Nonostante e‘ pasqua
Jeden Morgen wachen wir auf, aus Träumen, die manchmal so furchtbar sind, dass wir fast zwei Stunden brauchen, um sie abzuschütteln, um zu begreifen, dass sie rein gar nichts mit unserem Leben zu tun haben.
Jeden Morgen lesen wir die Schlagzeilen – und manchmal auch abends noch, hunderte, tausende von Toten – und sitzen da und versuchen, die losen Enden in unseren Händen, die uns mit der Gegenwart, unserer Zeitgenossenschaft, verbinden sollten, miteinander zu verknüpfen. Die nächste Nacht kommt, der nächste schwierige Traum eines Menschen, der ein völlig anderes Leben zu leben scheint, als man selbst – noch grausamer, noch brutaler, und in keinster Weise so kuschelig-sozialpädgogisch-korrekt wie der Tatort von letztem Sonntag.
Und dann gibt es die kohärenten Dinge – welche, die wir kaum bemerken angesichts der Absurdität unserer alltäglichen Existenz:
Ja, der IS hat uns den Krieg erklärt. Aber sämtliche christlichen Kirchen feiern dieses Jahr zur gleichen Zeit, am selben Datum, zu den selben Tagen die Paschamysterien, Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung des Herrn. Das Holz des Türpfostens, an den einst die Israeliten das Blut eines frisch geschlachteten Lammes malten, damit der Todesengel des Vorübergangs die Bewohner verschonte, es ist das Holz des Kreuzes geworden, an dem das Blut des unschuldig Gekreuzigten für uns herunterrann. Und so sind wir Einwohner des Kreuzes geworden – nein, nicht viele haben das Glück, darunter stehen zu dürfen und selbstlos zu trauern. Vielmehr sind wir Hintersassen, mitgekreuzigt wie die beiden Schächer, auf die der Blick des Herrn nicht milde niedersinken konnte. Vielleicht konnte er Dismas nicht einmal ins Angesicht blicken, als er ihm, das Paradies versprach, weil die Dornenkrone seinem Blick nicht mehr erlaubte, sich zur Seite zu wenden. Doch die beiden Mitdelinquenten konnten ihn sehen, und einer war es, den sein Anblick zu Mitleid hinriss, das er mit sich selbst nicht mehr haben konnte: Dismas war bewusst, dass er sein Schicksal herausgefordert und erhalten hatte, was ihm zustand. Und dennoch konnt er sich noch über das Unrecht empören, das man einem Leidensgenossen antat. Während Gestas schimpfte und schmähte, versunken in Wut und Selbstmitleid, Hass auf ein in seinen Augen ungerechtes Schicksal, das ihn mit diesem religiösen „Spinner“ verband, sprach Dismas eine schlichte, aber umso ehrfürchtigere Bitte aus: Herr, denk an mich!
Dafür wurde ihm das Paradies versprochen und die Gemeinschaft mit Gott. Und so wie wir nach zweitausend Jahren immer noch den Namen Pontius Pilatus in unserem Glaubensbekenntnis sprechen, so gedenken wir auch an jedem Karfreitag dem gutherzigen Elenden, der das wenige, was er noch besaß, am Kreuze hängend seiner Kleider beraubt, dem Menschen schenken wollte, den er für seinen Herrn hielt. Das war in den letzten Minuten Jesu, dass er auch noch diesem guten Herzen Trost und Heil, bereits in die eigene Agonie versunken, versprechen konnte.
Was Gestas anging – vielleicht hat ihn Dismas einfach nachher Huckepack genommen auf dem Weg ins Paradies mit seinem Heiland. Denn auch Gestas wusste ja nicht, was er tat. Verstrickt in ein Schicksal, das er sich zwar selbst gestaltet hatte, aber in dem er sich stets als Opfer gesehen haben wird, konnte er nicht anders, als wütend über jeden anderen, und besonders über jeden zu sein, der ein gutes Herz besaß – eines, das er vielleicht auch so gerne selbst besessen hätte.
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