{"id":127,"date":"2014-09-24T13:14:20","date_gmt":"2014-09-24T11:14:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=127"},"modified":"2014-09-24T13:14:20","modified_gmt":"2014-09-24T11:14:20","slug":"wie-ich-einmal-versaeumte-einen-engel-anzulaecheln","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=127","title":{"rendered":"Wie ich einmal vers\u00e4umte, einen Engel anzul\u00e4cheln"},"content":{"rendered":"<p>Die Frau ist \u00e4lter als ich, kleiner und viel zierlicher. Ihr pflegeleichter Kurzhaarschnitt &#8211; sie hat feuerrotes Haar, sitzt \u00fcber ihrem fragilen Antlitz, das noch \u00dcberreste einer Kleinm\u00e4dchensch\u00f6nheit aufweist, wie ein Helm. Ihre resolute, dabei aber immer fr\u00f6hliche und kommunikative Auftretensweise zeugt von ihrer bewundernswerten stabilen Seelenlage.<br \/>\nNeben ihr ein ebenso rothaariger junger Mann, vielleicht Zwanzig oder Mitte Zwanzig. Ich schwimme an ihm vorbei. Er l\u00e4chelt selig. Dass er nicht untergeht, verdankt er dem mit Luft gef\u00fcllten Schwimmreif, in dem er sitzt. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, das L\u00e4cheln ist mir ein wenig zu offensiv. Gleichzeitig erkenne ich, dass der junge Mann nicht aus Spa\u00df in diesem Reif sitzt &#8211; er kann nicht schwimmen. Also scheint es sich um eine Art Behinderung zu handeln. Den \u00e4u\u00dfersten Rand des Au\u00dfenschwimmbeckens mit Panoramablick ziert ein riesiger Steinengel ohne Kopf. An den Au\u00dfenseiten seiner Fl\u00fcgel sind Befestigungen wie eine Art Holzrahmen angedeutet. Er ist ganz grau. Weil ihm der Kopf fehlt, kann man nicht wissen, ob der Engel gerade l\u00e4chelt wie der junge Mann oder zornig drein schaut. Die Fl\u00fcgel sind jedenfalls aufgeschlagen &#8211; und zwar f\u00fcr die Ewigkeit.<br \/>\nEtwas sp\u00e4ter sehe ich die zarte \u00e4ltliche Frau und ihren jungenhaften Sohn unter der Dusche stehen. Er bewegt sich nicht. Die Arme ausgebreitet wie die Statue drau\u00dfen am Becken ihre Fl\u00fcgel, l\u00e4sst er sich abtrocknen. Dabei l\u00e4chelt er mich an, als ich aus dem Wasser komme. Kein Laut steigt von ihm auf. Er gurrt nicht, summt nicht, er lallt nicht. Das ist eine merkw\u00fcrdige Behinderung, denke ich. Wie erstarrt zu sein, keinerlei Antrieb zu haben, nichtmal, um sich abzutrocknen. Dabei dieses unbestechliche, unwiderstehliche, seliglich-ewige L\u00e4cheln. Er hat kein Down-Syndrom, seine Z\u00fcge sind regelm\u00e4\u00dfig und klar konturiert. Menschen, die mit Down-Syndrom leben, gelten als \u00e4hnlich liebenswert und freundlich. Wenn nicht irgendetwas ihren Unwillen erregt.<br \/>\nIch denke mir banale S\u00e4tze wie &#8222;Arme Frau, wer wird s i e einmal pflegen, wenn sie zu alt ist?&#8220; oder &#8222;Ja, l\u00e4chel nur, sieht ganz nett aus, wie du dich an allem freuen kannst, aber wahrscheinlich kannst du auch ganz sch\u00f6n ausflippen, wenn mal was nicht passt.&#8220;<br \/>\n\u00dcber diese Gedanken, und weil ich mit mir selbst, meiner Situation, den Schwierigkeiten derzeit und Herausforderungen besch\u00e4ftigt bin, vergesse ich, zur\u00fcckzul\u00e4cheln.<br \/>\nDie letzte Chance erhalte ich beim Abendessen. Er sitzt nur da, vor dem sch\u00f6n gedeckten Tisch im Speiseraum, neben ihm seine Mamma, sieht mich vorbeigehen, und l\u00e4chelt mich an. Ich bin gerade von irgendwas genervt, obwohl ich es nicht sein br\u00e4uchte. Ich schaue, ziehe die Augenbrauen zusammen, und st\u00fcrme eiligen Schrittes und viel zu besch\u00e4ftigt, vorbei.<br \/>\nDanach denke ich dar\u00fcber nach, wieso ich nicht offen genug war, einfach zur\u00fcck zu l\u00e4cheln, an den Tisch zu treten und der Mamma und ihm ein paar liebe Worte zu sagen. Nichts Gro\u00dfes &#8211; etwas wie &#8222;Haben Sie einen sch\u00f6nen Abend miteinander!&#8220; oder &#8222;Lassen Sie es sich schmecken!&#8220; oder &#8222;Ihr Sohn hat ein bezauberndes L\u00e4cheln, er kommt mir vor wie ein Engel auf Erden!&#8220;<br \/>\nDen Rest des Abends denke ich \u00fcber die verpasste Gelegenheit nach und dar\u00fcber, warum ich nicht entspannt genug war, genau das zu tun, was ich gerne getan h\u00e4tte.<br \/>\nUnd je l\u00e4nger ich dar\u00fcber nachdenke, desto mehr w\u00e4chst die Gewissheit, dass dieser junge Mann wirklich ein Engel ist.<br \/>\nUnd Engel wissen fast alles.<br \/>\nAlso wei\u00df er auch, dass ich so gern zur\u00fcckgel\u00e4chelt h\u00e4tte und wieso ich einfach nicht konnte.<br \/>\nAber dennoch, falls euch das einmal passiert &#8211; macht nicht den gleichen Fehler wie ich.<br \/>\nHerabgestiegene Engel sind sehr rar auf dieser Welt &#8211; behandeln wir sie sorgsam und geben gemeinsam auf sie Acht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frau ist \u00e4lter als ich, kleiner und viel zierlicher. 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