{"id":577,"date":"2019-07-28T18:45:04","date_gmt":"2019-07-28T16:45:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=577"},"modified":"2019-07-28T18:49:58","modified_gmt":"2019-07-28T16:49:58","slug":"caritas-christi-urget-nos","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=577","title":{"rendered":"Caritas Christi urget nos"},"content":{"rendered":"<p>Sonntag vormittag, ich bin in Deutschland. Zur heiligen Messe gehen ist mir leider manchmal eher Routine und Pflicht hierzulande. W\u00e4hrend ich Kaffee trinke, mich anziehe und vorbereite, denke ich, dass ich doch einmal wieder eine orthodoxe Liturgie besuchen sollte.<br \/>\nVielleicht sollte ich das wirklich einmal wieder tun, aber gerade heute hat mir der Herr ziemlich deutlich gewiesen, dass alles ganz und gar gut so ist, wie es ist.<\/p>\n<p>Ich sitze ziemlich weit vorne und die erste Bank bleibt leer. Das macht mich unruhig, denn normalerweise sitzen dort die Gebrechlichen und Alten, die nicht mehr aufstehen und nach vorne gehen k\u00f6nnen zur heiligen Kommunion. Unser deutscher Pfarrer teilt stets zuerst an sie aus. Heute fehlt mir ganz besonders eine wei\u00dfhaarige, wundersch\u00f6n zarte Frau, die mich an meine verstorbene Mutter erinnert und vielleicht nicht mehr gut beieinander ist, aber der heiligen Messe stets aufmerksam wie ein Luchs folgt. Begleitet wird sie meist von einer leicht rundlichen polnischen Betreuerin, der man ansieht, dass sie froh ist, eine Deutsche betreuen zu d\u00fcrfen, die genausoviel Wert auf den sonnt\u00e4glichen Messbesuch legt wie sie selbst. <\/p>\n<p>Da, in der Sakristei hat es schon gel\u00e4utet und die Gemeinde ist aufgestanden, kurven die beiden Frauen ein. Ich bin erleichtert. Wie immer klettert das greise M\u00e4dchen aus dem Rollstuhl in die Bank, ihre Betreuerin parkt sorgf\u00e4ltig den Rollstuhl, betet kurz in der Bank und schaut dann nach, ob noch etwas fehlt. Diesmal ist es ein P\u00e4ckchen Papiertaschent\u00fccher, das sie unaufgefordert bereitlegt, um sich dann ganz wieder dem Geschehen hinterm Altar zu widmen.<\/p>\n<p>Wir haben einen jungen Kaplan zu Gast, der gerade in Rom studiert und uns bereits am Fest Mari\u00e4 Heimsuchung mit seiner geisterf\u00fcllten Predigt erfreut hat. Das ist die erste \u00dcberraschung dieses Herrentages. Ich erkenne ihn wieder und freue mich schon beim Gloria auf seine Predigt. Doch zun\u00e4chst m\u00f6chte er die Gemeinde mit Weihwasser segnen &#8211; im novus ordo (oder wie sagt man mittlerweile kirchenpolitisch korrekt dazu) leider nicht mehr immer selbstverst\u00e4ndlich. Meine protestantische Mamma hat das besonders geliebt, wenn ich sie manchmal zur Alten Messe mitnahm.<\/p>\n<p>Der junge Kaplan kommt zu seiner frei gehaltenen Predigt \u00fcber die Stelle im Evangelium, in der Jesus die J\u00fcnger lehrt: &#8222;So sollt ihr beten&#8220; &#8211; nachdem sie ihn dazu angefragt haben. Er predigt leidenschaftlich und voller Freude. Wir erfahren ganz neue Blickwinkel auf diese altbekannte Stelle und das Vaterunser. Das wei\u00dfhaarige M\u00e4dchen weiter vorne klatscht vor Freude die H\u00e4nde zusammen, als er geendet hat. Auf diesem jungen Priester liegt Segen, sie hat es gesp\u00fcrt. Mit besonderer Hingabe singen wir das Vaterunser heute und geben uns den Friedensgru\u00df.<br \/>\nZur Austeilung des Allerheiligsten erhebt sich diese wundersch\u00f6ne alte Dame mit aller M\u00fche &#8211; wie immer. Normalerweise erh\u00e4lt sie und andere Gebrechliche, die in der ersten Bank sitzen, auch vor der gesamten Gemeinde die Kommunion. Unser junger Kaplan kann das aber nicht wissen und es ist auch nicht sein Fehler, dass ihm das nicht gesagt wurde, in keiner Weise. Und so steht mein tapferes greises M\u00e4dchen w\u00e4hrend der gesamten Austeilung an die Gemeinde weiter, in der Hoffnung, dass sie auch noch den Leib des Herrn empfangen darf.<\/p>\n<p>Doch als der Kaplan das Allerheiligste im Tabernakel wegschlie\u00dft, ist ihre Hoffnung dahin.<br \/>\n&#8222;Hallo?&#8220; sagt sie, obwohl sie sich kaum richtig artikulieren kann und auch keine laute Stimme mehr hat. Dann sinkt sie resigniert zur\u00fcck auf die Bank. Noch bevor ich erfassen kann, was sich eigentlich gerade abspielt, erhebt sich ein hochgewachsener breitschultriger Mann aus den vorderen B\u00e4nken. Er sieht ein bisschen aus wie ein gut gealterter Daniel Craig und kurz denke ich, will der jetzt Krawall machen?<br \/>\nDoch der H\u00fcne schreitet vor den Altar und macht eine Kniebeuge. Dann erkl\u00e4rt er dem jungen Kaplan in zwei S\u00e4tzen die Sachlage und deutet auf die erste Bank zu meiner Seniorin. Der Kaplan erkennt die Sachlage blitzschnell, die Situation war und bleibt v\u00f6llig entspannt. Das Tabernakel wird wieder aufgeschlossen. Die polnische Betreuerin, die viel zu sch\u00fcchtern war, um sich vor der Gemeinde zu \u00e4u\u00dfern, stupst die ihr Anvertraute an: Schau, er kommt noch einmal, er kommt noch einmal wieder, extra f\u00fcr dich! meinte ich zu h\u00f6ren.<br \/>\nEr kommt noch einmal wieder. Extra f\u00fcr dich.<br \/>\nDas hat sie wahrscheinlich nicht gesagt, aber ich habe es trotzdem geh\u00f6rt.<br \/>\nNat\u00fcrlich war die alte Dame gl\u00fccklich. Vielleicht war aber mein junger Kaplan noch viel gl\u00fccklicher, der das Tabernakel mit dem Allerheiligsten ohne eine Miene zu verziehen wieder aufschloss und dann loseilte, zur ersten Bank, mit einem wundersch\u00f6nen L\u00e4cheln und dem Leib Christi in der Hand, den er der alten Dame, die sich wieder emporgem\u00fcht hatte, auf die Zunge legte und ihr danach noch segnend \u00fcber die Wange strich. Und die Polin strahlte \u00fcber f\u00fcnf Kirchenb\u00e4nke hinweg herzlich dankend und nickend den rettenden Helfer an, der jetzt den Kopf gesenkt hielt bis nach dem Schlusssegen.<br \/>\nDie Liebe Christi zu uns manifestiert sich selbstverst\u00e4ndlich in jeder heiligen Messe.<br \/>\nAber manchmal hilft Er ein bisschen nach, damit wir das auch wirklich erfassen und erfahren k\u00f6nnen. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag vormittag, ich bin in Deutschland. Zur heiligen Messe gehen ist mir leider manchmal eher Routine und Pflicht hierzulande. W\u00e4hrend ich Kaffee trinke, mich anziehe und vorbereite, denke ich, dass ich doch einmal wieder eine orthodoxe Liturgie besuchen sollte. Vielleicht sollte ich das wirklich einmal wieder tun, aber gerade heute hat mir der Herr ziemlich [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-577","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=577"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":581,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/577\/revisions\/581"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}