{"id":693,"date":"2020-02-07T21:37:43","date_gmt":"2020-02-07T19:37:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=693"},"modified":"2020-02-17T15:21:14","modified_gmt":"2020-02-17T13:21:14","slug":"unterwegs-in-suedboehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=693","title":{"rendered":"Unterwegs in S\u00fcdb\u00f6hmen"},"content":{"rendered":"<p>In Tschechien, so liest man h\u00e4ufig, sei der christliche Glaube fast verschwunden, eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung betrachtet sich selbst eher als Atheisten. Nur knapp 11 Prozent der Einwohner z\u00e4hlen sich zu einer christlichen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft, davon gut 10 Prozent zur r\u00f6misch-katholischen. <\/p>\n<p>K\u00fcrzlich war ich wieder in Tschechien unterwegs, genauer gesagt in S\u00fcdb\u00f6hmen um Budweis. Von dieser Region erwartete ich mir in Sachen Glaube ziemlich wenig. Ich war vor zwei Jahren schon oben im Norden gewesen, am einzige kirchlich anerkannten Marienerscheinungsort in Tschechien, hart an der deutschen Grenze gelegen &#8211; Filipov (Philippsdorf). Dar\u00fcber hatte ich auch einen Artikel f\u00fcrs Vatican-magazin geschrieben. <\/p>\n<p>Die erste \u00dcberraschung war, dass \u00fcberall noch weihnachtlich geziert war, in den Stra\u00dfen, auf \u00f6ffentlichen Pl\u00e4tzen, in privaten G\u00e4rten, obwohl bereits Mitte Januar. Es war in einem \u00d6rtchen mit dem sch\u00f6nen Namen Hluboka nad Vltavou, welches von einer Art Nachbildung von Windsor Castle \u00fcberkr\u00f6nt wird. Man kann dort an der Moldau entlang spazieren und wenn man Gl\u00fcck hat, erlebt man im &#8222;zimn\u00ed stadion&#8220; eine Trainingsrunde der Kleinsten, ich sag mal vielleicht sechsj\u00e4hrige Jungs mit ihrem Eishockeytrainer.<\/p>\n<p>Ich wollte aber eigentlich am See wandern, kehrte zur\u00fcck in die Stadt und lief \u00fcber einen Zebrastreifen. Ein superklappriger LKW mit typisch b\u00f6hmischem Fahrer &#8211; rundes Gesicht, spitze Nase, wollige Haare &#8211; bremste f\u00fcr mich. Erst als ich den Streifen \u00fcberquert hatte, wurde mir klar, was ich da gesehen hatte. In der Frontscheibe mittig ein gro\u00dfes Kruzifix (also mit Korpus) und rechts und links davon jeweils zwei kleinere Holzkreuze. Daumen hoch f\u00fcr den Fahrer und ich bin mir sicher, er wertete das nicht alleine daf\u00fcr, dass er f\u00fcr mich angehalten hatte.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes machte ich einen Ausflug ins wundersch\u00f6ne Trebon. Dieses St\u00e4dtchen ist einen Abstecher wert. Zu Mittag ging ich einfach in die n\u00e4chste Beiz, die mit gutem Bier warb. Eigentlich war es mehr so ein Hinterhoflokal. Drau\u00dfen standen rauchende M\u00fctter mit Kinderw\u00e4gen, das Essen war m\u00e4\u00dfig, das Bier nat\u00fcrlich hervorragend. Keine zahlungskr\u00e4ftige Klientel, schon gar keine Touristen. Ein Mann mit Parkinson am Nebentisch. Und dann kam dieser Rentner. Sch\u00e4big gekleidet, ungepflegt. Man konnte genau sehen er war aus der K\u00e4lte seiner Wohnung in diese Beiz gekommen, um eine Schale Rinderbr\u00fche mit Nudeln zu essen und sich aufzuw\u00e4rmen. Nat\u00fcrlich mitsamt einer halbe Bier. Den 100 Kronen-Schein daf\u00fcr hatte er sich schon zurecht gelegt. Ich beobachtete ihn verstohlen. Die Schale mit der Suppe wurde serviert, das Bier auch. Und da nimmt dieser verwahrloste alte Mann seine M\u00fctze ab und faltet die H\u00e4nde. Es folgte ein stummes, langes Gebet \u00fcber der Suppensch\u00fcssel und ich konnte gar nicht anders, als ihm, dann als ich sah er hatte geendet und langte zu, ein fr\u00f6hliches &#8222;Dobrou chut'&#8220; zuzurufen. Also &#8222;Guten Appetit&#8220;. Er bedankte sich und tauchte seinen L\u00f6ffel in die hei\u00dfe Suppe. <\/p>\n<p>Ich bin so gerne in Tschechien. Die Menschen dort \u00fcberraschen mich immer wieder. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Tschechien, so liest man h\u00e4ufig, sei der christliche Glaube fast verschwunden, eine Mehrheit der Bev\u00f6lkerung betrachtet sich selbst eher als Atheisten. Nur knapp 11 Prozent der Einwohner z\u00e4hlen sich zu einer christlichen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft, davon gut 10 Prozent zur r\u00f6misch-katholischen. 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