{"id":142,"date":"2014-12-03T11:39:13","date_gmt":"2014-12-03T09:39:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=142"},"modified":"2014-12-03T11:39:13","modified_gmt":"2014-12-03T09:39:13","slug":"ulrich-nersinger-paul-vi-ein-papst-im-zeichen-des-wiederspruchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=142","title":{"rendered":"Ulrich Nersinger: Paul VI. &#8211; ein Papst im Zeichen des Wiederspruchs"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.twoday.net\/elsalaska\/images\/41zkgm3BRXL.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\nP\u00fcnktlich zur Seligsprechung Paul VI. Mitte Oktober des Jahres hat der renommierte Vatikanist und Historiker Ulrich Nersinger seinen schmalen, gut lesbaren Band zur Pers\u00f6nlichkeit dieses Papstes vorgelegt, der vielen, vor allem j\u00fcngeren &#8211; aber nicht nur diesen &#8211; Katholiken doch eher fremd geblieben ist. Auf ihn folgte im 1978 Johannes Paul I., dessen Amtszeit nur knapp einen Monat w\u00e4hrte. Im gleichen Jahr wurde Johannes-Paul II. gew\u00e4hlt, dessen Pontifikat zum zweitl\u00e4ngsten der Kirchengeschichte wurde. Nicht nur quantatitiv unterschied sich der Pole auf dem Papstthron von seinen Vorg\u00e4ngern &#8211; wir wissen \u00fcber seine Pers\u00f6nlichkeit, seine Denkweise, seine Aussagen und seine Spiritualit\u00e4t viel mehr &#8211; oder glauben, mehr zu wissen &#8211; weil er sich geschickt die Macht der Medien zunutze machte, seine Person zu &#8222;inszenieren&#8220; verstand: Wojtyla hatte B\u00fchnenerfahrung, und das merkte man ihm meistens an &#8211; dies als Anmerkung in positiver Hinsicht.<br \/>\nBei Paul VI. war das anders. Sein Pontifikat wird allzu h\u00e4ufig reduziert auf die &#8211; je nach kirchenpolitischem Lager &#8211; ge- oder missgl\u00fcckte Liturgiereform, die unter seiner \u00c4gide durchgesetzt wurde. H\u00e4ufig wird dabei die Anekdote erz\u00e4hlt, wie Seine Heiligkeit nach vollzogener Liturgiereform seinen Privatsekret\u00e4r nach Pfingsten verwundert fragte, wieso der ihm gr\u00fcne Messgew\u00e4nder bereit gelegt habe, man bef\u00e4nde sich noch in der Pfingstoktav mit der eigentlich vorgeschriebenen liturgischen Farbe Rot &#8211; &#8222;Aber&#8220;, so der verunsicherte Mann, &#8222;Eure Heiligkeit haben doch h\u00f6chstselbst die Pfingstoktav abgeschafft&#8220;. Auf diese Antwort hin, so wird kolportiert, soll der Papst in Tr\u00e4nen ausgebrochen sein.<br \/>\nMan wird es Ulrich Nersinger hoch anrechnen m\u00fcssen, dass er es unternommen hat, den wahren Charakter dieses Pontifex, den eigenen Wert dieses h\u00e4ufig untersch\u00e4tzten, auf die Reform verk\u00fcrztes Pontifikats herausgearbeitet zu haben. Es war seine Absicht, einen Abschnitt der Kirchengeschichte, der in seiner Tiefe nicht mehr wirklich verstanden wird, auszuloten, um die kirchliche Gegenwart zu verstehen und die Zukunft im christlichen Glauben anzugehen.<\/p>\n<p>Paul VI. war viel mehr, viel erhabener als derjenige, der \u00fcber seine eigene Liturgiereform angeblich in Tr\u00e4nen ausbrach, derjenige wegen seiner Enzyklika Humanae Vitae, die erst heute allm\u00e4hlich verstanden wird, als &#8222;Pillen-Paule&#8220; ver\u00e4chtlich gemacht wurde. Paul VI. war ein Mann von hoher Zivilcourage und gro\u00dfer Beherztheit. Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini, wie sein voller Name lautete, zeigte diese Tugenden selbst am Vorabend des Konklaves im Monat Juni des Jahres 1963. Er schreibt n\u00e4mlich an den Chefredakteur der katholischen Zeitschrift &#8222;The Tablet&#8220; eine harsche Kritik an dem Bild Pius&#8216; XII., wie es Rolf Hochhuth in seinem &#8222;Stellvertreter&#8220; dargestellt &#8211; oder vielmehr entstellt &#8211; hat. Der Brief trifft in der Redaktion eine Stunde nach der Wahl Montinis ein und wird am 29. Juni 1963 abgedruckt.<br \/>\nVon diesem engagierten und kraftvollen Brief, den Nersinger in Ausz\u00fcgen zitiert, ist eher selten die Rede, wenn es um Paul VI. geht. Er scheut sich auch nicht, massiv in das noch tagende, von ihm wieder einberufene Zweite Vatikanische Konzil einzugreifen, als es zur Bedeutung Mariens in der Kirche kommt. Am 22. November 1964 hat er sich durchgesetzt und erkl\u00e4rt Maria feierlich zur Mutter der Kirche.<br \/>\nNersinger sucht nicht nur in Selbstzeugnissen und Konzilsdokumenten nach einer Beschreibung, die diesem Papst gerecht wird, sondern auch in Berichten von Zeitgenossen. Zuvorderst ist da auch Jean Guitton zu nennen, der franz\u00f6sische katholische Philosoph, der im Jahre 1967 ein Gespr\u00e4ch mit Paul VI. in Buchform ver\u00f6ffentlichte.<br \/>\nL\u00f6wenmut, Beherztheit und grenzenloses Vertrauen sind sicherlich nicht die Attribute, die einem beim Gedanken an den Montini-Papst in den Sinn kommen. Doch tats\u00e4chlich ist es seiner &#8211; eigentlich umstrittenen &#8211; Geste zu verdanken, das Andreashaupt im Jahre 1964 nach Griechenland zur\u00fccksenden, als Zeichen der Vers\u00f6hnungsbereitschaft und seines guten Willens. Tats\u00e4chlich gelang es unter seiner \u00c4gide, was keinem Papst seit fast tausend Jahren gelungen war: Die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation zwischen West- und Ostkirche, die seit dem Jahre 1054 bestanden hatte, gelingt mit einer gemeinsamen Erkl\u00e4rung.<br \/>\nDie Jahre des Montini-Pontifikats sind gepr\u00e4gt von Vietnamkrieg und Terror; Paul VI. versucht zu vermitteln. Der 1. Januar, den wir jedes Jahr als Tag des Friedens feiern, geht auf seine Initiative zur\u00fcck.<br \/>\nEs ist erstaunlich, wie viele Entdeckungen zur Pers\u00f6nlichkeit Paul VI., wie viel Wissenswertes Ulrich Nersinger in seinem kleinen Band zusammengetragen hat &#8211; und wie viel Interesse er selbst bei dem zu erwecken mag, der diesem Papst im R\u00fcckblick eher skeptisch gegen\u00fcber stehen mag. Wie immer reiht Nersinger nicht einfach trockene Quellen an- und hintereinander, sondern er ordnet sie mit leichter Hand zu einem gelungenen Spannungsbogen, der durch die H\u00f6hen und Tiefen eines Pontifikates in herausfordernder Zeit f\u00fchrt.<br \/>\nWer sich mit der j\u00fcngeren Kirchengeschichte besch\u00e4ftigt und die Gegenwart verstehen will, kommt um dieses empfehlenswerte B\u00fcchlein, das mit dem ebenso bewegenden wie beeindruckenden geistigen Testament Montinis schlie\u00dft, nicht herum.<\/p>\n<p>Ulrich Nersinger: Paul VI. &#8211; ein Papst im Zeichen des Widerspruchs.<br \/>\nPatrimonium-Verlag Mainz 2014<br \/>\nISBN-13:978-3-86417-027-0<br \/>\nEUR 14,80<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>P\u00fcnktlich zur Seligsprechung Paul VI. 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