{"id":40,"date":"2014-01-23T14:28:05","date_gmt":"2014-01-23T12:28:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=40"},"modified":"2014-05-12T15:50:55","modified_gmt":"2014-05-12T13:50:55","slug":"das-entflammte-herz-die-ewigkeit-als-mass-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=40","title":{"rendered":"Das entflammte Herz &#8211; Die Ewigkeit als Ma\u00df"},"content":{"rendered":"<p>Die geistliche Liebe zwischen dem F\u00fcrstbischof von Genf, Franz von Sales und Baronin Johanna Franziska von Chantal darf man wohl als eine der innigsten und inspiriertesten &#8211; dabei vollst\u00e4ndig reinen &#8211; Verbindungen bezeichnen, welche die katholische Kirche kennt. Sie f\u00fchrte im Juni 1610 zur Gr\u00fcndung der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, kurz Salesianerinnen genannt, die heute, mehr als vierhundert Jahre sp\u00e4ter, mit \u00fcber 150 Kl\u00f6stern auf vier Kontinenten vertreten ist und wiederum Heilige wie Margareta Maria Alacoque sowie Selige wie Mutter Gabriele de Hinojosa und ihre Gef\u00e4hrtinnen, die Sieben M\u00e4rtyrerinnen von Madrid in der Zeit des Spanischen B\u00fcrgerkrieges,  hervorbrachte.<\/p>\n<p>Zu einer ersten Begegnung zwischen Franz von Sales und der Baronin von Chantal kam es in der vor\u00f6sterlichen Zeit des Jahres 1604 in Dijon. Franz ist zu dieser Zeit 36 Jahre alt und seit zehn Jahren als Priester und Seelsorger t\u00e4tig, seit knapp zwei Jahren Bischof von Genf mit Amtssitz in Annecy. Anl\u00e4sslich einer Fastenpredigt weilte er in Dijon, wo ihn sein Amtskollege, der Erzbischof von Bourges, seiner Schwester Johanna Franziska vorstellte.<br \/>\nBeide sollen einander in Visionen bereits vor diesem ersten, wirklichen Treffen, gesehen und sich sogleich erkannt haben. Wenige Tage sp\u00e4ter, am 26. April 1604, schreibt Franz einen ersten, \u00e4u\u00dferst kurzen, aber inhaltsschweren Brief: \u201eGott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder Stunde mehr zur Gewissheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel.\u201c<br \/>\nMit diesen knappen Zeilen beginnt ein wundersch\u00f6ner Briefwechsel, der nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die franz\u00f6sische Literaturgeschichte bereichert hat.<\/p>\n<p>Franz von Sales, am 21. August 1567 auf Burg Sales als erstes von zw\u00f6lf Kindern zur Welt gekommen, durchlitt w\u00e4hrend seiner Studienjahre am Pariser Kolleg eine furchtbare Glaubenskrise, die ihn zuletzt auch k\u00f6rperlich erkranken lie\u00df: Er war mit der calvinistischen Lehre von der Vorherbestimmung in Ber\u00fchrung gekommen, nach der bereits von Ewigkeit her durch Gott entschieden sei, wer unab\u00e4nderlich zur Verdammnis bestimmt sei und wer nicht. Der Gedanke besch\u00e4ftigte ihn intensiv. Schlie\u00dflich wurde er derart von der Vorstellung beherrscht, er selbst geh\u00f6re von Anbeginn der Zeit an zu den Verdammten, dass sich die Verzweiflung seiner Seele auch k\u00f6rperlich manifestierte. Nach einigen Wochen der Krankheit wusste sich der kaum Zwanzigj\u00e4hrige nicht mehr anders zu helfen, der Zenit seiner Angst und Depression war \u00fcberschritten: Mit \u00e4u\u00dferster Anstrengung und unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kr\u00e4fte schleppte er sich in eine nahe gelegene Kirche, wo er sich mit einem Memorare an die Jungfrau Maria wendet, einem Gebet der ebenso flehentlichen wie vertrauensvollen Zufluchtnahme zur \u201eMutter des Wortes\u201c. Franz \u00fcberwindet seine Krise, in dem er sich mit absoluter Unbedingtheit unter dem Schutzmantel Mariens in die Arme des g\u00fctigen, barmherzigen Gottes wirft, der die Liebe ist. Ihm \u00fcbergibt, ihm weiht er an Ort und Stelle, in der Kirche St. Etienne de Gres, sein gesamtes Leben.<br \/>\nEs ist nicht zuletzt wohl dieser Begebenheit seiner Jugendzeit zuzuschreiben, dass er sp\u00e4ter so erfolgreich im Kampf gegen die calvinistischen Irrlehrer vorgehen kann, die im Chamblais-Gebiet des Bistums Genf fast die gesamte Bev\u00f6lkerung f\u00fcr sich gewonnen hatten. Franz nahm kurz nach seiner Priesterweihe 1593 die R\u00fcckeroberung des Chamblais f\u00fcr die heilige Mutter Kirche in Angriff und nutzte daf\u00fcr eines der ersten Massenkommunikationsmittel \u00fcberhaupt \u2013 das Flugblatt. Mit seinen im wahrsten Sinne aufkl\u00e4rerischen Worten \u00fcber die wahre, liebevolle Natur Gottes, seinem authentischen Stil der Warmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, der sich nie zum Pamphletisieren herabl\u00e4sst, kann er in nur vier Jahren die gesamte abgefallene Region f\u00fcr die Kirche zur\u00fcckgewinnen. Insbesondere durch diese beherzte und innovative Tat empfahl er sich geradezu als Schutzpatron der katholischen Journalisten. <\/p>\n<p>Baronin von Chantal ist zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit von Sales seit vier Jahren verwitwet. Ihr Ehemann, mit dem sie sehr gl\u00fccklich war und dem sie sechs Kinder gebar, von denen allerdings zwei sehr jung verstarben, kam im Jahre 1600 bei einem tragischen Jagdunfall zu Tode. In ihrem tiefen Schmerz wandte sie sich Gott zu, sie wollte ganz nach seinem Willen leben. Doch wie diesen Willen erkennen? Sie wendet sich einem Seelenf\u00fchrer zu, dem sie verschiedene Gel\u00f6bnisse macht, unter anderem etwa, sich niemals einen anderen geistlichen F\u00fchrer zu suchen. Doch nun steht da die erste Begegnung mit Priester und Bischof, in dessen Seele sie sich erkennt, der sie, unter Berufung auf den g\u00f6ttlichen Willen, als eine Gabe, ein Geschenk betrachtet und daran keine Zweifel aufkommen l\u00e4sst. Denn Johanna Franziska ist zun\u00e4chst sehr \u00e4ngstlich und voller Skrupel, weil sie sich bereits an einen geistlichen Vater gebunden sieht und ihm sozusagen die Treue gelobt hat. Zun\u00e4chst muss also diese Sache gekl\u00e4rt werden \u2013 Franz geht sowohl mit seelsorgerlicher Umsicht wie auch mit freundlicher Diplomatie vor, immer im klaren Bewusstsein, dem Willen Gottes zu gehorchen. Im gleichen Jahr kommt es zu einer zweiten pers\u00f6nlichen Begegnung zwischen den beiden anl\u00e4sslich einer Wallfahrt nach Saint Claude. Er schreibt: \u201eIch habe die ganze Nacht auf Ihre Angelegenheit verwendet. Ich sehe, es ist der Wille Gottes, dass ich die Leitung Ihrer Seele \u00fcbernehme und Sie meinen Weisungen folgen. Diese vier Gel\u00fcbde [Anm: an den vorherigen Seelenf\u00fchrer] taugen zu nichts, als Ihren Seelenfrieden zu zerst\u00f6ren.\u201c<\/p>\n<p>Neben dem literarischen Genuss, den die Lekt\u00fcre dieser Briefe an die Baronin bieten, ist es vor allem der geistliche Trost, den man darin vorfindet und noch heute jedem Seelsorger eine Anleitung und Hilfe bieten kann. Als Hauptthemen finden sich darin immer wieder: Freiheit, Demut, Vollkommenheit und Ermutigung zur Geduld im Tragen des Kreuzes. Die Gewissensbisse und \u00c4ngste wegen \u2013 eingebildeter oder tats\u00e4chlicher \u2013 Versuchungen, denen sich Johanna Franziska bis zur unertr\u00e4glichen Pein ausgesetzt sieht, lindert er durch schlichte, aber einsichtige Worte: Die Versuchung und die Freude an der S\u00fcnde k\u00e4men vom Teufel, Leid und Qual deswegen aber schickt uns der barmherzige Gott, durch sie l\u00e4utere er das Gold: \u201eVerachten Sie die Versuchung, umfangen Sie die Pr\u00fcfung!\u201c<\/p>\n<p>Von Sales ist sich von Anfang an v\u00f6llig bewusst dar\u00fcber, wie der Charakter seiner geistlichen Tochter beschaffen ist, als h\u00e4tte er sie tats\u00e4chlich schon l\u00e4ngst gekannt, und nicht erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal gesehen. Ihr asketischer Eifer braucht eher M\u00e4\u00dfigung denn Ansporn, ihr \u00fcbertriebenes Pflichtbewusstsein, ihr innerer seelischer Scharfrichter, der sie best\u00e4ndig zu verurteilen scheint, braucht mehr Milde \u2013 und sollte eigentlich am Besten in den Ruhestand versetzt werden. So schreibt dieser hochbegabte Seelenf\u00fchrer also: \u201eWenn Sie Gehorsam und Unterordnung sehr lieben, ist es mein Wunsch, \u2013 dies soll f\u00fcr Sie eine Art Gehorsam sein \u2013 dass Sie aus einem berechtigten Grund oder aus N\u00e4chstenliebe Ihre \u00dcbungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe ausgleichen.\u201c <\/p>\n<p>Immer wieder preist er ihren Witwenstand, r\u00e4t ihr dazu, zun\u00e4chst darin zu verbleiben, anstatt sich in ein Kloster zur\u00fcckzuziehen. Nicht nur Erbauliches findet sich in diesen Briefen an die Baronin, auch kleine Anekdoten \u00fcber seine Erlebnisse, Gespr\u00e4che \u00fcber ihre Kinder, Beschreibungen von Unwettern und Ungl\u00fccksf\u00e4llen, die ihn besonders besch\u00e4ftigen \u2013 und immer wieder das Eingest\u00e4ndnis seiner Armseligkeit und die Bitte um Gebet.<br \/>\nAus Juli 1605 stammt eine mit besonderem Feingef\u00fchl und geistlicher Umsicht geschriebene Empfehlung auf Johannas Anfrage, wie sie demjenigen gegen\u00fcbertreten solle, der damals den Unfalltod ihres Mannes verursacht habe. Mit Verweis auf die Schmerzen Jesu beim Anblick des toten Lazarus, r\u00e4t er ihr nachdr\u00fccklich, eine Begegnung mit diesem Ungl\u00fccklichen nicht ausdr\u00fccklich zu suchen. Sollte sich eine ergeben, so solle sie trotz ihrer aufsteigenden Schmerzen und Qualen ein g\u00fctiges, liebensw\u00fcrdiges und mitf\u00fchlendes Herz mitbringen, um zu bezeugen, dass sie alles in Liebe annehme, sogar den Tod ihres Mannes. Er schlie\u00dft mit einem bezaubernden Bild: \u201eGott befohlen, meine Tochter; bleiben Sie in Frieden, stellen Sie sich auf die Fu\u00dfspitzen und strecken Sie sich weit dem Himmel entgegen!\u201c<\/p>\n<p>Ohne dass Franz das Thema weiter auszubreiten sucht, finden wir auch immer wieder  in seinen Briefen an die geistliche Tochter poetische Formulierungen, die seine Liebe zu ihr ausdr\u00fccken sollen &#8211; eine \u201eZuneigung, wei\u00dfer als der Schnee und reiner als die Sonne\u201c. So schreibt er am 1. November 1604: \u201eIch schenke Sie selbst, Ihr Witwenherz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn darbringe. Beten Sie f\u00fcr mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Ma\u00df als die Ewigkeit.\u201c<\/p>\n<p>Und diese tiefe Zuneigung brachte reiche geistliche Frucht hervor. Am 6. Juni 1610 gr\u00fcndete Franz von Sales, gemeinsam mit Johanna Franziska, die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, im deutschen Sprachraum auch Salesianerinnen genannt. Er erf\u00fcllte damit seiner geistlichen Tochter gleichzeitig einen gro\u00dfen Wunsch, n\u00e4mlich ihr Leben nach einer Ordensregel zu f\u00fchren. Aus der Hand ihres spirituellen Mentors nimmt sie den Habit entgegen, vor seinen Augen und Ohren legt sie ihre Ordensgel\u00fcbde ab. Sie ist nun fast am Ziel ihrer W\u00fcnsche. Nur eine \u2013 sehr exaltierte &#8211;  Bitte erf\u00fcllt ihr der gute Gott nicht: Dass sie vor ihrem geliebten geistlichen Vater sterben m\u00f6ge. Am 28. Dezember 1622 stirbt Franz von Sales nach einem rastlosen, von der Hingabe und dem Dienst an anderen erf\u00fcllten Leben an den Folgen eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatte er Johanna Franziska noch mit diesen Worten gew\u00fcrdigt:  \u201eNur mit Hochachtung spreche ich von dieser durchaus heiligen Seele. Man kann nicht gr\u00f6\u00dferen Verstand mit tieferer Demut vereint sehen. Sie ist einfach und innig wie ein Kind, verbindet aber damit eine ernste und erhabene Urteilskraft. Sie ist eine gro\u00dfe Seele, die f\u00fcr heilige Unternehmungen einen Mut beweist, der sonst ihrem Geschlecht nicht eigen ist. Mit einem Wort: Ich lese nie die Beschreibung Salomons von der vollkommenen Frau, ohne an die ehrw\u00fcrdige Mutter Chantal zu denken.\u201c<br \/>\nEs ist wohl auch seiner Umsicht zu verdanken, dass seine liebe Tochter und geistliche Mutter, als die er sie sehr wohl auch ansah, nicht spirituell verwaiste: Kein geringerer als der heilige Vinzenz von Paul wurde danach ihr engster Vertrauter. Sie stirbt am 13. Dezember 1641 in Moulins. Am selben Abend sieht der heilige Vinzenz eine kleine, feurig-gl\u00fchende Kugel ins Firmament aufsteigen. Und der Himmel \u00f6ffnet sich. Ein etwas gr\u00f6\u00dferer Feuerball kommt ihr entgegen und beide vereinen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie au\u00dfer Sichtweite sind. Wenig sp\u00e4ter erreicht ihn die Nachricht vom Tode Johannas. Da erst begreift er, was er an diesem Abend sah: Wie Franz von Sales\u2019 Seele der Seele seiner Liebsten entgegenkam, um sie in die himmlische Heimstatt zu f\u00fchren. Der Rest dieser wunderbaren Geschichte ist schnell erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Mutter Chantal wird am 21. August 1751 selig gesprochen, am 16. August 1767 heilig.<br \/>\nVon Sales wird von Papst Alexander VII. 1661 zuerst selig, vier Jahre sp\u00e4ter heilig gesprochen. Am 19. Juli 1877 erhebt Pius IX. ihn zum Kirchenlehrer.<br \/>\nDies geschieht noch zu Lebzeiten eines ber\u00fchmten deutschen Philosophen, der nicht nur formulierte, dass Gott tot sei, sondern auch von der Lust sprach, die tiefe, tiefe Ewigkeit wolle. Vielleicht h\u00e4tte er sich eingehender mit dieser einzigartigen, sublimen Liebesgeschichte besch\u00e4ftigen sollen. Dann h\u00e4tte er wom\u00f6glich erkannt, dass sich die Lust immer nur nach der Ewigkeit ausstrecken, sie aber niemals erreichen kann. Alleine die Liebe, die wie \u201eTau vom Himmel kommt\u201c, in der zwei Herzen gemeinsam auf Gott blicken, kann dieses ungeheuerliche Ma\u00df voll aussch\u00f6pfen. Oder, mit den Worten des heiligen Franz von Sales an seine geistliche Gef\u00e4hrtin: Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Ma\u00df als die Ewigkeit.<\/p>\n<p>[zuerst erschienen im <a href=\"http:\/\/vatican-magazin.de\">Vatican-Magazin<\/a> Juli 2013]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die geistliche Liebe zwischen dem F\u00fcrstbischof von Genf, Franz von Sales und Baronin Johanna Franziska von Chantal darf man wohl als eine der innigsten und inspiriertesten &#8211; dabei vollst\u00e4ndig reinen &#8211; Verbindungen bezeichnen, welche die katholische Kirche kennt. 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