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Die Lorica des heiligen Patrick
[via Evangelium Tag für Tag]
Hl. Patrick (um 385 – um 461), Mönch und Missionar, Bischof
Heute gürte ich mich mit der mächtigen Kraft der Anrufung der Dreieinheit, des Glaubens an den einen und dreieinen Gott, den Schöpfer des Universums.
Heute gürte ich mich mit der Kraft der Menschwerdung Christi und seiner Taufe, mit der Kraft seiner Kreuzigung und seiner Grablegung, mit der Kraft seiner Auferstehung und seiner Himmelfahrt, mit der Kraft seiner Wiederkunft am Tag des Gerichts.
Heute gürte ich mich mit der Kraft der Liebe der Seraphim, des Gehorsams der Engel, des Dienstes der Erzengel, in der Hoffnung auf die Auferstehung im Hinblick auf den himmlischen Lohn, mit den Gebeten der Patriarchen, den Prophezeiungen der Propheten, der Predigt der Apostel, der Treue der Bekenner, der Unschuld der heiligen Jungfrauen, gürte ich mich mit Taten aller Gerechten.
Heute gürte ich mich mit der Kraft der Himmel, mit dem Licht der Sonne, mit der Klarheit des Mondes, mit dem Schein des Feuers, dem Leuchten des Blitzes, mit der Schnelligkeit des Windes, mit der Tiefe des Meeres, mit der Standfestigkeit der Erde, mit der Härte der Steine.
Heute gürte ich mich mit der Kraft Gottes, um mich leiten zu lassen, mit der Macht Gottes, um mich halten zu lassen, mit der Weisheit Gottes, um mich unterweisen zu lassen, mit dem Augen Gottes, um mich behüten zu lassen, mit dem Ohr Gottes, um zu hören, mit dem Wort Gottes, um für mich zu reden, mit der Hand Gottes, um mich führen zu lassen, mit dem Weg Gottes, um mir voranzugehen, mit dem Schild Gottes, um mich zu beschützen, mit den Waffen Gottes, die mich den Fangnetzen der Dämonen, der Verführungen durch die Sünden, den Neigungen der Natur und all jener, die mir Böses wollen, entreißen wollen…
Christus mit mir, Christus vor mir, Christus hinter mir, Christus in mir, Christus unter mir, Christus über mir, Christus mir zur Rechten, Christus mir zur Linken, Christus wenn ich aufstehe, Christus wenn ich schlafen gehe, Christus in jedem Herzen, das an mich denkt, Christus in jedem Mund, der mit mir spricht, Christus in jedem Auge, das mich anschaut, Christus in jedem Ohr, das mich hört.
Heute gürte ich mich mit der mächtigen Kraft der Anrufung der Dreieinheit, des Glaubens an den einen und dreieinen Gott, den Schöpfer des Universums.
[Lorica oder auch Lorica-Gebet ist eine ursprünglich aus vorchristlichen religiösen Traditionen stammende Art des Segens- bzw. Schutzgebets. Der Begriff Lorica ist Lateinisch und bedeutet eigentlich Panzerung bzw. Brustpanzer. Mit diesem Begriff soll ausgedrückt werden, dass die Worte des Gebets wie ein Panzer vor allem Bösen schützen sollen.
Vor allem im keltischen Christentum bzw. der keltischen Kirche wurde die Lorica als Gebetsform gepflegt. Formal ist die Lorica als Hymne gestaltet und stellt daher eigentlich ein Schutzlied dar. Am bekanntesten ist die Lorica des heiligen Patrick. In Irland wird diese Lorica am Patrickstag sowohl bei der heiligen Messe als auch während der Parade gesungen. Der Überlieferung nach sollen der Heilige Patrick und seine Anhänger dieses Gebet auf ihrem Weg nach Tara zum König Laoghaire gesungen haben. Weniger bekannt ist dagegen die sog. Klosterneuburger Lorica. /zitiert von Wikipedia ]
September 13, 2014 2 Comments
Ein Kommentar zu Matthäus 15, 21-28
In jener Zeit zog sich Jesus in das Gebiet von Tyrus und Sidon zurück.
Da kam eine kanaanäische Frau aus jener Gegend zu ihm und rief: Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids! Meine Tochter wird von einem Dämon gequält.
Jesus aber gab ihr keine Antwort. Da traten seine Jünger zu ihm und baten: Befrei sie (von ihrer Sorge), denn sie schreit hinter uns her.
Er antwortete: Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt.
Doch die Frau kam, fiel vor ihm nieder und sagte: Herr, hilf mir!
Er erwiderte: Es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen.
Da entgegnete sie: Ja, du hast recht, Herr! Aber selbst die Hunde bekommen von den Brotresten, die vom Tisch ihrer Herren fallen.
Darauf antwortete ihr Jesus: Frau, dein Glaube ist groß. Was du willst, soll geschehen. Und von dieser Stunde an war ihre Tochter geheilt. Matthäus 15, 21-28
Wilhelm von Saint-Thierry (um 1085 – 1148), Benediktiner, dann Zisterzienser
Meditative Gebete, 2
>>„Hab Erbarmen mit mir, Herr, du Sohn Davids“
Manchmal, Herr, fühle ich, dass du vorübergehst; Du bleibst nicht für mich stehen, du gehst vorbei, doch ich schreie zu dir wie die Kananäerin. Werde ich es denn noch wagen, mich dir zu nähern? Ganz sicher, denn die kleinen Hunde, die man aus dem Haus ihres Herrn gejagt hat, werden nicht müde zurückzukommen, und weil sie das Haus bewachen, bekommen sie täglich ihr Brot. Auch ich bin noch verjagt; vor die Tür gesetzt, schreie ich; beschimpft, bitte ich. So wie die kleinen Hunde nicht fern von den Menschen leben können, so auch meine Seele nicht fern von meinem Gott!
Öffne mir, Herr, damit ich zu dir kommen kann, um in dein Licht eingehüllt zu werden. Du wohnst in den Himmeln, du hast dich im Finstern verborgen, in der dunklen Wolke. Wie der Prophet sagt: „Du hast dich in Wolken gehüllt, kein Gebet kann sie durchstoßen“ (Klgl 3,44). Ich bin gefangen auf der Erde, das Herz wie im Morast… Deine Sterne funkeln nicht mehr für mich, die Sonne hat sich verdunkelt, der Mond scheint nicht mehr. Ich höre sehr wohl, wie deine Wundertaten in den Psalmen, Hymnen und geistlichen Liedern besungen werden. Im Evangelium leuchten deine Worte und Gesten in hellem Licht. Das Vorbild deiner Diener…, das Drohen und die Verheißungen deiner Schriften voll Wahrheit drängen sich meinen Augen auf und wollen die Taubheit meiner Ohren durchdringen. Doch mein Geist ist verhärtet; ich habe gelernt, im Glanz der Sonne zu schlafen; ich habe mir angewöhnt, nicht mehr zu sehen, was sich mir dergestalt darbietet…
Bis wann, Herr, bis wann wirst du noch zögern, bis du deine Himmel aufreißt, herabsteigst, um meine Schläfrigkeit aufzubrechen? (vgl. Ps 12,1; Jes 64,1). Ich will nicht mehr das sein, was ich bin…., ich möchte umkehren und wenigstens am Abend zurückkommen wie ein kleiner Hund, der Hunger hat. Ich durchstreife deine Stadt; sie pilgert noch teilweise über die Erde, obwohl ein Großteil ihrer Bewohner ihre Freude in den Himmeln gefunden hat. Werde auch ich dort vielleicht meine Wohnung finden? <<
August 17, 2014 No Comments
Post aus Mater Ecclesiae, Vatikanstadt

August 17, 2014 No Comments
Im Vorhof des Himmels – Edith Stein und ihr Seelenführer Raphael Walzer, Erzabt von Beuron
Von Barbara Wenz. Zuerst erschienen im Vatican-Magazin August-September 2012.
Am 9. August 1942, vor siebzig Jahren, starb die Philosophin, zum katholischen Glauben konvertierte Jüdin und Karmelitin Edith Stein in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Ihre Überreste wurden zusammen mit denen ihrer Schicksalsgenossen mit Benzin übergossen und in einer Erdgrube verbrannt. Ihre Festnahme und Verschleppung war im Zuge einer Vergeltungsaktion der Nazis gegen die katholische Kirche erfolgt – die niederländischen Bischöfe hatten sich deutlich gegen deren brutales Regime ausgesprochen. Doch letztlich musste sie wegen ihrer Abstammung sterben. Teresia Benedicta vom Kreuz, so ihr Ordensname, ist immer sehr glücklich über ihre jüdische Herkunft gewesen, wie Mitschwestern berichten: Dem selben Volk, dem gleichen Blut wie Jesus Christus, Maria und die Apostel anzugehören, erfüllte sie häufig mit großer Freude.
Als sie am 2. August 1942 abtransportiert wurde, muss es gewesen sein, als hätte der obisidianschwarze Eishauch aus der bodenlosen Finsternis, die von Deutschland ausgehend Europa in ihrem brutalen Griff hielt, ausgerechnet eine der intellektuell wie geistlich hell brennendsten Kerzenflämmchen in Gottes Karmelgarten für immer und ewig ausgelöscht. Like a candle in the wind …
Zwar ist den Nazis bei Edith Stein wie bei vielen Millionen namenlos gebliebenen Leidensgenossen die physische Auslöschung gelungen – das schwache, flackernde Lichtchen des Lebens zu ersticken durch Gas oder körperliche Gewalt, durch Hunger und Not in den Konzentrationslagern. Doch was selbst dem absolut Bösen nie gelingen kann ist, die leuchtende, ewig lebendige Fackel einer gläubigen Seele zu zerstören. Dafür garantiert die Kirche, Seine Kirche. Die Kirche Jesu Christi bewahrt die Seelen und deren kleinste Funken, deren mahnende Leuchtfeuer wie die großen Brände, die sie auf Erden entfacht haben – gleichgültig, was man mit ihrem Fleisch, ihren Knochen, ihren Innereien für Gräueltaten angestellt hat – sie ziehen in der Schar der Heiligen durch alle Jahrtausende zu Gott.
Als diese herausragende Intellektuelle und glühende Konvertitin im Jahre 1998 von Papst Johannes-Paul II. heilig gesprochen wurde, handelte es sich um einen einzigartigen Vorgang von hoher Symbolkraft: Edith Stein war nicht nur die erste deutsche Frau nach 650 Jahren, sie war und ist auch die bislang einzige Heilige jüdischer Abstammung, die von der Kirche zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Schon während des Kanonisierungsverfahrens war gerüchteweise bekannt geworden, dass ein Brief der künftigen Heiligen aus dem Jahre 1933 an Papst Pius XI. existieren müsse, in welchem sie die politische Lage in Deutschland in drastischen Worten schilderte und das anhaltende Schweigen der Kirche dazu beklagte. Doch erst nach der außergewöhnlichen Anordnung von Johannes-Paul II. im Jahre 2002, die Vatikanischen Geheimarchive entgegen den Usancen für die Jahre 1922 bis 1939 zu öffnen, konnten das Schreiben und sein Wortlaut entdeckt und veröffentlicht werden. Am 15. Februar 2003 erschien dieser Brief in erster Veröffentlichung bei der Tageszeitung Die Welt. Welche Gedanken Edith Stein bei seiner Abfassung umtrieben, erfahren wir aus einer überlieferten Handschrift von ihr: Von einem befreundeten Ehepaar hatte sie in der Fastenzeit 1933 erfahren, dass amerikanische Zeitungen über entsetzliche Taten berichteten, die an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland begangen würden. Zunächst fasst sie den Plan, nach Rom zu fahren und den Papst um eine Enzyklika zur Judenfrage zu bitten, doch die fromme Konvertitin möchte sich deswegen in jedem Fall mit ihrem Seelenführer beraten. Seit 1928 ist dies, nach dem Tode des Speyerer Geistlichen Joseph Schwind, der Erzabt von Beuron, den sie regelmäßig zu den großen kirchlichen Feiertagen besucht. Das Benediktinerkloster im oberen Donautal war ihr ebenso eine geistliche wie auch eine Heimat des Herzens geworden, bis sie im Oktober 1933 dann in den Karmel eintrat.
Sie nennt Beuron den „Vorhof des Himmels“, den „Himmel auf Erden, ihr „geliebtes Beuron“ und schreibt einmal über ihre Aufenthalte dort: „Mein Herz ist noch dort und kommt nur her, wenn ich es nötig brauche; im übrigen wartet es, bis ich wieder hinkomme.“
Die Begegnung mit dem befreundeten Ehepaar in der Fastenzeit 1933 war der letzte Impuls, den es noch brauchte, um ihren Entschluss umzusetzen. Da sie die Kartage wieder im Kloster verbrachte, bot sich dort die Gelegenheit, sich dazu mit ihrem geistlichen Begleiter zu besprechen:
„Seit ich in Beuron eine Art klösterliche Heimat hatte, durfte ich in Erzabt Raphael Walzer ‚meinen Abt’ sehen und ihm alle Fragen von Belang zur Entscheidung vorlegen.“
Walzer selbst schreibt im Rückblick über Edith Stein und ihr Verhältnis zum Kloster, dem er vorstand: „Sie wollte nur einfach hier in Beuron sein, um bei Gott zu sein, um in der Gegenwart der erhabenen Heilsmysterien zu bleiben. Ihrem Glauben war es selbstverständlich, sich mit Gott zu vereinigen – im göttlichem Offizium – und sich selbst zu verlieren in der laus perennis – dem ununterbrochenen Gotteslob.“
Walzer, 1888 in Ravensburg als Sohn einer einfachen Handwerkerfamilie geboren, ist nicht nur ein hochintelligenter Mann, der 1914, ein Jahr nach seiner Priesterweihe, an der Benediktinerhochschule Sant’Anselmo zum Kirchenbegriff des heiligen Irenäus promoviert, er verfügt auch über große Tatkraft und organisatorisches Geschick. Als er am 25. Januar 1928 zum Erzabt postuliert wird, es ist wohl das gleiche Jahr, in dem ihm Stein zum ersten Mal begegnet, ist er erst vierzig Jahre alt, nur drei Jahre älter als Edith. Nachdem sie ihm in den Kartagen 1933 ihr Vorhaben unterbreitet, war vermutlich er es, der ihr von einem Rombesuch und einer Privataudienz abriet, die sie eh nicht erhalten würde. Die Kirche feierte ein Heiliges Jahr anlässlich der Kreuzigung Jesu Christi vor 1900 Jahren, der Andrang von Besuchern, die Audienzen wünschten, war einfach zu hoch. Ob sie daraufhin den Brief noch in Beuron geschrieben hat, wissen wir nicht genau, aber es steht zu vermuten. Raphael Walzer, der kurz zuvor aus Japan zurückgekehrt ist, wo er eine Klosterneugründung plante, hatte möglicherweise auch davon abgeraten, auf eine Enzyklika zu drängen. Im Wortlaut des Schreibens steht schließlich nur noch die dringende Bitte, die Kirche möge nicht länger schweigen; in welcher Form der Heilige Vater sich äußern solle, lässt Stein zu seiner persönlichen Entscheidung offen. Denn, zur gleichen Zeit, also im April 1933, verhandelt der Heilige Stuhl mit dem Hitler-Regime über das Reichskonkordat, um, wie der Historiker Konrad Repgen zutreffend bemerkt, die Großorganisation Kirche als einer eigen- und nicht fremdbestimmten Seelsorgskirche zu bewahren und vertraglich zu schützen.
Steins Brief an Pius XI. trägt zwar kein Datum, doch durch das Begleitschreiben Raphael Walzers, datiert vom 12. April, können wir davon ausgehen, dass er zwischen dem 7. und 12. April in Beuron entworfen und abgefasst worden ist. Stein stellt sich zunächst als Kind des jüdischen Volkes vor, das „durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche ist“, und das nun vor dem Heiligen Vater auszusprechen wagt, was Millionen von Deutschen bedrücke. Sie schildert mit eindringlichen Worten, was in Deutschland unter den Nazis vor sich geht, „Taten, … die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“ Und sie macht klar, dass nicht nur die Juden, auch die deutschen Katholiken, ja die ganze Welt darauf warte, dass die Kirche Christi dazu ihre Stimme erhebt. Die zentrale Passage ihres Briefes aber ist diese:
„Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel?“
Hellsichtig erkennt sie, dass dem brutalen Kampf gegen das Judentum der Kampf gegen den Katholizismus folgen wird, stiller und schleichender geführt, aber nicht weniger erbittert.
Mit diesem Schreiben reiht sich Stein in die großartige Folge von heiligen Frauen wie Hildegard von Bingen oder Caterina von Siena ein, die es gewagt haben, als eindringliche Mahnerinnen dem jeweiligen Papst gegenüberzutreten. Zugleich bleibt sie demütig und ehrerbietig, wenn sie in der Grußformel schließt: „Zu Füßen Eurer Heiligkeit, um den Apostolischen Segen bittend“.
Jahre später, am 14. März 1937, erscheint dann die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, welche mittels wahrer Nacht- und Nebelaktionen in den einzelnen deutschen Bistümern gedruckt und verbreitet wird, und deren Kernsatz einen Gedanken aus Steins Brief aufgreift:
„Wer die Rasse oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt …. aus dieser ihrer irdischen Werteskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“
Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Edith Stein bereits im Kölner Karmel, in den sie bereits 1933 eintrat – entgegen dem Wunsch ihres Seelenführers, der sie lieber als Teil der ecclesia militans in der Welt gesehen hätte. Doch angesichts der zunehmenden Repressalien für Juden musste er schließlich eingestehen, dass der Karmel der sicherere Ort für sie sein könne.
Für Walzer wird das Erscheinungsjahr der Enzyklika ein Schicksalsjahr: Er hatte sich im November 1933 als einziger deutscher kirchlicher Führer bei der ersten Volksabstimmung mit seiner Stimme enthalten. Die Schikanen und die Überwachung, der er sich seither ausgesetzt sah, gipfelten im Januar 1937 in einem offiziellen Erlass aus Berlin: Er hatte bereits zwei Jahre zuvor Beuron verlassen müssen – nun wurde ihm bestätigt, dass „seine Rückkehr nach Deutschland und die Wiederaufnahme seiner Tätigkeit in Beuron aus politischen Gründen mehr als unerwünscht“ seien. Walzer wird im November des gleichen Jahres auf sein Amt endgültig verzichten. Er ist nun ein staatenloser Flüchtling, stellt ein Gesuch auf Erhalt der französischen Staatsbürgerschaft, muss schließlich auch aus Frankreich anlässlich der deutschen Invasion fliehen, erhält aber in Algerien eine neue Aufgabe als Militärgeistlicher in der französischen Armee.
Vom Tode seiner Benedicta Cara, seiner lieben Benedicta, wie er sie in den Briefen ansprach, die noch erhalten sind, hat er ebenfalls in Algerien weilend erfahren. Wie sehr er sie geschätzt und verehrt hat, wird uns in einer Aussage eines Mitpaters überliefert: „Er nannte sie die virgo sapiens. Sie war für ihn die von Gott überreich beschenkte, die ganz in der geliebten Wahrheit Verweilende, die betende Philosophin, das Gebet in Person.“
Ihre Seligsprechung hat er nicht mehr erlebt und wohl auch gar nicht in Betracht gezogen, wie seine Stellungnahme zur ihrer Persönlichkeit verrät, die Mitte der Vierziger Jahre während eines USA-Aufenthaltes entstanden sein muss. Ihr Martyrium bezeichnet er darin als ein glanzvolles, das an das kalon to dynai des Ignatius von Antiochien erinnere. „Wir wissen nicht, was die Göttliche Vorsehung mit der Heimgegangenen vorhat. Wird sie eines Tages auf die Altäre der Kirche erhoben werden oder nur als ideale Persönlichkeit in die Geschichte eingehen? Ich würde mich nicht wundern, wenn es beim Letzteren bliebe. Eines wird immer wahr bleiben: ihr Bild, ihr Beten und Arbeiten, ihr Schweigen und Leiden, ihr letzter Gang gen Osten werden nicht leicht aus dem Gedächtnis kommender Geschlechter schwinden und stets Kraft ausstrahlen und Sehnsucht wecken nach der Tiefe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.“
Walzer, der seine Briefe an Edith mit „Immer in caritate Dei – Ihr Raphael“ unterzeichnete, hat die Formulierung von ihrem letzten Gang gen Osten nicht zufällig gewählt. Das Lebenslicht der Gesegneten vom Kreuz wurde in den Gaskammern Birkenaus erstickt – doch die Glut ihres Seelenfeuers konnten die Stiefel ihrer bestialischen Mörder nicht zertreten. Seit alters her erwartet die streitende Kirche auf Erden die Wiederkunft des Herrn aus dem Osten. Edith Stein ging auf ihrem Weg nach Birkenau dem wiederkehrenden Christus entgegen.
August 9, 2014 1 Comment
In memoriam Fritz Michael Gerlich
Heute ist der 80. Todestag des merkwürdig ignorierten und in Vergessenheit geratenen journalistischen Widerstandskämpfers Fritz Michael Gerlich.
Die KNA hat dazu einen Beitrag gebracht.
Zum Anlass seines 130. Geburtstags erschien mein Porträt des mutigen Journalisten und seiner spirituellen Mutter, Therese von Konnersreuth, im Vatican Magazin Februar 2013 unter dem Titel „Gottes Kampfsau und Jesu Seherin“:
Im Frühsommer 2010 war Fritz Michael Gerlich als „Das furchtlose Rauhbein“ Titelthema dieses Magazins. In Form eines Gesprächs mit dem Historiker Rudolf Morsey würdigte es das journalistische Schaffen eines Mannes, welcher der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Es sollte ein kleines Plädoyer für die Seligsprechung einer markanten Persönlichkeit des katholischen Widerstandes sein, die in der offiziellen Geschichtsschreibung leider häufig vernachlässigt wird: Am 15. Februar dieses Jahres würde Fritz Michael Gerlich, der im Jahre 1883 in Stettin als ältester Sohn eines Fischhändlers geboren wurde, seinen 130. Geburtstag feiern.
Wie wir sehen werden, war Gerlich schon Anfang der Zwanziger Jahre ein entschiedener Gegner Hitlers und seiner Anhängerschaft. Aber erst die Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis, einer Zelle des katholischen Widerstands, seine darauf folgende Konversion und die Gründung der katholischen Wochenzeitung „Der gerade Weg“, in der er vehement gegen Hitler anschrieb, ließen ihn zu einem ernstzunehmenden politischen Feind werden. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde Gerlich dann auch verhaftet und seine Zeitung verboten. Als einer der ersten Märtyrer des deutschen Widerstands wurde er im KZ Dachau am 30. Juni 1934 ermordet.
Doch wie kam es eigentlich zu der schicksalhaften Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis?
Am 3. August 1927 erschien in der Beilage „Die Einkehr“ der Münchner Neuesten Nachrichten ein ausführlicher Bericht von Erwein von Aretin, einem überzeugten Katholiken, worin er seine Erlebnisse anlässlich eines Besuch bei der Seherin Therese Neumann in Konnersreuth schildert.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Erstgeborene von elf Kindern einer Schneidersfamilie aus ärmlichen Verhältnissen kaum 30 Jahre alt und seit über einem Jahr an Händen, Füßen, Brust und Kopf stigmatisiert. Bereits im Alter von 14 Jahren verdingt sie sich als einfache Gehilfin und Magd, keine Arbeit ist ihr zu hart oder zu schmutzig. Daneben besitzt sie eine tiefe, im guten Sinne einfältige Frömmigkeit. Eigentlich von robuster Natur und zupackend, verunfallt sie im Jahre 1918 schwer, während sie bei Löscharbeiten an einem Scheunenbrand mithilft. Von diesem Zeitpunkt an beginnt ihr körperliches Leiden, gegen das sie sich zunächst aufbäumt. Therese will arbeiten, sie will sich nützlich machen, sie will weiterhin tüchtig sein. Doch all ihre tapferen Versuche, die Folgen dieses ersten Unfalls zu überwinden, weiterzuarbeiten, führen nur zu weiteren Unglücksfällen wie Stürzen von Leitern und Kellertreppen mit immer gravierenderen Folgen bis zum Eintritt der endgültigen Bettlägrigkeit und einer darauf folgenden rätselhaften Erblindung.
Fast vier Jahre lang liegt Therese leidend und blind auf ihrem Lager, bis sie am 29. April 1923, dem Tag der Seligsprechung der von ihr besonders verehrten Namenspatron Thérèse von Lisieux auf wunderbare Weise ihr Augenlicht zurück erhält. Das Los der Bettlägrigen wird damit nur ein wenig leichter, es folgen unerklärliche Lähmungen, Verrenkungen, eine Blinddarmentzündung, alles einhergehend mit furchtbaren Schmerzen – dazwischen wieder ebenso unerklärliche Heilungen.
Die Resl findet sich allmähich damit ab, dass sie der Heiland als „Sühneseele“ auserwählt hat und nimmt nun auch zu ihren eigenen Leiden diejenigen anderer, von denen sie erfährt, freiwillig und voll Gottvertrauen auf sich.
Ihre Schauungen gehen, wie bei vielen anderen Seherinnen, parallel zu den liturgischen Ereignissen des Kirchenjahres und beziehen sich nicht nur auf Jesus Christus oder die Heilige Familie, sondern auch auf Heilige wie den Apostel Johannes oder Franz von Sales, auf Begebenheiten wie die Steinigung des Stephanus oder die Stigmatisierung des heiligen Franziskus. Ostern 1926 empfängt sie selbst ihr erstes Stigma – es ist die Seitenwunde des Herrn -, das sie zunächst verborgen hält. Im Verlauf dieses Jahr kommen Stigmata an Händen und Füßen hinzu, im November fängt ihr Kopf an zu bluten; geradeso, als trüge sie eine Dornenkrone.
In ihren Ekstasen spricht sie, eine einfache Bauernmagd, teils in aramäischer Sprache.
Es heißt, dass Therese, die schon im Zusammenhang mit ihrem ersten Unfall kaum feste Nahrung bei sich behalten konnte, sich ausschließlich von der Heiligen Kommunion ernährt.
Der Rummel um ihre Person nimmt zu, nach Konnersreuth kommen nicht nur Gläubige, die geistliche Ermutigung suchen, sondern auch Scharen von Neugierigen und Zweiflern. In Zeitungen wie Zeitschriften findet das Phänomen Konnersreuth breite Beachtung, doch die Berichterstatter sprechen recht einmütig von einem hysterischen Phänomen oder schlichtem Schwindel. Kirchenfeindliche Kreise wollen die junge Frau am liebsten interniert sehen. Das öffentliche Interesse an dem Fall ist enorm hoch und der Bericht Erwein von Aretins für die Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten musste viermal nachgedruckt werden und wurde in 32 Sprachen übersetzt.
Auch Fritz Gerlich, der Chef von Aretins, welcher aus einer calvinistisch geprägten Familie stammt, lassen die Schilderungen seines Mitarbeiters nicht los. Er ist überzeugt davon, dass es sich hier um einen groß angelegten Schwindel handle und fühlt sich berufen, Therese Neumann als Betrügerin auffliegen zu lassen. Im September 1927 fährt er deshalb selbst von München nach Konnersreuth, um eigene Beobachtungen, Befragungen und Untersuchungen anzustellen. Er wird dort drei Männern begegnen, welche später zusammen mit ihm den inneren Kern des Konnersreuther Kreises bilden und einen wesentlichen Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg haben werden: Der Kapuzinerpater Ingbert Naab, Franz Xaver Wutz, einem Professor an der katholischen Universität Eichstätt sowie Fürst Erich von Waldburg-Zeil. Doch es geschieht noch weitaus mehr. Nicht nur, dass es Gerlich nicht gelingt, die Resl als Schwindlerin zu entlarven, die Begegnung wird vielmehr der äußere Anstoß für seine spätere Konversion zum katholischen Glauben.
Erwein von Aretin schreibt in seiner Biografie aus dem Jahre 1949 „Fritz Michael Gerlich. Ein Märtyrer unserer Zeit“ über dessen Konversionserlebnis in Konnersreuth: „Dieser rasche und tiefdringende Verstand hatte wie im Schein eines Blitzes die ernste Wirklichkeit vor sich aufleuchten sehen, neben der die Realität unseres irdischen Lebens nur wie ein Gleichnis ist, wie der Spiegel, von dem Paulus im Korintherbrief spricht, der gleiche Paulus, der Ähnliches vor Damaskus selbst erlebt haben mochte.“
Gerlich wird vom Eifer für die Echtheit der Schauungen und Stigmata der Resl ergriffen und widmet sich bereits vor seinem Eintritt in die katholische Kirche in den Jahren 1928 und 1929 in zwei umfangreichen Bänden zum einen der Biografie, zum anderen dem Plädoyer für die Wahrhaftigkeit der Ereignisse um die Seherin von Konnersreuth. Während der Phase vor seiner Taufe am 29. September 1931, bei der er seinen zweiten Vornamen „Michael“ erhält, wird er von Pater Ingbert Naab, geistlich begleitet. Pater Naab engagiert sich schon seit Jahren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und findet in Gerlich einen glühenden Kampfgenossen. Seit dem gescheiterten Hitlerputsch am 9. November 1923 ist Gerlich nicht nur ein erbitterter Feind der Kommunisten, sondern auch der Nationalsozialisten. Der Journalist war nicht nur am Vorabend im Bürgerbräukeller anwesend, der von Hitler und seinen Anhängern gestürmt wurde, er hatte auch die Rede des bayerischen Generalstaatskommissars von Kahr mitverfasst. Ohnmächtig vor Wut musste er damals miterleben, wie die SA seine Redaktionsräume besetzten, um einen manipulierten Artikel zu den Ereignissen im Bürgerbräukeller in den Münchner Neuesten Nachrichten in Umlauf zu bringen.
1928, fünf Jahre später, verliert Gerlich seinen Posten bei der Zeitung, weshalb er sich, auch dank einer großzügigen Abfindung, seinem damaligen Hauptinteressengebiet Konnersreuth widmen kann.
Therese prophezeite jedoch, er werde nochmals als Journalist arbeiten – und sollte Recht behalten.
Zunächst übernimmt er die Chefredaktion des Illustrierten Sonntags, mit finanzieller Unterstützung des Fürsten von Waldburg-Zeil, der sowohl von Gerlichs journalistischen Fähigkeiten als auch von dem Mut, mit welchem er seine Überzeugungen vorträgt, beeindruckt ist.
Im Januar 1932 wird der Illustrierte Sonntag in „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“ umbenannt. Für „Der gerade Weg“ schreiben auch Pater Ingbert Naab und Professor Wutz, doch die schärfste rhetorische Klinge führt Gerlich, der sich nicht scheut, die Nazi-Ideologie offen – und durchaus prophetisch – als „geistige Pest“ zu bezeichnen, die zu Massenmord und Blutbädern führen werde.
Bald gab es Beschwerden wegen Gerlichs derber und agressiver Polemik, vor allem, weil er mit seiner harschen Kritik auch nicht vor der katholischen Zentrumspartei halt machte. Schließlich nahm ihn der Münchner Kardinal von Faulhaber, der Gerlich auch gefirmt hatte, in Schutz: „Wenn Dr. Gerlich in der Form eine scharfe Klinge schlägt und zuweilen über die Schnur haut, auch am Zentrum und seinen Männern Kritik übt, so sind das eben Begleiterscheinungen, die im Kampf der Geister bei einem neu auf den Plan tretenden Kämpen immer wieder vorkommen werden. Als Katholik aber hat Dr. Gerlich die besten Absichten. Der hiesige Klerus ist begeistert, dass endlich auf katholischer Seite ein Mann aufgetreten ist, der den Gegnern die Stange hält, wenn er nicht, wie ihm angedroht wurde, durch Meuchelmord stumm gemacht wird.“ Genau das aber sollte sehr bald geschehen.
In allen Belangen, den geistlichen wie auch den geschäftlichen, stützten sich Chefredaktion und Mitarbeiter auf die Ratschläge der Seherin von Konnersreuth, die manchmal aus „Durchhalteparolen“ bestanden, manchmal auch sehr konkret waren. Er solle in der Schweiz bleiben und nicht zurückkehren, riet sie Gerlich einmal anlässlich einer Reise. Doch der ignorierte die Warnung mit dem Hinweis, er sei bereit, für das, was er schreibe, mit seinem Leben einzustehen.
Am 9. März 1933 erfolgte Gerlichs Verhaftung durch die SA, bei der er schwer misshandelt wurde, seine Zeitung wurde wenige Tage später verboten. Die Resl hatte die Ereignisse dieser Tage im fernen München von ihrem Krankenlager aus gesehen. Nach 16 Monaten zermürbender Haft – man gab Gerlich einmal eine Pistole mit der Aufforderung, sich selbst zu erschießen, um sich weitere Misshandlungen zu ersparen, war er immer noch ungebrochen: Die Aufforderung zum Suizid verweigerte er mit dem Hinweis auf seinen katholischen Glauben, der ihm dies verbiete.
Für den Märtyrer Fritz Michael Gerlich hat sich, glaubt man der Frau, die ihn zum wahren Glauben bekehrt hat und stets geistlichen Rat für ihn hatte, am Ende die Mühe des irdischen Lebens, die Drangsal, die Verhaftung, die Folter und der gewaltsame Tod in die ewige Glückseligkeit verwandelt.
Am Allerheiligentag 1934, nur wenige Monate nach seiner Ermordung, hat Therese die Seele Fritz Michaels Gerlich geborgen im ewigen Glanze himmlischer Herrlichkeit geschaut.
Juni 30, 2014 No Comments
Orthodoxes Gebet gesungen
für alle Kriegsopfer in Syrien, Libanon, Palästina, Ägypten und ihre Angehörigen und überall auf der ganzen Welt, besonders jene, die alleine und einsam starben:
Juni 29, 2014 No Comments
Das entflammte Herz – Die Ewigkeit als Maß
Die geistliche Liebe zwischen dem Fürstbischof von Genf, Franz von Sales und Baronin Johanna Franziska von Chantal darf man wohl als eine der innigsten und inspiriertesten – dabei vollständig reinen – Verbindungen bezeichnen, welche die katholische Kirche kennt. Sie führte im Juni 1610 zur Gründung der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, kurz Salesianerinnen genannt, die heute, mehr als vierhundert Jahre später, mit über 150 Klöstern auf vier Kontinenten vertreten ist und wiederum Heilige wie Margareta Maria Alacoque sowie Selige wie Mutter Gabriele de Hinojosa und ihre Gefährtinnen, die Sieben Märtyrerinnen von Madrid in der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges, hervorbrachte.
Zu einer ersten Begegnung zwischen Franz von Sales und der Baronin von Chantal kam es in der vorösterlichen Zeit des Jahres 1604 in Dijon. Franz ist zu dieser Zeit 36 Jahre alt und seit zehn Jahren als Priester und Seelsorger tätig, seit knapp zwei Jahren Bischof von Genf mit Amtssitz in Annecy. Anlässlich einer Fastenpredigt weilte er in Dijon, wo ihn sein Amtskollege, der Erzbischof von Bourges, seiner Schwester Johanna Franziska vorstellte.
Beide sollen einander in Visionen bereits vor diesem ersten, wirklichen Treffen, gesehen und sich sogleich erkannt haben. Wenige Tage später, am 26. April 1604, schreibt Franz einen ersten, äußerst kurzen, aber inhaltsschweren Brief: „Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder Stunde mehr zur Gewissheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel.“
Mit diesen knappen Zeilen beginnt ein wunderschöner Briefwechsel, der nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die französische Literaturgeschichte bereichert hat.
Franz von Sales, am 21. August 1567 auf Burg Sales als erstes von zwölf Kindern zur Welt gekommen, durchlitt während seiner Studienjahre am Pariser Kolleg eine furchtbare Glaubenskrise, die ihn zuletzt auch körperlich erkranken ließ: Er war mit der calvinistischen Lehre von der Vorherbestimmung in Berührung gekommen, nach der bereits von Ewigkeit her durch Gott entschieden sei, wer unabänderlich zur Verdammnis bestimmt sei und wer nicht. Der Gedanke beschäftigte ihn intensiv. Schließlich wurde er derart von der Vorstellung beherrscht, er selbst gehöre von Anbeginn der Zeit an zu den Verdammten, dass sich die Verzweiflung seiner Seele auch körperlich manifestierte. Nach einigen Wochen der Krankheit wusste sich der kaum Zwanzigjährige nicht mehr anders zu helfen, der Zenit seiner Angst und Depression war überschritten: Mit äußerster Anstrengung und unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kräfte schleppte er sich in eine nahe gelegene Kirche, wo er sich mit einem Memorare an die Jungfrau Maria wendet, einem Gebet der ebenso flehentlichen wie vertrauensvollen Zufluchtnahme zur „Mutter des Wortes“. Franz überwindet seine Krise, in dem er sich mit absoluter Unbedingtheit unter dem Schutzmantel Mariens in die Arme des gütigen, barmherzigen Gottes wirft, der die Liebe ist. Ihm übergibt, ihm weiht er an Ort und Stelle, in der Kirche St. Etienne de Gres, sein gesamtes Leben.
Es ist nicht zuletzt wohl dieser Begebenheit seiner Jugendzeit zuzuschreiben, dass er später so erfolgreich im Kampf gegen die calvinistischen Irrlehrer vorgehen kann, die im Chamblais-Gebiet des Bistums Genf fast die gesamte Bevölkerung für sich gewonnen hatten. Franz nahm kurz nach seiner Priesterweihe 1593 die Rückeroberung des Chamblais für die heilige Mutter Kirche in Angriff und nutzte dafür eines der ersten Massenkommunikationsmittel überhaupt – das Flugblatt. Mit seinen im wahrsten Sinne aufklärerischen Worten über die wahre, liebevolle Natur Gottes, seinem authentischen Stil der Warmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, der sich nie zum Pamphletisieren herablässt, kann er in nur vier Jahren die gesamte abgefallene Region für die Kirche zurückgewinnen. Insbesondere durch diese beherzte und innovative Tat empfahl er sich geradezu als Schutzpatron der katholischen Journalisten.
Baronin von Chantal ist zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit von Sales seit vier Jahren verwitwet. Ihr Ehemann, mit dem sie sehr glücklich war und dem sie sechs Kinder gebar, von denen allerdings zwei sehr jung verstarben, kam im Jahre 1600 bei einem tragischen Jagdunfall zu Tode. In ihrem tiefen Schmerz wandte sie sich Gott zu, sie wollte ganz nach seinem Willen leben. Doch wie diesen Willen erkennen? Sie wendet sich einem Seelenführer zu, dem sie verschiedene Gelöbnisse macht, unter anderem etwa, sich niemals einen anderen geistlichen Führer zu suchen. Doch nun steht da die erste Begegnung mit Priester und Bischof, in dessen Seele sie sich erkennt, der sie, unter Berufung auf den göttlichen Willen, als eine Gabe, ein Geschenk betrachtet und daran keine Zweifel aufkommen lässt. Denn Johanna Franziska ist zunächst sehr ängstlich und voller Skrupel, weil sie sich bereits an einen geistlichen Vater gebunden sieht und ihm sozusagen die Treue gelobt hat. Zunächst muss also diese Sache geklärt werden – Franz geht sowohl mit seelsorgerlicher Umsicht wie auch mit freundlicher Diplomatie vor, immer im klaren Bewusstsein, dem Willen Gottes zu gehorchen. Im gleichen Jahr kommt es zu einer zweiten persönlichen Begegnung zwischen den beiden anlässlich einer Wallfahrt nach Saint Claude. Er schreibt: „Ich habe die ganze Nacht auf Ihre Angelegenheit verwendet. Ich sehe, es ist der Wille Gottes, dass ich die Leitung Ihrer Seele übernehme und Sie meinen Weisungen folgen. Diese vier Gelübde [Anm: an den vorherigen Seelenführer] taugen zu nichts, als Ihren Seelenfrieden zu zerstören.“
Neben dem literarischen Genuss, den die Lektüre dieser Briefe an die Baronin bieten, ist es vor allem der geistliche Trost, den man darin vorfindet und noch heute jedem Seelsorger eine Anleitung und Hilfe bieten kann. Als Hauptthemen finden sich darin immer wieder: Freiheit, Demut, Vollkommenheit und Ermutigung zur Geduld im Tragen des Kreuzes. Die Gewissensbisse und Ängste wegen – eingebildeter oder tatsächlicher – Versuchungen, denen sich Johanna Franziska bis zur unerträglichen Pein ausgesetzt sieht, lindert er durch schlichte, aber einsichtige Worte: Die Versuchung und die Freude an der Sünde kämen vom Teufel, Leid und Qual deswegen aber schickt uns der barmherzige Gott, durch sie läutere er das Gold: „Verachten Sie die Versuchung, umfangen Sie die Prüfung!“
Von Sales ist sich von Anfang an völlig bewusst darüber, wie der Charakter seiner geistlichen Tochter beschaffen ist, als hätte er sie tatsächlich schon längst gekannt, und nicht erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal gesehen. Ihr asketischer Eifer braucht eher Mäßigung denn Ansporn, ihr übertriebenes Pflichtbewusstsein, ihr innerer seelischer Scharfrichter, der sie beständig zu verurteilen scheint, braucht mehr Milde – und sollte eigentlich am Besten in den Ruhestand versetzt werden. So schreibt dieser hochbegabte Seelenführer also: „Wenn Sie Gehorsam und Unterordnung sehr lieben, ist es mein Wunsch, – dies soll für Sie eine Art Gehorsam sein – dass Sie aus einem berechtigten Grund oder aus Nächstenliebe Ihre Übungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe ausgleichen.“
Immer wieder preist er ihren Witwenstand, rät ihr dazu, zunächst darin zu verbleiben, anstatt sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nicht nur Erbauliches findet sich in diesen Briefen an die Baronin, auch kleine Anekdoten über seine Erlebnisse, Gespräche über ihre Kinder, Beschreibungen von Unwettern und Unglücksfällen, die ihn besonders beschäftigen – und immer wieder das Eingeständnis seiner Armseligkeit und die Bitte um Gebet.
Aus Juli 1605 stammt eine mit besonderem Feingefühl und geistlicher Umsicht geschriebene Empfehlung auf Johannas Anfrage, wie sie demjenigen gegenübertreten solle, der damals den Unfalltod ihres Mannes verursacht habe. Mit Verweis auf die Schmerzen Jesu beim Anblick des toten Lazarus, rät er ihr nachdrücklich, eine Begegnung mit diesem Unglücklichen nicht ausdrücklich zu suchen. Sollte sich eine ergeben, so solle sie trotz ihrer aufsteigenden Schmerzen und Qualen ein gütiges, liebenswürdiges und mitfühlendes Herz mitbringen, um zu bezeugen, dass sie alles in Liebe annehme, sogar den Tod ihres Mannes. Er schließt mit einem bezaubernden Bild: „Gott befohlen, meine Tochter; bleiben Sie in Frieden, stellen Sie sich auf die Fußspitzen und strecken Sie sich weit dem Himmel entgegen!“
Ohne dass Franz das Thema weiter auszubreiten sucht, finden wir auch immer wieder in seinen Briefen an die geistliche Tochter poetische Formulierungen, die seine Liebe zu ihr ausdrücken sollen – eine „Zuneigung, weißer als der Schnee und reiner als die Sonne“. So schreibt er am 1. November 1604: „Ich schenke Sie selbst, Ihr Witwenherz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn darbringe. Beten Sie für mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.“
Und diese tiefe Zuneigung brachte reiche geistliche Frucht hervor. Am 6. Juni 1610 gründete Franz von Sales, gemeinsam mit Johanna Franziska, die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, im deutschen Sprachraum auch Salesianerinnen genannt. Er erfüllte damit seiner geistlichen Tochter gleichzeitig einen großen Wunsch, nämlich ihr Leben nach einer Ordensregel zu führen. Aus der Hand ihres spirituellen Mentors nimmt sie den Habit entgegen, vor seinen Augen und Ohren legt sie ihre Ordensgelübde ab. Sie ist nun fast am Ziel ihrer Wünsche. Nur eine – sehr exaltierte – Bitte erfüllt ihr der gute Gott nicht: Dass sie vor ihrem geliebten geistlichen Vater sterben möge. Am 28. Dezember 1622 stirbt Franz von Sales nach einem rastlosen, von der Hingabe und dem Dienst an anderen erfüllten Leben an den Folgen eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatte er Johanna Franziska noch mit diesen Worten gewürdigt: „Nur mit Hochachtung spreche ich von dieser durchaus heiligen Seele. Man kann nicht größeren Verstand mit tieferer Demut vereint sehen. Sie ist einfach und innig wie ein Kind, verbindet aber damit eine ernste und erhabene Urteilskraft. Sie ist eine große Seele, die für heilige Unternehmungen einen Mut beweist, der sonst ihrem Geschlecht nicht eigen ist. Mit einem Wort: Ich lese nie die Beschreibung Salomons von der vollkommenen Frau, ohne an die ehrwürdige Mutter Chantal zu denken.“
Es ist wohl auch seiner Umsicht zu verdanken, dass seine liebe Tochter und geistliche Mutter, als die er sie sehr wohl auch ansah, nicht spirituell verwaiste: Kein geringerer als der heilige Vinzenz von Paul wurde danach ihr engster Vertrauter. Sie stirbt am 13. Dezember 1641 in Moulins. Am selben Abend sieht der heilige Vinzenz eine kleine, feurig-glühende Kugel ins Firmament aufsteigen. Und der Himmel öffnet sich. Ein etwas größerer Feuerball kommt ihr entgegen und beide vereinen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie außer Sichtweite sind. Wenig später erreicht ihn die Nachricht vom Tode Johannas. Da erst begreift er, was er an diesem Abend sah: Wie Franz von Sales’ Seele der Seele seiner Liebsten entgegenkam, um sie in die himmlische Heimstatt zu führen. Der Rest dieser wunderbaren Geschichte ist schnell erzählt.
Mutter Chantal wird am 21. August 1751 selig gesprochen, am 16. August 1767 heilig.
Von Sales wird von Papst Alexander VII. 1661 zuerst selig, vier Jahre später heilig gesprochen. Am 19. Juli 1877 erhebt Pius IX. ihn zum Kirchenlehrer.
Dies geschieht noch zu Lebzeiten eines berühmten deutschen Philosophen, der nicht nur formulierte, dass Gott tot sei, sondern auch von der Lust sprach, die tiefe, tiefe Ewigkeit wolle. Vielleicht hätte er sich eingehender mit dieser einzigartigen, sublimen Liebesgeschichte beschäftigen sollen. Dann hätte er womöglich erkannt, dass sich die Lust immer nur nach der Ewigkeit ausstrecken, sie aber niemals erreichen kann. Alleine die Liebe, die wie „Tau vom Himmel kommt“, in der zwei Herzen gemeinsam auf Gott blicken, kann dieses ungeheuerliche Maß voll ausschöpfen. Oder, mit den Worten des heiligen Franz von Sales an seine geistliche Gefährtin: Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.
[zuerst erschienen im Vatican-Magazin Juli 2013]
Januar 23, 2014 2 Comments