Journalistin und Autorin

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Meine Nachbarn hier.

Um ehrlich zu sein sind das keine Nachbarn in dem Sinne. Sie sind mindestens 25 Steinwürfe entfernt und wir bewohnen verschiedene Hügelseiten. Und eigentlich sind wir im Laufe der Jahre auch echte Freunde geworden. Die Rede ist von Amanda und Rosario (die Namen sind nicht echt, ich habe sie nur so getauft für mich), einem jungen Pärchen, das vor Jahren ein marodes Gehöft hier in der Nähe bezogen hat.
Während des lockdowns hatte ich von Deutschland aus angerufen um mich zu erkundigen, wie es ihnen ginge. Und da eröffnete mir Amanda, dass sie schwanger gehe mit Zwillingen. Es sei eigentlich nicht geplant gewesen. Mitten in dieser Krise bekam ich also eine wundervolle Nachricht, dass das Leben einfach weitergeht. Ich habe mich so für die beiden gefreut. Am Mittwoch treffen wir uns, draußen im Garten und con la distanza di sicurezza, ich habe Amanda aber schon neulich auf einem Spaziergang mit ihrem Baby getroffen. Sie erzählte mir, dass die Geburt leider nicht nach Plan lief, man habe einen Kaiserschnitt machen müssen. In solchen Sachen bin ich nicht sehr bewandert, ich fragte, ob das nicht vielleicht doch gut gewesen sei, es mache es doch den Frauen leichter, hätte ich halt so gehört. Nein nein, sie hätte eine normale Geburt vorgezogen, es sei einfach natürlich, natürlich hätte man Schmerzen, aber das dauere nicht lange und sie laviere jetzt immer noch mit der Operationsnarbe herum. Und ihre Mutter und Schwester seien da, denn zwei kleine Babies sei schon eine Menge Arbeit, sie helfen wo sie können. Und manchmal, erzählte sie mir, habe ich einfach nur Tränen in den Augen. Dann, so erzählt sie weiter, fragt mich meine Mutter, was los ist, ob mich etwas bedrücke. Und dann antworte ich ihr, dass ich aus lauter Glück weine.
Ich habe mal in meinen alten Notizen geschaut, was ich vor Jahren einmal über Amanda und Rosario sozusagen im Jahreslauf aufgezeichnet habe. Ich möchte es gerne unten einkopieren:

Italien in der Krise
Amanda und Rosario sind ganz junge Leute, die vor einiger Zeit in das leerstehende Bauernhaus mit Traumblick zur Miete einzogen. Er ist Vertreter für einen Photovoltaik-Hersteller, sie macht Yoga und bietet Wellness-Behandlungen an.
Die beiden haben aus dem maroden Gehöft einen Traum gemacht. Dafür schuften sie neben ihren Erwerbsjobs tagein tagaus. Das riesige Grundstück muss in Schuss gehalten werden, an dem gigantischen Wohnhaus sind Renovationen nötig, doch sie haben nicht nur das Nötige gemacht, sie haben auch noch ein Appartment für Feriengäste eingebaut. Beide sind nicht gläubig, aber haben großen Respekt vor Kirche und Papst.
Neulich wurde ich von Amanda belehrt, dass der Papst sagt, man dürfe kein Essen wegwerfen.
„Eh bèh!“, antworte ich, natürlich ist es nicht gut, etwas wegzuwerfen. Aber umzusetzen sei das doch heutzutage nicht mehr wirklich.
Doch doch, sagt Amanda, wir praktizieren das. Aus allen Resten des Tages machen wir abends eine bella frittata – also ein Rührei mit Ingredenzien – und dann haben wir das verwertet. Wir sind hier aufs Land gezogen, um die Schönheit zu haben, den Frieden zu genießen, und ganz im Einklang mit der Natur zu sein.
So ganz klappt das leider auch nicht – vor ein paar Monaten wurde eingebrochen.
Amanda sagt: Das ist mir egal. Es ist zwar schrecklich, aber ich habe dieses Leben bewusst gewählt, und so werde ich mich einfach nicht tyrannisieren lassen von Angstvorstellungen und was noch kommen könnte. Jeden Morgen trete ich vor die Türe, ich schaue auf die Berge und das Meer, und dann atme ich ein. Das ist das Leben, das ich mir immer gewünscht habe. Dann nimmt sie ihre Grabschaufel und ihr Tütchen, und geht Topinambur am Straßenrand ausgraben, um ihn zu kochen.
Rosario kümmert sich um das Grundstück mit Kirschbäumen, Feigen und einem kleinen Gemüsegarten.
Sie haben mittlerweile einen Pelletofen und installieren eine Solaranlage, um unabhängiger zu sein.
Gekocht und bewirtet wird man mit dem, was eben da ist: Selbsteingelegte Oliven, Gebäck mit Blätterteig und Spinat. Ein Salat der Saison. Ein Risotto mit Radicchio. Wenn Amanda und Rosario zusätzlich einkaufen, dann nur bei Erzeugern und in einer gemeinsamen Gruppe, welche ebenfalls interessiert ist an qualitativ hochwertigen Produkten zum Großeinkäuferpreis.
Trotz der vielen Arbeit, die das Gehöft macht, der Sorgen mit den Behörden und allem Drum und Dran, habe ich Amanda und Rosario niemals schlecht gelaunt oder niedergedrückt gesehen.
Sie sind glücklich mit dem was sie haben – sie sind glücklich, wenn ich ihre Kirschbäume preise und mir ein paar Kirschen pflücken darf. Sie freuen sich über eine vorbeigebrachte Flasche Wein, sie haben immer Zeit und Lust, sich eine halbe Stunde zu unterhalten, auch wenn man sie von ihrer Arbeit eigentlich abbringt. Sie sind glücklich wie Kinder.
Und darum mache ich mir keine Sorgen um Italien.
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Man muss sie einfach lieben.
Eben gerade, zu einer Zeit, zu der ich kaum wagen würde, irgendeinen deutschen Freund anzurufen, ein Anruf von Rosario. [Was der Anlass für dieses Gefühl war, habe ich vergessen – Anmerkung von heute]. Ich hatte über ihn und Amanda schon hier geschrieben.
Nun, Rosario war diese Woche beruflich in München unterwegs. Und hat dort in einschlägigen Bierhäusern auch deutsches Bier getrunken. Troppo, wie er sagt, also ein wenig zu viel davon, und schiebt es aber auf die afrikanische Hitze, die auch dort geherrscht hätte.
Und er hat eine deutsche Zeitung für mich mitgebracht. Alles stünde drin. Politik, Feuilleton, Sport und soweiter. Ich solle sie dann abholen.
Auf meine Nachfrage, wie diese Zeitung denn heiße, sagt er:
Sud!-toitsche!
Ich lache und sage im Scherz – er weiß ja, dass ich sehr gläubig bin, naja, das ist aber ein giornale eretico. (Also eine Zeitung der Irrlehre).
Sì, sagt er gleich, stimmt, un giornale eretico. Und lacht sich kaputt.
Hol’s dir morgen ab, ich deponiers bei mir im Postkasten.

Dass Gott Italien und die Italiener schuf, ist alleine schon ein Beweis seiner Existenz.

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Die Olivenernte hat begonnen
Ich komme am Olivenhain vorbei, in dem Rosario arbeitet, zusammen mit seinem Freund aus der Toskana, der extra für die Erntearbeiten ein paar Tage bei ihm wohnt.
Sie haben Netze unter den Bäumen ausgebreitet und „kämmen“ die Oliven von den Zweigen mit einer Art elektrischem Teleskoprechen. Andere fleißige Helfer sammeln diese dann auf und legen sie in die bereit gestellten Kisten.
„Ciao, möchtest du einen Becher Wein, komm runter!“ begrüßt mich Rosario herzlich. Ich pflücke ihm ein Olivenblatt von der schweißnassen Stirn.
„Seid ihr nicht zu früh dran?“ will ich wissen.
Da kommt sein Freund aus der Toskana dazu. „Der perfekte Zeitpunkt für die Ernte ist, wenn sie gerade dabei sind, die Farbe von grün zu dunkel zu wechseln. Du bekommst ein besonders feines Öl. Andere ernten im November, Dezember, Januar. Das gibt ein schweres, scharfes Öl. Wenn wir jetzt ernten, dann erhalten wir ein fruchtiges, ganz leichtes und sehr bekömmliches Öl. Und du kannst sie wunderbar mit Salz einlegen und essen, wenn du sie jetzt vom Baum holst.“
Er drückt mir einen Becher Sangiovese in die Hand. Rosario sagt, sie hätten jetzt bereits angefangen, weil es bald kälter werden wird. Abgesehen von dem günstigen Zeitpunkt des Farbwechsels, den sein Freund schon erklärt hatte.
„Wir essen Brote mit porchetta, das geht am schnellsten, und trinken Wein dazu.“
„Porchetta gibt Kraft für die Arbeit“, lache ich, „und der Wein macht sie leichter!“
„Sì! Das ist so!“ Alle arbeiten fröhlich und heiter – die Olivenernte ist ähnlich wie die Weinlese eher ein kleines Fest als eine anstrengende Arbeit. Es ist ein Moment für die Ewigkeit. Ich stehe da mit meinem Becher Wein, genieße die besondere Stimmung, die unter den Erntehelfern herrscht und blicke versonnen über die sanften Hügel. Wo Weinberge sind, leuchtet die Landschaft orangerot auf, das Laub verfärbt sich bereits. Die Luft ist noch mild, aber milchig neblig.
„So viel Wasser in der Luft, man kann kaum atmen“, sagt der Freund aus der Toskana. „Und überall Spinnennetze voller Wassertropfen. Ich komme heute aus dem Haus und es tropft überall.“
In den Bäumen hängen Granatäpfel, die sich schon zu spalten beginnen und ihr dunkelrotes Fruchtfleisch zeigen. Drüben im Städtchen haben die Maroni-Röster ihre Stände aufgeschlagen. Zu Halloween bietet fast jedes Restaurant ein Menü mit Kürbis und Kastanien an.
Ich trinke aus und wünsche noch „Buon lavoro!“ und Grüße an Amanda, die oben im Haus beschäftigt ist.
Es ist wirklich Herbst geworden.

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Vorhin zu einem adventlichen Aperitivo
bei Amanda und Rosario gewesen.

Wir saßen vor einem gigantischen antiken Kamin, der modern verglast wurde, um als Heizofen für weitere Räume zu dienen, und in dem riesige Holzscheite brannten. Außerdem hatten sie schon den Weihnachtsbaum mit einer simplen Lichterkette aufgebaut. Es war sehr behaglich. Zu einem leckeren Rotwein gab es selbstgebackenes Brot, aufgeschnitten und mit Stückchen von geräucherter Lachsforelle und roten Zwiebeln belegt. Außerdem eigene schwarze Oliven, die in Fenchel und Orangenschalen mariniert waren. Doch das leckerste überhaupt war das in der Glut angeröstete Brot, begossen mit eigenem Olivenöl und überstreut mit etwas Salz.
Auf den Weihnachtsbaum deutend, erwähnte ich, dass ein Engel an der Spitze noch fehlen würde – oder ein Stern. Und dann berichtete ich ihnen von der altehrwürdigen Kunst, Weihnachtsbaumschmuck selbst zu basteln. Damals, in den siebziger Jahren, konnte man ja nirgendwo all diesen Schnickschnack kaufen, der blinkt und funzelt und leuchtet. Die Adventszeit war hauptsächlich dafür gedacht, sich den Weihnachtsbaumschmuck an langen Abenden gemeinsam herzustellen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich mit meiner Mamma selbst Strohsterne gemacht habe – aus eigenem Stroh von der Scheune. Die Halme wurden irgendwie gewässert und dann platt gebügelt, arrangiert und mit Nähgarn im Zentrum umwoben.
Besonders Amanda war völlig fasziniert, sie ist jünger als ich und kannte das nicht. Ich habe also versucht, das Prinzip zu erklären – und glücklicherweise gibt es ja heutzutage iPads, so dass ich direkt an einem solchen Bilder von Strohsternen für sie googeln konnte, damit sie eine bessere Vorstellung bekommt.
Und wir hatten winzig kleine echte Kerzchen in den Baum gesteckt.
Und ganz wenige, kunsthandwerklich wertvolle Glaskugeln, die gab es damals schon, waren aber rar und teuer. Und ansonsten haben wir einfach kleine Winteräpfelchen reingehängt.
Und in den Zeiten von Räucherstäbchen und teuren Raumsprays mit klingenden Namen aus dem Bioladen darf man nicht vergessen zu erwähnen, dass wir damals auch einfach eine Orange genommen, mit unzähligen Gewürznelken bespickt und im Raum aufgehängt haben, damit es gut und weihnachtlich duftet.
Einerseits kommt man sich alt vor, wenn man so etwas erzählt. Andererseits hat es mir eine Freude gemacht, davon zu sprechen. Amanda sagte dann auch ganz beeindruckt: Das ist toll, dass du das noch so erlebt hast. Bald wird es niemanden mehr geben, der diese alten Traditionen noch kennt und davon sprechen kann
(Okay, sie meinte es nicht so, dass ich quasi schon in meinem achtzigsten Lebensalter stehe, sondern es ganz allgemein, weil sie sich für altes Kunsthandwerk interessiert. Glaube ich mal:-))

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