{"id":661,"date":"2019-11-17T20:50:47","date_gmt":"2019-11-17T18:50:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=661"},"modified":"2019-11-17T20:50:47","modified_gmt":"2019-11-17T18:50:47","slug":"17-listopadu-blaetterfallmonat-november-1989-beginn-der-samtenen-revolution-in-prag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=661","title":{"rendered":"17. listopadu (Bl\u00e4tterfallmonat &#8211; November) 1989 &#8211; Beginn der Samtenen Revolution in Prag"},"content":{"rendered":"<p>Der 17. November ist f\u00fcr das tschechische Volk ein \u00e4hnliches schicksalhaftes Datum wie der 9. November f\u00fcr die Deutschen.<br \/>\nDenn am Beginn der Samtenen Revolution stand eine Demonstration, die an den 17. November 1939 erinnern sollte &#8211; genauer gesagt an das Schicksal des tschechischen Medizinstudenten Jan Opletal, der an diesem Tag an einer Demonstration teilnahm und von den deutschen Besatzern kurzerhand erschossen wurde. So gab der Anlass des Gedenkens an eines der m\u00f6rderischsten Regimes in Europa den Impetus zum Sturz eines weiteren m\u00f6rderischen Regimes &#8211; des Kommunismus in der Tschechoslowakei.<br \/>\nMein damaliger Freund und ich wollten den Jahreswechsel 1989 wie schon so oft bei der Familie seines tschechischen Freundes, eines erfolgreichen jungen Fu\u00dfballnationalspielers, in Prag verbringen. Wir hatten die Nachrichten verfolgt und wussten nicht so recht, was uns bei der Einreise, es war Ende Dezember, erwarten w\u00fcrde, hatten mit allem m\u00f6glichen gerechnet, vor allem, wieder zur\u00fcckgeschickt zu werden. Doch an der Visastelle angekommen, an der wir brav wie immer unseren Einreiseantrag stellen wollte, herrschte blanke Aufl\u00f6sung. Hinter den Schaltern sa\u00dfen keine gestrengen Zollbeamten mehr, sondern Menschen, die zun\u00e4chst mal damit besch\u00e4ftigt waren, tassenweise Kaffee und gl\u00e4serweise Cognac zu vernichten und sich in keiner Weise f\u00fcr uns interessierten. Da wir beide gut tschechisch sprachen, verlangten wir nachdr\u00fccklich eine Anweisung, was nun zu tun sei f\u00fcr uns. Endlich bekamen wir die Aufmerksamkeit eines Beamten. &#8222;Wohin?&#8220; &#8222;Nach Prag! Hier unsere P\u00e4sse.&#8220; Ungeduldiges Abwinken. &#8222;Die brauchen wir nicht. Schaut, dass ihr weiter kommt. Egal wohin!&#8220;<br \/>\nEtwas verunsichert fuhren wir also ohne Sichtvermerk und Einreiseerlaubnis weiter Richtung Prag, wo uns unsere Freunde sichtlich entspannt und in Feierlaune empfingen. Pavels Mutter erinnerte uns an die Tage des Prager Fr\u00fchlings, als sie mit unserem Freund schwanger auf den Wenzelsplatz geeilt war. <\/p>\n<p>Nun aber, V\u00e1clav Havel sei gerade Pr\u00e4sident geworden, man wolle mit uns und zwei Pullen Bohemia-Sekt auf den Wenzelsplatz, um seine Antrittsrede vom Balkon des B\u00fcrgerforums aus zu h\u00f6ren. Wir wussten nicht, wie uns geschah, aber fanden uns dann zusammen mit Zehntausenden von Tschechen auf dem Wenzelsplatz und danach auf dem Altst\u00e4dter Ring wieder in einer ausgelassen feiernden Menschenmenge. Sie sangen, sie jubelten, sie tranken und sie lachten, sie lagen sich in den Armen.<br \/>\nAber wir sahen auch die Gedenkorte f\u00fcr die im Verlauf des Generalstreiks und der Demonstrationen erschossenen Studenten. Teils \u00fcberkniehoch wurden sie von Bergen von Blumen und Kerzen markiert. Die Samtene Revolution war so samten dann doch nicht gewesen &#8211; es hatte Opfer gegeben.<br \/>\nIch darf von mir sagen, ich habe noch V\u00e1clav Havel mit eigenen Augen gesehen und sprechen geh\u00f6rt. Ein faszinierender Mann, der sich nur vor seinem eigenen Gewissen verantwortet hat und leiten lie\u00df. Denn sein Motto war:<br \/>\nPravda v\u00edt\u011bz\u00ed  &#8211; die Wahrheit siegt &#8211; veritas vincit.<br \/>\nVon Havel ist mir nicht bekannt, dass er ein bekennender Christ war, aber er h\u00e4tte einer sein k\u00f6nnen.<br \/>\nEines seiner letzten Interviews oder besser einer seiner letzten \u00f6ffentlichen Auftritte vor seinem Tod bestritt er mit einem ehemaligen Gef\u00e4ngniskollegen &#8211; dem heutigen Kardinal Dominik Duka. Ich schrieb dar\u00fcber vor einigen Jahren f\u00fcr die Tagespost.<br \/>\nUnd ich m\u00f6chte diesen Eintrag schlie\u00dfen mit den sehr pers\u00f6nlichen Worten des Kardinals, denen ich mich, als eine leidenschaftliche Freundin des tschechischen Volkes gerne anschlie\u00dfen m\u00f6chte:<br \/>\n>>Ich denke nur daran, wie wir in die alten H\u00e4user kamen, auf dem Dorf oder manchmal auch in der Stadt, dann hing dort so ein Schild: \u201eOhne Gottes Segen ist das M\u00fchen des Menschen umsonst.\u201c So m\u00f6chte ich diesen Segen Gottes erbitten f\u00fcr alle Vors\u00e4tze, Herausforderungen und Worte, die hier gesagt wurden.<br \/>\nGott segne alle und das ganze tschechische Land.<br \/>\nAmen.>><\/p>\n<p>Und auf die and\u00e4chtige Stille, die jetzt herrscht, kann nur Marta Kubisova mit ihrer Hymne auf den Prager Fr\u00fchling, die auch &#8217;89 immer wieder Erklang ein Echo geben:<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"560\" height=\"315\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/s_YBSWipk9Y\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<p>Gebet f\u00fcr Marta<br \/>\nFrieden sei mit diesem Land f\u00fcr alle Zeit.<\/p>\n<p>M\u00f6gen Zorn, Neid, Hass, Angst und Zwietracht<br \/>\nnun vergehen und vergessen sein.<br \/>\nJetzt, da die verlorene Selbstbestimmung<br \/>\ndu zur\u00fcck erlangst, mein Volk, du zur\u00fcck erlangst!<\/p>\n<p>Dunkle Wolken ziehen sacht vom Himmel ab<br \/>\nund ein jeder setzt nun seine Saat instand.<br \/>\nDieses mein Gebet, es spreche zu den Herzen,<br \/>\ndie die Zeit des Zornes nicht verbrannte<br \/>\nWie der Frost die Blumen, wie der Frost.<br \/>\nFrieden sei mit diesem Land f\u00fcr alle Zeit!<\/p>\n<p>M\u00f6gen Zorn, Neid, Hass, Angst und Zwietracht<br \/>\nnun vergehen und vergessen sein.<br \/>\nJetzt, da die verlorene Selbstbestimmung<br \/>\ndu zur\u00fcck erlangst, mein Volk, du zur\u00fcck erlangst!<\/p>\n<p>***********************************************************<br \/>\nEs  ist der Tag und die Stunde des tschechischen Volkes, aber als Deutsche sei mir erlaubt anzumerken, dass ich mir all das, was damals wie heute Marta f\u00fcr ihr Land ersingt, erbetet und erw\u00fcnscht, auch ich mir f\u00fcr Deutschland w\u00fcnsche. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der 17. November ist f\u00fcr das tschechische Volk ein \u00e4hnliches schicksalhaftes Datum wie der 9. November f\u00fcr die Deutschen. Denn am Beginn der Samtenen Revolution stand eine Demonstration, die an den 17. 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