{"id":360,"date":"2017-05-18T18:00:46","date_gmt":"2017-05-18T16:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=360"},"modified":"2017-05-20T11:01:34","modified_gmt":"2017-05-20T09:01:34","slug":"geistliches-paar-dorothy-day-und-pierre-maurin-artikel-aus-vatican-magazin-februar-2016","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=360","title":{"rendered":"Geistliches Paar: Dorothy Day und Pierre Maurin  &#8211;  mein Artikel aus Vatican-Magazin Februar 2016"},"content":{"rendered":"<p>Am 8. Dezember 1932 sitzt eine junge Frau in der Basilika zur Unbefleckten Empf\u00e4ngnis in Washington, D.C. und betet unter Tr\u00e4nen um eine Weisung f\u00fcr ihr Leben. Sie hatte zuvor an einem Hungermarsch durch die Stadt teilgenommen, wie sie von ihren ehemaligen kommunistischen Genossen f\u00fcr Arbeitslose und sozial Benachteiligte organisiert werden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Mitte Drei\u00dfig und blickt auf eine bewegte Vergangenheit zur\u00fcck. Dorothy Day war kommunistische Aktivistin und Anarchistin, sie hatte eine Aff\u00e4re und eine Abtreibung sowie zwei gescheiterte Ehen hinter sich.<br \/>\nIhre Eltern geh\u00f6rten der episkopalen Kirche an, Dorothy bekam schon als M\u00e4dchen einen Bezug zum Christentum. Sie las viel, auch die Bibel und besch\u00e4ftigte sich sowohl mit russischen christlichen Schriftstellern wie Dostojewskij oder Tolstoj, als auch mit radikal pazifistischen, kommunistischen und anarchistischen Vorstellungen und Weltansichten. Obwohl sie als junge Frau sowohl f\u00fcr eine sozialistische als auch eine kommunistische Zeitung schrieb, war ihre  kompromisslose pazifistische Einstellung wohl das pr\u00e4gende Element ihres Charakters, neben der sp\u00e4teren \u00dcberzeugung von der Wahrhaftigkeit der katholischen Lehre und ihrer \u00fcberzeugten orthodoxen Haltung hinsichtlich des Magisteriums. Der Pazifismus war es auch, der sie davor bewahrte, weiterhin den Weg ihrer sozialistisch-kommunistisch inspirierten Freunde zu gehen: Sie lehne aufgrund ihrer \u00dcberzeugung auch den Klassenkampf als solchen ab. W\u00e4hrend der Zeit kurz vor ihrer Konversion f\u00fchrte sie ein unkonventionelles Leben im New Yorker K\u00fcnstler- und Musikerviertel Greenwich Village, war mit Schriftstellern wie Eugene O\u2019Neill und John Reed befreundet.<br \/>\n1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist sie in zweiter Ehe mit dem Biologen und Anarchisten Forster Batterham verheiratet.  Als sie ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie \u00fcbergl\u00fccklich und voller Dankbarkeit \u2013 war sie doch nach dem schlimmen Eingriff ihrer Abtreibung davon \u00fcberzeugt, nicht mehr empfangen zu k\u00f6nnen. Sie empfindet diese Schwangerschaft als pure Gnade und wahres Gottesgeschenk. Ihre Dankbarkeit ist so au\u00dferordentlich gro\u00df, dass &#8211; obwohl Day selbst noch nicht in die Kirche eingetreten ist, sie ihre Tochter im Juli 1927 katholisch taufen l\u00e4sst. \u201cIch wollte meinem Kind die Orientierungslosigkeit ersparen, die ich oft erlebte, ich wollte gl\u00e4ubig sein, und ich wollte, dass mein Kind gl\u00e4ubig wird, und wenn die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer Kirche ihr die unsch\u00e4tzbare G\u00fcte des Glaubens an Gott, und die umg\u00e4ngliche Liebe der Heiligen zuteil werden lie\u00dfe, dann musste sie katholisch getauft werden.\u201d Ihre Hingezogenheit zur katholischen Kirche sorgt bei ihrer n\u00e4heren Umgebung f\u00fcr zunehmendes Unverst\u00e4ndnis, insbesondere Batterham verachtet Religion und die katholische Kirche ganz besonders und weigert sich, der Taufzeremonie beizuwohnen. Day selbst wird am 28. Dezember 1927 in die Una Sancta aufgenommen, worauf die Beziehung zu Batterham endg\u00fcltig zerbricht.<br \/>\nDie Verh\u00e4ltnisse innerhalb der US-amerikanischen Kirche nimmt sie eher schmerzhaft wahr: Die Gemeinden leben in relativem Wohlstand, aber sie k\u00fcmmern sich in den Augen von Day zu wenig um die Rechte der Armen, der Arbeiter,  der Schwarzen, Mexikaner und Filipinos. Und sie \u00fcberlegt, was sie selbst innerhalb der Kirche dagegen tun k\u00f6nnte. Insbesondere fragt sie sich, wieso es ihren ehemaligen Kameraden, den Kommunisten, eigentlich viel besser und effektiver gelingt, Aktivit\u00e4ten gegen soziale Ungerechtigkeiten und Armut zu organisieren, als der Kirche, deren Kernanliegen dies doch sein m\u00fcsse. Sie als einzelne konnte nat\u00fcrlich dagegen anschreiben und protestieren, aber es m\u00fcsse doch auch innerhalb der Kirche Pers\u00f6nlichkeiten und Leitfiguren geben, die eine solche Initiative f\u00fchren und b\u00fcndeln k\u00f6nnten \u2026 Dorothy Day tr\u00e4gt ihr Anliegen an jenem 8. Dezember f\u00fcnf Jahre nach ihrem Eintritt in die Kirche vor die Immaculata: \u201cIch sprach ein besonderes Gebet, ein Gebet unter Tr\u00e4nen und Seelenqual, dass sich mir irgendein Weg auftun m\u00f6ge, um die Begabungen, die ich besa\u00df f\u00fcr die Arbeiter und die Armen zu nutzen.\u201d<br \/>\nNoch im gleichen Monat stellt sich Peter Maurin bei ihr vor, der ihr geistlicher Weggef\u00e4hrte und Kampfgenosse in ihren Anliegen f\u00fcr die Armen, die Arbeitslosen, die Lohnarbeiter und alle sozial benachteiligten werden soll \u2013 sie selbst hat es als Gebetserh\u00f6rung bezeichnet. <\/p>\n<p>Als Pierre Aristide Maurin am 9. Mai 1877 in eine Bauersfamilie im Languedoc geboren, trat er bereits mit 16 Jahren in eine christliche Ordensgemeinschaft ein, die sich der Fr\u00f6mmigkeit und der Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Armen widmete. Doch er wollte nicht nur religi\u00f6s, sondern auch auf politischer Ebene etwas bewegen, weshalb er nach zehn Jahren bei den Christlichen Br\u00fcdern die Gemeinschaft verlie\u00df und Mitglied bei Le Sillon, einer katholischen Laienbewegung, wurde, die sich nicht nur religi\u00f6s, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Kooperativen engagierte. Doch dort erschien ihm der Schwerpunkt wiederum zu stark auf politischem Engagement zu liegen. Unzufrieden verlie\u00df er auch diese Gemeinschaft und emigrierte 1909 nach Kanada, um dem Einzug zum milit\u00e4rischen Dienst zu entgehen und wo er ein ausgesprochen unstetes Leben f\u00fchrte; tats\u00e4chlich wurde er mehrmals wegen Landstreicherei und dem illegalen Mitfahrens auf G\u00fcterz\u00fcgen inhaftiert. Maurin \u00fcbernahm die h\u00e4rtesten Arbeiten, um sich \u00fcber Wasser zu halten, erstrebte f\u00fcr sich aber keinerlei pers\u00f6nlichen Komfort, keinen eigenen Besitz oder gar Wohlstand. Er legte Bew\u00e4sserungsgr\u00e4ben an, arbeitete in S\u00e4gem\u00fchlen und im Kohlebergbau, half bei der Getreideernte und fand daneben noch die Zeit, sich in \u00f6ffentlichen Bibliotheken weiter theologisch fortzubilden und seine bereits betr\u00e4chtlichen Kenntnisse der Schriften der Kirchenv\u00e4ter weiter zu vertiefen. Doch den entscheidenden Ansto\u00df, wie er sein eigentliches Anliegen, die Umgestaltung der Gesellschaft in einem zutiefst katholischen Sinne und gem\u00e4\u00df den Werten des Neuen Testamentes umsetzen k\u00f6nnte, bekam er \u2013 ausgerechnet \u2013 von den Schriften und Ideen eines russischen kommunistischen Anarchisten: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der elf Jahre vor Maurins erster Begegnung mit Dorothy Day verstorben war. Day ihrerseits kannte zwar Kropotkins Memoiren zu diesem Zeitpunkt, nicht aber seine \u201etaktischen\u201c Schriften wie \u201eLandwirtschaft, Industrie und Handwerk\u201c. Maurin, der in Day eine Art heilige Katharina von Siena des 20. Jahrhunderts sah, vertiefte aber vor allem ihre theologische und geistliche Bildung, indem er sie dazu anhielt, die Geschichte in ihrer historischen Entwicklung nicht als Abfolge von Herrschern, Staaten und Systemen zu betrachten, sondern anhand der katholischen Heiligen in ihrer jeweiligen Zeit. Es waren insbesondere Augustinus und der Augustiner Thomas a Kempis mit seiner ber\u00fchmten Schrift \u00fcber die Nachfolge Jesu, aber vor allem inspirierten sie die Karmeliten:  Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Th\u00e9r\u00e8se von Lisieux.<br \/>\nEs war schlie\u00dflich auch Maurin, der sie dazu anspornte, eine eigene Zeitung zu gr\u00fcnden, w\u00e4hrend Day noch dar\u00fcber nachgr\u00fcbelte, wie sie das Geld daf\u00fcr aufbringen solle. \u201eIn der Geschichte der Heiligen\u201c, ermutigte er sie, \u201ewird notwendiges Kapital durch Gebete aufgebracht. Gott schickt dir, was du brauchst wann du es brauchst. Du wirst die Druckerei entlohnen k\u00f6nnen. Lies es einfach bei den Heiligen nach.\u201c<br \/>\nAm 1. Mai 1933 erschien die Zeitung \u201eCatholic Worker\u201c, \u201eKatholischer Arbeiter\u201c, zum ersten Mal, und somit war die \u201eKatholische Arbeiterbewegung\u201c in den USA gegr\u00fcndet. Der Verkaufspreis betrug 1 Cent, die Mitarbeiter schrieben ohne Bezahlung, und der \u201eKatholische Arbeiter\u201c kam ohne Werbeeinnahmen durch Schaltung von Anzeigen aus. Das v\u00f6llig Neuartige am \u201eCatholic Worker\u201c war, dass er radikal , im Sinne des Evangeliums und zugleich katholisch war. Maurins Gedanken zur radikalen Denkweise und Lebensf\u00fchrung  basierte auf den Lebensregeln der alten irischen  M\u00f6nchsgemeinschaften, den Anschauungen eines Thomas von Aquin und eines Thomas Morus bis hin zu den \u201ePersonalisten\u201c, den Vertretern eines sozialen Katholizismus im Frankreich des 20. Jahrhunderts, wonach jede gesellschaftliche Ver\u00e4nderung  nur durch eine Ver\u00e4nderung  der pers\u00f6nlichen Lebensweise \u2013 in konsequenter Jesusnachfolge \u2013 bewirkt werden k\u00f6nne. Von Maurin stammte auch der 3-Punkte-Plan f\u00fcr die Bewegung der \u201eCatholic Worker\u201c &#8211; erstens die gemeinsamen Lehr- und Debattiertreffen, faktisch \u201eoffene Universit\u00e4ten f\u00fcr alle\u201c, zweitens \u201eH\u00e4user der Gastfreundschaft\u201c, um Menschen beherberge und  speisen zu k\u00f6nnen sowie drittens autarke Farmen im Hinterland, die sich selbst und die karitativen  H\u00e4user versorgen konnten \u2013 von denen es im  Jahr 1941  bereits 30 autonome Einheiten gab &#8211;  eine Mischung aus irischer M\u00f6nchsgemeinschaft und den Ideen eines Kropotkin also. Peter Maurin konnte den wachsenden Erfolg der gemeinsam mit Day gegr\u00fcndeten Arbeiterbewegung noch erleben, bevor er am 15. Mai 1949, drei\u00dfig Jahre vor seiner Weggenossin, auf einer der Farmkommunen verstarb. Das Time Magazin schrieb damals, er sei in einem abgelegten Anzug und einem geschenkten Grab bestattet worden \u2013 einem Mann angemessen, der nie in einem eigenen Bett geschlafen und ausschlie\u00dflich Anz\u00fcge , die ihm von anderen geschenkt wurden, getragen habe.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/769326ce13ac47fd8180303ab46ba3c6\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 8. Dezember 1932 sitzt eine junge Frau in der Basilika zur Unbefleckten Empf\u00e4ngnis in Washington, D.C. und betet unter Tr\u00e4nen um eine Weisung f\u00fcr ihr Leben. Sie hatte zuvor an einem Hungermarsch durch die Stadt teilgenommen, wie sie von ihren ehemaligen kommunistischen Genossen f\u00fcr Arbeitslose und sozial Benachteiligte organisiert werden. 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