Journalistin und Autorin

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Warum ich aktive Sterbehilfe ablehne

Nach der Lektüre des bewegenden Buches „Ich liebe Dich so, wie ich bin“ von Maria Elisabeth Schmidt, das sie mir freundlicherweise zugesendete hatte, kamen viele Erinnerungen an die Krankheit und den Tod meiner Mutter wieder bei mir auf. Zunächst möchte ich uneingeschränkt die Lektüre dieses Buches empfehlen. Es ist im Christiana-Verlag mit einem Vorwort des verstorbenen Kardinal Meisners erschienen und ein bewegendes Zeugnis über die Liebe zum Leben, selbst in Stunden der Verzweiflung und des, ja, Grauens. Maria hat ihren schwer an Krebs erkrankten Ehemann bis zuletzt im liebenden Vertrauen auf die Güte Gottes begleitet. Der Leser, ich zum Beispiel, mag sich fragen, ob sein Glaube für eine solche Situation eigentlich stark genug sein könne.
Nach dem Tod meiner Mutter im Jahr 2015 konnte ich für einige Monate nicht die Heilige Messe besuchen.
Ich war zornig und böse mit Gott, dass er mir dies auch noch nach dem ebenfalls schrecklichen Tod meines Vaters im Jahre 2007 zugemutet hat. Dabei war ich eigentlich nicht egoistisch, auch wenn es so klingt. Immer, wenn ich aus Verzweiflung weinte, war mir vollständig bewusst: Was weinst du eigentlich? Schließlich ist es deine Mutter, die an einer furchtbaren Krankheit leidet und sterben muss! Was soll das Selbstmitleid!
Solche Gedanken sind natürlich wenig hilfreich und wenig barmherzig. In einer solchen Situation tut nichts mehr not als Güte gegen sich selbst. Aber das war mir noch nicht klar. Als ich endlich nach Monaten beichten konnte – ich war in Italien in einem Franziskanerkonvent, zeigte der greise Priestermönch sich ehrlich schockiert darüber, dass ich Gott so vergessen hatte, ja, dasss ich dadurch versäumt hatte, für Mamma ordentlich beten zu können.
Es war diese Beichte, nach der ich nicht anders konnte als bei der Heiligen Messe danach bei der Austeilung des Allerheiligsten in die Knie zu sinken und seither empfange ich kniend die Kommunion. Es gab keine andere Option mehr. Und wenn es auch noch so unbequem war (by the way sehe ich keine Not darin, Gläubigen, die das gerne machen möchten, nicht eine Bank hinzustellen, damit sie nicht vornüberfallen).
Nun flammt ja hin und wieder mal gerne die „Debatte“ über aktive Sterbehilfe auch in angeblich christlichen Kreisen auf. Wenige Tage vor dem Erstickungstod meiner Mutter, der mir vorhergesagt wurde, weil er in den Verlauf dieser Krankheit wohl gehört, erschien in der Publikation „Christ und Welt“ ein Portrait oder ein Interview, ich habe es vergessen, mit einer Frau, die sich in einer ähnlichen Lage wie ich befunden, aber ganz anders entschieden hatte: Sie hatte sich dazu entschlossen, ihre sterbenskranke Mutter zu … ich schreibe mal töten hin, aber ich würde ein anderes Wort dazu verwenden. Das Ganze wurde irgendwie in meinen Augen wenig kritisch kommentiert und begleitet, jedenfalls nicht im Verhältnis einer sich christlich nennenden Publikation.
Ich habe dann einen Beitrag geschrieben und eingesendet. Was danach noch passierte, weiß ich nicht mehr, denn drei Tage später erstickte meine Mutter vor meinen Augen, ohne dass ich imstande war, ihr zu helfen.

Wenn es irgendetwas Grässlicheres gibt, als so etwas erleben zu müssen, dann ist es sicherlich der Gedanke daran, seine Mutter zu töten. Ich wollte grade „eigene“ Mutter schreiben, aber das versteht sich ja von selbst.

Mein Plädoyer für fürsorgende Sterbebegleitung, Hilfe, Fürsorge, liebende Zuwendung, Güte, Barmherzigkeit (keine falsch verstandene!) eine menschliche Hand im Falle des Äußersten, das ich an „Christ und Welt“ damals gesendet und das auch publiziert wurde möchte ich heute hier unten nochmals einkopieren:

Meine Mutter stirbt an Amyotropher Lateralsklerose, kurz „ALS“. Manch einer entsinnt sich noch an die „Ice Bucket Challenge“, um international für Spenden zur Erforschung dieser Krankheit, die auch ganz junge Menschen treffen kann, zu werben.
Ich habe keinen einzigen Arzt erlebt, der sich den Satz “ Sie tun mir Leid. Da kommt was auf Sie zu“ erspart hätte nach dieser Diagnose. So viel zu sentimentalen Ärzten.
Ich arbeite jeden Tag daran, meine Mutter zum Lächeln zu bringen – und sie lächelt immer noch so oft und gerne, obwohl die Krankheit ihr mittlerweile die Sprechfähigkeit genommen hat. Sie wird mit ihrem Lächeln und Lachen immer mehr zu einem Kind Gottes.
Ich darf das erleben.
Ich koche ihr jeden Tag ihr Lieblingsessen, das natürlich püriert werden muss, oder einen Pudding, egal, irgendetwas, was sie noch schlucken kann, auch wenn die Krankheit, also die Lähmungserscheinungen, längst den Schluckapparat erreicht haben, Essen immer mehr zur Qual wird und Ersticken die nächste Option ist, die an die Tür klopft.
Ihre Schultern werden immer schmaler, ihr weißer Kopf senkt sich immer öfter wie in Resignation – sie ist schwach, unterernährt, weil sie keine künstliche Ernährung möchte, das hat sie mehrfach schriftlich verfügt. An manchen Tagen kann ich kaum aus dem Bett aufstehen, um mich der Situation zu stellen. Doch wenn ich schließlich Mut fasse, dann lacht sie mich an. Ich sage: „Und wie geht es meinem Maikäferchen?“ Und dann ist da dieses Lachen.
Ihre Augen irrlichtern umher, das ist zum Teil der Demenz geschuldet, in diesem Falle eine gnädige Demenz. Natürlich ist sie erschöpft, alles strengt sie unermesslich an, und selbst wenn sie „künstliche Ernährung“ verfügt hätte – sie würde die Vollnarkose zum Setzen der Sonde nicht überleben. Also koche ich zarte, musige Sachen, Gemüse, zerquetschte Kartoffeln mit Butter übergossen, Milchreis, Spinat, Polenta und Grießbrei. Gebe ihr Astronautennahrung, zusätzlich.
Ich tue, was ich kann.
Und meine Mutter wird durch meine Hand nur Güte, Liebe und Hilfe erfahren. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich vor ihr auf die Knie ging, um ihre Schuhe und Socken auszuziehen. Sie presst sich ein Taschentuch vor den Mund, denn sie hat keine Kontrolle mehr über ihr speicheln.
Natürlich leidet sie, und manchmal hat sie Weinkrämpfe. Doch sofort kann man sie wieder aufmuntern und selbst wenn es ihr noch so schlecht geht, das Alpenveilchen an ihrem Fenster, das mir sowas von egal ist, hat sie immer noch im Blick. Es darf nicht verdursten. Mit herrischen Bewegungen weist sie mich an, es zu tränken. Nichts darf verloren gehen, nichts soll Not leiden, auch wenn sie selbst so große Not leiden muss.

Meine Kindheit war voller Tiere – irgendwie musste es sich rumgesprochen haben, dass, wenn man krank ist, man nur zu meiner Mamma in den Hof fliehen muss – sie wird einen schon umsorgen. Den meisten hat sie helfen können, viele von ihnen pflegte sie wieder gesund.
Und heute: Die Schwalben könnten jetzt um diese Zeit, Ende März, kommen! Die Werkstattüre muss für sie aufbleiben! Sonst finden sie vielleicht kein Obdach!
Das ist meine Mutter.
Jeden Abend, wenn sie zu Bett liegt, zeichne ich ihr mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn. Eigentlich ist sie protestantisch, aber sie liebt Weihwasser. Ich sage: „Gott segne dich“ oder „Gott behüte dich!“
Jedesmal gluckst sie glücklich wegen des Rituals.
Natürlich habe ich Tage, wo ich es nicht mehr aushalte. Wo ich an meine psychischen und physischen Grenzen komme. Ausgerechnet an denen ist dann Jesus irgendwie so fern. Aber sie gehen vorüber.
Ich bitte ihn, ihr das Schlimmste, den Erstickungstod, zu ersparen. Jeden Tag: „Mein Jesus-Barmherzigkeit!“
Doch meine Hand soll verdorren, verfaulen und abfallen, wenn ich es jemals wagen sollte, dieser Frau, die mir das LEBEN geschenkt hat, irgendetwas zu Leide zu tun, anstatt ihr Glückseligkeit, Hilfe und Fürsorge zu gewähren.
Ich war noch ganz klein und sie war kaum Vierzig, da fragte ich sie bange: Mamma, ich habe Angst! Muss ich denn auch einmal sterben? Und sie hat, obwohl sie gerade ausgehen wollte, sich eine halbe Stunde Zeit genommen, um mir zu erklären, so leicht stirbt man nicht. Du musst nicht sterben. HAB KEINE ANGST, und außerdem bin ich doch bei dir.
Ich habe diese Situation nie vergessen. Und ebenso, wie meine junge Mamma damals mir die Angst nahm vor dem Sterben, so werde ich alles was in meiner Macht steht und was ich tun kann, tun, um ihr die Angst auf diesem letzten Wegstück zu nehmen und ihr die Gewissheit zu geben: Mamma, du gehst. Aber wenn du gehen musst, so gehst du an meiner Hand. Hab keine Angst. Ich bin doch bei dir.

August 2, 2020   No Comments

Gott

„Gott verbirgt sich hinter allem, und in allem sind schmale Spalten, durch die er scheint – scheint und blitzt.
Ganz dünne, feine Spalten.“

(Der Bildhauer Ernst Barlach 1870-1938)

Juli 31, 2020   No Comments

Der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche hat eine Erklärung zur Hagia Sophia

verfasst. Die Erklärung trägt das Datum vom 16./17. Juli. Übrigens das Datum der Ermordung der Zarenfamilie durch die Bolschewisten (im Jahre 1918)

>>Die Heilige Synode der Russisch en Orthodoxen Kirche bedauert zutiefst die Entscheidung der türkischen Behörden, die Sophienkirche ihres Museumsstatus zu berauben und sie der muslimischen Gemeinschaft zu übergeben.
Diese Entscheidung wurde getroffen, ohne die Petitionen und die ausdrückliche Position der Vorsteher und Hierarchen der orthodoxen Ortskirchen, der Vertreter ausländischer Staaten, zahlreicher internationaler Öffentlichkeits- und Menschenrechtsorganisationen, Geistlicher verschiedener Konfessionen und religiöser Traditionen zu berücksichtigen. Sie verletzt die religiösen Gefühle von Millionen von Christen auf der ganzen Welt, was dazu führen kann, dass das interreligiöse Gleichgewicht und das Verständnis zwischen Christen und Muslimen nicht nur in der Türkei selbst, sondern auch anderswo gestört wird.
In einer Zeit, in der das Christentum an vielen Orten auf der Welt eine verfolgte Religion ist, in der der Exodus der Christen aus dem Nahen Osten anhält, ist diese Entscheidung der türkischen Behörden besonders schmerzhaft. Das Gotteshaus der Heiligen Sophia wurde zu Ehren Christi, des Erlösers, erbaut und ist in den Köpfen von Millionen von Christen nach wie vor ein Gotteshaus. Für die orthodoxe Kirche hat dieses eine besondere historische und spirituelle Bedeutung.
Wenn wir uns an die brüderlichen Ortskirchen wenden, stellen wir mit besonderer Trauer fest, dass ein so freudloses Ereignis für die Heilige Orthodoxe Kirche heute die orthodoxe Welt ohne echten Zusammenhalt trifft, was eine direkte Folge der antikanonischen Legalisierung des Schismas in der Ukraine war und unsere Fähigkeit schwächte, neuen spirituellen Bedrohungen und zivilisatorischen Herausforderungen gemeinsam zu begegnen. Jetzt, im Zeitalter wachsender Christianophobie und zunehmenden Drucks der säkularen Gesellschaft auf die Kirche, ist Einheit noch mehr als zuvor erforderlich. Wir rufen die brüderlichen Ortskirchen auf, im Geist des Friedens und der Liebe zu Christus gemeinsam einen Weg aus der Krise zu suchen.
Wir hoffen, dass die türkischen Behörden die notwendigen Anstrengungen unternehmen werden, um die auf wundersame Weise überlebenden unschätzbaren christlichen Mosaiken zu erhalten und christlichen Pilgern den Zugang zu ihnen zu ermöglichen.
In der Hoffnung auf die weitere Bewahrung und Stärkung des gegenseitigen Respekts und Verständnisses zwischen Gläubigen verschiedener Weltreligionen appellieren wir an die Weltgemeinschaft, alle erdenkliche Hilfe zu leisten, um den besonderen Status der Sophienkirche, der für alle Christen von bleibender Bedeutung ist, zu erhalten.<<

Juli 20, 2020   No Comments

Die gesunde Seele – Übersetzung eines Blogbeitrags von Vater Tryphon

>>Jeder Tag bringt uns neue Herausforderungen zur Gesundheit unserer Seele. Die Momente, wenn ein Familienmitglied oder Arbeitskollege eine Bemerkung macht, die dich einfach nur verärgern soll, das sind die Momente in denen du dein Herz beschützen musst. Wenn diejenigen in deiner Umgebung klatschen und tratschen über einen Abwesenden, dann ist das deine Gelegenheit, zu schweigen und dich nicht daran zu beteiligen. Der Autofahrer, der dich auf der Autobahn geschnitten hat; die Frau, die hinter dir in der Checkout-Schlange am Flughafen drängelt, der unhöfliche Nachbar; das sind Momente in deinem Leben, in denen du die Kontrolle zurückerlangen und deine Spiritualität stärker wachsen lassen kannst.

Wenn Prüfungen und Versuchungen auf ein friederfülltes Herz treffen, fördern sie Heilung und machen die Seele so viel stärker und gesünder. Auf sie zu reagieren ergibt nichts weiter als eine Lähmung der Seele, Reaktionen fesseln uns an unsere gefallene Natur. Alle Versuchungen mit einem friedvollen Herzen annehmen und nicht auf äußere negative Reize zu reagieren, hilft dir dabei, dich für die nächste Runde an Prüfungen und Versuchungen vorzubereiten. So wirst du ganz allmählich und Schritt für Schritt erleben, dass der Frieden Jesu dich in jeder Sekunde des Tages erfüllt und dir einen frohen Geist und ein friedvolles Herz schenken wird.

Mit Liebe in Christo,
Abt Tryphon.
<< Nachbemerkung von mir: Mein heutiger negativer Stimulus war die Nachricht, dass die ehemalige Hauptkirche der frühen Christenheit zu einer Moschee umgewandelt werden und dort am 24. Juli das erste Freitagsgebet abgehalten werden soll. Wie ich so vor mich hin ergrimme, klicke ich auf meine derzeitige Lieblingsseite, die von Abt Tryphon. Und lese diesen Impuls von heute. Und passenderweise hat er ihn, und das war vermutlich reiner Zufall und schiere Koinzidenz, mit einem Foto bebildert, wie orthodoxe junge Männer ihr Retreat in seinem Kloster mit dem Hissen der byzantinischen Fahne begonnen haben. Gott hat einen sehr wundervollen, sehr feinen Humor. Es ist wirklich an uns, ihn zu ergründen, anstatt uns über unsere Emotionen und Ressentiments den sauberen Blickwinkel zu verbauen. Und letztlich ist das Osmanische Reiche ja auch einstmals untergegangen. Erdogans Zeit wird auch irgendwann vorüber sein. What comes up, must come down.

Juli 11, 2020   No Comments

Buchbesprechung für Cicero – Juri Buida: Nulluhrzug

Im Juni-Heft des Cicero findet sich eine Buchbesprechung von mir, die aus Platzgründen leider stark gekürzt werden musste. Ich veröffentliche sie hier nach Rücksprache in voller Länge, weil mir die russische Literatur als studierte Slawistin sehr am Herzen liegt und ich Juri Buida für einen der aktuell besten russischen Schriftsteller halte. Leider tun sich deutsche Verlage mit zeitgenössischer russischer Literatur eher schwer – und ich habe vor einigen Jahren ein Interview mit einer der besten Übersetzerinnen aus dem Russischen ins Deutsche gelesen, die ich kenne, die sich aber leider aus lauter politischer Korrektheit zum Beispiel weigert, einen Mann wie Zakhar Prilepin zu übersetzen. Wenigstens liegt eines seiner Bücher mittlerweile auf Deutsch vor, zu bedanken haben wir uns dafür bei Matthes und Seitz und dem Übersetzer Erich Klein – und ich kann das Buch „Sankya“ nur dringend empfehlen.
Nun aber zu Buidas Nulluhrzug:

>>Man müsste sich Solschenizyns Helden aus seiner Gulag-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ als einen glücklichen Mann vorstellen, wenn man ihn mit Iwan Ardabjew, dem Helden oder vielmehr Antihelden aus Juri Buidas Roman „Nulluhrzug“ vergleichen wollte.
Ardabjews Welt besteht aus Gleisen, Schwellen, Ausweichstellen, Kohlebunkern, Eisenbahnbrücken, Schlossereien und Werkstätten sowie ein paar Baracken, in denen die Menschen, die an dieser Bahnstrecke angesiedelt worden sind, mehr hausen als leben können. Der einzige Zweck des Daseins dieser Station Nummer Neun und ihrer Siedler – das sind neben Ardabjew noch sein Wahlbruder Wassili mit dessen Frau Gussja und ein jüdisches Ehepaar, die schöne Fira und ihr Mann Mischa – , besteht darin, täglich oder besser mitternächtlich das reibungslose Durchfahren des Nulluhrzuges zu gewährleisten, der aus hundert Waggons mit verplombten Türen und vier Lokomotiven besteht, und von dem keiner weiß, was er eigentlich transportiert: Holz,Werkzeug oder gar Menschen; und wenn Menschen, dann wohin, in welche Lager, von denen Station Neun nur eine Außenstation ist. Und so warten sie, diese Handvoll Existenzen, jeden Tag aufs Neue auf den „Nuller“: „So wartet man auf Gott oder den Teufel … aber nicht auf einen Zug“ wirft Gussja Ardabjew einmal vor und bezeichnet damit die schiere Leerheit seiner Existenz in deprimierender Umgebung, bei scheußlichem Essen wie Büchsenfleisch, Kartoffeln, Kohl – und der Autor erzählt dies stringent auf die alles vernichtende Katastrophe hin zu Ende.

Ardabjews Charakter bleibt merkwürdig unkonturiert, wir erfahren, dass er der Sohn eines Volksfeindes ist und sein Vater die Mutter vor den Augen des Zehnjährigen erschoss. Dass er eine große Vorliebe fürs Dominospielen hat, weshalb sein Spitzname Don Domino lautet, und ein Buch von Dumas besitzt, dessen Titel der Autor des Nulluhrzuges unerwähnt lässt. Ardabjew ist weiterhin ein geradezu besessener Liebhaber, der es bereits mit allen Streckenhuren getrieben hat, und zwar so wild und ausdauernd, dass eine der Frauen ihre Brandwunde am nächsten Morgen mit Soda und Ei kühlen muss. Neben dieser heftigen erotischen Leidenschaft und einem außergewöhnlichen Stehvermögen besitzt Ardabjew aber einen besonderen, einen surreal-poetischen Blick auf weibliche Schönheit. Auf Fira, die schöne verheiratete Jüdin, die einzige, die er nicht besitzen kann. Sie hatte er einmal dabei beobachtet, wie sie sich in einer Waschschüssel wusch und dabei wundervolle Dinge gesehen: Die ganze prachtvolle Frau wurde vor seinen Augen – durchsichtig! Er konnte ihr „vogelgleich flatterndes Herz“, ihre „dunstig-massive Leber“, die durchsichtige silberne Glocke“ der Harnblase, hellblaue Knochen, „schwimmend im rosa Gelee“ ihres Leibes erkennen. Der Anblick ist so atemberaubend, dass er davonstürzt, vor dieser phantasmagorischen Schönheit der Frau flieht, er weglaufen muss. Zulaufen dagegen wird ihm im Wortsinne die Streunerin Aljona, die davon überzeugt ist, Menschen im „Nuller“ spüren zu können und sich wie eine Besessene um Mitternacht auf die Gleise legt, den Zug über sich hinweg donnern lässt, bis sie dabei grauenvoll zu Tode kommt.
Danach geschehen nur noch außerplanmäßige Dinge: Es kommen eines Nachts nacheinander zwei, drei, vier Nulluhrzüge. Ein andermal hält der Nuller an, anstatt wie immer durchzufahren. Als Ardabjew an die achte Station telegrafiert, erhält er die kryptische Antwort, dass es keine neunte Station und auch gar keinen Zug gebe …

Kafka soll beim Verlesen seiner verstörenden Geschichten häufig gelacht haben; Gorki bescheinigte Andrei Platonow einst, eine seiner Erzählungen grenze an einen finsteren Albtraum. Es gibt große Anklänge an diese beiden Autoren, vielleicht knüpft Juri Buida, im Jahr 1954 – ein Jahr nach Stalins Tod – im Kaliningrader Gebiet geboren, im „Nulluhrzug“ an deren literarische Tradition an. Im Grunde aber erzählt er in einem ganz eigenständigen Tonfall, der von Ganna-Maria Braungardt wie immer gekonnt ins Deutsche übersetzt wurde. Der „Nulluhrzug“ wurde unter dem Titel „Don Domino“ 1993 zuerst in der Moskauer Zeitschrift „Oktjabr“ veröffentlicht und ein Jahr später für den Russischen Booker Prize nominiert.

Juri Buida: Nulluhrzug
Gebunden mit Schutzumschlag, 142 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03785-7

Juli 5, 2020   No Comments

Abt Tryphons „The Morning Offering“

Seit ich ihn entdeckt habe, vor fast eineinhalb Jahren, lese ich, wann immer ich kann, morgens nach meinen Gebeten als einen Impuls den neuen Beitrag in Abt Tryphons Blog „The Morning Offering“. Es ist ein orthodoxes englischsprachiges Blog, aber ich lese als römisch-Katholische mit stets neuem Gewinn. Außerdem schmückt er jeden Beitrag mit wunderschönen, idyllischen Bildern seines Klosters bei Washington.

Als ich mich noch nicht so intensiv mit der Orthodoxie beschäftigte, jetzt aber immer mehr auch im beruflichen Rahmen, ging ich eigentlich davon aus, das einzige, was uns, jedenfalls auf der rein theologisch-doktrinellen Ebene trennte, sei das Filioque.

Dem ist aber nicht so. Heute lese ich bei Vater Tryphon, dass die Orthodoxie das Konzept der Erbsünde nicht kennt (sowieso ein bisschen schwere Materie):

>>Although we do not refer to ourselves as “saved”, as do Evangelical Christians, we nevertheless believe that we are in need of salvation. (We believe salvation is a process.) Our understanding of sin in an ancestral way, which is distinct from the concept of original sin and the hereditary guilt that required, consequently, a substitutionary atonement-type of sacrifice, separates us doctrinally from Western Christianity.

Had there not been a fall, the Second Person of the Holy Trinity, the Logos (Word) would still have incarnated into the flesh and taken on our nature. For it is by this condescension by our Creator God to take on the nature of that which He created that we are given the opportunity of being deified (Saint Paul said we shall become as gods).<< Ich fand das eine äußerst interessante Aussage, obwohl ich dachte, die Erbsünde verstanden zu haben, finde ich es doch spannend, dass es noch ein anderes, altes Konzept dazu gibt, das sich als "sin in an ancestral way" umschreiben lässt. Hier zum Eintrag bei Abt Tryphon.

Juni 13, 2020   No Comments

Friedrich Wilhelm Weber: In der Winternacht

In der Winternacht

Es wächst viel Brot in der Winternacht,
weil unter dem Schnee frisch grünet die Saat;
erst wenn im Lenze die Sonne lacht,
spürst du, was Gutes der Winter tat.

Und deucht die Welt dir öd und leer,
und sind die Tage dir rauh und schwer:
Sei still und habe des Wandels acht –
es wächst viel Brot in der Winternacht.

Friedrich Wilhelm Weber

Juni 9, 2020   No Comments

Best of Spe Salvi II

>>Wenn man diese Sätze genau liest und bedenkt [Francis Bacons neue Zuordnung der Wissenschaft zur Praxis, die dem Menschen die seit dem Sündenfall verlorene Herrschaft über die Kreatur wiederherstelle], so erkennt man darin einen bestürzenden Schritt: Die Wiederherstellung dessen, was der Mensch in der Austreibung aus dem Paradies verloren hatte, hatte man bisher vom Glauben an Jesus Christus erwartet, und dies war als „Erlösung“ angesehen worden. Nunr wird diese „Erlösung“, die Wiederherstellung des verlorenen „Paradieses“ nicht mehr vom Glauben erwartet, sondern von dem neu gefundenen Zusammenhang von Wissenschaft und Praxis. Der Glaube wird dabei gar nicht einfach geleugnet, aber auf eine andere Ebene – die des bloß Privaten und Jenseitigen – verlagert und zugleich irgendwie für die Welt unwichtig. Diese programmatische Sicht hat den Weg der Neuzeit bestimmt und bestimmt auch noch immer die Glaubenskrise der Gegenwart, die ganz praktisch vor allem eine Krise der christlichen Hoffnung ist. So erhält denn auch die Hoffnung bei Bacon eine neue Gestalt. Sie heißt nun: Glaube an den Fortschritt. […] Im weiteren Verlauf der Entwicklung des Fortschrittsgedankens bleibt die Freude an den sichtbaren Fortschritten menschlichen Könnens eine fortlaufende Bestätigung des Fortschrittsglaubens als solchem.<< Papst Benedikt XVI - Josef Ratzinger: Enzyklika Spe Salvi

Juni 5, 2020   No Comments

Glauben aus dem Herzen – Eine Einführung in die Orthodoxie

>> Es besteht keine grundsätzliche Trennung zwischen dem Sakralen und dem Profanen, dem Ewigen und dem Vorläufigen, dem Himmlischen und dem Irdischen. Sie berühren sich und existieren miteinander. Die einzige Trennung ist die zwischen dem unerschaffenen Gott und der geschaffenen Welt. Auch diese wird, ohne aufgehoben zu werden, durch die Teilhabe der geschaffenen Welt an den unerschaffenen Energien Gottes überbrückt. Damit wird die Welt geheiligt und in eine neue Schöpfung verwandelt, worin sich alles verbindet und harmonisch zusammenwirkt. Die Gegensätze zwischen dem Natürlichen und dem Übernatürlichen, dem Vorläufigen und Ewigen, dem Leben und dem Tode werden aufgehoben. Die Natur wird durch die Gnade verklärt. Das Vorläufige nimmt am Ewigen teil. Das Sterbliche wird zum Unsterblichen und der Tod wird überwunden. Das Wunder befindet sich weder außerhalb des alltäglichen Lebens noch wird es durch die Methode der Entmythologisierung beseitigt. Das ganze Leben der Kirche beruht auf dem Wunder, ja es ist von jeher selbst eines. Die Vereinigung des Gläubigen mit Christus, die sich in dem Mysterium der heiligen Liturgie vollzieht, ist kein Symbol, sondern sie ist wirklich. Der Mensch partizipiert an der Gnade Gottes und wird Teilhaber an seinem Reich, und das Reich Gottes existiert mitten in dieser Welt, ohne mit ihr identisch zu sein. Dieses gegenwärtige Leben ist eine Vorwegnahme des Zukünftigen, und das Zukünftige ist eine Vollendung des Gegenwärtigen. << Aus dem Kapitel: Zum Begriff der Orthodoxie von Georg Mantzaridis

Juni 4, 2020   No Comments

Best of Spe Salvi I

>>Im 11. Kapitel des Hebräerbriefes (Vers 1) findet sich eine Definition des Glaubens, die ihn eng mit der Hoffnung verwebt. Um das zentrale Wort dieses Satzes ist seit der Reformation ein Streit der Ausleger entstanden, in dem sich in jüngster Zeit wieder der Ausweg auf ein gemeinsames Verstehen hin zu öffnen scheint. Ich lasse dieses Zentralwort zunächst unübersetzt. Dann lautet der Satz: „Glaube ist Hypostase dessen, was man hofft; der Beweis von Dingen, die man nicht sieht.“
Für die Väter und Theologen des Mittelalters war klar, dass das griechische Wort hypostasis im Lateinischen mit substantia zu übersetzen war […] der Glaube ist die „Substanz“ der Dinge, die man erhofft; Beweis für nichts Sichtbares. […] Der Begriff der Substanz ist also dahin modifiziert, dass in uns durch den Glauben anfanghaft, im Keim könnten wir sagen – also der „Substanz“ nach – das schon da ist, worauf wir hoffen: das ganze, das wirkliche Leben. Und eben weil die Sache selbst schon da ist, schafft diese Gegenwart des Kommenden auch Gewissheit: Dies Kommende ist noch nicht in der äußeren Welt zu sehen (es „erscheint“ nicht), aber dadurch, dass wir es in uns als beginnende und dynamische Wirklichkeit tragen, entsteht schon jetzt Einsicht.
Luther, dem der Hebräerbrief an sich nicht besonders sympathisch war, konnte mit dem Begriff Substanz im Zusammenhang seiner Sicht vom Glauben nichts anfangen. Er hat daher das Wort Hypostase/Substanz nicht im objektiven Sinn (anwesende Realität in uns), sondern im subjektiven Sinn, als Ausdruck einer Haltung verstanden und dann natürlich auch das Wort argumentum als Haltung des Subjekts verstehen müssen. Diese Auslegung hat sich – jedenfalls in Deutschland – im 20. Jahrhundert auch in der katholischen Exegese durchgesetzt, so dass die von den Bischöfen gebilligte Einheitsübersetzung des Neuen Testamentes schreibt:“Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von dem, was man nicht sieht.“ Das ist an sich nicht falsch, entspricht aber nicht dem Sinn des Textes, denn das verwendete griechische Wort (elenchos) hat nicht die subjektive Bedeutung von „Überzeugung“, sondern die objektive Wertigkeit von „Beweis“. […]
Der Glaube ist nicht nur ein persönliches Ausgreifen nach Kommendem, noch ganz und gar Ausständigem; er gibt uns etwas. Er gibt uns schon jetzt etwas von der erwarteten Wirklichkeit, und diese gegenwärtige Wirklichkeit ist es, die uns ein „Beweis“ für das noch nicht zu Sehende wird. Er zieht Zukunft in Gegenwart herein, so dass sie nicht mehr das reine Noch-nicht ist. Dass es diese Zukunft gibt, ändert die Gegenwart; die Gegenwart wird vom Zukünftigen berührt, und so überschreitet sich Kommendes in Jetziges und Jetziges in Kommendes hinein. <<

Mai 29, 2020   No Comments