{"id":172,"date":"2015-02-21T11:28:20","date_gmt":"2015-02-21T09:28:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=172"},"modified":"2015-02-21T11:28:20","modified_gmt":"2015-02-21T09:28:20","slug":"fonte-avellana-und-der-heilige-petrus-damiani","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=172","title":{"rendered":"Fonte Avellana und der heilige Petrus Damiani"},"content":{"rendered":"<p>[Ein Auszug aus meinem Buch &#8222;Poetische Pilgerorte&#8220;]<\/p>\n<p>Fonte Avellana am Hang des Monte Catria \u2013 steinerne Trutzburg des Glaubens gegen die Brandung der Zeiten<\/p>\n<p>Wer von Corinaldo nach Pergola f\u00e4hrt und auf der Stra\u00dfe zwischen Pergola und Sassoferrato auf halber Strecke rechts einbiegt, der erreicht den Monte Catria, so hoch \u201edass unter ihm die Donner dr\u00f6hnen\u201c, wie Dante Alighieri in seiner Divina Commedia schreibt. Die Gegend wird zunehmen einsamer, bewaldeter und urw\u00fcchsiger. Tats\u00e4chlich ist der Monte Catria mit 1.700 Metern einer der h\u00f6chsten Gipfel des italienischen Zentral-Appenin, \u00fcbertroffen wird er nur noch von den Monti Sibillini weiter s\u00fcdlich. <\/p>\n<p>An seiner Ostflanke h\u00fctet dieser Berg einen architektonischen und spirituellen Schatz. Wie von einer unsichtbaren Zeitkapsel umschlossen \u2013 fast unber\u00fchrt vom Fortgang von eintausend Jahren, erhebt sich zwischen Steineichen, Buchen, Zypressen und Haselnusstr\u00e4uchern das Kloster der Kamaldulenser von Fonte Avellana. Eine spr\u00f6de romanische Sch\u00f6nheit wie eine Trutzburg des Glaubens gegen die Brandung der Zeiten, errichtet in dem hellgrauen fossiliendurchzogenen Gestein seiner nat\u00fcrlichen Umgebung. Als sei die Strenge und die Einfachheit des m\u00f6nchischen Lebens in ihm zu einer Au\u00dfenhaut geronnen, die sich in perfekter Harmonie mit der majest\u00e4tischen Umgebung befindet und gleichzeitig sich selbst genug ist. \u00dcberragt vom massiven viereckigen Pfeiler des Glockenturms ordnen sich die einzelnen Bauteile zu einem schn\u00f6rkellosen Ensemble von architektonischer Klarheit, dessen Bogeng\u00e4nge und Fenster sich dem Tal und dem Tageslicht \u00f6ffnen wie Bl\u00fcten der Sonne.<\/p>\n<p>Am Eindrucksvollsten zeigt sich dieses Prinzip verwirklicht im Scriptorium von Fonte Avellana aus dem 12. Jahrhundert. Von den insgesamt vierzehn einbogigen Fenstern der oberen Reihe weisen sechs nach Osten, eines nach S\u00fcden und sieben nach Westen, so konnten sie die Kopisten mit dem Maximum an Tageslicht f\u00fcr ihre anstrengende Arbeit versorgen. Gleichzeitig diente die Anordnung der Oberlichter auch als Sonnenuhr und Jahreskalender, welcher die Sonnenwenden im Juni und Dezember zuverl\u00e4ssig anzeigt. Am 21. Juni etwa fallen die Strahlen des Sonnenaufgangs durch das erste Ostfenster, die Strahlen bei ihrem Untergang durch das letzte Westfenster in den Raum. <\/p>\n<p>Aus dem 12. Jahrhundert stammt auch der Kapitelsaal, der ebenso wie das Scriptorium im Rahmen einer kleinen F\u00fchrung zu besichtigen ist. Im Kapitelsaal versammelten sich die M\u00f6nche, dort wurden Angelegenheiten der Gemeinschaft vorgetragen, besprochen und entschieden. Der Raum besitzt eine eigene Atmosph\u00e4re und eine besondere Akustik, unterst\u00fctzt durch das Tonnengew\u00f6lbe der Decke. Drei schmale Fenster zeigen Richtung Osten, zum Ursprung des Lichts.<\/p>\n<p>\u00c4ltester erhaltener Bauteil des Klosters stellt die Krypta aus dem 10. Jahrhundert dar, sie war die urspr\u00fcngliche Kirche der ersten M\u00f6nche und ist zum Teil direkt in den Fels des Catria hineingehauen. Durch ihre eigent\u00fcmliche Form, ein griechisches Kreuz, das durch sp\u00e4tere Bauma\u00dfnahmen verst\u00fcmmelt wurde, die fast zwei Meter dicken romanischen Mauern, die sich in der Apsis niedrig kr\u00fcmmen und von lediglich zwei winzigen Fenstern Richtung Osten durchbrochen werden, entsteht der Eindruck einer Raumkapsel mit zwei Bullaugen.<br \/>\nGenerationen von M\u00f6nchen haben in ihr die Stundengebete gesungen, an dem tausendj\u00e4hrigen Altar die Hl. Messe gefeiert; diesem timeshuttle der Gottesverehrung entstiegen an die f\u00fcnfzig Bisch\u00f6fe und eine beeindruckende Zahl von Seligen und Heiligen der katholischen Kirche. <\/p>\n<p>Der heilige Petrus Damiani und sein Kampf gegen den dekadenten Klerus seiner Zeit<\/p>\n<p>Auch die beiden Eremitenm\u00f6nche, denen ein gewisser Petrus Damiani, ein erfolgreicher Rhetoriklehrer zu Ravenna, auf einer Reise nach Parma begegnete. In einer Welt, in der es recht w\u00fcst zugegangen sein muss, an den Universit\u00e4ten wurde nicht nur gelernt und gelehrt, sondern auch gehurt und gesoffen, gespielt und um Geld gewettet, beeindruckte den Gelehrten ganz besonders die Demut, Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit dieser M\u00f6nche. So stark, dass er ihnen nach Fonte Avellana folgte und 1039 in das Kloster eintrat. Dort entfalteten sich s\u00e4mtliche Talente dieses gro\u00dfartigen Gelehrten, der sich nicht nur in seiner pers\u00f6nlichen Lebensweise in strengste Zucht nahm, sondern auch seine Mitbr\u00fcder anhielt, sich \u00dcbungen in Selbstgei\u00dfelung zu unterziehen. Petrus Damiani stellte die wirtschaftliche Grundlage des Klosters auf solide Beine, er lie\u00df eine Kirche bauen und gr\u00fcndete eine Bibliothek, denn nat\u00fcrlich wollte er auch als Eremit weiterhin seine Studien treiben. Auch das beeindruckende Skriptorium entstammt seinen Ideen, obwohl er seine Fertigstellung nicht mehr erlebt hat. Von seinem Felsenhorst aus f\u00fchrte er einen regen Schriftverkehr mit Bisch\u00f6fen, \u00c4bten und P\u00e4psten. Sein Wort und seine Gedanken hatten Gewicht, seine pers\u00f6nliche Lebensf\u00fchrung \u00fcberzeugte, und so wurde der heilige Petrus Damiani zu einer der wichtigsten Gestalten innerhalb der kirchlichen Reformbewegung des 11. Jahrhunderts. <\/p>\n<p>Das Liber gomorrhianus wider die sexuellen Verfehlungen von Priestern und M\u00f6nchen<\/p>\n<p>Petrus Damiani k\u00e4mpfte mit allen Mitteln, die ihm zur Verf\u00fcgung standen, gegen den Verfall im Klerus an. Da waren vor allem die Waffen seines scharfen Geistes und seiner hervorragenden Bildung. Doch diese alleine h\u00e4tten ihm nicht genutzt, wenn er nicht von einer vorbildlichen pers\u00f6nlichen Fr\u00f6mmigkeit gewesen w\u00e4re, und er seine Schritte nicht vollst\u00e4ndig an die Schritte Jesu Christi angepasst h\u00e4tte. Mit der Schrift Liber gratissimus sagte er dem verbreitetsten \u00dcbel seiner Zeit, dem \u00c4mterhandel den Kampf an, mit dem Liber gomorrhianus, dem Buch von Gomorrha beschrieb er mit akribischer Genauigkeit die sexuellen Versuchungen und S\u00fcnden, denen sich M\u00f6nche und Kleriker ausgesetzt sahen, getreu dem Motto: Nur, wer den Feind kennt, kann ihn besiegen.<br \/>\nUnter aktuellen Bez\u00fcgen betrachtet wird schnell klar, dass die Herabw\u00fcrdigung der wahren und gottgewollten sexuellen Natur des Menschen ein Zeit, Ort und Kulturen \u00fcberschreitendes Ph\u00e4nomen darstellt, gegen das die Kirche von Beginn an und praktisch immer gek\u00e4mpft hat.<br \/>\nEventuell besa\u00df Petrus Damiani schon hervorragende charakterliche Anlagen, denn ein lauer Weichling wird sich vornherein nicht vom harten M\u00f6nchsleben in Fonte Avellana angezogen gef\u00fchlt haben. Sicher jedoch ist, dass ihn auch das karge, v\u00f6llig auf Gott ausgerichtete Leben der Asketenm\u00f6nche schliff wie eine gute Waffe, so dass seine F\u00e4higkeiten im Kampf gegen die S\u00fcnde und das B\u00f6se aufleuchteten wie polierter Stahl im Einsatz f\u00fcr das Licht der Welt. <\/p>\n<p>Vielleicht w\u00e4re ja sogar ein m\u00f6glicher Beitrag zur L\u00f6sung der aktuellen Probleme in der Kirche, wieder vermehrt Eremitenbisch\u00f6fe und \u2013 kardin\u00e4le zu ernennen. Diese k\u00f6nnte man dann auch schwerlich beim \u201eSchachspielen in einer Spelunke\u201c ertappen, wie es dem Bischof von Florenz geschah. Entehrung Gottes durch Befleckung mit sch\u00e4ndlicher Kurzweil \u2013 lautete die Diagnose, die Spielsucht war im Klerus weit verbreitet. Petrus Damiani hielt eisern dagegen. <\/p>\n<p>Es war ihm nicht verg\u00f6nnt, nach einem anstrengenden und k\u00e4mpferischen Leben f\u00fcr die Heiligung der Kirche in seinem Kloster zu sterben, er starb im Jahr 1072 auf dem Heimweg von Ravenna in Faenza, nur ein paar Tagesreisen entfernt, und wurde dort auch begraben. Doch sein segensreiches Wirken strahlte durch die Jahrhunderte weiter, noch bis heute. Dante Alighieri erw\u00e4hnt ihn dreihundert Jahre sp\u00e4ter im 21. Paradiesgesang der G\u00f6ttlichen Kom\u00f6die. Ein Mann also wie ein Leuchtfeuer durch die Jahrhunderte gegen Simonie und Korruption. \u00dcberhaupt gibt es Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass Dante Alighieri auch seine Einsiedelei bei den Quellen und den Haselnussb\u00e4umen kannte. Ein Besuch in Fonte Avellana selbst ist zwar nicht durch einen Chronikeintrag dokumentiert, daf\u00fcr aber im benachbarten Kloster von Gubbio f\u00fcr das Jahr 1318. Man geht also davon aus, dass er bei dieser Gelegenheit auch die Einsiedelei besichtigt hat. Dante schreibt, und l\u00e4sst dabei Petrus Damiani selbst zu Wort kommen:<\/p>\n<p>\u201eInmitten von Italiens beiden Ufern<br \/>\nErheben, unfern deiner Heimat, Felsen<br \/>\nSo hoch sich, dass die Donner tiefer rollen.<br \/>\nDen H\u00f6cker, den sie bilden, nennt man Catria;<br \/>\nEin Eremitenkloster liegt darunter,<br \/>\nBestimmt nur zu and\u00e4chtiger Betrachtung.\u201c<\/p>\n<p>Kurz darauf, im Jahre 1325 wurde die Einsiedelei zu einer Abtei. Die M\u00f6nche folgten den Regeln des Hl. Romuald von Camaldoli aus benediktinischer Tradition &#8211;  auch heute noch. Der Klausurbereich ist deshalb f\u00fcr Besichtigungen nicht freigegeben. Leider geh\u00f6rt dazu auch die alte Klosterbibliothek, deren Bestand etwa 25.000 B\u00fccher aus den Anf\u00e4ngen des Buchdrucks und der Zeit bis zum 19. Jahrhundert umfasst. Daf\u00fcr entsch\u00e4digt der ungew\u00f6hnliche und imponierende Kreuzgang aus dem 11. Jahrhundert, die statio der M\u00f6nche, die sich hier, von der Feldarbeit kommend, auf den Gottesdienst vorbereiteten, sich am Brunnen waschen und versammeln konnten. Die Gew\u00f6lbeb\u00f6gen sind romanisch und ph\u00f6nizisch inspiriert.<\/p>\n<p>Obwohl der Klausurbereich selbst nicht zug\u00e4nglich ist, nehmen die Kamaldulenser des Klosters zum Heiligen Kreuz gerne G\u00e4ste f\u00fcr Exerzitientage oder Unterweisungen in der lectio divina auf und erm\u00f6glichen ihnen, die Liturgie mitzufeiern. Au\u00dferdem bieten sie ein Veranstaltungsprogramm k\u00fcnstlerischer, musikalischer und wissenschaftlicher Natur an. Es gibt ein eigenes kleines Forschungszentrum, das Studien zur avellanischen Geschichte und Theologie betreibt.<br \/>\nNach alter Kamaldulensertradition findet sich in Fonte Avellana auch eine Klosterapotheke, in der Salben, Schokolade, Teemischungen und Honig verkauft werden.<\/p>\n<p>Wer dem Stra\u00dfenverlauf den Berg hinauf weiter folgt, erh\u00e4lt noch beeindruckende Ansichten der gesamten baulichen Sch\u00f6nheit des Kloster und einen guten Eindruck von der Harmonie, mit der sich Fonte Avellana in die Berglandschaft eingef\u00fcgt. Folgt man der Stra\u00dfe in Richtung Norden, gelangt man zu dem mittelalterlichen St\u00e4dtchen Frontone mit seinem eindrucksvollen kleinen castello, das als gutes Beispiel f\u00fcr die milit\u00e4rische Architektur des 11. Jahrhunderts gilt. Von Frontones Mauern aus hat man einen herrlichen Panoramablick, die G\u00e4sschen bieten reizvolle Einblicke. Wer in Frotone einkehren m\u00f6chte, die Spezialit\u00e4ten der Region sind vor allem tagliatelle mit Steinpilzen oder Entenragout und \u201ela crescia\u201c, ein typisches Fladenbrot, das mit verschiedenen Gew\u00fcrzen und F\u00fcllungen im Holzofen gebacken wird. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Ein Auszug aus meinem Buch &#8222;Poetische Pilgerorte&#8220;] Fonte Avellana am Hang des Monte Catria \u2013 steinerne Trutzburg des Glaubens gegen die Brandung der Zeiten Wer von Corinaldo nach Pergola f\u00e4hrt und auf der Stra\u00dfe zwischen Pergola und Sassoferrato auf halber Strecke rechts einbiegt, der erreicht den Monte Catria, so hoch \u201edass unter ihm die Donner [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16,10,89,83],"tags":[90,92,91,151],"class_list":["post-172","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-heiligtum-der-besonderen-art","category-meine-buecher","category-poetische-pilgerorte","category-veroeffentlichungen","tag-fonte-avellana","tag-kamaldulenser","tag-petrus-damiani","tag-poetische-pilgerorte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=172"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":173,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/172\/revisions\/173"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=172"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=172"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=172"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}