{"id":840,"date":"2020-08-02T18:44:39","date_gmt":"2020-08-02T16:44:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=840"},"modified":"2020-08-02T18:44:39","modified_gmt":"2020-08-02T16:44:39","slug":"warum-ich-aktive-sterbehilfe-ablehne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=840","title":{"rendered":"Warum ich aktive Sterbehilfe ablehne"},"content":{"rendered":"<p>Nach der Lekt\u00fcre des bewegenden Buches &#8222;Ich liebe Dich so, wie ich bin&#8220; von Maria Elisabeth Schmidt, das sie mir freundlicherweise zugesendete hatte, kamen viele Erinnerungen an die Krankheit und den Tod meiner Mutter wieder bei mir auf. Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich uneingeschr\u00e4nkt die Lekt\u00fcre dieses Buches empfehlen. Es ist im Christiana-Verlag mit einem Vorwort des verstorbenen Kardinal Meisners erschienen und ein bewegendes Zeugnis \u00fcber die Liebe zum Leben, selbst in Stunden der Verzweiflung und des, ja, Grauens. Maria hat ihren schwer an Krebs erkrankten Ehemann bis zuletzt im liebenden Vertrauen auf die G\u00fcte Gottes begleitet. Der Leser, ich zum Beispiel, mag sich fragen, ob sein Glaube f\u00fcr eine solche Situation eigentlich stark genug sein k\u00f6nne.<br \/>\nNach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2015 konnte ich f\u00fcr einige Monate nicht die Heilige Messe besuchen.<br \/>\nIch war zornig und b\u00f6se mit Gott, dass er mir dies auch noch nach dem ebenfalls schrecklichen Tod meines Vaters im Jahre 2007 zugemutet hat. Dabei war ich eigentlich nicht egoistisch, auch wenn es so klingt. Immer, wenn ich aus Verzweiflung weinte, war mir vollst\u00e4ndig bewusst: Was weinst du eigentlich? Schlie\u00dflich ist es deine Mutter, die an einer furchtbaren Krankheit leidet und sterben muss! Was soll das Selbstmitleid!<br \/>\nSolche Gedanken sind nat\u00fcrlich wenig hilfreich und wenig barmherzig. In einer solchen Situation tut nichts mehr not als G\u00fcte gegen sich selbst. Aber das war mir noch nicht klar. Als ich endlich nach Monaten beichten konnte &#8211; ich war in Italien in einem Franziskanerkonvent, zeigte der greise Priesterm\u00f6nch sich ehrlich schockiert dar\u00fcber, dass ich Gott so vergessen hatte, ja, dasss ich dadurch vers\u00e4umt hatte, f\u00fcr Mamma ordentlich beten zu k\u00f6nnen.<br \/>\nEs war diese Beichte, nach der ich nicht anders konnte als bei der Heiligen Messe danach bei der Austeilung des Allerheiligsten in die Knie zu sinken und seither empfange ich kniend die Kommunion. Es gab keine andere Option mehr. Und wenn es auch noch so unbequem war (by the way sehe ich keine Not darin, Gl\u00e4ubigen, die das gerne machen m\u00f6chten, nicht eine Bank hinzustellen, damit sie nicht vorn\u00fcberfallen).<br \/>\nNun flammt ja hin und wieder mal gerne die &#8222;Debatte&#8220; \u00fcber aktive Sterbehilfe auch in angeblich christlichen Kreisen auf. Wenige Tage vor dem Erstickungstod meiner Mutter, der mir vorhergesagt wurde, weil er in den Verlauf dieser Krankheit wohl geh\u00f6rt, erschien in der Publikation &#8222;Christ und Welt&#8220; ein Portrait oder ein Interview, ich habe es vergessen, mit einer Frau, die sich in einer \u00e4hnlichen Lage wie ich befunden, aber ganz anders entschieden hatte: Sie hatte sich dazu entschlossen, ihre sterbenskranke Mutter zu &#8230; ich schreibe mal t\u00f6ten hin, aber ich w\u00fcrde ein anderes Wort dazu verwenden. Das Ganze wurde irgendwie in meinen Augen wenig kritisch kommentiert und begleitet, jedenfalls nicht im Verh\u00e4ltnis einer sich christlich nennenden Publikation.<br \/>\nIch habe dann einen Beitrag geschrieben und eingesendet. Was danach noch passierte, wei\u00df ich nicht mehr, denn drei Tage sp\u00e4ter erstickte meine Mutter vor meinen Augen, ohne dass ich imstande war, ihr zu helfen. <\/p>\n<p>Wenn es irgendetwas Gr\u00e4sslicheres gibt, als so etwas erleben zu m\u00fcssen, dann ist es sicherlich der Gedanke daran, seine Mutter zu t\u00f6ten. Ich wollte grade &#8222;eigene&#8220; Mutter schreiben, aber das versteht sich ja von selbst. <\/p>\n<p>Mein Pl\u00e4doyer f\u00fcr f\u00fcrsorgende Sterbebegleitung, Hilfe, F\u00fcrsorge, liebende Zuwendung, G\u00fcte, Barmherzigkeit (keine falsch verstandene!) eine menschliche Hand im Falle des \u00c4u\u00dfersten, das ich an &#8222;Christ und Welt&#8220; damals gesendet und das auch publiziert wurde m\u00f6chte ich heute hier unten nochmals einkopieren: <\/p>\n<p>Meine Mutter stirbt an Amyotropher Lateralsklerose, kurz &#8222;ALS&#8220;. Manch einer entsinnt sich noch an die &#8222;Ice Bucket Challenge&#8220;, um international f\u00fcr Spenden zur Erforschung dieser Krankheit, die auch ganz junge Menschen treffen kann, zu werben.<br \/>\nIch habe keinen einzigen Arzt erlebt, der sich den Satz &#8220; Sie tun mir Leid. Da kommt was auf Sie zu&#8220; erspart h\u00e4tte nach dieser Diagnose. So viel zu sentimentalen \u00c4rzten.<br \/>\nIch arbeite jeden Tag daran, meine Mutter zum L\u00e4cheln zu bringen &#8211; und sie l\u00e4chelt immer noch so oft und gerne, obwohl die Krankheit ihr mittlerweile die Sprechf\u00e4higkeit genommen hat. Sie wird mit ihrem L\u00e4cheln und Lachen immer mehr zu einem Kind Gottes.<br \/>\nIch darf das erleben.<br \/>\nIch koche ihr jeden Tag ihr Lieblingsessen, das nat\u00fcrlich p\u00fcriert werden muss, oder einen Pudding, egal, irgendetwas, was sie noch schlucken kann, auch wenn die Krankheit, also die L\u00e4hmungserscheinungen, l\u00e4ngst den Schluckapparat erreicht haben, Essen immer mehr zur Qual wird und Ersticken die n\u00e4chste Option ist, die an die T\u00fcr klopft.<br \/>\nIhre Schultern werden immer schmaler, ihr wei\u00dfer Kopf senkt sich immer \u00f6fter wie in Resignation &#8211; sie ist schwach, unterern\u00e4hrt, weil sie keine k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung m\u00f6chte, das hat sie mehrfach schriftlich verf\u00fcgt. An manchen Tagen kann ich kaum aus dem Bett aufstehen, um mich der Situation zu stellen. Doch wenn ich schlie\u00dflich Mut fasse, dann lacht sie mich an. Ich sage: &#8222;Und wie geht es meinem Maik\u00e4ferchen?&#8220; Und dann ist da dieses Lachen.<br \/>\nIhre Augen irrlichtern umher, das ist zum Teil der Demenz geschuldet, in diesem Falle eine gn\u00e4dige Demenz. Nat\u00fcrlich ist sie ersch\u00f6pft, alles strengt sie unermesslich an, und selbst wenn sie &#8222;k\u00fcnstliche Ern\u00e4hrung&#8220; verf\u00fcgt h\u00e4tte &#8211; sie w\u00fcrde die Vollnarkose zum Setzen der Sonde nicht \u00fcberleben. Also koche ich zarte, musige Sachen, Gem\u00fcse, zerquetschte Kartoffeln mit Butter \u00fcbergossen, Milchreis, Spinat, Polenta und Grie\u00dfbrei. Gebe ihr Astronautennahrung, zus\u00e4tzlich.<br \/>\nIch tue, was ich kann.<br \/>\nUnd meine Mutter wird durch meine Hand nur G\u00fcte, Liebe und Hilfe erfahren. Ich kann nicht mehr z\u00e4hlen, wie oft ich vor ihr auf die Knie ging, um ihre Schuhe und Socken auszuziehen. Sie presst sich ein Taschentuch vor den Mund, denn sie hat keine Kontrolle mehr \u00fcber ihr speicheln.<br \/>\nNat\u00fcrlich leidet sie, und manchmal hat sie Weinkr\u00e4mpfe. Doch sofort kann man sie wieder aufmuntern und selbst wenn es ihr noch so schlecht geht, das Alpenveilchen an ihrem Fenster, das mir sowas von egal ist, hat sie immer noch im Blick. Es darf nicht verdursten. Mit herrischen Bewegungen weist sie mich an, es zu tr\u00e4nken. Nichts darf verloren gehen, nichts soll Not leiden, auch wenn sie selbst so gro\u00dfe Not leiden muss.<\/p>\n<p>Meine Kindheit war voller Tiere &#8211; irgendwie musste es sich rumgesprochen haben, dass, wenn man krank ist, man nur zu meiner Mamma in den Hof fliehen muss &#8211; sie wird einen schon umsorgen. Den meisten hat sie helfen k\u00f6nnen, viele von ihnen pflegte sie wieder gesund.<br \/>\nUnd heute: Die Schwalben k\u00f6nnten jetzt um diese Zeit, Ende M\u00e4rz, kommen! Die Werkstatt\u00fcre muss f\u00fcr sie aufbleiben! Sonst finden sie vielleicht kein Obdach!<br \/>\nDas ist meine Mutter.<br \/>\nJeden Abend, wenn sie zu Bett liegt, zeichne ich ihr mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn. Eigentlich ist sie protestantisch, aber sie liebt Weihwasser. Ich sage: &#8222;Gott segne dich&#8220; oder &#8222;Gott beh\u00fcte dich!&#8220;<br \/>\nJedesmal gluckst sie gl\u00fccklich wegen des Rituals.<br \/>\nNat\u00fcrlich habe ich Tage, wo ich es nicht mehr aushalte. Wo ich an meine psychischen und physischen Grenzen komme. Ausgerechnet an denen ist dann Jesus irgendwie so fern. Aber sie gehen vor\u00fcber.<br \/>\nIch bitte ihn, ihr das Schlimmste, den Erstickungstod, zu ersparen. Jeden Tag: &#8222;Mein Jesus-Barmherzigkeit!&#8220;<br \/>\nDoch meine Hand soll verdorren, verfaulen und abfallen, wenn ich es jemals wagen sollte, dieser Frau, die mir das LEBEN geschenkt hat, irgendetwas zu Leide zu tun, anstatt ihr Gl\u00fcckseligkeit, Hilfe und F\u00fcrsorge zu gew\u00e4hren.<br \/>\nIch war noch ganz klein und sie war kaum Vierzig, da fragte ich sie bange: Mamma, ich habe Angst! Muss ich denn auch einmal sterben? Und sie hat, obwohl sie gerade ausgehen wollte, sich eine halbe Stunde Zeit genommen, um mir zu erkl\u00e4ren, so leicht stirbt man nicht. Du musst nicht sterben. HAB KEINE ANGST, und au\u00dferdem bin ich doch bei dir.<br \/>\nIch habe diese Situation nie vergessen. Und ebenso, wie meine junge Mamma damals mir die Angst nahm vor dem Sterben, so werde ich alles was in meiner Macht steht und was ich tun kann, tun, um ihr die Angst auf diesem letzten Wegst\u00fcck zu nehmen und ihr die Gewissheit zu geben: Mamma, du gehst. Aber wenn du gehen musst, so gehst du an meiner Hand. Hab keine Angst. Ich bin doch bei dir. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der Lekt\u00fcre des bewegenden Buches &#8222;Ich liebe Dich so, wie ich bin&#8220; von Maria Elisabeth Schmidt, das sie mir freundlicherweise zugesendete hatte, kamen viele Erinnerungen an die Krankheit und den Tod meiner Mutter wieder bei mir auf. Zun\u00e4chst m\u00f6chte ich uneingeschr\u00e4nkt die Lekt\u00fcre dieses Buches empfehlen. 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