{"id":1537,"date":"2026-08-19T18:52:24","date_gmt":"2026-08-19T16:52:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=1537"},"modified":"2026-08-19T18:54:05","modified_gmt":"2026-08-19T16:54:05","slug":"paul-badde-und-das-volto-santo-von-manoppello","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=1537","title":{"rendered":"Paul Badde und das Volto Santo von Manoppello"},"content":{"rendered":"<p>Mein lieber Freund und Kollege Paul Badde, verstorben im November letzten Jahres, hat sich am Ende seines Lebens intensiv mit dem Volto Santo, dem Gesicht des auferstandenen Herrn, besch\u00e4ftigt, das in Manoppello auf dem Tarigni-H\u00fcgel aufbewahrt ist. Vor nunmehr 20 Jahren und vor meiner Bekehrung,  habe ich diese einzigartige Tuchreliquie besucht. Und sp\u00e4ter sogar einen Krimi dazu geschrieben, &#8222;Das Farnese-Komplott&#8220;.<br \/>\nMein Freund Paul war so oft er konnte, in Manoppello. Das war damals von meinem Haus bei Ancona in Italien praktisch um die Ecke. Man f\u00e4hrt die Autobahn bis Pescara und dann noch ein paar Kilometer ins Landesinnere hinein. Ich habe geschworen, dass ich eines Tages, sollte ich mal wieder in meine italienische Lieblingsgegend kommen, sein Grab dort besuchen werde.<br \/>\nDiesen Text aus 2011 hat er mir gro\u00dfz\u00fcgig zur Online-Verwendung \u00fcberlassen.<br \/>\nIm Jahr 2027, so prophezeite er, wird das winzige St\u00e4dtchen nicht wiederzuerkennen sein.<br \/>\nUnd so Gott will, werde ich dich, mein lieber Freund, an deinem Grab besuchen. <\/p>\n<p>>>Bei der Taufe Josephines, unserer j\u00fcngsten Enkelin, haben wir im letzten Monat im Frankfurter Kaiserdom eine Kopie des \u201ewahren Bildes\u201c entdeckt, wie es mir noch nie unter die Augen gekommen ist. Das milde Gesicht Christi, schwebend, vor einem durchsichtigen Schleier, auf dem es ruht wie auf einem Nimbus. Ich wei\u00df nicht, wer es gemalt hat. H\u00e4nde eines Meisters, das ist klar. In dem Chorraum des ehrw\u00fcrdigen gotischen Gotteshauses hat er es hinten rechts in eine sechsbl\u00e4ttrige L\u00fcnette \u00fcber jene T\u00fcr hinein gemalt, die vom Altarraum des Domes zur Wahlkapelle der K\u00f6nige des Heiligen R\u00f6mischen Reiches der Deutschen f\u00fchrt. Frankfurt am Main war 1356 in der Goldenen Bulle Karl IV. als Ort der K\u00f6nigswahl durch die sieben Kurf\u00fcrsten festgelegt worden. Der Chor war schon kurz zuvor, 1345, fertig gestellt worden, die Wahlkapelle daneben im Jahr 1425. In dieser Zeit wird auch dieses Bild \u00fcber dem T\u00fcrsturz angebracht worden sein. Durch diese T\u00fcr traten die \u201er\u00f6mischen K\u00f6nige\u201c der Deutschen mit den Kurf\u00fcrsten nach ihrer Wahl erstmals vor das Volk, um im Dom gemeinsam das Te Deum zu singen. Die T\u00fcr ist also eine Schl\u00fcsselstelle der Geschichte Europas. Das war den Architekten bewusst, die damals eben hier das Antlitz vom Erl\u00f6ser der Welt an die Wand malen lie\u00dfen, wie es keine andere Kultur kennt. Denn dass Christen nicht nur ein, sondern das Bild Gottes schlechthin haben, ist ja damals wie heute das Alleinstellungsmerkmal der Christenheit unter allen Religionen.<br \/>\nDas haben nur die Christen.<br \/>\nSie wissen: in Jesus hat Gott sein Gesicht gezeigt. Damals glaubten sie aber noch, dass Gott von diesem Gesicht ein Bild hinterlassen hat, das keine Menschenhand je schaffen konnte.<br \/>\n\u201eDas Geheimnis der Person dr\u00fcckt sich in seinem Gesicht aus,\u201c schrieb mir vor einigen Monaten eine Schwester Columba aus einem Kloster der orthodoxen Welt, wo sich dieser Glaube bis heute gehalten hat. \u201eIm Gesicht dessen, der in der Mitte von allem ruht, als Alpha und Omega, sind \u2013 wie Dante sagte \u2013 auch unsere eigenen Gesichter hinein geschrieben. Nur wenn wir ganz auf das Gesicht dessen schauen, dessen Name hei\u00dft ICH BIN, werden auch wir imstande sein zu sagen, nun, in Ihm: ICH BIN.\u201c<br \/>\nDieses Bewusstsein hat in der Orthodoxie die Ikonenmalerei erbl\u00fchen lassen. Die Ikone der Ikonen aber ist die Vera Ikon. Im Frankfurter Dom ist sie so ungemein zur\u00fcckhaltend gemalt, dass eigentlich nur der es erkennt, der das Original einmal gesehen hat. Sicher kannte das auch der Maler. In den Kathedralen des Ostens und Westens bekamen alle Kopien des Originals immer die vornehmsten Ehrenpl\u00e4tze. Um das Urbild zu sehen, musste man damals indes noch nach Rom pilgern. Denn f\u00fcr das \u201ewahre Bild\u201c selbst kam nat\u00fcrlich nur der prominenteste Platz des Abendlands \u00fcberhaupt in Frage, beim Grab des heiligen Petrus. Kein Wunder, dass deshalb f\u00fcr dieses Original im Jahr 1506 die gr\u00f6\u00dfte Kirche der Welt errichtet werden sollte.<br \/>\nGleich \u00fcber dem Grundstein des neuen Petersdoms lie\u00df Bramante einen turmhohen Tresor f\u00fcr das wahre Bild errichten. Es war ein r\u00e4tselhaft sch\u00f6ner, gleichsam immaterieller Schleier, der im Zeitalter der Bilderst\u00fcrme Ostroms im Jahr 707, unter Papst Johannes VII., nach Rom gelangt war. Hier blieb es bis zum Jahr 1527, ganze 820 Jahre lang. In dieser Zeit entstanden zahllose Kopien des Bildes, eine sch\u00f6ner als die andere, vom Mosaik der Zenonkapelle in Santa Prassede bis zu den gro\u00dfen Darstellungen italienischer, deutscher, franz\u00f6sischer oder fl\u00e4mischer Meister. Am wunderbarsten an der Herkunft und Geschichte des wahren Bildes ist aber f\u00fcr uns, dass es im Jahr 1527 im \u201esacco di Roma\u201c verschwand, Jahrhunderte verschollen blieb, doch gl\u00fccklicherweise nicht verloren ging \u2013 und dann fast, doch nicht ganz so leise wieder in die Geschichte zur\u00fcck kehrte, wie es einmal verschwunden war, als Benedikt XVI. am 1. September 2006 als erster Papst nach 479 Jahren auf einem H\u00fcgel hinter Manoppello, an der Adria, wieder sein Knie vor dem ehemals kostbarsten Schatz der P\u00e4pste beugte. Es war die erste Pilgerreise seines Pontifikats in Italien, f\u00fcr die er sich selbst entschieden hatte. Keiner war auf die Wiederentdeckung vorbereitet.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum Grabtuch von Turin, das 1898, zum Zeitpunkt seiner ersten Fotografien, schon eine Jahrhunderte alte Verehrung im Westen hinter sich hatte, war das wahre Bild bei uns Jahrhunderte lang in Vergessenheit geraten. Keiner hatte mehr mit ihm gerechnet. Keiner hatte es erwartet. Kein Forscher hatte es mehr auf dem Radar \u2013 bis auf ein paar Hirten und Bauern und Fischer der Abruzzen, unter denen es sich als ein lokales Heiligtum verborgen hatte. Ungl\u00e4ubiges Staunen begleitete deshalb auch die Wiederentdeckung. Denn der Fund war ja kein christliches Troja. Es ist keine ausgegrabene Ruine. Es ist ein lebendiges Bild, so leuchtend und sprechend wie am ersten Tag, doch eigentlich noch leuchtender, so offen, mit so viel Licht wie noch nie zuvor. Unglaublich leicht zug\u00e4nglich, an jedem Tag des Jahres, kostenlos.<\/p>\n<p>Am begl\u00fcckendsten ist aber heute einfach, dass das legend\u00e4re \u201ewahre Bild\u201c der Kirche keine Legende war, wie selbst ein so herausragender Gelehrter wie Hans Belting \u00fcberzeugt ist. F\u00fcr ihn kann es nie existiert haben. H\u00e4tten sich Exemplare der legend\u00e4ren Gattung erhalten, schrieb er 2005 in seinem Buch \u201eDas echte Bild\u201c, w\u00fcrden sie rasch \u201eals F\u00e4lschungen entlarvt\u201c. Hier hat sich das echte Bild aber erhalten; und trotz mannigfaltiger Versuche hat noch keiner es als F\u00e4lschung \u201eentlarven\u201c k\u00f6nnen.<br \/>\nHier haben wir es vor uns. Es ist die Bildmutter aller Christus- Ikonen. Es ist unerkl\u00e4rlich. Kein Wunder, dass Staunen wie ungl\u00e4ubige Skepsis dieses Bild schon immer begleitet haben, von Dante bis zu Martin Luther.<br \/>\nDenn es ist nicht nur ein Bild. Es \u00e4ndert sich in jedem Licht. Es ist ein Lichtbild. Doch es gibt kein objektives Foto von ihm. Fast alle Fotografien dieses Christus-Portr\u00e4ts t\u00e4uschen eine Eindeutigkeit und Eindimensionalit\u00e4t vor, die es nicht hat. Es birgt in sich tausende von Bildern, die alle verschieden sind \u2013 bis auf die Barmherzigkeit, die immer aus diesen Augen spricht: \u201eWillst Du mein Freund sein?\u201c Es ist das Facebook des Himmels.<\/p>\n<p>Es geht zu weit, alle Namen aufzuz\u00e4hlen und zu erkl\u00e4ren, die es zuvor schon hatte: Mandylion, Abgar-Bild, Camuliana- Schleier, Sanctum Sudarium, Heiliges Gesicht, Muschelseidentuch, Veronika \u2013 doch kein Name hat sein Wesen so erfasst wie der Begriff \u201ewahres Bild\u201c. Wahrheit ist der archimedische Punkt seines Wesens. Deshalb d\u00fcrfen wir uns das Bild in diesem hauchd\u00fcnnen transparenten Gewebe am besten als ein St\u00fcck materieller Wahrheit vorstellen. So etwas kann es nicht geben, wie jeder wei\u00df, weil wir uns Wahrheit gew\u00f6hnlich als einen streng philosophischen Begriff vorstellen. Dennoch, hier haben wir dieses Paradox vor uns. \u201eDie Wahrheit ist Person, hei\u00dft es bei Nicol\u00e0s G\u00f3mez D\u00e1vila. So ist es. Hier ist er. Jesus selbst hingegen schweigt, als Pilatus ihm die Frage stellt: \u201eWas ist Wahrheit\u201c. Auf diese Weise schweigt auch das wahre Bild. Es schaut uns nur an. Vielleicht wird es die Generation Facebook und die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation der Christenheit als ein quasi kosmisches Speicherchip des barmherzigen Gottes entdecken und erkennen, mit zahllosen Gigabytes ungelesener Informationen, die sie dann zu entziffern beginnen. Denn es ist ja ausgerechnet an der Schwelle des digitalen Zeitalters in die Geschichte und zu uns zur\u00fcckgekommen. In einer gewaltigen R\u00fcckkehr der Bilder und Hieroglyphen zu den Pforten unserer Wahrnehmung erinnert es uns heute wie kein anderes Dokument an dies: Wir haben ein Bild Gottes! Das Fleisch gewordene Wort. Keiner muss deshalb fordern, dass diese Ikone zum Polarstern der Evangelisierung erhoben werden soll. Das ist und wird sie sowieso, auch ohne jede Werbe-Kampagne. Seit dem Besuch Benedikt XVI. hat eine wahre V\u00f6lkerwanderung zum wahren Bild auf dem Tarigni-H\u00fcgel hinter Manoppello begonnen, wie zu einem neuen Berg Tabor, aus allen Teilen der Erde, die nicht mehr enden wird. Der Papst, der nicht m\u00fcde wird, das \u201emenschliche Gesicht Gottes\u201c zu preisen, hat sie mit seiner Pilgerreise angef\u00fchrt. \u201eIn dieser Zeit werden wir unseren Blick auf Jesus Christus richten,\u201c sagte er jetzt am 11. Oktober in seiner Ank\u00fcndigung von einem kommenden \u201eJahr des Glaubens\u201c. Die Neu-Evangelisierung ehemals christianisierter Nationen, von der Kardinal Koch vor Wochen sagte, dass sie nur \u00f6kumenisch vorstellbar sei, kommt hier schon l\u00e4ngst in einer \u00f6kumenischen Prozession ans Ziel, aus allen Teilen der vielfach gespaltenen Christenheit.<\/p>\n<p>Im Jahr 2027, zum 500. Jahrestag der Entf\u00fchrung und Rettung des Schleiers aus dem Vatikan, wird Manoppello nicht wieder zu erkennen sein. \u2013 \u201eDer sieht ja aus wie ein Schaf!\u201c sagte meine Frau erschrocken, als wir zum ersten Mal vor dem wahren Bild Christi standen. Inzwischen erkennen viele tausende, mich eingeschlossen, in diesem Gesicht den sch\u00f6nsten unter allen Menschen. Dennoch hatte meine Frau nat\u00fcrlich recht. Seht, das Lamm Gottes!<<\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mein lieber Freund und Kollege Paul Badde, verstorben im November letzten Jahres, hat sich am Ende seines Lebens intensiv mit dem Volto Santo, dem Gesicht des auferstandenen Herrn, besch\u00e4ftigt, das in Manoppello auf dem Tarigni-H\u00fcgel aufbewahrt ist. Vor nunmehr 20 Jahren und vor meiner Bekehrung, habe ich diese einzigartige Tuchreliquie besucht. 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