{"id":116,"date":"2014-09-10T14:23:00","date_gmt":"2014-09-10T12:23:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=116"},"modified":"2014-09-10T14:23:00","modified_gmt":"2014-09-10T12:23:00","slug":"die-terra-dei-santi-und-ihr-laechelnder-stern-nikolaus-von-tolentino-und-sein-heiligtum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.barbara-wenz.de\/?p=116","title":{"rendered":"Die &#8222;terra dei santi&#8220; und ihr l\u00e4chelnder Stern &#8211; Nikolaus von Tolentino und sein Heiligtum"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/static.twoday.net\/elsalaska\/images\/P5100043.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Ausgabe Juni\/Juli 2010]<\/p>\n<p>Das Festungsst\u00e4dtchen Tolentino bildet mit Osimo, wo der hl. Joseph von Copertino begraben liegt, Loreto mit dem Heiligen Haus aus Nazareth, dem unweit gelegenen Assisi, Cascia, Montefalco und zahlreichen anderen Orten eine terra dei santi  aus den mittelitalienischen Provinzen Le Marche und Umbrien.<br \/>\nTolentinum picenum, so lautete der alte Name des St\u00e4dtchens am Chienti-Fluss, dem ehemaligen Siedlungsgebiet der alten Picener. Tolentino besa\u00df bereits einen zuverl\u00e4ssigen Stadtheiligen, den M\u00e4rtyrer Flavius Julius Catervus, aus einer vornehmen Senatorenfamilie, der unter Trajan die Tolentiner Bev\u00f6lkerung christianisiert habe, weshalb er den M\u00e4rtyrertod sterben musste.<br \/>\nBetritt man die Altstadt, so empf\u00e4ngt den Besucher und Pilger bereits direkt bei der Stadtpforte die antikisierend wiederaufgebaute Kirche S. Catervo, in welcher der beeindruckend Marmorsarkophag des Catervus aus dem 4. Jahrhundert aufbewahrt wird, der zu den k\u00fcnstlerisch bedeutendsten der Region z\u00e4hlt. Ihn zieren die Darstellungen vom Guten Hirten und von der Anbetung der Drei K\u00f6nige.<br \/>\nCatervus ist heute der gatekeeper des Herzst\u00fccks von Tolentino: der Basilika des heiligen Nikolaus, dessen Travertin-Fassade von einem riesigen strahlenden Stern geschm\u00fcckt wird. Der Stern, so hei\u00dft es, hat den Heiligen in den letzten Jahren seines Lebens begleitet. Er stieg \u00fcber seinem Geburtsort, Castel S. Angelo, auf, wanderte \u00fcber den Himmel und blieb immer \u00fcber der Basilika stehen, wenn Nikolaus die Heilige Messe feierte.<br \/>\nCastel S. Angelo, unweit von Tolentino, ist der Ort, an dem diese Geschichte beginnt. Genau genommen beginnt sie im viel weiter s\u00fcdlich gelegenen Bari, denn die Eltern unseres Heiligen, kinderlos bislang, unternahmen eine Wallfahrt zum heiligen Nikolaus nach Bari, ihn um die Gnade eines Kindes zu bitten. Selbstverst\u00e4ndlich boten die einfachen Leutchen dem gro\u00dfen Heiligen eine Gegenleistung an: Ordensmann oder Ordensfrau \u2013 ein Geschenk an die Kirche solle das ersehnte Kind einmal werden. Der Bischof von Myra fand diesen deal so fair, dass er ihren Wunsch 1245 erf\u00fcllte und gleich noch ein Sahneh\u00e4ubchen drauf setzte: Aus seinem \u201ePatenkind\u201c sollte einer der beliebtesten und geliebtesten Heiligen der italienischen Kirche werden.<br \/>\nDas 13. Jahrhundert hat der Kirche zahlreiche Kirchenlehrer und Theologen, charismatische und entschiedene Bisch\u00f6fe, und so gro\u00dfe Heilige wie Franziskus von Assisi geschenkt. Thomas von Aquin, Bonaventura, Albertus Magnus lehrten an den aufbl\u00fchenden Universit\u00e4ten,  Mechthild von Helfta empf\u00e4ngt ihre Visionen, die Kreuzz\u00fcge sind endg\u00fcltig gescheitert. Es ist das letzte Aufgl\u00fchen vor den einsetzenden Wirren und dem Verfall von Papsttum und Kirche im 14. Jahrhundert mit dem gro\u00dfen abendl\u00e4ndischen Schisma. Wie der Stern, der ihn begleitete, und den man h\u00e4ufig auf seiner Brust abgebildet sieht, strahlt unser Nicola noch in dieses dunkle Jahrhundert hinein, als wollte er denen, die treu im Glauben stehen, ein Licht in der umfassenden Finsternis sein, die die Kirche zu \u00fcberw\u00e4ltigen drohte.<br \/>\nGro\u00dfe pers\u00f6nliche Fr\u00f6mmigkeit zeichnet jeden Heiligen der katholischen Kirche aus, bei Bruder Nicola kamen von klein auf Herzensg\u00fcte, Mitleidensf\u00e4higkeit und gro\u00dfe Demut hinzu.<br \/>\nEs lie\u00df sich allerbestens an: Mit 15 Jahren trat der fromme Knabe sein Noviziat im Augustinerkonvent an und bereits in diesem zarten Alter erwies er sich als \u201estark in den Pr\u00fcfungen, t\u00fcchtig in den Tugenden und heroisch in der Bu\u00dfe\u201c.<br \/>\nNach seiner Priesterweihe durch den Bischof von Osimo und Cingoli  im Jahre 1270 wurde er in einen Konvent bei Pesaro versetzt. Feierte er die Messe, so liefen ihm jedes Mal Tr\u00e4nen \u00fcber das Gesicht, vor allem bei der Wandlung, weshalb das Volk herbeistr\u00f6mte, um Zeuge seiner Ergriffenheit und Hingabe zu werden.<br \/>\nSeine ganze Hinwendung galt nicht nur den Kranken und reuigen S\u00fcndern, sondern insbesondere den Armen Seelen, die auf Erl\u00f6sung aus dem Fegefeuer hofften. Dies geschah auf Intervention eines verstorbenen Mitbruders, der ihm eines Samstagnachts im Traum erschien und bat, die hl. Messe am Sonntag f\u00fcr die Verstorbenen zu feiern, damit er und alle anderen von ihren Qualen erl\u00f6st w\u00fcrden. Unser Nicola wusste, was sich f\u00fcr einen wahrhaft gehorsamen und dem\u00fctigen Augustiner-Eremiten geh\u00f6rte: Anstatt mit einem frommen Ausruf von der Pritsche zu schnellen, federnden Schrittes den Kreuzgang entlangeilen und den Pater Prior aus seiner Zelle zu trommeln, um ihm von dieser wundersamen M\u00f6glichkeit, Seelen zu retten, enthusiastisch zu berichten, wog er eine Weile den Kopf. Schlie\u00dflich gab er dem verzweifelten Entschlafenen zu bedenken, dass er die Konventsmesse zu singen habe &#8211;  eine absolut unverhandelbare Verpflichtung -, und deshalb keine Messe f\u00fcr die Verstorbenen feiern k\u00f6nne.<br \/>\nPater Pellegrino, die Erscheinung aus dem Fegefeuer, musste mit einer solch spr\u00f6den Reaktion gerechnet haben, denn er beschloss, ganz auf Breitbild-HDTV und h\u00f6chste Dolby-Audioqualit\u00e4t zu setzen:  Er zeigte Nicola das Tal von Pesaro, angef\u00fcllt mit lauter Seelen von Verstorbenen, die in einem riesenhaften Fegefeuer brannten \u2013 Stanley Kubrick h\u00e4tte es nicht besser inszenieren k\u00f6nnen.<br \/>\nNicola beeindruckte das Szenario insoweit, als er die Nacht im Gebet verbrachte und den Prior bat, eine ganze Woche lang die hl. Messe in der F\u00fcrbitte f\u00fcr die armen Seelen feiern zu d\u00fcrfen. Sein Mitbruder erschien ihm abermals, um ihm zu danken und die Gewissheit zu geben, er habe den gr\u00f6\u00dften Teil der Seelen aus dem brennenden Tal retten k\u00f6nnen. Und so mehrte sich der Ruhm des jungen Nicola, dessen n\u00e4chste Stationen Fano und Recanati waren, wo er ein totes Kind auferweckte, die Seele eines gemeuchelten Mitbruder aus dem Fegefeuer erl\u00f6ste, die Kranken pflegte und die Verzweifelten tr\u00f6stete.<br \/>\n1275 kam er nach Tolentino. Hier k\u00fcmmerte er sich weiter intensiv um die Armen und Bed\u00fcrftigen, und unterzog sich strengsten Bu\u00df\u00fcbungen: er war ein beliebter und milder Beichtvater, der zu g\u00fctig war, um seinen Beichtkindern schwere Bu\u00dfen aufzuerlegen. Stattdessen b\u00fc\u00dfte er also f\u00fcr deren Verfehlungen und ruinierte sich nach und nach seine bl\u00fchende Gesundheit. Niemand sah ihn jemals Fleisch, Eier, Fisch oder Obst essen. Stattdessen nahm er drei Gl\u00e4ser Wein mit Wasser vermischt pro Tag zu sich, wobei es vorkommen konnte, dass sich das Wasser in seinem Glas zu vorz\u00fcglichem Wein verwandelte.<br \/>\nDoch selbst ein gro\u00dfer Heiliger kann in den Zwiespalt zwischen Demut und Gehorsam geraten. Einmal erkrankte er so schwer, dass ihm der Tolentiner Arzt als st\u00e4rkende Mahlzeit ein paar knusprig gebratene Rebh\u00fchner verordnete. Nicola h\u00e4tte liebend gerne heroisch verzichtet aus Gr\u00fcnden der Askese, doch diesem Ansinnen stand die Weisung seines Priors entgegen, der ihm kurzerhand befahl, gef\u00e4lligst alles bis auf das letzte Fl\u00fcgelchen aufzuessen. Nicola gehorchte stets und immer, wie sein Oberer wusste, dem letztlich an der Gesundheit seines Sch\u00fctzlings mehr gelegen war als an dessen spirituellen Obsessionen.<br \/>\nNicola blickte auf den Teller, von dem es appetitanregend duftete, wendete dann den Blick gen Himmel und bat dringend darum, entsagen zu d\u00fcrfen. Nach g\u00f6ttlicher Logik konnte es nur einen einzigen Ausweg aus dieser Zwickm\u00fchle geben, der Nicola einerseits nicht des Ungehorsams schuldig machte und andererseits seine Bu\u00df\u00fcbungen torpedierte: Die Rebh\u00fchner wurden wieder lebendig, werden zutiefst verwirrt ihr kerrick-kerrick gekr\u00e4chzt und sich dann Fl\u00fcgel schlagend in die L\u00fcfte erhoben haben.<br \/>\nWir d\u00fcrfen vermuten, dass die heilige Muttergottes diese Aufl\u00f6sung zwar als \u00e4u\u00dferst elegant empfand, aber hinsichtlich des Gesundheitszustandes ihres Sch\u00fctzlinges nicht hinreichend wirkm\u00e4chtig. Darum wies sie ihn in einer Vision an, frisch gebackenes Brot in Wasser zu tauchen und davon zu essen. Und Nicola genas auf der Stelle.<br \/>\nNoch heute werden Nikolaus-Br\u00f6tchen im Heiligtum gesegnet. Man taucht sie in Wasser und betet ein Vater Unsere, Ave Maria und Ehre sei dem Vater, bevor man sie zu sich nimmt. <\/p>\n<p>Der Geb\u00e4udekomplex des Heiligtums besteht aus der Basilika mit ihrer pr\u00e4chtig vergoldeten Kassettendecke, der Sakramentenkapelle aus dem 17. Jahrhundert und dem Glockenturm.  Daneben befindet sich das romanische Meisterwerk des um 1210 erbauten Kreuzganges mit herrlichem Glyzinien-Bewuchs, mit den Eing\u00e4ngen zu den M\u00f6nchszellen. Parallel zu Chor und Apsis der Basilika liegt die Kapelle der hl. Arme, in der 450 Jahre lang die Arme des Heiligen verehrt wurden, die irgendein Wahnsinniger vom K\u00f6rper abgetrennt hatte.  Bei wichtigen kirchlichen Ereignissen begannen diese auch prompt zu bluten. Heute liegt der komplette \u2013 wieder aufgefundene &#8211;  Leichnam des Heiligen in der unterirdischen Krypta aus dem 19. Jahrhundert in einem vergitterten Glassarg.<br \/>\nDas ganze Ensemble ist von gro\u00dfer kunsthistorischer Bedeutung, doch die capellone genannte Gro\u00dfe Kapelle mit den gotischen Kreuzgew\u00f6lben ist ein wahres Kleinod: Decke und W\u00e4nde sind mit farbenpr\u00e4chtig leuchtenden Fresken aus der Giotto-Schule bedeckt, wie wir sie aus der Basilika in Assisi kennen. Das Gew\u00f6lbekreuz ist mit Darstellungen der Evangelisten und Kirchenv\u00e4ter geschm\u00fcckt, die W\u00e4nde zeigen Episoden aus dem Leben Jesu Christi, der heiligen Jungfrau und dreizehn Szenen aus der Vita des heiligen Nikolaus von Tolentino mitsamt seinen Aufsehen erregendsten Wundertaten: der Auferweckung des M\u00e4dchens Filippa aus Fermo von den Toten, die Rettung Schiffbr\u00fcchiger, eines zu Unrecht Verurteilten und Erh\u00e4ngten; auf dem Sterbebett umgeben von Engeln und Heiligen \u2013 als sein Todestag gilt der 10. September 1305.<br \/>\nIn der Mitte des Raumes steht der Steinsarkophag aus dem Jahre 1474, in dem seine Reliquien bis zu seiner Umbettung in die moderne Krypta aufbewahrt wurden, darauf eine Statue (um 1460), wie er, im M\u00f6nchsgewand, in der einen Hand ein Buch h\u00e4lt und in der anderen einen Stern mit einem lachenden Kindergesicht.<br \/>\nF\u00fcr einen Besuch der Basilika des heiligen Nikolaus in Tolentino sollte man sich viel Zeit nehmen, denn neben den Kunstsch\u00e4tzen und den Reliquien beherbergt das Heiligtum auch verschiedene interessante Sammlungen, wie etwa die einzigartigen Votivtafeln \u2013 die \u00e4ltesten stammen noch aus dem 14. Jahrhundert \u2013 eine Keramik- und Gem\u00e4ldesammlung, Paramente und Brokate sowie eine Krippensammlung. Auf keinen Fall sollte man die Diorama-Schau im Untergescho\u00df vers\u00e4umen, in der in zahlreichen detailverliebten und bezaubernd ausgeschm\u00fcckten Guckk\u00e4sten das Leben und Wirken des Heiligen nacherz\u00e4hlt wird.<br \/>\nDie Anrufung des heiligen Nikolaus von Tolentino empfiehlt sich vor allem Eltern f\u00fcr ihre Kinder und Enkel, f\u00fcr Menschen, die sich im Kampf gegen das B\u00f6se bew\u00e4hren m\u00fcssen und f\u00fcr die Verstorbenen und die Armen Seelen. F\u00fcr den Besuch des Heiligtums am Sonntag nach dem 10. September kann man nach Anordnung von Papst Bonifatius IX. aus dem Jahr 1400 einen vollst\u00e4ndigen Ablass gewinnen.<br \/>\nUnabh\u00e4ngig davon wirkt unser Nicola unerm\u00fcdlich und bis zum heutigen Tage noch Wunder. Und wer ihn an einem stillen Fr\u00fchlings- oder Herbstabend besucht, sieht vielleicht sogar seinen l\u00e4chelnden Stern \u00fcber der Basilika stehen.<br \/>\nHeiligtum der Basilika des Hl. Nikolaus, 62029 Tolentino (MC), Italien<br \/>\nZwischen 12 und 15 Uhr geschlossen wegen Mittagsruhe.<br \/>\nhttp:\/\/www.sannicoladatolentino.it<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Ausgabe Juni\/Juli 2010] Das Festungsst\u00e4dtchen Tolentino bildet mit Osimo, wo der hl. Joseph von Copertino begraben liegt, Loreto mit dem Heiligen Haus aus Nazareth, dem unweit gelegenen Assisi, Cascia, Montefalco und zahlreichen anderen Orten eine terra dei santi aus den mittelitalienischen Provinzen Le Marche und Umbrien. 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