{"id":883,"date":"2020-10-12T20:35:33","date_gmt":"2020-10-12T18:35:33","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=883"},"modified":"2020-10-12T20:37:33","modified_gmt":"2020-10-12T18:37:33","slug":"meine-nachbarn-hier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=883","title":{"rendered":"Meine Nachbarn hier."},"content":{"rendered":"<p>Um ehrlich zu sein sind das keine Nachbarn in dem Sinne. Sie sind mindestens 25 Steinw\u00fcrfe entfernt und wir bewohnen verschiedene H\u00fcgelseiten. Und eigentlich sind wir im Laufe der Jahre auch echte Freunde geworden. Die Rede ist von Amanda und Rosario (die Namen sind nicht echt, ich habe sie nur so getauft f\u00fcr mich), einem jungen P\u00e4rchen, das vor Jahren ein marodes Geh\u00f6ft hier in der N\u00e4he bezogen hat.<br \/>\nW\u00e4hrend des lockdowns hatte ich von Deutschland aus angerufen um mich zu erkundigen, wie es ihnen ginge. Und da er\u00f6ffnete mir Amanda, dass sie schwanger gehe mit Zwillingen. Es sei eigentlich nicht geplant gewesen. Mitten in dieser Krise bekam ich also eine wundervolle Nachricht, dass das Leben einfach weitergeht. Ich habe mich so f\u00fcr die beiden gefreut. Am Mittwoch treffen wir uns, drau\u00dfen im Garten und con la distanza di sicurezza, ich habe Amanda aber schon neulich auf einem Spaziergang mit ihrem Baby getroffen. Sie erz\u00e4hlte mir, dass die Geburt leider nicht nach Plan lief, man habe einen Kaiserschnitt machen m\u00fcssen. In solchen Sachen bin ich nicht sehr bewandert, ich fragte, ob das nicht vielleicht doch gut gewesen sei, es mache es doch den Frauen leichter, h\u00e4tte ich halt so geh\u00f6rt. Nein nein, sie h\u00e4tte eine normale Geburt vorgezogen, es sei einfach nat\u00fcrlich, nat\u00fcrlich h\u00e4tte man Schmerzen, aber das dauere nicht lange und sie laviere jetzt immer noch mit der Operationsnarbe herum. Und ihre Mutter und Schwester seien da, denn zwei kleine Babies sei schon eine Menge Arbeit, sie helfen wo sie k\u00f6nnen. Und manchmal, erz\u00e4hlte sie mir, habe ich einfach nur Tr\u00e4nen in den Augen. Dann, so erz\u00e4hlt sie weiter, fragt mich meine Mutter, was los ist, ob mich etwas bedr\u00fccke. Und dann antworte ich ihr, dass ich aus lauter Gl\u00fcck weine.<br \/>\nIch habe mal in meinen alten Notizen geschaut, was ich vor Jahren einmal \u00fcber Amanda und Rosario sozusagen im Jahreslauf aufgezeichnet habe. Ich m\u00f6chte es gerne unten einkopieren:<\/p>\n<p>Italien in der Krise<br \/>\nAmanda und Rosario sind ganz junge Leute, die vor einiger Zeit in das leerstehende Bauernhaus mit Traumblick zur Miete einzogen. Er ist Vertreter f\u00fcr einen Photovoltaik-Hersteller, sie macht Yoga und bietet Wellness-Behandlungen an.<br \/>\nDie beiden haben aus dem maroden Geh\u00f6ft einen Traum gemacht. Daf\u00fcr schuften sie neben ihren Erwerbsjobs tagein tagaus. Das riesige Grundst\u00fcck muss in Schuss gehalten werden, an dem gigantischen Wohnhaus sind Renovationen n\u00f6tig, doch sie haben nicht nur das N\u00f6tige gemacht, sie haben auch noch ein Appartment f\u00fcr Ferieng\u00e4ste eingebaut. Beide sind nicht gl\u00e4ubig, aber haben gro\u00dfen Respekt vor Kirche und Papst.<br \/>\nNeulich wurde ich von Amanda belehrt, dass der Papst sagt, man d\u00fcrfe kein Essen wegwerfen.<br \/>\n&#8222;Eh b\u00e8h!&#8220;, antworte ich, nat\u00fcrlich ist es nicht gut, etwas wegzuwerfen. Aber umzusetzen sei das doch heutzutage nicht mehr wirklich.<br \/>\nDoch doch, sagt Amanda, wir praktizieren das. Aus allen Resten des Tages machen wir abends eine bella frittata &#8211; also ein R\u00fchrei mit Ingredenzien &#8211; und dann haben wir das verwertet. Wir sind hier aufs Land gezogen, um die Sch\u00f6nheit zu haben, den Frieden zu genie\u00dfen, und ganz im Einklang mit der Natur zu sein.<br \/>\nSo ganz klappt das leider auch nicht &#8211; vor ein paar Monaten wurde eingebrochen.<br \/>\nAmanda sagt: Das ist mir egal. Es ist zwar schrecklich, aber ich habe dieses Leben bewusst gew\u00e4hlt, und so werde ich mich einfach nicht tyrannisieren lassen von Angstvorstellungen und was noch kommen k\u00f6nnte. Jeden Morgen trete ich vor die T\u00fcre, ich schaue auf die Berge und das Meer, und dann atme ich ein. Das ist das Leben, das ich mir immer gew\u00fcnscht habe. Dann nimmt sie ihre Grabschaufel und ihr T\u00fctchen, und geht Topinambur am Stra\u00dfenrand ausgraben, um ihn zu kochen.<br \/>\nRosario k\u00fcmmert sich um das Grundst\u00fcck mit Kirschb\u00e4umen, Feigen und einem kleinen Gem\u00fcsegarten.<br \/>\nSie haben mittlerweile einen Pelletofen und installieren eine Solaranlage, um unabh\u00e4ngiger zu sein.<br \/>\nGekocht und bewirtet wird man mit dem, was eben da ist: Selbsteingelegte Oliven, Geb\u00e4ck mit Bl\u00e4tterteig und Spinat. Ein Salat der Saison. Ein Risotto mit Radicchio. Wenn Amanda und Rosario zus\u00e4tzlich einkaufen, dann nur bei Erzeugern und in einer gemeinsamen Gruppe, welche ebenfalls interessiert ist an qualitativ hochwertigen Produkten zum Gro\u00dfeink\u00e4uferpreis.<br \/>\nTrotz der vielen Arbeit, die das Geh\u00f6ft macht, der Sorgen mit den Beh\u00f6rden und allem Drum und Dran, habe ich Amanda und Rosario niemals schlecht gelaunt oder niedergedr\u00fcckt gesehen.<br \/>\nSie sind gl\u00fccklich mit dem was sie haben &#8211; sie sind gl\u00fccklich, wenn ich ihre Kirschb\u00e4ume preise und mir ein paar Kirschen pfl\u00fccken darf. Sie freuen sich \u00fcber eine vorbeigebrachte Flasche Wein, sie haben immer Zeit und Lust, sich eine halbe Stunde zu unterhalten, auch wenn man sie von ihrer Arbeit eigentlich abbringt. Sie sind gl\u00fccklich wie Kinder.<br \/>\nUnd darum mache ich mir keine Sorgen um Italien.<br \/>\n**************************************************************************************************<br \/>\nMan muss sie einfach lieben.<br \/>\nEben gerade, zu einer Zeit, zu der ich kaum wagen w\u00fcrde, irgendeinen deutschen Freund anzurufen, ein Anruf von Rosario. [Was der Anlass f\u00fcr dieses Gef\u00fchl war, habe ich vergessen &#8211; Anmerkung von heute]. Ich hatte \u00fcber ihn und Amanda schon hier geschrieben.<br \/>\nNun, Rosario war diese Woche beruflich in M\u00fcnchen unterwegs. Und hat dort in einschl\u00e4gigen Bierh\u00e4usern auch deutsches Bier getrunken. Troppo, wie er sagt, also ein wenig zu viel davon, und schiebt es aber auf die afrikanische Hitze, die auch dort geherrscht h\u00e4tte.<br \/>\nUnd er hat eine deutsche Zeitung f\u00fcr mich mitgebracht. Alles st\u00fcnde drin. Politik, Feuilleton, Sport und soweiter. Ich solle sie dann abholen.<br \/>\nAuf meine Nachfrage, wie diese Zeitung denn hei\u00dfe, sagt er:<br \/>\nSud!-toitsche!<br \/>\nIch lache und sage im Scherz &#8211; er wei\u00df ja, dass ich sehr gl\u00e4ubig bin, naja, das ist aber ein giornale eretico. (Also eine Zeitung der Irrlehre).<br \/>\nS\u00ec, sagt er gleich, stimmt, un giornale eretico. Und lacht sich kaputt.<br \/>\nHol&#8217;s dir morgen ab, ich deponiers bei mir im Postkasten.<\/p>\n<p>Dass Gott Italien und die Italiener schuf, ist alleine schon ein Beweis seiner Existenz. <\/p>\n<p>******************************************************************************************<\/p>\n<p>Die Olivenernte hat begonnen<br \/>\nIch komme am Olivenhain vorbei, in dem Rosario arbeitet, zusammen mit seinem Freund aus der Toskana, der extra f\u00fcr die Erntearbeiten ein paar Tage bei ihm wohnt.<br \/>\nSie haben Netze unter den B\u00e4umen ausgebreitet und &#8222;k\u00e4mmen&#8220; die Oliven von den Zweigen mit einer Art elektrischem Teleskoprechen. Andere flei\u00dfige Helfer sammeln diese dann auf und legen sie in die bereit gestellten Kisten.<br \/>\n&#8222;Ciao, m\u00f6chtest du einen Becher Wein, komm runter!&#8220; begr\u00fc\u00dft mich Rosario herzlich. Ich pfl\u00fccke ihm ein Olivenblatt von der schwei\u00dfnassen Stirn.<br \/>\n&#8222;Seid ihr nicht zu fr\u00fch dran?&#8220; will ich wissen.<br \/>\nDa kommt sein Freund aus der Toskana dazu. &#8222;Der perfekte Zeitpunkt f\u00fcr die Ernte ist, wenn sie gerade dabei sind, die Farbe von gr\u00fcn zu dunkel zu wechseln. Du bekommst ein besonders feines \u00d6l. Andere ernten im November, Dezember, Januar. Das gibt ein schweres, scharfes \u00d6l. Wenn wir jetzt ernten, dann erhalten wir ein fruchtiges, ganz leichtes und sehr bek\u00f6mmliches \u00d6l. Und du kannst sie wunderbar mit Salz einlegen und essen, wenn du sie jetzt vom Baum holst.&#8220;<br \/>\nEr dr\u00fcckt mir einen Becher Sangiovese in die Hand. Rosario sagt, sie h\u00e4tten jetzt bereits angefangen, weil es bald k\u00e4lter werden wird. Abgesehen von dem g\u00fcnstigen Zeitpunkt des Farbwechsels, den sein Freund schon erkl\u00e4rt hatte.<br \/>\n&#8222;Wir essen Brote mit porchetta, das geht am schnellsten, und trinken Wein dazu.&#8220;<br \/>\n&#8222;Porchetta gibt Kraft f\u00fcr die Arbeit&#8220;, lache ich, &#8222;und der Wein macht sie leichter!&#8220;<br \/>\n&#8222;S\u00ec! Das ist so!&#8220; Alle arbeiten fr\u00f6hlich und heiter &#8211; die Olivenernte ist \u00e4hnlich wie die Weinlese eher ein kleines Fest als eine anstrengende Arbeit. Es ist ein Moment f\u00fcr die Ewigkeit. Ich stehe da mit meinem Becher Wein, genie\u00dfe die besondere Stimmung, die unter den Erntehelfern herrscht und blicke versonnen \u00fcber die sanften H\u00fcgel. Wo Weinberge sind, leuchtet die Landschaft orangerot auf, das Laub verf\u00e4rbt sich bereits. Die Luft ist noch mild, aber milchig neblig.<br \/>\n&#8222;So viel Wasser in der Luft, man kann kaum atmen&#8220;, sagt der Freund aus der Toskana. &#8222;Und \u00fcberall Spinnennetze voller Wassertropfen. Ich komme heute aus dem Haus und es tropft \u00fcberall.&#8220;<br \/>\nIn den B\u00e4umen h\u00e4ngen Granat\u00e4pfel, die sich schon zu spalten beginnen und ihr dunkelrotes Fruchtfleisch zeigen. Dr\u00fcben im St\u00e4dtchen haben die Maroni-R\u00f6ster ihre St\u00e4nde aufgeschlagen. Zu Halloween bietet fast jedes Restaurant ein Men\u00fc mit K\u00fcrbis und Kastanien an.<br \/>\nIch trinke aus und w\u00fcnsche noch &#8222;Buon lavoro!&#8220; und Gr\u00fc\u00dfe an Amanda, die oben im Haus besch\u00e4ftigt ist.<br \/>\nEs ist wirklich Herbst geworden.<\/p>\n<p>****************************************<\/p>\n<p>Vorhin zu einem adventlichen Aperitivo<br \/>\nbei Amanda und Rosario gewesen.<\/p>\n<p>Wir sa\u00dfen vor einem gigantischen antiken Kamin, der modern verglast wurde, um als Heizofen f\u00fcr weitere R\u00e4ume zu dienen, und in dem riesige Holzscheite brannten. Au\u00dferdem hatten sie schon den Weihnachtsbaum mit einer simplen Lichterkette aufgebaut. Es war sehr behaglich. Zu einem leckeren Rotwein gab es selbstgebackenes Brot, aufgeschnitten und mit St\u00fcckchen von ger\u00e4ucherter Lachsforelle und roten Zwiebeln belegt. Au\u00dferdem eigene schwarze Oliven, die in Fenchel und Orangenschalen mariniert waren. Doch das leckerste \u00fcberhaupt war das in der Glut anger\u00f6stete Brot, begossen mit eigenem Oliven\u00f6l und \u00fcberstreut mit etwas Salz.<br \/>\nAuf den Weihnachtsbaum deutend, erw\u00e4hnte ich, dass ein Engel an der Spitze noch fehlen w\u00fcrde &#8211; oder ein Stern. Und dann berichtete ich ihnen von der altehrw\u00fcrdigen Kunst, Weihnachtsbaumschmuck selbst zu basteln. Damals, in den siebziger Jahren, konnte man ja nirgendwo all diesen Schnickschnack kaufen, der blinkt und funzelt und leuchtet. Die Adventszeit war haupts\u00e4chlich daf\u00fcr gedacht, sich den Weihnachtsbaumschmuck an langen Abenden gemeinsam herzustellen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit meiner Mamma selbst Strohsterne gemacht habe &#8211; aus eigenem Stroh von der Scheune. Die Halme wurden irgendwie gew\u00e4ssert und dann platt geb\u00fcgelt, arrangiert und mit N\u00e4hgarn im Zentrum umwoben.<br \/>\nBesonders Amanda war v\u00f6llig fasziniert, sie ist j\u00fcnger als ich und kannte das nicht. Ich habe also versucht, das Prinzip zu erkl\u00e4ren &#8211; und gl\u00fccklicherweise gibt es ja heutzutage iPads, so dass ich direkt an einem solchen Bilder von Strohsternen f\u00fcr sie googeln konnte, damit sie eine bessere Vorstellung bekommt.<br \/>\nUnd wir hatten winzig kleine echte Kerzchen in den Baum gesteckt.<br \/>\nUnd ganz wenige, kunsthandwerklich wertvolle Glaskugeln, die gab es damals schon, waren aber rar und teuer. Und ansonsten haben wir einfach kleine Winter\u00e4pfelchen reingeh\u00e4ngt.<br \/>\nUnd in den Zeiten von R\u00e4ucherst\u00e4bchen und teuren Raumsprays mit klingenden Namen aus dem Bioladen darf man nicht vergessen zu erw\u00e4hnen, dass wir damals auch einfach eine Orange genommen, mit unz\u00e4hligen Gew\u00fcrznelken bespickt und im Raum aufgeh\u00e4ngt haben, damit es gut und weihnachtlich duftet.<br \/>\nEinerseits kommt man sich alt vor, wenn man so etwas erz\u00e4hlt. Andererseits hat es mir eine Freude gemacht, davon zu sprechen. Amanda sagte dann auch ganz beeindruckt: Das ist toll, dass du das noch so erlebt hast. Bald wird es niemanden mehr geben, der diese alten Traditionen noch kennt und davon sprechen kann<br \/>\n(Okay, sie meinte es nicht so, dass ich quasi schon in meinem achtzigsten Lebensalter stehe, sondern es ganz allgemein, weil sie sich f\u00fcr altes Kunsthandwerk interessiert. Glaube ich mal:-))<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um ehrlich zu sein sind das keine Nachbarn in dem Sinne. Sie sind mindestens 25 Steinw\u00fcrfe entfernt und wir bewohnen verschiedene H\u00fcgelseiten. Und eigentlich sind wir im Laufe der Jahre auch echte Freunde geworden. 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