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Der Berg der Kreuze in Litauen

Heute aktuell auf t-online ein Artikel über den „Berg der Kreuze“ in Litauen.

Und hier mein Artikel über den „Berg der Kreuze“, erschienen im Vatican-Magazin März 2012:

Litauen, das ist ein Land mit einem ganz besonderen, fast italienischen Licht, mit endlosen Puderzuckerstränden entlang der Ostsee. Litauen, das ist das Land des Bernsteins und – das Land der Kreuze. Im Norden des heute beinahe herzförmigen Landes befindet sich ein Heiligtum der besonderen Art – der Berg der Kreuze, wenige Kilometer nördlich von der Stadt Siauliai. Dieser Berg, der vielmehr ein etwa 10 Meter hoher Hügel ist, bietet ein Erscheinungsbild, welches das Auge kaum überblicken, der Geist schier nicht erfassen kann. Auf diesem Hügel ist ein Universum von Kreuzen aller Größen und Formen erwachsen – und es werden immer mehr und mehr.

Sämtliche Versuche, sie zu zählen, sind wegen der Aussichtslosigkeit des Unterfangens gescheitert. Während des letzten Zählversuchs Anfang der Neunziger Jahre haben die Freiwilligen der Uni Vilnius beim Stand von rund 50.000 Stück resigniert.
Litauen, das ist das Land der Legenden: Um den „Kryziu Kalnas“ ranken sich schon seit alters her Mythen. Er sei von jeher eine Opferstätte gewesen, Priesterinnen sollen dort ein Ewiges Feuer bewahrt haben. Ausgerechnet nun in Litauen, das erst im Jahre 1251 den christlichen Glauben annahm, entstand dieses beeindruckende, ganz und gar un-begreifliche Mahnmal. Wer das erste Kreuz dort aufgestellt hat, ist nicht ganz klar. Es gibt dazu zwei verschiedene Überlieferungen. Nach der einen soll dem Vater einer kranken Tochter eine weiße Frau im Traum erschienen sein und ihn geheißen haben, ein Kreuz auf diesem Hügel zu errichten, damit sein Kind gesund würde. Der Vater tat, wie ihm gesagt worden war – seine Tochter genas. Nach der zweiten Erzählung soll ein litauischer Fürst, der auf dem Weg nach Riga zu einem Gerichtsprozess war, gelobt haben, ein Kreuz aufzustellen, wenn die Verhandlung in seinem Sinne entschieden werde. Soviel zur Überlieferung. Historische Tatsache ist dagegen, dass im 19. Jahrhundert, nach zwei brutal niedergeschlagenen Aufständen gegen das Regime des russischen Zaren Kreuze errichtet wurden, um der Opfer zu gedenken. Seither ist der Ort nicht nur eine Stätte des Gedenkens, der Trauer und des Bekenntnisses, sondern auch ein Symbol des nationalen Widerstandes.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee begann für das litauische Volk, das sich mehrheitlich zur römisch-katholischen Kirche bekennt,eine blutige und grausame Zeit der Verfolgung. Schikanen, Repressionen, Deportationen von Tausenden von Patrioten, Katholiken, Dissidenten nach Sibirien in die gefürchteten Gulags. Die wenigen Menschen, welche die Torturen in den Arbeitslagern, den Frost und Schnee, den Hunger und die auszehrenden Krankheiten überlebten und nach Hause zurückkehrten, trugen für ihre Toten, die sie dort zurücklassen mussten, Kreuze auf den Berg. Sie ragten wie Stachel in das faulige Fleisch der gottlosen kommunistischen Diktatur. Und so wurde am 5. April 1961 der erste Versuch unternommen, das Heilszeichen, das die Überwindung von Unrecht, Leid und Tod stumm in die litauische Landschaft hinausschrie, zu zerstören. Sie rückten im Morgengrauen mit schwerem Gerät an: Bulldozern und Planierraupen. Sie walzten nieder, rissen um, schleppten mit sich – Kreuze aus Stahl, hölzerne Kruzifixe, Gebetsstöcke, Andachtsbilder, Gedenkstelen mit dem Symbol darauf, das von dieser Welt ist – aber zugleich Seinen Sieg über die Welt für alle Zeiten und in Ewigkeit anzeigt. Sie verbrannten, vergruben, versenkten, zertraten, zerschlugen. Es muss ein infernalischer Lärm gewesen sein, durchsetzt mit Geheule und Triumphgeschrei. Doch in der Stille der Nacht, wenn sie am dunkelsten und finstersten ist, kamen die widerständigen Litauer herbei und errichteten in schweigendem Trotz ihr endgültiges Zeichen der Hoffnung, das allen Hass besiegt.
Das Spiel ging fast zwanzig Jahre lang – greise Priester pilgerten, das Kreuz geschultert, barfuß zu diesem Hügel, junge Studenten setzten für ihr Zeugnis, das sie gaben, den Fortgang ihrer Ausbildung und ihre berufliche Zukunft aufs Spiel. Und alle riskierten sie das Arbeitslager. Sie stellten Kreuze auf als Dank („Aciu“), zur Sühne für das ganze Volk, um Schutz für ihre Familien zu erbitten – und nicht zuletzt als Vergebungsbitte für die Zerstörer. Das unerschütterliche Vertrauen der Litauer in die Kraft des Kreuzes, das ein profanes Marterinstrument zu einem leuchtenden Siegeszeichen gemacht hat, sprang nach der letzten Zerstörungsaktion im Jahre 1975 wie ein Leuchtfeuer über die Grenzen der kleinen Republik. Die Menschen kamen aus Estland, Lettland und Russland, um zu diesem Hügel zu pilgern und ihre mitgebrachten Kreuze zu errichten.

Am 11.3.1990 erlangte Litauen als erste Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit. Knapp drei Jahre später durfte Papst Johannes Paul II. nach einigem Hin und Her diesen besonderen Ort besuchen, von dem das ehemalige litauische Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis sagt: „Der Kreuzhügel ist der Ort, an dem der Kampf um menschliche Werte ausgetragen wurde. Er steht für den Kampf zwischen Gut und Böse. Die Kräfte des Guten gingen als Sieger hervor. Sie erzielten einen einzigartigen Sieg.“
Seither ist dieser Hügel – nur scheinbar am äußeren Rand Nordeuropas gelegen – eine internationale Wallfahrtsstätte geworden. Johannes Paul II. schickte sogar eine eigene Christusfigur, und er beauftragte den Franziskanerorden damit, diesen einzigartigen Ort geistlich zu betreuen.
In dem informativen Kurzfilm von Kirche in Not, dem die Aussage von Landsbergis entnommen ist, hören wir auch Marko Tomashek, Leiter der Abteilung Osteuropa von Kirche in Not: „Während der Verfolgung war das ein zentraler Ort für Zeugnis, Gebet und Widerstand gegen die atheistische Ideologie. Litauen gehört jetzt zu Europa und kämpft mit denselben Problemen wie das restliche Europa. Mit einer sehr aggressiven antikirchlichen Verweltlichung und einer unglaublichen Kommerzialisierung der Gesellschaft.“ Er erzählt weiter, dass sie heute den umgekehrte Weg gingen und Kreuze vom Hügel in die Pfarreien sendeten. Tomashek spricht davon, dass das besondere Charisma der litauischen Kirche nicht nur dem eigenen Land, sondern auch ganz Europa zugute kommen solle. Europa, das ist auch das große Thema Benedikts XVI., der das ganze Gewicht seines Pontifikats gegen die antikirchliche Verweltlichung, gegen die „Gottesfinsternis“, die ganz Europa umnachtet, in die Waagschale wirft. Da steht er, dieser fragile, gütige Greis in Weiß, und wird umtobt von finsteren Mächten und Gewalten, und je sanftmütiger er spricht, desto infernalischer wird das Geheule. Was könnte da das „Charisma der litauischen Kirche“ bewirken, oder dieser kleine Wallfahrtsort – den eh kaum einer kennt in Straßburg, in Brüssel, Paris und Berlin? So könnte man denken. Wenn man nicht weiß, dass 1989, in diesem schicksalhaften Jahr der Zeitenwende für ganz Europa, das französischen Institut Géographique National den geografischen Mittelpunkt Europas errechnet hat. Seine geografische Herzmitte. Sie liegt in Litauen – unser Land mit dem Kreuzeshügel, den Johannes Paul II. einmal als das „Kolosseum des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. Vielleicht wird man einmal von hier, jenem Land, das als letztes von allen europäischen christianisiert wurde, Kreuze vom Hügel aussenden an die Staaten Europas, um sie an ihre große Vergangenheit, an abendländische Werte zu erinnern. Und daran, dass das Gute schon einmal triumphiert hat.

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