{"id":935,"date":"2021-01-23T16:09:33","date_gmt":"2021-01-23T14:09:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=935"},"modified":"2021-01-23T16:09:33","modified_gmt":"2021-01-23T14:09:33","slug":"geistliche-paare-heinrich-seuse-und-elisabeth-stagl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=935","title":{"rendered":"Geistliche Paare: Heinrich Seuse und Elisabeth Stagl"},"content":{"rendered":"<p>Vom seligen Heinrich von Seuse, auch Henricus Suso genannt, ist keine Grabst\u00e4tte, sind keine Reliquien geblieben. Weder sein genaues Geburtsjahr noch sein tats\u00e4chlicher Geburtsort sind bekannt: Um 1295 oder wenige Jahre sp\u00e4ter, jedenfalls vor 1300,  das Elternhaus stand entweder in \u00dcberlingen oder Konstanz.  Allerdings sind uns die Werke Seuses \u00fcberliefert worden &#8211; wenn auch nur in Abschriften: Das &#8222;B\u00fcchlein der Wahrheit&#8220;, das &#8222;B\u00fcchlein der Ewigen Weisheit&#8220;, das &#8222;Briefb\u00fcchlein&#8220;, einige Predigten und insbesondere seine selbstverfasste &#8222;Vita&#8220;.<br \/>\nWeithin gilt Heinrich Seuse zusammen mit seinem Lehrer Meister Eckhart und dem dominikanischen Theologen Johannes Tauler, als Teil des gro\u00dfen deutschen &#8222;mystischen Dreigestirns&#8220; &#8211; doch seine erhaltenen Schriften werden besonders auch von Germanisten &#8211; sie geh\u00f6ren sprachlich wie literarisch gesehen zur sch\u00f6nsten Prosa des deutschen Sp\u00e4tmittelalters.<br \/>\nDer katholische Dichter Reinhold Schneider bezeichnet Seuses Schriften und seinen literarischen Stil als &#8222;Krongut unserer Sprache&#8220; &#8211; es habe &#8222;wenig seinesgleichen an Innigkeit und Feuer, Herzlichkeit und Einfalt, Tiefsinn, Sch\u00f6nheit, umschmelzender Gewalt.&#8220;  <\/p>\n<p>Im Konstanzer Inselkloster bei den Dominikanern erh\u00e4lt der Knabe Heinrich ab seinem dreizehnten Lebensjahr eine solide Ausbildung zun\u00e4chst in Latein, Lekt\u00fcre der Heiligen Schrift, dem Offizium und der Ordensregel, sodann in philosophia rationalis &#8211;  aristotelischer Logik &#8211;  und in der philosophia realis, also Physik, Geometrie, Astronomie und Metaphysik. Daran schlie\u00dfen sich Studien in Theologie und Philosophie an,worin er sich als so begabt erweist, dass man ihn um 1323 zum Studium Generale nach K\u00f6ln schickt. Zu seinen Lehrern dort geh\u00f6rt der ber\u00fchmte Meister Eckhart. Etwa vier Jahre sp\u00e4ter kehrt er wieder in sein Stammkloster zur\u00fcck und wirkt dort als Lektor pder auch &#8222;Lesemeister.  <\/p>\n<p>Obwohl er in dem relativ gesch\u00fctzten Raum, im Kloster eines bedeutenden Ordens seine Jugendjahre verbringt, empfindet der erwachsene Mann sp\u00e4ter ein gro\u00dfes Unbehagen gegen\u00fcber der Welt und seinen Zeitgenossen. Er lebe unter &#8222;w\u00f6lfischen Menschen&#8220;, in einer vergreisenden Welt erkaltender Minne.<br \/>\nDer Topos des mundus senescens, der alternden Welt, ist aus der Antike wohlbekannt und wurde zum Beispiel von Papst Gregor in seiner Leichenpredigt auf Rom w\u00e4hrend der Belagerung durch die Langobarden im Jahr 592 benutzt. Seuses Pessimismus auch gegen\u00fcber den Menschen war wohlbegr\u00fcndet: Im Jahre 1330 geriet er unter den Verdacht der H\u00e4resie und wird in Maastricht &#8222;mit zitterndem Herzen&#8220;, wie er selbst es beschreibt, vor das Ordensgericht gestellt. Im 23. Kapitel seiner Vita mit der \u00dcberschrift: &#8222;Von mannigfaltigem Leid&#8220; klingt das ersch\u00fctternde dieser Erfahrung durch: &#8222;Viel Dinge wurden ihm zur Last gelegt, deren eines war: dass er B\u00fccher schreibe, die falsche Lehren enthielten; durch sie werde das ganze Land mit ketzerischem Schmutz verunreinigt. Gar \u00fcbel ward er mit scharfen Worten angefahren, und gro\u00dfe Leiden wurden ihm angedroht, obgleich Gott und die Welt seine Unschuld kannten.&#8220;<br \/>\nZwar wird er rehabilitiert, doch die Vorw\u00fcrfe haben ihn schwer verletzt. Von der reinen Schreibtisch- und Lehrt\u00e4tigkeit als &#8222;Lesemeister&#8220; f\u00fcr den Klosternachwuchs verlegt er nun seinen Schwerpunkt auf die geistliche Betreuung von Dominikanerschwestern und reist daf\u00fcr als Spiritual von Frauenkloster zu Frauenkloster. In Kloster T\u00f6\u00df bei Winterthur lernt er um das Jahr 1335 die etwa gleichaltrige Elsbeth Stagl kennen, geb\u00fcrtig aus Z\u00fcrich, die seine geistliche Tochter wird und die er bis zu ihrem Tod um das Jahr 1360 als Seelsorger begleitet. Auch an der Entstehung seiner &#8222;Vita&#8220; hat sie ma\u00dfgeblichen Anteil.<br \/>\nSeuse hat sich ungef\u00e4hr bis zu der Zeit, in der er Elsbeth begegnet, sein Leben lang hart kasteit und seinen Leib gez\u00fcchtigt. Doch dieser Weg hat ihn in eine geistige Sackgasse gef\u00fchrt. Er wird immer trauriger und bedr\u00fcckter, ist unzufrieden mit sich selbst. Eines Tages sitzt er in seiner Zelle und vernimmt eine Stimme, die ihm sagt:&#8220;Tuo uf der celle venster, und luog und lern!&#8220; An dieser Stelle kommt uns der Zuruf an den heiligen Augustinus und seinen Bekehrungsmoment sofort in den Sinn &#8222;Nimm und lies!&#8220;. Aber Heinrich ist ja schon christgl\u00e4ubig, es fehlt ihm nur das rechte Verh\u00e4ltnis zur S\u00fchne, zur Askese und zur Nachfolge Christi in seinen Leiden. Also steht er auf und \u00f6ffnet das Fenster, erblickt davor ein H\u00fcndchen, das mit einem &#8222;Fu\u00dftuch&#8220; spielt &#8211; heute w\u00e4re das vielleicht eine alte Socke &#8211; und hin und her zerrt, sch\u00fcttelt und L\u00f6cher hinein bei\u00dft. Dieses Tuch wird f\u00fcr ihn zur Chiffre f\u00fcr den wahren Gehorsam gegen Gott: Nicht sich selbst will er weiterhin Leiden auferlegen, sondern die Leiden, die von au\u00dfen auf ihn erlegt werden, die ihm  von Gott \u00fcber andere, \u00fcber seine Mitmenschen oder durch Krankheiten gesendet werden, sie reichen aus &#8211; die will er von nun an geduldig ertragen und nicht mehr versuchen, sie aus sich selbst noch zu mehren.<br \/>\nDas &#8222;Fu\u00dftuch&#8220; ist seither nicht mehr aus der Ikonographie wegzudenken. Wer immer Seuse k\u00fcnstlerisch darstellen wollte, brachte es meist mitsamt dem H\u00fcndchen in seiner Abbildung unter und f\u00fcr Seuse selbst wurde es so bedeutsam, dass er es an sich nahm und immer mit sich trug. Als ihm eines Tages die Eingebung kommt, es an seine liebe geistliche Tochter Elsbeth Stagl zu verschenken, da kann er sich nicht dazu \u00fcberwinden, es herzugeben, nicht einmal an sie &#8230;<br \/>\nNeben dem Fu\u00dftuch treffen wir in k\u00fcnstlerischen Darstellungen des Dominikaners immer wieder auf Rosen, jede Menge wei\u00dfe und rote Rosen, manchmal auch als Kranz um seinen Kopf &#8211; und auch sie haben einen Bezug zum Leiden, den Seuse selbst so ausdeuten m\u00f6chte: &#8222;Die Menge der Rosen, das sind die mannigfaltigen Leiden, die Gott ihm zusenden will, die er freundlich von Gott empfangen und geduldig leiden soll&#8220;. Und auch: &#8222;Leiden kleidet die Seele mit rosigem Kleide, mit Purpurfarbe, es tr\u00e4gt den Kranz von roten Rosen.&#8220; Was nun seine geistliche Gef\u00e4hrtin Elsbeth Stagl betrifft, so war Seuse, besorgt um ihre stets schwache Gesundheit, fast bis zur Abweisung schroff, als diese ihn um seine Unterweisungen bittet. Er r\u00e4t ihr, davon zu lassen, sie solle das nehmen, was ihr gem\u00e4\u00df sei, sie scheine ihm doch noch eine recht unge\u00fcbte Schwester. Sie gibt zur\u00fcck: &#8222;Lieber Vater, wisset, dass meine Begierde nicht steht nach klugen Worten, sie steht nach heiligem Leben, und das recht und redlich zu erreichen habe ich Mut, wie weh das auch tun mag.&#8220; Er solle nicht erschrecken \u00fcber ihre &#8222;kranke, zarte, frauliche Natur&#8220;, denn &#8222;was ihr auszuhalten befohlen, das der Natur wehtut, das getraue ich mich zu erf\u00fcllen mit Gottes Hilfe.&#8220; Woraufhin Seuse ihr wiederum seine ma\u00dfvolle Praxis nahelegt: &#8222;Liebe Tochter, wenn du dein geistliches Leben nach meiner Lehre einrichten willst, &#8230; so unterlass derlei \u00fcbertriebene Strenge, da dies der Schw\u00e4che der Frau und deiner wohlgeordneten Natur nicht ziemt. Der liebe Heiland sprach ja nicht: Nehmet mein Kreuz auf euch, er sagte: Nehme jeder Mensch sein Kreuz auf sich. &#8230;. Allgemein gesprochen ist kluge Strenge der ma\u00dflosen vorzuziehen. Da aber der Mittelweg schwierig zu finden ist, so ist es doch angemessener, ein wenig darunter zu bleiben, als sich zuviel dar\u00fcber hinaus zu wagen. &#8230;. Ich erwarte, dass Gott dir ein andersartig Kreuz auf den R\u00fccken legen wird, das dir schmerzhafter sein wird als alle eigene Z\u00fcchtigung. Kommt dir dies Kreuz, so empfange es mit Geduld.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn Stagl von sich selbst als zarte, frauliche Natur spricht, so blitzt hinter dem zeitgem\u00e4\u00dfen Bescheidenheitstopos und der Demutshaltung einer gehorsamen, gottesf\u00fcrchtigen Sch\u00fclerin durchaus der starke Charakter, der Mut und sozusagen die &#8222;hochgemute Seele&#8220; (Walter Nigg) Elsbeths auf. Sie ist selbst geistliche Schriftstellerin, hat sie doch um 1340 das T\u00f6ssener Schwesternbuch verfasst.  Schwesternb\u00fccher waren Anfang des 14. Jahrhunderts ein beliebtes Mittel zur geistlichen Unterweisung in den Dominikanerinnenkl\u00f6stern. Das T\u00f6ssener Schwesternbuch umfasst 39 Viten von Frauen, die erbaulich und gleichzeitig prachtvolle Lekt\u00fcre sind. Dieses Werk, f\u00fcr Walter Nigg &#8222;eines der sch\u00f6nsten Klosterb\u00fccher&#8220; ist auch heute noch, ebenso wie die Schriften Seuses, Gegenstand von germanistischen Studien. Und man sagt sogar, Elsbeth Stagl sei Z\u00fcrichs erste Schriftstellerin gewesen.<br \/>\nTats\u00e4chlich w\u00e4re die Vita des Heinrich Seuse gar nicht in der Welt, wenn Elsbeth nicht gewesen w\u00e4re. Denn sie war diejenige, die damit begonnen hatte, ihren geistlichen Lehrmeister \u00fcber sein Leben zu befragen, wenn er sie besuchte. Sobald sie wieder alleine war, machte sie sich heimlich an die Niederschrift des Geschilderten. Und eines Tages gesteht sie Seuse ihre Unternehmung ein. Doch dieser reagiert unvermittelt mit einem Wutausbruch, fordert die Herausgabe des Manuskriptes und wirft es ins Feuer. Die umsichtige Schwester hatte allerdings auch daran gedacht, Kopien anzufertigen. Ihr Werk blieb erhalten und Seuse, der sich irgendwann wieder beruhigt hatte, fand das Unterfangen mit der Zeit eine doch recht gute Idee. Er erg\u00e4nzte das von Elsbeth \u00fcber ihn bereits verfasste, indem er \u00fcber sie, seine Sch\u00fclerin schrieb. Und so ist auf eigentlich wunderbare Weise diese Vita entstanden &#8211; als ein Gemeinschaftsprojekt zwischen einem Mann und einer Frau, die \u00fcbereinander und miteinander schrieben. Streng genommen ist also diese Vita eben nicht, wie man hin und wieder liest, die &#8222;erste Autobiografie&#8220; der deutschen Literaturgeschichte.<br \/>\nDie Beziehung zwischen Elsbeth und Heinrich war so innig, dass sie sogar \u00fcber den Tod hinausreichte. Als sie im Sterben lag, sandte er ihr einen Abschiedsbrief mit folgender Ermunterung:&#8220;Du hast nun f\u00fcrbass nichts mehr zu tun als g\u00f6ttlichen Frieden in stiller Ruhe zu haben und fr\u00f6hlich der Stunde deines zeitlichen Vergehens in die vollkommen ewige Seligkeit zu harren.&#8220;<br \/>\nNach ihrem Heimgang erschien die geliebte geistliche Tochter dem gro\u00dfen Mystiker in einer herrlichen Vision &#8211; &#8222;in Gestalt einer Abgeschiedenen, leuchtend in schneewei\u00dfem Gewand, wohl geziert mit lichtvoller Klarheit, voll himmlischer Freuden&#8220;. Elsbeth starb vermutlich im Jahr 1360, am 25. Januar 1366 folgte Heinrich ihr nach.<br \/>\nDieser Mann und diese Frau, dieses Mystikerpaar schimmern seither &#8211; um es abschlie\u00dfend mit den Worten von Walter Nigg zu sagen, in ihrer Gottzugewandtheit wie ein heller Stern am herbstlichen Abendhimmel des Mittelalters. <\/p>\n<p>[zuerst erschienen im Vatican-magazin Ausgabe Dezember 2018]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vom seligen Heinrich von Seuse, auch Henricus Suso genannt, ist keine Grabst\u00e4tte, sind keine Reliquien geblieben. Weder sein genaues Geburtsjahr noch sein tats\u00e4chlicher Geburtsort sind bekannt: Um 1295 oder wenige Jahre sp\u00e4ter, jedenfalls vor 1300, das Elternhaus stand entweder in \u00dcberlingen oder Konstanz. 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