Journalistin und Autorin

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Der Fehler des Westens – Alexander Solshenizyn

„Die westliche Welt steht vor dem Scheideweg. Im Laufe der nächsten Jahre könnte sie die bestehende Zivilisation aufs Spiel setzen, aus der sie hervorgegangen ist. Und ich glaube, dass sie sich dessen nicht bewusst ist. Die Zeit hat Euren Freiheitsbegriff korrumpiert. Ihr habt zwar das Wort behalten, doch es mit einem neuen Inhalt versehen. Das Wesen der Freiheit kennt Ihr nicht mehr. Als Europa ungefähr im 18. Jahrhundert die Freiheit erlangte, war dieses Wort heilig. Freiheit führte zu Heldentum und Tugend. Das habt Ihr vergessen. Für uns ist diese Freiheit immer noch eine Flamme, die unsere Nacht erhellt, doch bei Euch ist sie zu einer verkümmerten, teilweise geradezu ernüchternden Wirklichkeit geworden. Sie ist voller Kitsch und Überfluss, eigentlich eine Leere. Für diesen Schatten der eigentlichen Freiheit könnt Ihr keine Opfer bringen, bestenfalls noch Kompromisse eingehen (…)
Ihr meint, die Demokratien seien von Dauer. Aber Ihr habt keine Ahnung. Wichtiger als die Politik ist die innere Einstellung. Wenn die Herrscher des Ostblocks in Euch auch nur den kleinsten Funken, den mindesten schöpferischen Lebensschwung sehen könnten, um die Freiheit in Euch zu behalten und in die Tat umzusetzen, wenn sie erkennen könnten, dass Ihr bereit seid, für sie Euer Leben zu opfern, dann würden sie sofort klein beigeben. Der Krieg spielt sich nicht zwischen ihnen und Euch ab, sondern zwischen Euch und Euresgleichen. Im Grunde denkt Ihr im Westen, die Freiheit sei ein für alle Mal erreicht, und folglich nehmt Ihr euch heraus, sie zu missachten. Ihr befindet Euch in einer ungeheuerlichen Schlacht, aber Ihr verhaltet Euch wie in einem Tischtennis-Match.“

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