{"id":825,"date":"2020-07-05T14:45:56","date_gmt":"2020-07-05T12:45:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=825"},"modified":"2020-07-05T14:45:56","modified_gmt":"2020-07-05T12:45:56","slug":"buchbesprechung-fuer-cicero-juri-buida-nulluhrzug","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=825","title":{"rendered":"Buchbesprechung f\u00fcr Cicero &#8211; Juri Buida: Nulluhrzug"},"content":{"rendered":"<p>Im Juni-Heft des Cicero findet sich eine Buchbesprechung von mir, die aus Platzgr\u00fcnden leider stark gek\u00fcrzt werden musste. Ich ver\u00f6ffentliche sie hier nach R\u00fccksprache in voller L\u00e4nge, weil mir die russische Literatur als studierte Slawistin sehr am Herzen liegt und ich Juri Buida f\u00fcr einen der aktuell besten russischen Schriftsteller halte. Leider tun sich deutsche Verlage mit zeitgen\u00f6ssischer russischer Literatur eher schwer &#8211; und ich habe vor einigen Jahren ein Interview mit einer der besten \u00dcbersetzerinnen aus dem Russischen ins Deutsche gelesen, die ich kenne, die sich aber leider aus lauter politischer Korrektheit zum Beispiel weigert, einen Mann wie Zakhar Prilepin zu \u00fcbersetzen. Wenigstens liegt eines seiner B\u00fccher mittlerweile auf Deutsch vor, zu bedanken haben wir uns daf\u00fcr bei Matthes und Seitz und dem \u00dcbersetzer Erich Klein &#8211; und ich kann das Buch &#8222;Sankya&#8220; nur dringend empfehlen.<br \/>\nNun aber zu Buidas Nulluhrzug:<\/p>\n<p>>>Man m\u00fcsste sich Solschenizyns Helden aus seiner Gulag-Erz\u00e4hlung \u201eEin Tag im Leben des Iwan Denissowitsch\u201c als einen gl\u00fccklichen Mann vorstellen, wenn man ihn mit Iwan Ardabjew, dem Helden oder vielmehr Antihelden aus Juri Buidas Roman \u201eNulluhrzug\u201c vergleichen wollte.<br \/>\nArdabjews Welt besteht aus Gleisen, Schwellen, Ausweichstellen, Kohlebunkern, Eisenbahnbr\u00fccken, Schlossereien und Werkst\u00e4tten sowie ein paar Baracken, in denen die Menschen, die an dieser Bahnstrecke angesiedelt worden sind, mehr hausen als leben k\u00f6nnen. Der einzige Zweck des Daseins dieser Station Nummer Neun und ihrer Siedler &#8211; das sind neben Ardabjew noch sein Wahlbruder Wassili mit dessen Frau Gussja und ein j\u00fcdisches  Ehepaar, die sch\u00f6ne Fira und ihr Mann Mischa &#8211; , besteht darin, t\u00e4glich oder besser mittern\u00e4chtlich das reibungslose Durchfahren des Nulluhrzuges zu gew\u00e4hrleisten, der aus hundert Waggons mit verplombten T\u00fcren und vier Lokomotiven besteht, und von dem keiner wei\u00df, was er eigentlich transportiert: Holz,Werkzeug oder gar Menschen; und wenn Menschen, dann wohin, in welche Lager, von denen Station Neun nur eine Au\u00dfenstation ist. Und so warten sie, diese Handvoll Existenzen, jeden Tag aufs Neue auf den \u201eNuller\u201c: \u201eSo wartet man auf Gott oder den Teufel \u2026 aber nicht auf einen Zug\u201c wirft Gussja Ardabjew einmal vor und bezeichnet damit die schiere Leerheit seiner Existenz in deprimierender Umgebung, bei scheu\u00dflichem Essen wie B\u00fcchsenfleisch, Kartoffeln, Kohl &#8211; und der Autor erz\u00e4hlt dies stringent auf die alles vernichtende Katastrophe hin zu Ende.<\/p>\n<p>Ardabjews Charakter bleibt merkw\u00fcrdig unkonturiert, wir erfahren, dass er der Sohn eines Volksfeindes ist und sein Vater die Mutter vor den Augen des Zehnj\u00e4hrigen erschoss. Dass er eine gro\u00dfe Vorliebe f\u00fcrs Dominospielen hat, weshalb sein Spitzname Don Domino lautet, und ein Buch von Dumas besitzt, dessen Titel der Autor des Nulluhrzuges unerw\u00e4hnt l\u00e4sst. Ardabjew ist weiterhin ein geradezu besessener Liebhaber, der es bereits mit allen Streckenhuren getrieben hat, und zwar so wild und ausdauernd, dass eine der Frauen ihre Brandwunde am n\u00e4chsten Morgen mit Soda und Ei k\u00fchlen muss. Neben dieser heftigen erotischen Leidenschaft und einem au\u00dfergew\u00f6hnlichen Stehverm\u00f6gen besitzt Ardabjew aber einen besonderen, einen surreal-poetischen Blick auf weibliche Sch\u00f6nheit. Auf Fira, die sch\u00f6ne verheiratete J\u00fcdin, die einzige, die er nicht besitzen kann. Sie hatte er einmal dabei beobachtet, wie sie sich in einer Waschsch\u00fcssel wusch und dabei wundervolle Dinge gesehen: Die ganze prachtvolle Frau wurde vor seinen Augen \u2013 durchsichtig! Er konnte ihr \u201evogelgleich flatterndes Herz\u201c, ihre \u201edunstig-massive Leber\u201c, die durchsichtige silberne Glocke\u201c der Harnblase, hellblaue Knochen, \u201eschwimmend im rosa Gelee\u201c ihres Leibes erkennen. Der Anblick ist so atemberaubend, dass er davonst\u00fcrzt, vor dieser phantasmagorischen Sch\u00f6nheit der Frau flieht, er weglaufen muss. Zulaufen dagegen wird ihm im Wortsinne die Streunerin Aljona, die davon \u00fcberzeugt ist, Menschen im \u201eNuller\u201c sp\u00fcren zu k\u00f6nnen und sich wie eine Besessene um Mitternacht auf die Gleise legt, den Zug \u00fcber sich hinweg donnern l\u00e4sst, bis sie dabei grauenvoll zu Tode kommt.<br \/>\nDanach geschehen nur noch au\u00dferplanm\u00e4\u00dfige Dinge: Es kommen eines Nachts nacheinander zwei, drei, vier Nulluhrz\u00fcge. Ein andermal h\u00e4lt der Nuller an, anstatt wie immer durchzufahren.  Als Ardabjew an die achte Station telegrafiert, erh\u00e4lt er die kryptische Antwort, dass es keine neunte Station und auch gar keinen Zug gebe &#8230; <\/p>\n<p>Kafka soll beim Verlesen seiner verst\u00f6renden Geschichten h\u00e4ufig gelacht haben; Gorki bescheinigte Andrei Platonow einst, eine seiner Erz\u00e4hlungen grenze an einen finsteren Albtraum.  Es gibt gro\u00dfe Ankl\u00e4nge an diese beiden Autoren, vielleicht kn\u00fcpft Juri Buida, im Jahr 1954  &#8211; ein Jahr nach Stalins Tod &#8211; im Kaliningrader Gebiet geboren, im \u201eNulluhrzug\u201c an deren literarische Tradition an. Im Grunde aber erz\u00e4hlt er in einem ganz eigenst\u00e4ndigen Tonfall, der von Ganna-Maria Braungardt wie immer gekonnt ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. Der \u201eNulluhrzug\u201c wurde unter dem Titel \u201eDon Domino\u201c 1993 zuerst in der Moskauer Zeitschrift \u201eOktjabr\u201c ver\u00f6ffentlicht und ein Jahr sp\u00e4ter f\u00fcr den Russischen Booker Prize nominiert.<\/p>\n<p>Juri Buida: Nulluhrzug<br \/>\nGebunden mit Schutzumschlag, 142 Seiten<br \/>\nAufbau Verlag<br \/>\n978-3-351-03785-7 <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Juni-Heft des Cicero findet sich eine Buchbesprechung von mir, die aus Platzgr\u00fcnden leider stark gek\u00fcrzt werden musste. Ich ver\u00f6ffentliche sie hier nach R\u00fccksprache in voller L\u00e4nge, weil mir die russische Literatur als studierte Slawistin sehr am Herzen liegt und ich Juri Buida f\u00fcr einen der aktuell besten russischen Schriftsteller halte. 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