{"id":222,"date":"2020-01-22T16:45:34","date_gmt":"2020-01-22T14:45:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=222"},"modified":"2020-01-22T17:49:11","modified_gmt":"2020-01-22T15:49:11","slug":"pilger-des-tages-und-der-nacht-der-vergessene-priesterpoet-jakub-deml","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=222","title":{"rendered":"Pilger des Tages und der Nacht &#8211; der vergessene Priesterpoet Jakub Deml"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.digital-guide.cz\/media\/thumbs\/digital_guide\/selekce_realie\/vyznamne_osobnosti\/spisovatele\/jakub_deml\/jakub_deml_2_jpg_800x800_q85.jpg\"\"img align=\"right\"alt=\"\" \/><br \/>\nWer sich ein wenig mit tschechischer Literatur besch\u00e4ftigt hat, der wei\u00df, dass dieses kleine V\u00f6lkchen erstaunlich viele gro\u00dfartige Schriftsteller und Dichter hervorgebracht hat. Leider sind die meisten der breiten Lese\u00f6ffentlichkeit eher unbekannt. Mindestens der Name V\u00e1clav Havel, ehemaliger Dissendent und erster Pr\u00e4sident der tschechischen Republik, ist ein Begriff, vielleicht noch Milan Kundera oder auch Jaroslav Ha\u0161ek mit seinem \u201ebraven Soldaten Schwejk\u201c. Jakub Deml hingegen ist nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt; dabei gilt der katholische Priester und \u201epo\u00e8te maudit\u201c \u2013 der verfemte Dichter &#8211;  als d e r Begr\u00fcnder des tschechischen Surrealismus. Der durch seine ebenso ber\u00fcckende wie skurrile Prosa bekannte, gro\u00dfartige Bohumil Hrabal (1917-1997) empfiehlt die Lekt\u00fcre Demls, in den er sich regelrecht \u201ebis \u00fcber beide Ohren\u201c verliebt habe, weil er es \u201eversteht auf so kleinen Fl\u00e4chen alle Formen des Schreibens zu entfesseln &#8230; der Leser wird sich nicht losrei\u00dfen k\u00f6nnen, bevor er die Lekt\u00fcre beendet hat.\u201c<\/p>\n<p>Am 20. August 1878 als eines von vierzehn Kindern seiner Eltern, einfachen Bauersleuten, geboren, besucht er nach dem Abitur das Priesterseminar in Br\u00fcnn und wird 1902 zum Priester geweiht. Doch er wird nur acht Jahre lang Priester bleiben. Deml ist, daran kann kein Zweifel bestehen, tiefgl\u00e4ubig. Aus seinen Texten funkelt und glei\u00dft das \u00dcberirdische, das Traumverwobene, das Mysterium der Engel und der Immaculata, der ohne Erbs\u00fcnde empfangenen Gottesmutter. Die m\u00e4chtige Magie seiner Bildsprache basiert auf dem Alten Testament, den mittelalterlichen Heiligenviten, den Vorbildern von Mystikern wie Heinrich von Seuse oder Hildegard von Bingen. Und dann ist da diese Katholizit\u00e4t, die aus allen Poren eigentlicher Alltagserfahrung quillt \u2013 etwa bei seinem lyrischen Text <\/p>\n<p>\u201eSommer: Morgen:<br \/>\nLetztes Aufleuchten des heiligen Aspergillus der Nacht.\/Abgestellte Rauchf\u00e4sser des Dunsts.<br \/>\n\/Prozession goldener Baldachine\/ aus mit Magnesium und Lilien beleuchteten<br \/>\nH\u00f6hlen.\/Raketen von T\u00f6nen. Und von Fl\u00fcgeln.\/Kinderlachen.\u201c<\/p>\n<p>Deml selbst schreibt \u00fcber seine literarischen Vorbilder und bezeichnet sie dabei als \u201eWerteskala seiner Seele\u201c: \u201eAn erster Stelle die Bibel, an der zweiten das Brevier, an der dritten das Missal, an der vierten Anna Katharina Emmerich, an der f\u00fcnften Otokar Brezina, oder Rainer Maria Rilke.\u201c<br \/>\n1912 erscheint sein erstes Werk unter dem Titel \u201eDie Burg des Todes\u201c. Diese Todesburg der menschlichen Existenzangst und Erfahrung von abgrundtiefer Verlassenheit wird in vielen seiner Folgewerke ein Grundthema bleiben. Die besonders dichte Atmosph\u00e4re und Intensit\u00e4t der Schilderung erreicht er durch das Einsetzen von Traumprosa \u2013 tats\u00e4chlich greift Deml dabei auf die umfangreichen Notizen zur\u00fcck, die er zu seinen n\u00e4chtlichen (Alp)Tr\u00e4umen gewohnheitsm\u00e4\u00dfig f\u00fchrt und die selbst einen Teil seines monumentalen Schaffens bilden.<br \/>\nDoch Deml hat auch eine sehr lichte und luzide Seite, wie man bereits bei dem oben zitierten Gedicht \u201eSommer:Morgen\u201c sehen konnte; im \u00fcbrigen f\u00fchrt nat\u00fcrlich seine tief eingewurzelte Katholizit\u00e4t dazu, dass selbst bei sehr dunklen Schilderungen das \u00fcberirdisch Helle hindurchglitzert.<br \/>\n1913 erscheint die Poemsammlung \u201eMeine Freunde\u201c, das f\u00fcr lange Zeit in den Schulen des Landes als Pflichtlekt\u00fcre gilt und in der er die tschechische Naturlyrik zu einer neuen H\u00f6he f\u00fchrt. Die \u201eFreunde\u201c, das sind n\u00e4mlich Blumen und Pflanzen, mit denen Deml einen tr\u00e4umerischen Dialog f\u00fchrt. Von einer unvorstellbaren Sch\u00f6nheit sind diese lyrischen Gemmen, in kurzer und k\u00fcrzester Prosaform gehalten. \u201eMAIGL\u00d6CKCHEN, zerbrechlicher Traum der Wurzeln von Eichen \u00fcber Burgjungfern des 13. Jahrhunderts, auch wir haben uns gew\u00fcnscht, uns in Eichenw\u00e4ldern zu verlieren und zierliche Gegenst\u00e4nde aus Alabaster zwischen die Finger zu nehmen.\u201c Oder \u201ePFINGSTROSE, in dem Monat, das dem Herzen Gottes geweiht ist, gr\u00fcbelst du nach \u00fcber das gro\u00dfe Geheimnis der Granaten und im Schatten lodernd, erm\u00f6glichst du unseren Augen, dass sie in die Sonne der Eucharistie blicken. Die Gesichter der M\u00e4dchen erblassen.\u201c<\/p>\n<p>Jakub Deml bleibt lange Zeit der f\u00fchrende Dichter der \u201erenouveau catholique\u201c, der \u201eKatholischen Erneuerung\u201c im tschechischsprachigen Bereich. Doch er hat ein \u00e4u\u00dferst schwieriges Naturell. Seine Suspendierung als Priester erfolgt im Jahre 1910, zuvor wurde er immer wieder versetzt. Er hat Streitigkeiten mit dem Bischof, betrachtet den h\u00f6heren Klerus als seinen Feind, und letztlich scheitert er am Z\u00f6libat. Seine Attacken machen auch nicht vor Kollegen und Freunden halt, immer wieder kommt es zu Zerw\u00fcrfnissen. Seine Unbeherrschtheit tr\u00e4gt ihm sogar ein Gerichtsverfahren wegen \u201eBeleidigung des Staatsoberhauptes\u201c, zu der Zeit war das T. G. Masaryk, ein, der pers\u00f6nlich interveniert und ein gutes Wort f\u00fcr Deml einlegt, weil er dessen schriftstellerische Leistungen hoch sch\u00e4tzt. Unter der Herrschaft der deutschen Besatzer, dem \u201eProtektorat B\u00f6hmen und M\u00e4hren\u201c darf er nicht mehr publizieren, wird aber im Jahre 1948 erneut vor Gericht gestellt, diesmal wegen \u201eKollaboration mit den Nazis und antisemitischer \u00c4u\u00dferungen\u201c.<br \/>\nDiesmal schaltet sich ein Dichterkollege ein, V\u00edt\u011bzslav Nezval, der wenige Jahre sp\u00e4ter zum Nationalk\u00fcnstler ernannt werden wird, und, anders als Deml, einen ausgesprochen guten Ruf genoss. Nezval ist es auch, der ihn als einen Dichter bezeichnete, welcher schon vor Entstehung des Surrealismus \u2013 einer Str\u00f6mung, der er selbst angeh\u00f6rt \u2013 Surrealist gewesen sei. Wieder kann der unbequeme Exzentriker einer Verurteilung entgehen.<br \/>\nIm Jahre 1951 entsteht sein \u201eHerbsttraum\u201c, der vermutlich auch die erneute Verh\u00e4ngung Publikationsverbot in den 50er Jahren heraufbeschw\u00f6rt: Dieser Text entstand nach dem Besuch in einem stalinistischen Internierungslager f\u00fcr Priester und Ordensleute. Literaturwissenschaftler sprechen von der hervorragenden Bedeutung gerade dieses Traumprosa-Textes, der viel sp\u00e4ter, im Jahre 1978 erstmals ver\u00f6ffentlicht wird.<\/p>\n<p>Bis kurz vor seinem Tod arbeitet er weiter an Erg\u00e4nzungen der Sammlung \u201eMeine Freunde\u201c  &#8211; das letzte Poem, datiert auf Dezember 1959 richtet sich an die Eisblumen. Am 10. Februar 1961 stirbt der \u201eSprachmagier aus M\u00e4hren\u201c Jakub Deml im Krankenhaus von T\u0159eb\u00ed\u010d.<br \/>\nSein monolithisches Werk steht auch heute noch am Firmament der europ\u00e4ischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts  &#8211; wie eine unentdeckte Galaxie.<\/p>\n<p>Lekt\u00fcreempfehlung:<br \/>\nJakub Deml:Pilger des Tages und der Nacht.<br \/>\nErschienen in der Reihe: Tschechische Bibliothek der Deutschen-Verlagsanstalt M\u00fcnchen.<br \/>\nISBN: 3-421-05259-X<\/p>\n<p>[Zuerst erschienen in &#8222;<a href=\"http:\/\/www.die-tagespost.de\/\">Die Tagespost<\/a>&#8222;, Februar 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,71],"tags":[116,117,118,119],"class_list":["post-222","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","category-literatur","tag-jakub-deml","tag-priesterpoeten","tag-surrealismus","tag-tschechien"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/222","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=222"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/222\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":225,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/222\/revisions\/225"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=222"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=222"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=222"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}