{"id":92,"date":"2014-06-30T15:11:48","date_gmt":"2014-06-30T13:11:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=92"},"modified":"2014-06-30T15:42:31","modified_gmt":"2014-06-30T13:42:31","slug":"in-memoriam-fritz-michael-gerlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=92","title":{"rendered":"In memoriam Fritz Michael Gerlich"},"content":{"rendered":"<p>Heute ist der 80. Todestag des merkw\u00fcrdig ignorierten und in Vergessenheit geratenen journalistischen Widerstandsk\u00e4mpfers Fritz Michael Gerlich. <\/p>\n<p>Die KNA hat dazu <a href=\"http:\/\/www.kath.net\/news\/46528\" target=\"_blank\">einen Beitrag gebracht<\/a>. <\/p>\n<p>Zum Anlass seines 130. Geburtstags erschien mein Portr\u00e4t des mutigen Journalisten und seiner spirituellen Mutter, Therese von Konnersreuth, im <a href=\"http:\/\/www.vatican-magazin.de\" target=\"_blank\">Vatican Magazin<\/a> Februar 2013 unter dem Titel &#8222;Gottes Kampfsau und Jesu Seherin&#8220;:<\/p>\n<p>Im Fr\u00fchsommer 2010 war Fritz Michael Gerlich als \u201eDas furchtlose Rauhbein\u201c Titelthema dieses Magazins. In Form eines Gespr\u00e4chs mit dem Historiker Rudolf Morsey w\u00fcrdigte es das journalistische Schaffen eines Mannes, welcher der breiten \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Es sollte ein kleines Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Seligsprechung einer markanten Pers\u00f6nlichkeit des katholischen Widerstandes sein, die in der offiziellen Geschichtsschreibung leider h\u00e4ufig vernachl\u00e4ssigt wird: Am 15. Februar dieses Jahres w\u00fcrde Fritz Michael Gerlich, der im Jahre 1883 in Stettin als \u00e4ltester Sohn eines Fischh\u00e4ndlers geboren wurde, seinen 130. Geburtstag feiern.<br \/>\nWie wir sehen werden, war Gerlich schon Anfang der Zwanziger Jahre ein entschiedener Gegner Hitlers und seiner Anh\u00e4ngerschaft. Aber erst die Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis, einer Zelle des katholischen Widerstands, seine darauf folgende Konversion und die Gr\u00fcndung der katholischen Wochenzeitung \u201eDer gerade Weg\u201c, in der er vehement gegen Hitler anschrieb, lie\u00dfen ihn zu einem ernstzunehmenden politischen Feind werden. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde Gerlich dann auch verhaftet und seine Zeitung verboten. Als einer der ersten M\u00e4rtyrer des deutschen Widerstands wurde er im KZ Dachau am 30. Juni 1934 ermordet.<br \/>\nDoch wie kam es eigentlich zu der schicksalhaften Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis?<\/p>\n<p>Am 3. August 1927 erschien in der Beilage \u201eDie Einkehr\u201c der M\u00fcnchner Neuesten Nachrichten ein ausf\u00fchrlicher Bericht von Erwein von Aretin, einem \u00fcberzeugten Katholiken, worin er seine Erlebnisse anl\u00e4sslich eines Besuch bei der Seherin Therese Neumann in Konnersreuth schildert.<br \/>\nZu diesem Zeitpunkt ist die Erstgeborene von elf Kindern einer Schneidersfamilie aus \u00e4rmlichen Verh\u00e4ltnissen kaum 30 Jahre alt und seit \u00fcber einem Jahr an H\u00e4nden, F\u00fc\u00dfen, Brust und Kopf stigmatisiert. Bereits im Alter von 14 Jahren verdingt sie sich als einfache Gehilfin und Magd, keine Arbeit ist ihr zu hart oder zu schmutzig. Daneben besitzt sie eine tiefe, im guten Sinne einf\u00e4ltige Fr\u00f6mmigkeit. Eigentlich von robuster Natur und zupackend, verunfallt sie im Jahre 1918 schwer, w\u00e4hrend sie bei L\u00f6scharbeiten an einem Scheunenbrand mithilft. Von diesem Zeitpunkt an beginnt ihr k\u00f6rperliches Leiden, gegen das sie sich zun\u00e4chst aufb\u00e4umt. Therese will arbeiten, sie will sich n\u00fctzlich machen, sie will weiterhin t\u00fcchtig sein. Doch all ihre tapferen Versuche, die Folgen dieses ersten Unfalls zu \u00fcberwinden, weiterzuarbeiten, f\u00fchren nur zu weiteren Ungl\u00fccksf\u00e4llen wie St\u00fcrzen von Leitern und Kellertreppen mit immer gravierenderen Folgen bis zum Eintritt der endg\u00fcltigen Bettl\u00e4grigkeit und einer darauf folgenden r\u00e4tselhaften Erblindung.<br \/>\nFast vier Jahre lang liegt Therese leidend und blind auf ihrem Lager, bis sie am 29. April 1923, dem Tag der Seligsprechung der von ihr besonders verehrten Namenspatron Th\u00e9r\u00e8se von Lisieux auf wunderbare Weise ihr Augenlicht zur\u00fcck erh\u00e4lt. Das Los der Bettl\u00e4grigen wird damit nur ein wenig leichter, es folgen unerkl\u00e4rliche L\u00e4hmungen, Verrenkungen, eine Blinddarmentz\u00fcndung, alles einhergehend mit furchtbaren Schmerzen \u2013 dazwischen wieder ebenso unerkl\u00e4rliche Heilungen.<br \/>\nDie Resl findet sich allm\u00e4hich damit ab, dass sie der Heiland als \u201eS\u00fchneseele\u201c auserw\u00e4hlt hat und nimmt nun auch zu ihren eigenen Leiden diejenigen anderer, von denen sie erf\u00e4hrt, freiwillig und voll Gottvertrauen auf sich.<br \/>\nIhre Schauungen gehen, wie bei vielen anderen Seherinnen, parallel zu den liturgischen Ereignissen des Kirchenjahres und beziehen sich nicht nur auf Jesus Christus oder die Heilige Familie, sondern auch auf Heilige wie den Apostel Johannes oder Franz von Sales, auf Begebenheiten wie die Steinigung des Stephanus oder die Stigmatisierung des heiligen Franziskus. Ostern 1926 empf\u00e4ngt sie selbst ihr erstes Stigma \u2013 es ist die Seitenwunde des Herrn -, das sie zun\u00e4chst verborgen h\u00e4lt. Im Verlauf dieses Jahr kommen Stigmata an H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen hinzu, im November f\u00e4ngt ihr Kopf an zu bluten; geradeso, als tr\u00fcge sie eine Dornenkrone.<br \/>\nIn ihren Ekstasen spricht sie, eine einfache Bauernmagd, teils in aram\u00e4ischer Sprache.<br \/>\nEs hei\u00dft, dass Therese, die schon im Zusammenhang mit ihrem ersten Unfall kaum feste Nahrung bei sich behalten konnte, sich ausschlie\u00dflich von der Heiligen Kommunion ern\u00e4hrt. <\/p>\n<p>Der Rummel um ihre Person nimmt zu, nach Konnersreuth kommen nicht nur Gl\u00e4ubige, die geistliche Ermutigung suchen, sondern auch Scharen von Neugierigen und Zweiflern. In Zeitungen wie Zeitschriften findet das Ph\u00e4nomen Konnersreuth breite Beachtung, doch die Berichterstatter sprechen recht einm\u00fctig von einem hysterischen Ph\u00e4nomen oder schlichtem Schwindel. Kirchenfeindliche Kreise wollen die junge Frau am liebsten interniert sehen. Das \u00f6ffentliche Interesse an dem Fall ist enorm hoch und der Bericht Erwein von Aretins f\u00fcr die Beilage der M\u00fcnchner Neuesten Nachrichten musste viermal nachgedruckt werden und wurde in 32 Sprachen \u00fcbersetzt. <\/p>\n<p>Auch Fritz Gerlich, der Chef von Aretins, welcher aus einer calvinistisch gepr\u00e4gten Familie stammt, lassen die Schilderungen seines Mitarbeiters nicht los. Er ist \u00fcberzeugt davon, dass es sich hier um einen gro\u00df angelegten Schwindel handle und f\u00fchlt sich berufen, Therese Neumann als Betr\u00fcgerin auffliegen zu lassen. Im September 1927 f\u00e4hrt er deshalb selbst von M\u00fcnchen nach Konnersreuth, um eigene Beobachtungen, Befragungen und Untersuchungen anzustellen. Er wird dort drei M\u00e4nnern begegnen, welche sp\u00e4ter zusammen mit ihm den inneren Kern des Konnersreuther Kreises bilden und einen wesentlichen Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg haben werden: Der Kapuzinerpater Ingbert Naab, Franz Xaver Wutz, einem Professor an der katholischen Universit\u00e4t Eichst\u00e4tt sowie F\u00fcrst Erich von Waldburg-Zeil. Doch es geschieht noch weitaus mehr. Nicht nur, dass es Gerlich nicht gelingt, die Resl als Schwindlerin zu entlarven, die Begegnung wird vielmehr der \u00e4u\u00dfere Ansto\u00df f\u00fcr seine sp\u00e4tere Konversion zum katholischen Glauben.<br \/>\nErwein von Aretin schreibt in seiner Biografie aus dem Jahre 1949 \u201eFritz Michael Gerlich. Ein M\u00e4rtyrer unserer Zeit\u201c \u00fcber dessen Konversionserlebnis in Konnersreuth: \u201eDieser rasche und tiefdringende Verstand hatte wie im Schein eines Blitzes die ernste Wirklichkeit vor sich aufleuchten sehen, neben der die Realit\u00e4t unseres irdischen Lebens nur wie ein Gleichnis ist, wie der Spiegel, von dem Paulus im Korintherbrief spricht, der gleiche Paulus, der \u00c4hnliches vor Damaskus selbst erlebt haben mochte.\u201c <\/p>\n<p>Gerlich wird vom Eifer f\u00fcr die Echtheit der Schauungen und Stigmata der Resl ergriffen und widmet sich bereits vor seinem Eintritt in die katholische Kirche in den Jahren 1928 und 1929 in zwei umfangreichen B\u00e4nden zum einen der Biografie, zum anderen dem Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Wahrhaftigkeit der Ereignisse um die Seherin von Konnersreuth. W\u00e4hrend der Phase vor seiner Taufe am 29. September 1931, bei der er seinen zweiten Vornamen \u201eMichael\u201c erh\u00e4lt, wird er von Pater Ingbert Naab, geistlich begleitet. Pater Naab engagiert sich schon seit Jahren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und findet in Gerlich einen gl\u00fchenden Kampfgenossen. Seit dem gescheiterten Hitlerputsch am 9. November 1923 ist Gerlich nicht nur ein erbitterter Feind der Kommunisten, sondern auch der Nationalsozialisten. Der Journalist war nicht nur am Vorabend im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller anwesend, der von Hitler und seinen Anh\u00e4ngern gest\u00fcrmt wurde, er hatte auch die Rede des bayerischen Generalstaatskommissars von Kahr mitverfasst. Ohnm\u00e4chtig vor Wut musste er damals miterleben, wie die SA seine Redaktionsr\u00e4ume besetzten, um einen manipulierten Artikel zu den Ereignissen im B\u00fcrgerbr\u00e4ukeller in den M\u00fcnchner Neuesten Nachrichten in Umlauf zu bringen.<br \/>\n1928, f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, verliert Gerlich seinen Posten bei der Zeitung,  weshalb er sich, auch dank einer gro\u00dfz\u00fcgigen Abfindung, seinem damaligen Hauptinteressengebiet Konnersreuth widmen kann.<br \/>\nTherese prophezeite jedoch, er werde nochmals als Journalist arbeiten \u2013 und sollte Recht behalten.<br \/>\nZun\u00e4chst \u00fcbernimmt er die Chefredaktion des Illustrierten Sonntags, mit finanzieller Unterst\u00fctzung des F\u00fcrsten von Waldburg-Zeil, der sowohl von Gerlichs journalistischen F\u00e4higkeiten als auch von dem Mut, mit welchem er seine \u00dcberzeugungen vortr\u00e4gt, beeindruckt ist.<br \/>\nIm Januar 1932 wird der Illustrierte Sonntag in \u201eDer gerade Weg. Deutsche Zeitung f\u00fcr Wahrheit und Recht\u201c umbenannt. F\u00fcr \u201eDer gerade Weg\u201c schreiben auch Pater Ingbert Naab und Professor Wutz, doch die sch\u00e4rfste rhetorische Klinge f\u00fchrt Gerlich, der sich nicht scheut, die Nazi-Ideologie offen \u2013 und durchaus prophetisch \u2013  als \u201egeistige Pest\u201c zu bezeichnen, die zu Massenmord und Blutb\u00e4dern f\u00fchren werde.<br \/>\nBald gab es Beschwerden wegen Gerlichs derber und agressiver Polemik, vor allem, weil er mit seiner harschen Kritik auch nicht vor der katholischen Zentrumspartei halt machte. Schlie\u00dflich nahm ihn der M\u00fcnchner Kardinal von Faulhaber, der Gerlich auch gefirmt hatte, in Schutz: \u201eWenn Dr. Gerlich in der Form eine scharfe Klinge schl\u00e4gt und zuweilen \u00fcber die Schnur haut, auch am Zentrum und seinen M\u00e4nnern Kritik \u00fcbt, so sind das eben Begleiterscheinungen, die im Kampf der Geister bei einem neu auf den Plan tretenden K\u00e4mpen immer wieder vorkommen werden. Als Katholik aber hat Dr. Gerlich die besten Absichten. Der hiesige Klerus ist begeistert, dass endlich auf katholischer Seite ein Mann aufgetreten ist, der den Gegnern die Stange h\u00e4lt, wenn er nicht, wie ihm angedroht wurde, durch Meuchelmord stumm gemacht wird.\u201c Genau das aber sollte sehr bald geschehen. <\/p>\n<p>In allen Belangen, den geistlichen wie auch den gesch\u00e4ftlichen, st\u00fctzten sich Chefredaktion und Mitarbeiter auf die Ratschl\u00e4ge der Seherin von Konnersreuth, die manchmal aus \u201eDurchhalteparolen\u201c bestanden, manchmal auch sehr konkret waren. Er solle in der Schweiz bleiben und nicht zur\u00fcckkehren, riet sie Gerlich einmal anl\u00e4sslich einer Reise. Doch der ignorierte die Warnung mit dem Hinweis, er sei bereit, f\u00fcr das, was er schreibe, mit seinem Leben einzustehen.<br \/>\nAm 9. M\u00e4rz 1933 erfolgte Gerlichs Verhaftung durch die SA, bei der er schwer misshandelt wurde, seine Zeitung wurde wenige Tage sp\u00e4ter verboten. Die Resl hatte die Ereignisse dieser Tage im fernen M\u00fcnchen von ihrem Krankenlager aus gesehen. Nach 16 Monaten zerm\u00fcrbender Haft \u2013 man gab Gerlich einmal eine Pistole mit der Aufforderung, sich selbst zu erschie\u00dfen, um sich weitere Misshandlungen zu ersparen, war er immer noch ungebrochen: Die Aufforderung zum Suizid verweigerte er mit dem Hinweis auf seinen katholischen Glauben, der ihm dies verbiete.<\/p>\n<p>F\u00fcr den M\u00e4rtyrer Fritz Michael Gerlich hat sich, glaubt man der Frau, die ihn zum wahren Glauben bekehrt hat und stets geistlichen Rat f\u00fcr ihn hatte, am Ende die M\u00fche des irdischen Lebens, die Drangsal, die Verhaftung, die Folter und der gewaltsame Tod in die ewige Gl\u00fcckseligkeit verwandelt.<br \/>\nAm Allerheiligentag 1934, nur wenige Monate nach seiner Ermordung, hat Therese die Seele Fritz Michaels Gerlich geborgen im ewigen Glanze himmlischer Herrlichkeit geschaut. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute ist der 80. 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