{"id":194,"date":"2016-03-19T17:43:47","date_gmt":"2016-03-19T15:43:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=194"},"modified":"2016-03-19T17:43:47","modified_gmt":"2016-03-19T15:43:47","slug":"der-berg-der-kreuze-in-litauen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=194","title":{"rendered":"Der Berg der Kreuze in Litauen"},"content":{"rendered":"<p>Heute aktuell auf t-online <a href=\"http:\/\/www.t-online.de\/reisen\/europa\/id_77299612\/berg-der-kreuze-in-litauen-warum-stehen-hier-kreuze-.html\"target=\"_blank\"> ein Artikel \u00fcber den &#8222;Berg der Kreuze&#8220;<\/a> in Litauen.<\/p>\n<p>Und hier mein Artikel \u00fcber den &#8222;Berg der Kreuze&#8220;, erschienen im Vatican-Magazin M\u00e4rz 2012:<\/p>\n<p>Litauen, das ist ein Land mit einem ganz besonderen, fast italienischen Licht, mit endlosen Puderzuckerstr\u00e4nden entlang der Ostsee. Litauen, das ist das Land des Bernsteins und \u2013 das Land der Kreuze. Im Norden des heute beinahe herzf\u00f6rmigen Landes befindet sich ein Heiligtum der besonderen Art \u2013 der Berg der Kreuze, wenige Kilometer n\u00f6rdlich von der Stadt Siauliai. Dieser Berg, der vielmehr ein etwa 10 Meter hoher H\u00fcgel ist, bietet ein Erscheinungsbild, welches das Auge kaum \u00fcberblicken, der Geist schier nicht erfassen kann. Auf diesem H\u00fcgel ist ein Universum von Kreuzen aller Gr\u00f6\u00dfen und Formen erwachsen \u2013 und es werden immer mehr und mehr. <\/p>\n<p>S\u00e4mtliche Versuche, sie zu z\u00e4hlen, sind wegen der Aussichtslosigkeit des Unterfangens gescheitert. W\u00e4hrend des letzten Z\u00e4hlversuchs Anfang der Neunziger Jahre haben die Freiwilligen der Uni Vilnius beim Stand von rund 50.000 St\u00fcck resigniert.<br \/>\nLitauen, das ist das Land der Legenden: Um den \u201eKryziu Kalnas\u201c ranken sich schon seit alters her Mythen. Er sei von jeher eine Opferst\u00e4tte gewesen, Priesterinnen sollen dort ein Ewiges Feuer bewahrt haben. Ausgerechnet nun in Litauen, das erst im Jahre 1251 den christlichen Glauben annahm, entstand dieses beeindruckende, ganz und gar un-begreifliche Mahnmal. Wer das erste Kreuz dort aufgestellt hat, ist nicht ganz klar. Es gibt dazu zwei verschiedene \u00dcberlieferungen. Nach der einen soll dem Vater einer kranken Tochter eine wei\u00dfe Frau im Traum erschienen sein und ihn gehei\u00dfen haben, ein Kreuz auf diesem H\u00fcgel zu errichten, damit sein Kind gesund w\u00fcrde. Der Vater tat, wie ihm gesagt worden war \u2013 seine Tochter genas. Nach der zweiten Erz\u00e4hlung soll ein litauischer F\u00fcrst, der auf dem Weg nach Riga zu einem Gerichtsprozess war, gelobt haben, ein Kreuz aufzustellen, wenn die Verhandlung in seinem Sinne entschieden werde. Soviel zur \u00dcberlieferung. Historische Tatsache ist dagegen, dass im 19. Jahrhundert, nach zwei brutal niedergeschlagenen Aufst\u00e4nden gegen das Regime des russischen Zaren Kreuze errichtet wurden, um der Opfer zu gedenken. Seither ist der Ort nicht nur eine St\u00e4tte des Gedenkens, der Trauer und des Bekenntnisses, sondern auch ein Symbol des nationalen Widerstandes.<br \/>\nNach dem Einmarsch der Roten Armee begann f\u00fcr das litauische Volk, das sich mehrheitlich zur r\u00f6misch-katholischen Kirche bekennt,eine blutige und grausame Zeit der Verfolgung. Schikanen, Repressionen, Deportationen von Tausenden von Patrioten, Katholiken, Dissidenten nach Sibirien in die gef\u00fcrchteten Gulags. Die wenigen Menschen, welche die Torturen in den Arbeitslagern, den Frost und Schnee, den Hunger und die auszehrenden Krankheiten \u00fcberlebten und nach Hause zur\u00fcckkehrten, trugen f\u00fcr ihre Toten, die sie dort zur\u00fccklassen mussten, Kreuze auf den Berg. Sie ragten wie Stachel in das faulige Fleisch der gottlosen kommunistischen Diktatur. Und so wurde am 5. April 1961 der erste Versuch unternommen, das Heilszeichen, das die \u00dcberwindung von Unrecht, Leid und Tod stumm in die litauische Landschaft hinausschrie, zu zerst\u00f6ren. Sie r\u00fcckten im Morgengrauen mit schwerem Ger\u00e4t an: Bulldozern und Planierraupen. Sie walzten nieder, rissen um, schleppten mit sich \u2013 Kreuze aus Stahl, h\u00f6lzerne Kruzifixe, Gebetsst\u00f6cke, Andachtsbilder, Gedenkstelen mit dem Symbol darauf, das von dieser Welt ist \u2013 aber zugleich Seinen Sieg \u00fcber die Welt f\u00fcr alle Zeiten und in Ewigkeit anzeigt. Sie verbrannten, vergruben, versenkten, zertraten, zerschlugen. Es muss ein infernalischer L\u00e4rm gewesen sein, durchsetzt mit Geheule und Triumphgeschrei. Doch in der Stille der Nacht, wenn sie am dunkelsten und finstersten ist, kamen die widerst\u00e4ndigen Litauer herbei und errichteten in schweigendem Trotz ihr endg\u00fcltiges Zeichen der Hoffnung, das allen Hass besiegt.<br \/>\nDas Spiel ging fast zwanzig Jahre lang \u2013 greise Priester pilgerten, das Kreuz geschultert, barfu\u00df zu diesem H\u00fcgel, junge Studenten setzten f\u00fcr ihr Zeugnis, das sie gaben, den Fortgang ihrer Ausbildung und ihre berufliche Zukunft aufs Spiel. Und alle riskierten sie das Arbeitslager. Sie stellten Kreuze auf als Dank (\u201eAciu\u201c), zur S\u00fchne f\u00fcr das ganze Volk, um Schutz f\u00fcr ihre Familien zu erbitten  &#8211; und nicht zuletzt als Vergebungsbitte f\u00fcr die Zerst\u00f6rer. Das unersch\u00fctterliche Vertrauen der Litauer in die Kraft des Kreuzes, das ein profanes Marterinstrument zu einem leuchtenden Siegeszeichen gemacht hat, sprang nach der letzten Zerst\u00f6rungsaktion im Jahre 1975 wie ein Leuchtfeuer \u00fcber die Grenzen der kleinen Republik. Die Menschen kamen aus Estland, Lettland und Russland, um zu diesem H\u00fcgel zu pilgern und ihre mitgebrachten Kreuze zu errichten. <\/p>\n<p>Am 11.3.1990 erlangte Litauen als erste Sowjetrepublik seine Unabh\u00e4ngigkeit. Knapp drei Jahre sp\u00e4ter durfte Papst Johannes Paul II. nach einigem Hin und Her diesen besonderen Ort besuchen, von dem das ehemalige litauische Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis sagt: \u201eDer Kreuzh\u00fcgel ist der Ort, an dem der Kampf um menschliche Werte ausgetragen wurde. Er steht f\u00fcr den Kampf zwischen Gut und B\u00f6se. Die Kr\u00e4fte des Guten gingen als Sieger hervor. Sie erzielten einen einzigartigen Sieg.\u201c<br \/>\nSeither ist dieser H\u00fcgel \u2013 nur scheinbar am \u00e4u\u00dferen Rand Nordeuropas gelegen \u2013 eine internationale Wallfahrtsst\u00e4tte geworden. Johannes Paul II. schickte sogar eine eigene Christusfigur, und er beauftragte den Franziskanerorden damit, diesen einzigartigen Ort geistlich zu betreuen.<br \/>\nIn dem informativen Kurzfilm von Kirche in Not, dem die Aussage von Landsbergis entnommen ist, h\u00f6ren wir auch Marko Tomashek, Leiter der Abteilung Osteuropa von Kirche in Not: \u201eW\u00e4hrend der Verfolgung war das ein zentraler Ort f\u00fcr Zeugnis, Gebet und Widerstand gegen die atheistische Ideologie. Litauen geh\u00f6rt jetzt zu Europa und k\u00e4mpft mit denselben Problemen wie das restliche Europa. Mit einer sehr aggressiven antikirchlichen Verweltlichung und einer unglaublichen Kommerzialisierung der Gesellschaft.\u201c Er erz\u00e4hlt weiter, dass sie heute den umgekehrte Weg gingen und Kreuze vom H\u00fcgel in die Pfarreien sendeten. Tomashek spricht davon, dass das besondere Charisma der litauischen Kirche nicht nur dem eigenen Land, sondern auch ganz Europa zugute kommen solle. Europa, das ist auch das gro\u00dfe Thema Benedikts XVI., der das ganze Gewicht seines Pontifikats gegen die antikirchliche Verweltlichung, gegen die \u201eGottesfinsternis\u201c, die ganz Europa umnachtet, in die Waagschale wirft. Da steht er, dieser fragile, g\u00fctige Greis in Wei\u00df, und wird umtobt von finsteren M\u00e4chten und Gewalten, und je sanftm\u00fctiger er spricht, desto infernalischer wird das Geheule. Was k\u00f6nnte da das \u201eCharisma der litauischen Kirche\u201c bewirken, oder dieser kleine Wallfahrtsort &#8211;  den eh kaum einer kennt in Stra\u00dfburg, in Br\u00fcssel, Paris und Berlin? So k\u00f6nnte man denken. Wenn man nicht wei\u00df, dass 1989, in diesem schicksalhaften Jahr der Zeitenwende f\u00fcr ganz Europa, das franz\u00f6sischen Institut G\u00e9ographique National den geografischen Mittelpunkt Europas errechnet hat. Seine geografische Herzmitte. Sie liegt in Litauen &#8211;  unser Land mit dem Kreuzesh\u00fcgel, den Johannes Paul II. einmal als das \u201eKolosseum des 20. Jahrhunderts\u201c bezeichnet hat. Vielleicht wird man einmal von hier, jenem Land, das als letztes von allen europ\u00e4ischen christianisiert wurde, Kreuze vom H\u00fcgel aussenden an die Staaten Europas, um sie an ihre gro\u00dfe Vergangenheit, an abendl\u00e4ndische Werte zu erinnern. Und daran, dass das Gute schon einmal triumphiert hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute aktuell auf t-online ein Artikel \u00fcber den &#8222;Berg der Kreuze&#8220; in Litauen. Und hier mein Artikel \u00fcber den &#8222;Berg der Kreuze&#8220;, erschienen im Vatican-Magazin M\u00e4rz 2012: Litauen, das ist ein Land mit einem ganz besonderen, fast italienischen Licht, mit endlosen Puderzuckerstr\u00e4nden entlang der Ostsee. 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