird die Verehrung des Heiligen heute in ganz Europa wie auch in Kanada, den USA, Brasilien und sogar auf den Philippinen praktiziert.
[Zuerst erschienen in Vatican-Magazin, Rubrik Heiligtum der besonderen Art]
Mai 2, 2017 No Comments
Heilige Caterina von Siena, Kommentar zu Mt 11, 25 – 30 via Evangelium Tag für Tag
>>Dialog von Gottes Vorsehung 167, 2 (Übers.: Sommer v.Seckendorff, 1964, S. 247)
„Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde“
Dank, Dank sei Dir, ewiger Vater, dass Du Dein Geschöpf nicht verachtet, Dein Antlitz nicht von ihm abgewandt, noch seine Wünsche verschmäht hast. Du, Licht, achtest nicht auf meine Finsternis, Du, Leben, ließest Dich von meinem Tod nicht abhalten, noch schreckte Dich, Arzt, meine arge Gebrechlichkeit, Dich ewige Reinheit, mein ganzer Schmutz und mein Elend; Du Unendlicher kamst zu mir Endlichem, Du Weisheit zu mir Törin. Aus Deinem Licht empfing ich Licht. In Deiner Weisheit erkannte ich die Wahrheit, in Deiner Milde fand ich die Liebe zu Dir und zum Nächsten. Dieselbe Liebe veranlasste Dich, das Auge meines Geistes mit dem Licht des Glaubens zu erleuchten, damit ich Deine mir kundgetane Wahrheit begriffe.
Gib, dass mein Gedächtnis fähig sei, sich Deiner Wohltaten zu erinnern, und mein Wille im Feuer Deiner Liebe lodere. Lass das Blut meines Leibes in diesem Feuer fruchten und sich verströmen, auf dass ich mit diesem Blut, aus Liebe zu Deinem Blut vergossen, und mit dem Schlüssel des Gehorsams die Himmelspforte entriegele. Dasselbe erbitte ich Dich von ganzem Herzen für jedes vernunftbegabte Wesen, im Allgemeinen und im Besonderen, und für den mystischen Leib der Kirche. Ich bekenne und ich leugne nicht, dass Du mich geliebt hast, eh ich war, und dass Du mich unsäglich liebst, wie ein Narr verliebt in Deine Kreatur. <<
April 29, 2017 No Comments
Meine große Reportage über den Wallfahrtsort Fatima in Portugal
findet sich in der aktuellen Ausgabe des „Cicero-Magazin für politische Kultur“, Mai 2017, in der Rubrik Salon und dem Titel „Lichter, List und Liebe“

Einen Blick ins Heft gibt es auf den Seiten von cicero.de
April 28, 2017 No Comments
Amazon-Rezensionen für „Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse“
Für mein Buch „Konvertiten.Ergreifende Glaubenszeugnisse“, letztes Jahr erschienen, gibt es inzwischen direkt bei Amazon zwei sehr freundliche Rezensionen:
Karl Dieter Wünstel (Auszug): „Ich konnte es fast nicht mehr aus der Hand legen. Allein die Auswahl der beschriebenen Persönlichkeiten bildet ein breites Spektrum ab. Die einzelnen Berichte sind fesselnd dargestellt und verleiten zum Nachdenken und Reflektieren des eigenen Glaubensverständnisses.“
„Jaroschek“ (Auszug): „Höchst wichtig ist das Kapitel über Roms Oberrabbiner Zolli, der Christ wurde, inzwischen aber weitgehend in Vergessenheit geriet. In diesem Kapitel wird das absolut falsche Zerrbild, das Hochhuth mit seinem ‚Stellvertreter‘ von Pius XII zeichnet, korrigiert. Viele Juden bestätigten nach dem Krieg die Rettung vieler Juden durch Pius XII. Pinchas Lapide sprach von Hunderttausenden. Allein etliche historische Korrekturen machen dieses Buch wertvoll.“
Herzlichen Dank den Rezensenten für ihre Mühe!
Die Rezensionen im ganzen Wortlaut und die Bestellmöglichkeit auf Amazon hier:
April 22, 2017 No Comments
Aloysius Pappert: Eine geraubte Jugend. Kriegserinnerungen. Band I
Ich lese gerade atemlos die Kriegserinnerungen von Aloysius Pappert, Jahrgang 1924, praktizierender Katholik selbst während seiner gezwungenermaßen Zeit des Dienstes in der deutschen Wehrmacht, in der er u.a. die Schlacht um Monte Cassino miterlebte, viele Kameraden beerdigen musste, aber auch viele Menschen, auch und gerade eigentliche „Feinde“ mit seinem Glauben beeindruckte, den sie ausgerechnet auch noch häufig mit ihm teilten. Er hat sich in den schlimmsten Situationen dieser Zeit stets auf die Gottesmutter verlassen – und sie hat ihm geholfen. Nichtkatholiken bitte unbesorgt sein, das Ganze ist in erster Linie ein Zeitzeugnis und der Autor belästigt den Leser nicht mit seinem persönlichen Glauben, sondern lässt ihn durch alle Szenarien eher wie beiläufig, aber dafür umso durchschlagender, schimmern.
Ich gebe zu, ich habe eine kleine Zeit gebraucht, bis ich wirklich den Nerv hatte, mich mit diesem ebenso erstaunlichen wie beeindruckend lebendigen Zeugnis aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges zu befassen – und es eignet sich womöglich nicht wirklich als echte Gute-Nacht-Lektüre, sonst säße ich jetzt nicht aufgewühlt hier vor dem Bildschirm.
Ich werde sicherlich noch eine ausführliche Besprechung dieses Buches, das im Lit-Verlag erschienen ist, nachtragen.
Fürs Erste darf ich einfach nur eine Empfehlung aussprechen, sich mich diesem beeindruckenden Zeugnis eines Überlebenden, eines stets auf Gott und die heilige Jungfrau vertrauentragenden Katholiken, eines anständigen Soldaten in einer elendiglich unanständigen Zeit auseinanderzusetzen. Umsomehr, weil er mich an meinen (protestantischen) Großonkel erinnert, der ebenfalls an allen wesentlichen Fronten im Einsatz war und dem ebenfalls sein Glaube geholfen, vielleicht sogar gerettet hat.
Ich wünsche diesem Buch noch viele Leser.
Aloysius Pappert: Eine geraubte Jugend. Kriegserinnerungen Band I. Lit-Verlag
ISBN 978-3-643-13596-4
April 19, 2017 2 Comments
Die Verfügung aus dem Jahre 1981 über die Aufnahme der Neumärtyrer
in den Kalender der Heiligen durch das Konzil der Erzbischöfe und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland:
„Groß ist die Heldentat des Martyriums!“
Im Heiligen Evangelium lesen wir den Aufruf unseres Erlösers, des Herrn Jesus Christus, an jene, die Seine Nachfolger zu sein wünschen: Müht euch (ringt) mit allen Kräften darum, durch die enge Pforte hineinzugehen (Lukas 13,24). „Sich mühen und kämpfen“ – das ist der Weg des mühevollen Tuns und des Kampfes [podvig]; verwirkliche dieses christliche Ringen in deinem Leben. In anderen Worten, ein Christ muss das Leben eines Kämpfers leben […]
Obschon wir in der Geschichte der Kirche Christi in allen Zeitepochen Beispiele des Martyriums finden, so war doch vor der Russischen Revolution die Heldentat des Martyriums in den ersten Jahrhunderten des Christentums vorherrschend, als das Heidentum die Heilige Kirche Christi durch Eisen und Blut zu zerstören versuchte.
Heutzutage sehen wir etwas davon recht Verschiedenes. Mit dem Auftauchen und der Konsolidierung des Gotthassenden Kommunismus in Russland wurde ein Kriegszug der Verfolgung des Glaubens, der in seinem Umfang alles Vorherige übertraf, freigesetzt. Wie ein kirchlicher Verfasser es zum Ausdruck brachte: Das Orthodoxe Russland fand sich selbst auf Golgatha wieder, und die Russische Kirche – ans Kreuz genagelt. Natürlich hat es es, genauso wie im Alterum, Fälle von Apostasie gegeben. Aber zur selben Zeit haben die Russische Kirche und das russische Volk zahlreiche Beispiele mutigen Erduldens der Verfolgungen und des Todes um des christlichen Glaubens willen bewiesen. Man kann freilich keine präzise Aufstellung all dieser Fälle des Martyriums durch die langen Jahre der kommunistischen Herrschaft in Russland hindurch anfertigen, niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es so viele gegeben. Wir müssen hier nicht von Hunderten,nicht von Tausenden, sondern von Millionen sprechen, die für den Glauben litten: Wahrlich ein Ereignis von erschütternden Dimensionen! im gesamten Verlauf der menschlichen Geschichte hat es nichts gegeben, was mit dem, was wir heute sehen, vergleichbar wäre: Niemals zuvor hat es solch eine Ausschüttung des Bösen, des offenen, wahnwitzigen Aufstandes von Geschöpfen gegen ihren Schöpfer gegeben, wie dies heutzutage in unserem vielleidenden Heimatland, das von den Kommunisten versklavt worden ist, sehen.
Niemals zuvor in den aufgezeichneten Geschichte hat sich das Böse so unverschämt, so offensichtlich und krass offenbart, wie es dies jetzt tut. Niemals zuvor haben wir von solch einer empörenden Schmähung, von solch einer irrsinnigen Blasphemie Gottes und all dessen, was heilig ist, gehört, die bis in die höchsten Himmel hinaufschreit – wie sie jetzt in Sowjet-Russland zu hören ist. […] Doch wenn die vom Teufel besessenen hasserfüllten Feinde Gottes und der Kirche unsere Heimat, das russische Land, mit ihren widerwärtigen Lästerungen und ihrem Hass auf Gott besudelt haben, so wird sie doch zugleich durch das geheiligte Blut jener, die für den Glauben und die Wahrheit litten – die Neumärtyrer Russlands-, geläutert. Dieses Blut hat im Übermaß das russische Land getränkt und hat es geheiligt und gereinigt von dem Wahnsinn der Gottlosen und jener, die gegen Gott selbst kämpfen. […]
Aus dem Nachwort von Ljubov Millar: Großfürstin Elisabeth von Russland
April 17, 2017 No Comments
Wenn der Henker weiser ist als der Richter
Aber Jesus schrie laut und verschied.
Und der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus.
Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach:
Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!
Evangelium nach Markus
Von Jesus Christus ist bekannt, dass er sich mit den Verfemten und Verstoßenen der damaligen Gesellschaft befasste, mit den Zöllnern, mit Prostituierten, mit Sündern. Die Zöllner mochte man insbesondere nicht, weil sie gemeinsame Sache mit den römischen Besatzern machten und daraus auch noch Profit schlugen. Frauen lagen ihm besonders am Herzen – jedem, auch demjenigen, der das Evangelium nicht kennt, ist ganz sicher die Episode bekannt, in der Jesus eine des Ehebruchs angeklagte Frau vor der tödlichen, „gesetzlich vorgeschriebenen“, Steinigung rettet.
Während diese Episode wieder und wieder und aufhörlich kolportiert wird, auch von Ungläubigen – übrigens zu Recht, da sie einzigartig dasteht im Gesamtzusammenhang der Heiligen Schriften – hört man ganz selten etwas über die enorme Wertschätzung, die Jesus Christus ausgerechnet Soldaten, und zwar nicht einmal Angehörigen einer freiheitlich-demokratischen Armee, sondern üblen Besatzern des Landes entgegenbrachte.
Jesus sah römische Soldaten nicht als Feinde – nicht einmal dann, als sie ihm die Dornenkrone aufdrückten, geißelten und bespuckten.
In einem ähnliche Sinne, wie er sich mit Frauen wohlfühlte, weil sie sein Herz berührten, weil ihre Liebe sie aufrührte, weil ihm ihr ganzes Wesen wertvoll erschien, so ging er auch mit Soldaten um. Er war ein Mensch, der in der Natur eines anderen Menschen, seines Gegenübers, das Besonders und Gottähnliche aufspüren und bloßlegen konnte. Darum geht es auch in der berührenden Geschichte mit dem Hauptmann von Kafarnaum, der sich aus Sorge um einen einfachen Diener aufmachte, um bei Jesus Hilfe zu suchen – wohlwissend, dass es das Todesurteil für Jesus bedeutet hätte, wenn dieser sein Haus beträte. Darum die flehentliche Bitte: Herr befiehl einfach, so tue ich es doch mit meinen Untergebenen auch – und sie gehorchen!
Und Jesus war so verwundert über diese Aussage, dass er diesen Soldaten als einen Menschen pries, dem an Glaubensgröße kein Israelit gleichkäme.
In der modernen Verkündigung hören wir wenig über diese doch so wichtige Episode. Vermutlich, weil Soldaten, im Gegensatz zu Zöllnern und Frauen, weiterhin zu den Verfemten gehören. Obwohl sie unser Land nicht besetzt halten, werden Männer und Frauen in Uniform, die unserem Land dienen, bespuckt und beschimpft, ausgegrenzt und bedroht.
Manchmal sogar von sich weniger oder mehr christlich nennenden Pazifisten.
Ob der Hauptmann von Kafarnaum mit dem Hauptmann, der Jesu Tod am Kreuz mitansah und daraufhin sein Bekenntnis ablegte, identisch war, weiß ich nicht. Aber ich weiß, dass es das Bekenntnis eines Mannes ist, dem man eben deshalb glauben kann, weil man ihm vermutlich alles beigebracht hatte, was nützlich ist und zum Überleben dient, aber nicht das selbstständige Denken. Und doch brach es in dieser Weltenstunde aus ihm heraus: Dieser hier war GOTTES SOHN!
Eine Aussage, die nicht nur Agnostikern und Zweiflern, sondern mittlerweile sogar manchem Theologen schwerfällt, zu treffen.
Doch wenn es um lebenswichtige und lebensnotwendige Entscheidungen geht, vertraue ich persönlich mittlerweile lieber einem Soldaten und Heerführer, der weiß, wovon er spricht, weil er zuviel mit eigenen Augen ansehen musste, als manchem Theologen oder Bischof.
April 14, 2017 No Comments
Nonostante e‘ pasqua
Jeden Morgen wachen wir auf, aus Träumen, die manchmal so furchtbar sind, dass wir fast zwei Stunden brauchen, um sie abzuschütteln, um zu begreifen, dass sie rein gar nichts mit unserem Leben zu tun haben.
Jeden Morgen lesen wir die Schlagzeilen – und manchmal auch abends noch, hunderte, tausende von Toten – und sitzen da und versuchen, die losen Enden in unseren Händen, die uns mit der Gegenwart, unserer Zeitgenossenschaft, verbinden sollten, miteinander zu verknüpfen. Die nächste Nacht kommt, der nächste schwierige Traum eines Menschen, der ein völlig anderes Leben zu leben scheint, als man selbst – noch grausamer, noch brutaler, und in keinster Weise so kuschelig-sozialpädgogisch-korrekt wie der Tatort von letztem Sonntag.
Und dann gibt es die kohärenten Dinge – welche, die wir kaum bemerken angesichts der Absurdität unserer alltäglichen Existenz:
Ja, der IS hat uns den Krieg erklärt. Aber sämtliche christlichen Kirchen feiern dieses Jahr zur gleichen Zeit, am selben Datum, zu den selben Tagen die Paschamysterien, Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung des Herrn. Das Holz des Türpfostens, an den einst die Israeliten das Blut eines frisch geschlachteten Lammes malten, damit der Todesengel des Vorübergangs die Bewohner verschonte, es ist das Holz des Kreuzes geworden, an dem das Blut des unschuldig Gekreuzigten für uns herunterrann. Und so sind wir Einwohner des Kreuzes geworden – nein, nicht viele haben das Glück, darunter stehen zu dürfen und selbstlos zu trauern. Vielmehr sind wir Hintersassen, mitgekreuzigt wie die beiden Schächer, auf die der Blick des Herrn nicht milde niedersinken konnte. Vielleicht konnte er Dismas nicht einmal ins Angesicht blicken, als er ihm, das Paradies versprach, weil die Dornenkrone seinem Blick nicht mehr erlaubte, sich zur Seite zu wenden. Doch die beiden Mitdelinquenten konnten ihn sehen, und einer war es, den sein Anblick zu Mitleid hinriss, das er mit sich selbst nicht mehr haben konnte: Dismas war bewusst, dass er sein Schicksal herausgefordert und erhalten hatte, was ihm zustand. Und dennoch konnt er sich noch über das Unrecht empören, das man einem Leidensgenossen antat. Während Gestas schimpfte und schmähte, versunken in Wut und Selbstmitleid, Hass auf ein in seinen Augen ungerechtes Schicksal, das ihn mit diesem religiösen „Spinner“ verband, sprach Dismas eine schlichte, aber umso ehrfürchtigere Bitte aus: Herr, denk an mich!
Dafür wurde ihm das Paradies versprochen und die Gemeinschaft mit Gott. Und so wie wir nach zweitausend Jahren immer noch den Namen Pontius Pilatus in unserem Glaubensbekenntnis sprechen, so gedenken wir auch an jedem Karfreitag dem gutherzigen Elenden, der das wenige, was er noch besaß, am Kreuze hängend seiner Kleider beraubt, dem Menschen schenken wollte, den er für seinen Herrn hielt. Das war in den letzten Minuten Jesu, dass er auch noch diesem guten Herzen Trost und Heil, bereits in die eigene Agonie versunken, versprechen konnte.
Was Gestas anging – vielleicht hat ihn Dismas einfach nachher Huckepack genommen auf dem Weg ins Paradies mit seinem Heiland. Denn auch Gestas wusste ja nicht, was er tat. Verstrickt in ein Schicksal, das er sich zwar selbst gestaltet hatte, aber in dem er sich stets als Opfer gesehen haben wird, konnte er nicht anders, als wütend über jeden anderen, und besonders über jeden zu sein, der ein gutes Herz besaß – eines, das er vielleicht auch so gerne selbst besessen hätte.
April 13, 2017 No Comments
Joseph Kardinal Ratzinger: Einführung in das Christentum – Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen [2]
„Das Ganze zusammenfassend können wir sagen, dass sich bei der bewussten Anknüpfung an den Gott der Philosophen, die der Glaube vollzog, zwei fundamentale Überschreitungen des bloßen philosophischen Denkens ergaben:
a) Der philosophische Gott ist wesentlich nur selbstbezogen, rein sich selbst beschauendes Denken. Der Gott des Glaubens ist fundamental durch die Kategorie der Relation (Beziehung) bestimmt. Er ist die schöpferische Weite, die das Ganze umspannt. Damit ist ein völlig neues Weltbild und eine neue Weltordnung gesetzt: Als die höchste Möglichkeit des Seins erscheint nicht mehr die Losgelöstheit dessen, der nur sich selber braucht und in sich steht. Die höchste Weise des Seines schließt vielmehr das Element der Beziehung ein. Man braucht wohl nicht eigens zu sagen, welche Revolution es für die Existenzrichtung des Menschen bedeuten muss, wenn als das Höchste nicht mehr die absolute, in sich geschlossene Autarkie erscheint, sondern wenn das Höchste zugleich Bezogenheit ist, schöpferische Macht, die anderes schafft und trägt und liebt …
b) Der philosophische Gott ist reines Denken; ihm liegt die Vorstellung zugrunde: Denken und nur Denken ist göttlich. Der Gott des Glaubens ist als Denken Lieben. Der Vorstellung von ihm liegt die Überzeugung zugrunde: Lieben ist göttlich.
Der Logos aller Welt, der schöpferische Urgedanke, ist zugleich Liebe, ja, dieser Gedanke ist schöpferisch, weil er als Gedanke Liebe und als Liebe Gedanke ist. Es zeigt sich eine Uridentität von Wahrheit und Liebe, die da, wo sie voll verwirklicht sind, nicht zwei nebeneinander oder gar gegeneinander stehende Wirklichkeiten, sondern eins sind, das einzig Absolute. An dieser Stelle wird zugleich der Ansatzpunkt des Bekenntnisses zum drei-einigen Gott sichtbar, auf den später zurückzukommen sein wird.
April 11, 2017 1 Comment
Joseph Kardinal Ratzinger: Einführung in das Christentum-Der Gott des Glaubens und der Gott der Philosophen
„Der Großteil der Menschen von heute gesteht ja noch immer in irgendeiner Form zu, dass es so etwas wie >>ein höchstes Wesen<< wohl gebe. Aber man findet es absurd, dass dieses Wesen sich mit dem Menschen befassen solle; wir haben die Empfindung - auch dem, der zu glauben versucht, geht es immer wieder so -, dass so etwas Ausdruck eines naiven Anthropomorphismus, einer frühen Weise des menschlichen Denkens sei, verständlich aus einer Situation, in der der Mensch noch in einer kleinen Welt lebte, in der die Erdscheibe der Mittelpunkt aller Dinge war und Gott nichts anderes zu tun hatte, als auf sie herunterzublicken. Aber, so denken wir, in einer Zeit, in der wir wissen, wie unendlich anders sich das verhält, wie bedeutungslos die Erde im riesigen Weltall ist und wie bedeutungslos folglich auch das Staubkorn Mensch gegenüber den kosmischen Dimensionen dasteht, in einer solchen Zeit erscheint uns der Gedanke absurd, dass dies höchste Wesen sich mit dem Menschen, seiner kleinen, erbärmlichen Welt, seinen Sorgen, seinen Sünden und Nichtsünden befassen sollte. Indem wir aber so meinen, auf diese Weise recht göttlich von Gott zu reden, denken wir in Wirklichkeit gerade sehr klein und allzu menschlich von ihm, als müsste er, um nicht den Überblick zu verlieren, auswählen. Wir stellen ihn uns damit vor als ein Bewusstsein wie das unsere, das Grenzen hat, das irgendwo einen Halt setzen muss und nie das Ganze umfassen kann. Solchen Verengungen gegenübermag jener Sinnspruch, den Hölderlin seinem Hyperion vorangestellt hat, wieder an das christliche Bild der wahren Größe Gottes erinnern: >>Non coerceri maximo, contineri tamen a minimo, divinum est – Nicht umschlossen werden vom Größten, sich umschließen lassen vom Kleinsten – das ist göttlich.<< Jener unbegrenzte Geist, der die Totalität des Seins in sich trägt, reicht über das "Größte" hinaus, sodass es gering ist für ihn, und er reicht in das Geringste hinein, weil nichts zu gering ist für ihn. Gerade diese Überschreitung des Größten und das Hineinreichen ins Kleinste ist das wahre Wesen des absoluten Geistes. Zugleich aber zeigt sich hier eine Umwertung vo Maximum und Minimum, von Größtem und Kleinstem, die für das christliche Verständnis des Wirklichen kennzeichnend ist. Für den, der als Geist das Weltall trägt und umspannt, ist ein Geist, ist das Herz eines Menschen, das zu lieben vermag, größer als alle Milchstraßensysteme. Die quantitativen Maßstäbe werden überholt; es zeigen sich andere Größenordnungen an, von denen her das unendlich Kleine das wahrhaft Umgreifende und wahrhaft Große ist. Noch ein weiteres Vorurteil wird von hier aus als Vorurteil entlarvt. Uns scheint es im Letzten immer wieder selbstverständlich, dass das unendlich Große, der absolute Geist, nicht Fühlen und Leidenschaft, sondern nur reine Mathematik des Alls sein könne. Unreflektiert unterstellen wir damit, dass bloßes Denken größer sei als Lieben, während die Botschaft des Evangeliums und das christliche Gottesbild darin die Philosophie korrigiert und uns wissen lässt, dass höher als das bloße Denken die Liebe steht. Das absolute Denken ist ein Lieben, ist nicht fühlloser Gedanke, sondern schöpferisch, weil es Liebe ist."
April 10, 2017 No Comments