{"id":201,"date":"2016-04-02T11:47:53","date_gmt":"2016-04-02T09:47:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=201"},"modified":"2016-04-02T11:47:53","modified_gmt":"2016-04-02T09:47:53","slug":"zu-gast-bei-den-trappistinnen-in-kloster-gethsemani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=201","title":{"rendered":"Zu Gast bei den Trappistinnen in Kloster Gethsemani"},"content":{"rendered":"<p>Tiefe Nacht \u00fcber dem pf\u00e4lzischen Donnersberg. Es ist noch Winter, ganz in der Fr\u00fche, vor drei Uhr. Die B\u00e4ume auf dem Gel\u00e4nde des Klosters Gethsemani sind ohne Bl\u00e4tter und geben den Blick in die weite Ebene frei. Fr\u00fcher gab es wenige Lichter dort, doch in den Jahren sind mehr hinzugekommen. Am Alarmierendsten erscheinen die roten Positionslichter der Windr\u00e4der, die sich nun wie eine feindliche Wand formieren. Oder ist diese Wand gar nicht feindlich, sondern imitiert lediglich das rote Licht, welches ohne zu erm\u00fcden vor dem Allerheiligsten im Oratorium brennt? Es ist dunkle Nacht, die Sonne denkt noch nicht daran aufzugehen. Unten im Tal gl\u00fchen die Lichter der Menschen. Positionslichter der Gier oder der Nachhaltigkeit? Wom\u00f6glich gibt es einen Tag, an dem all dies zerf\u00e4llt. Doch der seit Jahrhunderten von Sagen umwobene Donnersberg wird bestehen bleiben. Er ist ein Ort des Heils \u2013 die Trappistinnen haben dort ein ehemaliges Sanatorium f\u00fcr lungenkranke Kinder \u00fcbernehmen d\u00fcrfen. Ihr Oratorium ist sparsam geschm\u00fcckt mit einer Pieta und einem Kreuz. Und vielen Kerzen. Mitten in der Nacht, w\u00e4hrend unten im Tal die ambivalenten roten Positionslichter gl\u00fchen, brennt hier vor dem Allerheiligsten eine schlichte Kerze. Es duftet nach Weihrauch, nach Kerzenwachs und Honig. Sieben Schwestern sitzen in ihren Chorm\u00e4nteln, deren \u00c4rmel fast bis zum Boden reichen, denn nach der Tradition sollen ihre H\u00e4nde wie Engelsh\u00e4nde beim Beten bedeckt sein. Vor der Pieta glimmen die Kerzen. Drau\u00dfen, vor dem Fenster, hat sich ein leiser Schneefall erhoben. Er wird sich zu einem kleinen Sturm auswachsen \u2013 am Berg gehen die Wetter entlang. Und drinnen, in diesem duftenden Geh\u00e4use der Geborgenheit, sitzen die Schwestern in vollkommener Stille und halten Nachtwache.<br \/>\nF\u00fcr uns moderne Menschen ein schwer verst\u00e4ndliches Opfer \u2013 auch die Schwestern wissen, dass es eine besondere H\u00e4rte ist, der sie sich unterziehen und sie versichern Besuchern, diese m\u00fcssten bestimmt nicht um drei Uhr nachts zur Wache erscheinen. Doch warum sollte jemand einen der strengsten Orden besuchen, wenn er sich diesem seelischen Abenteuer nicht aussetzen m\u00f6chte? Eine Dreiviertelstunde lang f\u00fcr den Herrn \u2013 eine \u00d6lbergstunde in der Nacht, wenn sie am finstersten ist. Jeder sollte das einmal mitgemacht haben. Die Schwestern beten in aller Stille f\u00fcr Menschen, die nicht schlafen d\u00fcrfen zu dieser Stunde, weil sie arbeiten m\u00fcssen. F\u00fcr Menschen, die nicht schlafen k\u00f6nnen, weil sie psychische Probleme haben oder erkrankt sind. Schlie\u00dflich beten sie auch f\u00fcr Kranke, f\u00fcr Sterbende. Denn alle Kulturen wussten und wissen, dass in dieser Zeit, von drei bis vier Uhr nachts, die Stunde des \u00d6lbergs ist. Nicht nur Jesus hat gewacht. Sieche und Moribunde hauchen insbesondere um diese Zeit ihr Leben aus, gehen hin\u00fcber. Die Schwestern bedenken dies schweigend, tragen diese Anliegen und die Anliegen der Angeh\u00f6rigen vor Gott.<br \/>\nDoch in erster Linie sind sie zuhause am Donnersberg, ihrem \u00d6lberg. Wo sie versuchen, Jesus zu begleiten, der in die h\u00f6chste menschliche Not geraten ist, die man sich denken kann. Wo in einem wundersch\u00f6nen Olivenhain einst seine Schwei\u00dftropfen wie Blut zur Erde fielen. Wo Gott in der menschlichen Natur, die er angenommen hatte, Todesangst und Leid und Furcht ausstehen musste, ohne, dass ihm jemand beistand.<br \/>\nMan wird durch das stille Gebet der Schwestern in alles hineingenommen, w\u00e4hrend unten im Tal sich die Windr\u00e4der drehen. Die Mutter Oberin r\u00e4t mir freundlich, dass es am besten w\u00e4re, nach der Vigil, die sich an die stille Nachtwache anschlie\u00dft, und von so gut wie keinem Orden mehr in der Kirche gebetet wird, ins Bett zu legen. Ich  k\u00f6nne schlie\u00dflich um 7 Uhr zur Laudes mit anschlie\u00dfender Fr\u00fchmesse gut wieder aufstehen. Die Schwestern ihrerseits halten lectio divina, und tats\u00e4chlich merke ich, wie der Geist rege geworden ist durch das anhaltende Stille Gebet und die anschlie\u00dfende Vigil. Ich sollte die Heilige Schrift lesen, jetzt, wie die Schwestern alle auch. Aber letztlich siegt meine Tr\u00e4gheit. <\/p>\n<p>Als ich p\u00fcnktlich zur Laudes kurz vor Sieben wieder aufstehe, ist die Welt wie verzaubert. Es gab noch mehr Schnee. Ich stapfe zum Oratorium und beobachte durch dessen Fenster die vielen V\u00f6gel, die sich drau\u00dfen im Garten an den Futterstellen versammeln.<br \/>\nDie Fr\u00fchmesse ist erfrischend und erfreulich schlicht, und gleich danach bekomme ich das, wonach ich schon seit Stunden lechze: Eine Kanne Kaffee, Brot, K\u00e4se, Marmelade, alles hausgemacht. Dar\u00fcber vers\u00e4ume ich die Terz. Doch die Mutter Oberin hat mir einen Gespr\u00e4chstermin einger\u00e4umt, und so verweilen wir uns bei den sch\u00f6nen Dingen: Den Paramenten, den Stickereien, den vielen sch\u00f6nen Kleinigkeiten, die hier hergestellt werden. Ich bin beeindruckt. Besonders, als mir die Mutter Oberin eine Werkstatt zeigt, in der uralte Devotionsfahnen per Hand restauriert werden. Die Schwester, die damit zugange ist, erkl\u00e4rt mir: Diese Gemeinde kenne ich pers\u00f6nlich, so ist es noch leichter, w\u00e4hrend der Arbeit f\u00fcr alle zu beten.<br \/>\nAls ich heimfahre, ist der Schnee weggetaut, was ein Gl\u00fcck ist.  In meiner ersten Nacht zuhause erwache ich kurz vor Drei und will aufstehen. Rechtzeitig f\u00e4llt mir ein, dass ich nicht mehr in Gethsemani bin. Ich sende einen guten Gedanken an meine Schwestern, die Trappistinnen. Dann drehe ich mich in der Gewissheit wieder um, dass sie wachend und hellh\u00f6rig sind und f\u00fcr mich, f\u00fcr uns alle und f\u00fcr die ganze unruhig und unruhevoll sich drehende Welt mitbeten. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tiefe Nacht \u00fcber dem pf\u00e4lzischen Donnersberg. Es ist noch Winter, ganz in der Fr\u00fche, vor drei Uhr. Die B\u00e4ume auf dem Gel\u00e4nde des Klosters Gethsemani sind ohne Bl\u00e4tter und geben den Blick in die weite Ebene frei. Fr\u00fcher gab es wenige Lichter dort, doch in den Jahren sind mehr hinzugekommen. Am Alarmierendsten erscheinen die roten [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[102],"tags":[104,106,103,105],"class_list":["post-201","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-kloester-und-orden","tag-dannenfels","tag-donnersberg","tag-kloster","tag-trappistinnen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=201"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":202,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/201\/revisions\/202"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=201"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=201"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=201"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}