Journalistin und Autorin

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Titelthema Vatican Magazin März 2017:“Mit dem Papsttum spielt man nicht“

Aus dem Artikel von Guido Horst:

„[…] Leute wie Roberto de Mattei werden von Internetdiensten wie „katholisches.info“ ins Deutsche übersetzt und wen wundert es, dass die Schlammspritzer der Papst-Debatte auch den deutschen Sprachraum erreichen.
Ausdruck dafür war der „Weckruf 2017“ deutschsprachiger Publizisten, den das Onlinemagazin „The Cathwalk“ vor einiger Zeit veröffentlicht hat. Hier wird der Papst verteidigt, Ubi Petrus ibi ecclesia heißt es gleich zu Beginn, und am Ende steht der Aufruf an alle publizistisch tätigen Katholiken, „sich der Kampagne, die gegen unseren Heiligen Vater im Gange ist, entschieden zu widersetzen und dem grassierenden Defätismus und Destruktivismus eine Berichterstattung entgegenzusetzen, die von Liebe und Wohlwollen zu unserem Papst durchdrungen ist.“ Ausdrücklich begrüßen die Verfasser „Amoris laetitia“ als ein „Geschenk des Heiligen Geistes“, das „die Tore der Barmherzigkeit weit geöffnet hat“, und distanzieren sich ebenso ausdrücklich „von den sogenannten ‚dubia‘, die suggerieren, ‚Amoris Laetitia‘ stelle einen Bruch des Lehramtes hinsichtlich der Ehepastoral dar“.

Ein Dokument der Verteidigung des Jesuiten-Papstes, so weit so gut, aber wenn Leute wie Roberto de Mattei einen Franziskus-Popanz aufbauen, auf den sie dann einschlagen, so baut der „Weckruf 2017“ einen anderen Popanz auf, den des hemmungslosen Papstkritikers, der als „pathologisches Phänomen“ Ausdruck einer argwöhnischen und pessimistischen Mentalität sei, „die sich im katholischen konservativen Lager in den letzten Jahren eingeschlichen hat, und die nur allzu gut ins Zeitalter von Fake News und Populismus zu passen scheint“. Der Feind steht rechts vermutet der „Weckruf“: und zwar „eine Großzahl katholischer Publizisten“, die sich „nicht davor zurückscheut, Papst Franziskus der Häresie zu bezichtigen“, und populistische „Einheizer im Hintergrund“, die „sich gegenseitig in einem immer starreren Rigorismus und Rubrizismus“ übertrumpfen.

Das ist Schwarz-Weiß-Malerei pur. Eine Moralkeule für alle, die sich etwa sauber und korrekt, aber doch auch kritisch mit „Amoris laetitia“ auseinandersetzen, also eine Debatte führen, zu der Papst Franziskus selbst eingeladen hat. Wieder einmal scheint es für einige grobschnittig veranlagte Zeitgenossen nur ein Schema zu geben, nach dem die Katholiken einzuteilen sind: hier die Guten, dort die Bösen, hier die Papstjubler, dort die finsteren Einheizer aus dem konservativen Lager, die in pathologischer Manier den Papst der Häresie bezichtigen. Ein Zerrbild, das nicht falscher sein könnte.“

www.vatican-magazin.de

März 11, 2017   No Comments

Zum Tag der heiligen Hildegard von Bingen


Es hat fast 800 Jahre gedauert und einen deutschen Papst gebraucht, bis die heilige Hildegard von Bingen in einem Ausnahmeverfahren, das sich “gleichwertige Kanonisierung” nennt, nun offiziell „heilig“ ist und somit nun von der gesamten Weltkirche verehrt wird. Benedikt XVI. hat mit seinem Beschluss vom 10. Mai 2012, dass die Verehrung der Heiligen auf die gesamte Weltkirche auszudehnen ist – eine Entscheidung, die nicht nur längst überfällig war, sondern auch zeigt, welch hohen Stellenwert Benedikt der deutschen Äbtissin, Visionärin, Komponistin und Kirchenkritikerin beimisst. Wertschätzung, ja Bewunderung, die er zuvor schon zu einigen wenigen, aber äußerst bedeutsamen Anlässen geäußert hatte.

Selbst wenn man mit Leben und Werk der Hildegard von Bingen nur oberflächlich vertraut ist, bleibt uns angesichts ihrer universalen Schaffenskraft, der Kühnheit ihrer Visionen, die sie stets bei klarem Verstand und offenen Auges erfuhr, des prophetischen Löwenmuts, den sie ohne zu zögern gegen die Mächtigen im Klerus und sogar gegen den Kaiser einsetzte, nur schieres Staunen und tiefe Dankbarkeit über diese die Jahrhunderte überstrahlende Heilige. „Wer ist die, die da aus der Wüste gleich einer Rauchsäule von Gewürzkräutern aufsteigt?“ so ruft Papst Eugen III in einem Brief an Hildegard aus, und muss dabei, um seine faszinierte Verehrung auszudrücken, auf das Hohelied, das poetischste Liebeslied aller Zeiten, zurückgreifen.

Sie war die letzte Prophetin, die Deutschland geschickt wurde, eine Persönlichkeit, die mit traumwandlerischer Sicherheit, dabei luzide und klar wie ein lupenreiner Diamant das Wort Gottes verkündete und als „ungelehrte Frau“, als „armseliges Gebilde“ die größten Männer ihrer Zeit mit göttlicher Vollmacht belehrte, den Kampf mit den Kleingeistigen beherzt aufnahm. Hildegard betätigte sich auf einem breiten Spektrum der damaligen Wissensgebiete: Theologie, Kosmologie, Anthropologie, Musik, der Heilkunst, der Erforschung von Naturphänomenen – sie erfand sogar eine eigene geheime Sprache, die lingua ignota. Hildegard von Bingen kann deshalb mit Fug und Recht als die erste deutsche Universalgelehrtin gelten, die jüngst vom Osservatore Romano in einem Atemzug mit Dante, Avicenna und Johannes Scotus Eriugena genannt wurde, somit noch einmal die Bedeutung dieser „wahren Intellektuellen“ ihrer Zeit unterstreicht, die sie für den derzeitigen Papst sozusagen als eine Seelenschwester, zu besitzen scheint.

Die Geschichte dieser Frau, die bei ihren Zeitgenossen Ehrfurcht und Bewunderung erweckte, die mit von Gott verliehener Autorität auftrat und deren Kompositionen und Schriften noch heute Bestseller sind, beginnt im Jahre 1098, zur Zeit des ersten Kreuzzuges. Hildegard wird als zehntes Kind in Bermersheim bei Alzey geboren. Ihre Eltern gehören dem niedrigen Adel an und geben das Mädchen im Alter von 8 Jahren zur gemeinsamen Erziehung in die Grafenfamilie derer von Sponheim. Hildegard ist 14, Jutta von Sponheim 20 Jahre alt, als sie sich auf den Berg des heiligen Disibod am Zusammenfluss von Nahe und Glan bei Odernheim zurückziehen. Auf dem Gelände des Klosters, das von Benediktinermönchen besiedelt wurde, hatte die Familie von Sponheim eine Frauenklause errichten lassen. Dort verbringt Hildegard fast die Hälfte ihres Lebens in völliger Abgeschiedenheit, gestorben und begraben mit Christus. Wie ein Senfkorn, das der Herr in die Erde gelegt hat, auf dass es eines Tages erwache und ein Baum daraus werde, der bis zum Himmel wächst, und in dessen Zweigen singende Vögel nisten werden.

Der Tag kommt im Jahre 1140, als sie „42 Jahre und 7 Monate“ zählt, wie sie selbst schreibt. Seit vier Jahren ist ihre geistliche Mutter Jutta tot, die Gemeinschaft der mittlerweile zehn Schwestern hatte sie damals einstimmig zur Priorin gewählt. Die Visionen, die sie schon in ihrer Kindheit erfahren hat, setzen wieder ein. Sie bespricht sich zunächst mit dem Abt; er rät, alles niederzuschreiben. Doch die Unsicherheit und die Zweifel nagen an ihr: Hildegard besaß neben ihren außergewöhnlichen intellektuellen und spirituellen Gaben eine ausgeprägte persönliche Demut, hinzu kam, dass die deutschen Bischöfe ihr zum Teil nicht gerade mit Wohlwollen, sondern mit großer Skepsis begegneten. Sie fasst sich deshalb ein Herz und wendet sich in ihrem ersten, überlieferten Brief an den Mann, der zur damaligen Zeit als die einflussreichste und anerkannteste geistliche Autorität galt – den inspirierten monastischen Erneuerer und mitreißenden Prediger Bernhard von Clairvaux. Der Tonfall dieses Briefes ist hochachtungsvoll und zärtlich zugleich; sie nennt Bernhard „Vater“ und schildert ihm den Charakter ihrer Visionen detailgenau. Aus ihren Formulierungen spricht tiefstes töchterliches Vertrauen: „Du bist Sieger in deiner Seele und richtest andere zum Heile auf. Du bist der Adler, der in die Sonne blickt.“

Die Antwort des heiligen Bernhard ist unmissverständlich und muss für Hildegard eine enorme Erleichterung gewesen sein: „Wir freuen uns mit dir über die Gnade Gottes, die in dir ist. Und was uns angeht, so ermahnen und beschwören wir dich, sie als Gnade zu erachten und ihr mit der ganzen Liebeskraft der Demut und Hingabe zu entsprechen.“ Während der Synode in Trier 1147 werden ihre Visionen sogar öffentlich verlesen und von Papst Eugen III. bestätigt. Nun darf sie endlich sicher sein, dass ihre Schau nicht ein Hirngespinst ist oder gar vom Gegenspieler kommt, sondern vom Allerhöchsten geschickt wird. Mehr noch, dass Er selbst es ist, der durch sie spricht. Sie ist sein Instrument, seine „Posaune“, wie sie sich selbst bezeichnet, durch die der göttliche Geisthauch weht und die Menschen behaucht. Und so manches Mal wird in Zukunft dieser Geisthauch gerade auch für die höchsten Machthaber wie Kaiser und Papst zu verzehrenden Flammenzungen werden. Etwa wenn Hildegard an Friedrich Barbarossa schreibt, weil er nicht aufhört, gegen den legitimen Papst Alexander III. Gegenpäpste aufzustellen. Sie spricht mit einer Vollmacht, die ihr der Schöpfer des Universums verliehen hat. Er ist es, der durch sie zu dem mächtigen Kaiser spricht und ihm mit Seinem Gericht droht: „Wehe, wehe der Niederträchtigkeit der Gottlosen, die mich beleidigen! Höre geschwind, o König, wenn du leben willst! Sonst wird mein Schwert dich durchbohren!“
Die prophetissa teutonica, wie man sie schon bald nennt, korrespondiert auch mit Prälaten und Päpsten. In einem Brief an Eugen III. aus dem Jahre 1148 nennt sie sich selbst eine kleine Feder, die vom Höchsten berührt worden ist, damit sie wunderbar emporfliege und die nun von einem starken Wind getragen wird, damit sie nicht sinke. Auch ihn wird sie mit strengen Worten ermahnen, als Gesandte desjenigen, der über jeder weltlichen Autorität steht: „O du funkelnde Brustwehr, kraft deines Amtes, ursprüngliche Wurzel der neuen Vermählung Christi mit der Kirche, du bist zweigeteilt: Einerseits ward deine Seele in der geheimnisvollen Blüte erneuert, die eine Gefährtin der Jungfräulichkeit im Mönchtum ist. Andererseits bist du ein Zweig der Kirche. Höre auf den, dessen Wort scharf wie ein Schwert ist …. Entferne nicht die Sehkraft vom Auge und trenne nicht das Licht vom Licht, sondern halte dich auf dem eindeutigen Weg, damit du nicht der Anklage verfällst wegen der Seelen, die in dein Herz gelegt sind.“
Wir begegnen dieser charakteristisch bildreichen und wortgewaltigen Sprache auch in ihren Hauptwerken: Scivias – Wisse die Wege, das in 35 Visionen die gesamte Heilsgeschichte durchdekliniert, vom Anbeginn der Zeit und der Schöpfung der Welt bis zum Ende aller Zeiten. Der Liber vitae meritorum, das Buch der Lebensverdienste, in dem es um die immense und alles überwältigende Kraft Gottes geht, der den gesamten Kosmos gestaltet und den Menschen zum Leben gerufen hat und in immerwährendem Austausch mit der Heiligen Dreifaltigkeit durchpulst wird. Aufgabe des Menschen ist es dabei, sich jeden Tag aufs Neue vom Bösen abzukehren und die Herrlichkeit Gottes in seiner eigenen Existenz so vorwegzunehmen.
Im Liber divinorum operum oder auch De operatione Dei geht es wiederum um die Schöpfung, das zentrale Thema Hildegards, die Beziehung zwischen dem Erschaffer des Alls, der Erde und seinem geliebten Geschöpf, dem Menschen.
Régine Pernoud, die französische Mediävistin, spricht im Zusammenhang mit den Werken Hildegards zutreffend von einer poetischen Kosmologie, einem kosmischen Roman. In der Tat, die Sprachmacht Hildegards ist überwältigend, obgleich sie angeblich nicht besonders gut Latein konnte, weshalb sie ihre Visionen dem Mönch Volkmar und später ihrer geliebten Mitschwester Richardis von Stade diktierte.

Angesichts des unerhörten Mutes, mit dem diese Äbtissin aus Deutschland als Botin Gottes den Machthabern ihrer Zeit entgegentrat, erscheint es wie trauriger Hohn, dass diese Frau nun in der Neuzeit durch esoterische Kreise auf Dinkelrezepte, Wellness-Elixiere und Heilsteinwissen heruntergebrochen und vermarktet wird. Mehr noch, eine Kirchenkritikerin sei sie gewesen, weiß vor allem die feministische Theologie anzuführen und in dieser Eigenschaft wird sie gerne auch von kirchlichen Reformkreisen vereinnahmt. Dabei wird gerne vergessen, dass es Hildegard nicht um die Veränderung von Strukturen ging, sondern um einen aufrichtigen Geist der Buße und den tätigen Weg der Umkehr, wie dies Benedikt XVI. in einer seiner beiden Katechesen über die Heilige erläutert hat.
Hildegard, die noch im hohen Alter auf Predigtreisen durch Deutschland ging, die sie unter anderem nach Trier, Köln, Mainz und bis nach Lothringen führten, geißelte nämlich nicht nur den trägen und verhurten Klerus ihrer Zeit vor aller Öffentlichkeit mit überaus harten Worten: „Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet. Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderer Eitelkeiten unterweist ihr eure Untergebenen nicht. Ihr solltet eine Feuersäule sein, den Menschen vorausziehen und sie aufrufen, gute Werke zu tun.“ Mit ebensolcher Vehemenz predigte diese Frau gegen die Katharer an, die angesichts der Verweltlichung und des Verfalls im Klerus immer mehr Zulauf für ihre engstirnige Vorstellung von der „Kirche der Reinen“ bekamen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass Benedikt XVI. diese Frau, dieses Kernkraftwerk des Heiligen Geistes, nun offiziell durch ein „canonisatio aequipollens“ genanntes Verfahren, per Dekret also, heilig gesprochen hat, obwohl sie schon immer als Heilige verehrt worden ist. Immer wieder hat er seine Wertschätzung, ja seine Verehrung für ihre Persönlichkeit, ihre Wirkung, ihre Kühnheit und ihren Mut ausgedrückt. Im Jahre 1994 sandte Kardinal Ratzinger eine Grußbotschaft zum Hildegard-Symposium in Wiesbaden und schrieb unter anderem: „Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen  Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung vor allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit den Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte.“
Dass dieses „rechte Wort“ aus der Berührung mit dem Geheimnis Gottes auch unserer Zeit noch Gewaltiges zu sagen vermag, hat uns der Heilige Vater wieder zu Bewusstsein gebracht, indem er anlässlich des Weihnachtsempfangs für die Kardinäle und die Kurie am 20. Dezember 2010, dem Jahr, in dem der Missbrauchsskandal seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, eine Vision Hildegards zitiert und interpretiert. Sie findet sich in einem Brief an Werner von Kirchheim und dessen Priestergemeinschaft, die sie bei ihrer letzten Missionsreise um das Jahr 1170 – sie stirbt 1179 – in Schwaben besucht hatte. Werner von Kirchheim hatte gebeten, ihre dort gehaltene Rede nochmals schriftlich für ihn und seine Mitbrüder festzuhalten. Es ist eine Schau aus dem gleichen Jahr, während dem sie eine Krankheit durchzustehen hatte. Vor ihren Augen ersteht eine unerhört schöne Frau, mit leuchtendem Antlitz und einer Gestalt, die von der Erde bis zum Himmel hinaufragt. Sie trägt ein strahlendes Gewand aus weißer Seide, einen Mantel, mit Edelsteinen besetzt und Schuhe aus Onyx. Doch das Antlitz der herrlichen Frau ist befleckt, ihre Kleidung zerfetzt, die Schuhe besudelt. Sie klagt und schreit deswegen zum Himmel:
„Und weiter sprach sie: Im Herzen des Vaters war ich verborgen, bis der Menschensohn, in Jungfräulichkeit empfangen und geboren, sein Blut vergoss. Mit diesem Blut, als seiner Mitgift, hat er mich sich vermählt.
Die Wundmale meines Bräutigams bleiben frisch und offen, solange die Sündenwunden der Menschen offen sind. Eben dieses Offenbleiben der Wunden Christi ist die Schuld der Priester. Mein Gewand zerreißen sie dadurch, dass sie Übertreter des Gesetzes, des Evangeliums und ihrer Priesterpflicht sind. Meinem Mantel nehmen sie den Glanz, da sie die ihnen auferlegten Vorschriften in allem vernachlässigen. Sie beschmutzen meine Schuhe, da sie die geraden, das heißt die harten und rauen Wege der Gerechtigkeit nicht einhalten und auch ihren Untergebenen kein gutes Beispiel geben.“

Der Papst erläutert diese Vision Hildegards vor den Kardinälen und der Kurie, knapp 840 Jahre nach der Niederschrift dieses Gesichts, und es ist so aktuell und zeitlos wie nie zu vor:
„Das Gesicht der Kirche ist in der Vision der heiligen Hildegard mit Staub bedeckt, und so haben wir es gesehen. Ihr Gewand ist zerrissen – durch die Schuld der Priester. So, wie sie es gesehen und gesagt hat, haben wir es in diesem Jahr erlebt. Wir müssen diese Demütigung als einen Anruf zur Wahrheit und als einen Ruf zur Erneuerung annehmen. Nur die Wahrheit rettet. Wir müssen fragen, was wir tun können, um geschehenes Unrecht so weit wie möglich gutzumachen. Wir müssen fragen, was in unserer Verkündigung, in unserer ganzen Weise, das Christsein zu gestalten, falsch war, dass solches geschehen konnte. Wir müssen zu einer neuen Entschiedenheit des Glaubens und des Guten finden. Wir müssen zur Buße fähig sein. Wir müssen uns mühen, in der Vorbereitung zum Priestertum alles zu versuchen, damit solches nicht wieder geschehen kann.“

Mit der Kanonisierung Hildegards im Mai 2012 hat der Heilige Vater offiziell gemacht, was alle schon immer wussten und geglaubt haben: Dass die Äbtissin und Gründerin von Rupertsberg und Eibingen eine Heilige ist. Zugleich aber zeigt diese Geste die andächtige Verbeugung eines zarten, weißhaarigen Mannes vor der größten intellektuellen Frau ihres Zeitalters. Nicht zuletzt bedeutet dieses Dekret auch die anerkennende Würdigung einer großartigen Verbündeten, die bereits vor 800 Jahren einen feurigen Kampf für die heilige Kirche führte – es ist derselbe, den dieser Papst entschlossen aufgenommen hat.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin 2012 anlässlich der Kanonisierung der hl. Hildegard]

September 17, 2016   No Comments

Ausblick auf meine nächsten Veröffentlichungen

Im PUR-Magazin Februar 2015 ist ein Kurzporträt des Dominikanerordens erschienen, im Vatican-Magazin Februar 2015 (kommt Mitte des Monats) habe ich über die heilige Clothilde und Chlodwig, also die Merowinger und das Christentum geschrieben.
In Bälde sollte mein Interview mit Torsten Hartung („Du musst dran glauben“) plus Rezension seines unglaublich beeindruckenden Buches in der Tagespost erscheinen. Dort plane ich auch für die Reihe „Poeten, Priester und Propheten“ einen Beitrag über Karin Struck sowie über Paul Claudel.
Ich darf auch nochmal über die preisgünstige Möglichkeit hinweisen, die „Tagespost“ als ePaper für 14 Euro im Monat zu abonnieren.
Als nächster Orden im Kurzporträt ist dann der Karmel eingeplant, für das Vatican-Magazin als Heiligtum der besonderen Art die Basilika St. Kastor in Koblenz.

Februar 4, 2015   No Comments

Die heilige Rita von Cascia und ihr Gebetsfelsen

Die heilige Rita von Cascia gehört, was den Grad ihrer Verehrung betrifft, zu den Heiligen der Superlative. Aus ganz Europa, wie auch aus Übersee, strömen bis zu einer Million Pilger im Jahr in das Städtchen Cascia, hinter den sieben Bergen, den Monti Sibillini, im Südosten von Umbrien. Die Basilika von Cascia bewahrt Ritas unverweslichen Leichnam, gehüllt in die Ordenstracht der Augustinerinnen, auf. Ihr Glassarg wird von einem prächtigen Schrein ummantelt und von goldenen Engeln bewacht. Seine eigenwillige Gestaltung erinnert an die Schlafkapsel eines Raumschiffes, in dem Astronauten der Zukunft ihre jahrhundertelangen Reisen durch den interstellaren Raum überbrücken. Nur, dass die heilige Rita nicht den Landeanflug erwartet, sondern die Wiederkunft des Herrn

Die Basilika wurde 1937 direkt neben dem historischen Konvent erbaut, in dem heute noch etwa fünfzig Augustinerinnen leben und Reliquien wie Ritas Ehering und Rosenkranz aufbewahren. Dort kann man auch den bemalten Holzsarg besichtigen, in dem sie Mitte des 15. Jahrhunderts beigesetzt wurde. Als man ihn im Jahre 1627, im Zuge des Seligsprechungsverfahren unter Papst Urban VIII. öffnete, fand man ihren Körper nach mehr als 150 Jahren unversehrt – und das, obwohl Holz weitaus mehr Luft und Feuchtigkeit durchlässt, als etwa ein gemauerter Sarkophag. Nach der Umbettung in einen Glasschrein ging erst so richtig die Post ab: Augenzeugen berichteten, dass die heilige Rita ihre Augen öffnete und wieder schloss, sich umdrehte und einmal sogar zum Deckel ihres Sarges empor geschwebt sei.
Nicht weiter verwunderlich, immerhin war Rita schon zeit ihres Lebens eine Art katholisches Superwoman. Das fing schon in der Wiege an. Ein Schwarm Bienen soll sich auf dem Gesicht des kleinen Mädchens niedergelassen haben, ohne sie zu verletzen. Sie verspürte schon als Kind eine Berufung zum Ordensleben, wurde aber im Alter von 12 Jahren an einen brutalen Tyrann verheiratet, der sie psychisch und physisch misshandelte und dem sie zwei Söhne gebar. Mit heroischer Tapferkeit und Demut ertrug sie ihren gottlosen Mann und war dabei ein solches Vorbild an Frömmigkeit, dass sie es nach über zwanzig Jahren Ehe schaffte, ihn zu bekehren.
Gerade noch rechtzeitig, denn kurz darauf wurde er Opfer eines politisch motivierten Attentats. Als ihre beiden Söhne daraufhin eine Vendetta starten wollten, bat Rita Gott inständig, die beiden zu sich zu nehmen, bevor sie ihre Rachepläne durchführen und somit in große Sünde fallen könnten. Ihr Wunsch wurde erhört: Im Jahre 1402 starben auch noch ihre Söhne. Rita hätte jetzt ihrer Berufung folgen und in den Augustinerinnenkonvent von Cascia eintreten können. Doch die sagten Njet. Laut der Regel war die Aufnahme von Witwen nicht gestattet. Rita ließ nun ihre Beziehungen zur Gemeinschaft der Heiligen spielen, und es stellte sich heraus, dass es sogar enorm gute waren: Keine geringeren als Johannes der Täufer, Augustinus höchstpersönlich und Nikolaus von Tolentino – eine wahrhaft himmlische task force – schritten ein und transportierten sie mittels ihrer überirdischen Kräfte eines Nachts in die Kapelle des Konvents. Als die Schwestern in aller Herrgottsfrühe die – verschlossene! – Türe öffneten, staunten sie nicht schlecht. Und so kam es, dass Rita doch noch dort Aufnahme fand, endlich am Ziel ihres Lebens!

Geboren wurde sie um 1370 oder 1380 als Margherita Lotti-Mancini in Roccaporena, einem winzigen Gebirgsnest unweit von Cascia. Ihr Elternhaus ist erhalten und kann besichtigt werden, ebenso die Kirche, in der sie getauft und getraut wurde. Der spektakulärste von allen Orten, die mit der heiligen Rita in Verbindung stehen, ist aber sicher der „Scoglio della Preghiera“ – am Ortseingang erhebt sich ein etwa 120 Meter hoher, kegelförmiger Felsen, der von einer Steinschanze gekrönt wird, darüber wurde eine Kapelle errichtet. Zu Ritas Zeiten war der Weg, der sich in Serpentinen auf einer Seite des Felsens emporwindet, noch nicht ausgebaut. Pilger aus aller Welt haben gespendet, um den Pfad zu befestigen und einzufassen – ihre Namen mit Jahreszahlen sind auf den Simsen, die den Weg säumen, eingraviert. Das junge Mädchen, das sich so sehr nach einem Leben als Augustiner-Eremitin sehnte, hat sich oft auf den beschwerlichen Weg hinauf gemacht, ohne sicheren Halt für ihre Tritte und ohne das moderne, feste Schuhwerk, das wir heute kennen. Ganz oben, hoch über dem engen Tal, in dem sich die grauen Natursteinhäuschen von Roccaporena ducken, wird die junge Margherita Tage des Fastens und des Gebets verbracht haben – direkt unterhalb des Gebetsfelsens entspringt eine Quelle, die Versorgung mit herrlich frischem Wasser war sicher gestellt. Es ist ein ganz besonderer Ort, voller Majestät, den sie sehr geliebt haben muss.
Heute ist es erstaunlich zu sehen, mit welcher Zuversicht, Ausdauer und froher Gestimmtheit insbesondere ältere Menschen, Rentner, Greisinnen und Greise, Kranke und Behinderte diesen Aufstieg wagen, um oben auf dem eigentlichen Gebetsfelsen Rosen niederzulegen. Rita liebte diese Blumen und die Heiligenlegende erzählt, dass sie sich auf ihrem Krankenlager – es war tiefster Winter – einen Strauß frische Rosen gewünscht hat. Das Wunder geschah, eine Mitschwester fand frisch erblühte Rosen im Garten und brachte sie ihr. Seither weiht die Kirche am 22. Mai, ihrem Todestag, die „Rita-Rosen“, die insbesondere den Kranken aufgelegt werden, um Heilung zu bringen. Rita selbst litt 15 Jahren lang an einer Stirnwunde, die ihr, so ist überliefert, von einem Dorn aus der Dornenkrone Jesu zugefügt wurde. Im Kloster in Cascia ist das Fresko mit dem Gekreuzigten noch zu besichtigen, vor dem sie damals kniete und inständig bat, das Leiden des Herrn teilen zu dürfen.
Dabei war ihr eigenes Leben doch nicht gerade arm an Leid. Für ein einziges Frauenleben war das Maß schon reich bemessen: Erst unglücklich verheiratet, dann sterben Mann und Kinder, danach lebt sie nur noch für Gott ein Leben voller Buße und mystischen Erlebnissen.
Kurz vor ihrem Tod erhielt sie noch einmal eine großartige Vision, in der sie Jesus Christus zusammen mit der heiligen Gottesmutter schaute. Als sie starb, verbreitete sich paradiesischer Wohlgeruch im Konvent und die Glocken der Kirchen im Ort läuteten von selbst – wie von Engelshänden betätigt. Doch damals fing ihre Arbeit erst richtig an!
Besonders für Frauen ist die heilige Rita eine beliebte Ansprechpartnerin, war sie doch in ihrem Leben sowohl Ehefrau und Mutter als auch Nonne. Unangefochten ist ihr hoher Status als Heilige für aussichtslose Fälle, ungezählte Male konnte sie das Blatt für diejenigen wenden, die sie vertrauensvoll anriefen. Weil sich darunter vermutlich viele Autofahrer befanden, die in Italien unterwegs waren – jeder, der es selbst erlebt hat, weiß, was für ein aussichtsloser Fall der italienische Straßenverkehr ist – wurde sie auch noch die Patronin der Autofahrer in Italien. Heilige Rita von Cascia, bitt’ für uns!

(zuerst erschienen in Vatican-Magazin Mai 2011]

Mai 22, 2014   No Comments

Das entflammte Herz – Die Ewigkeit als Maß

Die geistliche Liebe zwischen dem Fürstbischof von Genf, Franz von Sales und Baronin Johanna Franziska von Chantal darf man wohl als eine der innigsten und inspiriertesten – dabei vollständig reinen – Verbindungen bezeichnen, welche die katholische Kirche kennt. Sie führte im Juni 1610 zur Gründung der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, kurz Salesianerinnen genannt, die heute, mehr als vierhundert Jahre später, mit über 150 Klöstern auf vier Kontinenten vertreten ist und wiederum Heilige wie Margareta Maria Alacoque sowie Selige wie Mutter Gabriele de Hinojosa und ihre Gefährtinnen, die Sieben Märtyrerinnen von Madrid in der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges, hervorbrachte.

Zu einer ersten Begegnung zwischen Franz von Sales und der Baronin von Chantal kam es in der vorösterlichen Zeit des Jahres 1604 in Dijon. Franz ist zu dieser Zeit 36 Jahre alt und seit zehn Jahren als Priester und Seelsorger tätig, seit knapp zwei Jahren Bischof von Genf mit Amtssitz in Annecy. Anlässlich einer Fastenpredigt weilte er in Dijon, wo ihn sein Amtskollege, der Erzbischof von Bourges, seiner Schwester Johanna Franziska vorstellte.
Beide sollen einander in Visionen bereits vor diesem ersten, wirklichen Treffen, gesehen und sich sogleich erkannt haben. Wenige Tage später, am 26. April 1604, schreibt Franz einen ersten, äußerst kurzen, aber inhaltsschweren Brief: „Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder Stunde mehr zur Gewissheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel.“
Mit diesen knappen Zeilen beginnt ein wunderschöner Briefwechsel, der nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die französische Literaturgeschichte bereichert hat.

Franz von Sales, am 21. August 1567 auf Burg Sales als erstes von zwölf Kindern zur Welt gekommen, durchlitt während seiner Studienjahre am Pariser Kolleg eine furchtbare Glaubenskrise, die ihn zuletzt auch körperlich erkranken ließ: Er war mit der calvinistischen Lehre von der Vorherbestimmung in Berührung gekommen, nach der bereits von Ewigkeit her durch Gott entschieden sei, wer unabänderlich zur Verdammnis bestimmt sei und wer nicht. Der Gedanke beschäftigte ihn intensiv. Schließlich wurde er derart von der Vorstellung beherrscht, er selbst gehöre von Anbeginn der Zeit an zu den Verdammten, dass sich die Verzweiflung seiner Seele auch körperlich manifestierte. Nach einigen Wochen der Krankheit wusste sich der kaum Zwanzigjährige nicht mehr anders zu helfen, der Zenit seiner Angst und Depression war überschritten: Mit äußerster Anstrengung und unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kräfte schleppte er sich in eine nahe gelegene Kirche, wo er sich mit einem Memorare an die Jungfrau Maria wendet, einem Gebet der ebenso flehentlichen wie vertrauensvollen Zufluchtnahme zur „Mutter des Wortes“. Franz überwindet seine Krise, in dem er sich mit absoluter Unbedingtheit unter dem Schutzmantel Mariens in die Arme des gütigen, barmherzigen Gottes wirft, der die Liebe ist. Ihm übergibt, ihm weiht er an Ort und Stelle, in der Kirche St. Etienne de Gres, sein gesamtes Leben.
Es ist nicht zuletzt wohl dieser Begebenheit seiner Jugendzeit zuzuschreiben, dass er später so erfolgreich im Kampf gegen die calvinistischen Irrlehrer vorgehen kann, die im Chamblais-Gebiet des Bistums Genf fast die gesamte Bevölkerung für sich gewonnen hatten. Franz nahm kurz nach seiner Priesterweihe 1593 die Rückeroberung des Chamblais für die heilige Mutter Kirche in Angriff und nutzte dafür eines der ersten Massenkommunikationsmittel überhaupt – das Flugblatt. Mit seinen im wahrsten Sinne aufklärerischen Worten über die wahre, liebevolle Natur Gottes, seinem authentischen Stil der Warmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, der sich nie zum Pamphletisieren herablässt, kann er in nur vier Jahren die gesamte abgefallene Region für die Kirche zurückgewinnen. Insbesondere durch diese beherzte und innovative Tat empfahl er sich geradezu als Schutzpatron der katholischen Journalisten.

Baronin von Chantal ist zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit von Sales seit vier Jahren verwitwet. Ihr Ehemann, mit dem sie sehr glücklich war und dem sie sechs Kinder gebar, von denen allerdings zwei sehr jung verstarben, kam im Jahre 1600 bei einem tragischen Jagdunfall zu Tode. In ihrem tiefen Schmerz wandte sie sich Gott zu, sie wollte ganz nach seinem Willen leben. Doch wie diesen Willen erkennen? Sie wendet sich einem Seelenführer zu, dem sie verschiedene Gelöbnisse macht, unter anderem etwa, sich niemals einen anderen geistlichen Führer zu suchen. Doch nun steht da die erste Begegnung mit Priester und Bischof, in dessen Seele sie sich erkennt, der sie, unter Berufung auf den göttlichen Willen, als eine Gabe, ein Geschenk betrachtet und daran keine Zweifel aufkommen lässt. Denn Johanna Franziska ist zunächst sehr ängstlich und voller Skrupel, weil sie sich bereits an einen geistlichen Vater gebunden sieht und ihm sozusagen die Treue gelobt hat. Zunächst muss also diese Sache geklärt werden – Franz geht sowohl mit seelsorgerlicher Umsicht wie auch mit freundlicher Diplomatie vor, immer im klaren Bewusstsein, dem Willen Gottes zu gehorchen. Im gleichen Jahr kommt es zu einer zweiten persönlichen Begegnung zwischen den beiden anlässlich einer Wallfahrt nach Saint Claude. Er schreibt: „Ich habe die ganze Nacht auf Ihre Angelegenheit verwendet. Ich sehe, es ist der Wille Gottes, dass ich die Leitung Ihrer Seele übernehme und Sie meinen Weisungen folgen. Diese vier Gelübde [Anm: an den vorherigen Seelenführer] taugen zu nichts, als Ihren Seelenfrieden zu zerstören.“

Neben dem literarischen Genuss, den die Lektüre dieser Briefe an die Baronin bieten, ist es vor allem der geistliche Trost, den man darin vorfindet und noch heute jedem Seelsorger eine Anleitung und Hilfe bieten kann. Als Hauptthemen finden sich darin immer wieder: Freiheit, Demut, Vollkommenheit und Ermutigung zur Geduld im Tragen des Kreuzes. Die Gewissensbisse und Ängste wegen – eingebildeter oder tatsächlicher – Versuchungen, denen sich Johanna Franziska bis zur unerträglichen Pein ausgesetzt sieht, lindert er durch schlichte, aber einsichtige Worte: Die Versuchung und die Freude an der Sünde kämen vom Teufel, Leid und Qual deswegen aber schickt uns der barmherzige Gott, durch sie läutere er das Gold: „Verachten Sie die Versuchung, umfangen Sie die Prüfung!“

Von Sales ist sich von Anfang an völlig bewusst darüber, wie der Charakter seiner geistlichen Tochter beschaffen ist, als hätte er sie tatsächlich schon längst gekannt, und nicht erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal gesehen. Ihr asketischer Eifer braucht eher Mäßigung denn Ansporn, ihr übertriebenes Pflichtbewusstsein, ihr innerer seelischer Scharfrichter, der sie beständig zu verurteilen scheint, braucht mehr Milde – und sollte eigentlich am Besten in den Ruhestand versetzt werden. So schreibt dieser hochbegabte Seelenführer also: „Wenn Sie Gehorsam und Unterordnung sehr lieben, ist es mein Wunsch, – dies soll für Sie eine Art Gehorsam sein – dass Sie aus einem berechtigten Grund oder aus Nächstenliebe Ihre Übungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe ausgleichen.“

Immer wieder preist er ihren Witwenstand, rät ihr dazu, zunächst darin zu verbleiben, anstatt sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nicht nur Erbauliches findet sich in diesen Briefen an die Baronin, auch kleine Anekdoten über seine Erlebnisse, Gespräche über ihre Kinder, Beschreibungen von Unwettern und Unglücksfällen, die ihn besonders beschäftigen – und immer wieder das Eingeständnis seiner Armseligkeit und die Bitte um Gebet.
Aus Juli 1605 stammt eine mit besonderem Feingefühl und geistlicher Umsicht geschriebene Empfehlung auf Johannas Anfrage, wie sie demjenigen gegenübertreten solle, der damals den Unfalltod ihres Mannes verursacht habe. Mit Verweis auf die Schmerzen Jesu beim Anblick des toten Lazarus, rät er ihr nachdrücklich, eine Begegnung mit diesem Unglücklichen nicht ausdrücklich zu suchen. Sollte sich eine ergeben, so solle sie trotz ihrer aufsteigenden Schmerzen und Qualen ein gütiges, liebenswürdiges und mitfühlendes Herz mitbringen, um zu bezeugen, dass sie alles in Liebe annehme, sogar den Tod ihres Mannes. Er schließt mit einem bezaubernden Bild: „Gott befohlen, meine Tochter; bleiben Sie in Frieden, stellen Sie sich auf die Fußspitzen und strecken Sie sich weit dem Himmel entgegen!“

Ohne dass Franz das Thema weiter auszubreiten sucht, finden wir auch immer wieder in seinen Briefen an die geistliche Tochter poetische Formulierungen, die seine Liebe zu ihr ausdrücken sollen – eine „Zuneigung, weißer als der Schnee und reiner als die Sonne“. So schreibt er am 1. November 1604: „Ich schenke Sie selbst, Ihr Witwenherz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn darbringe. Beten Sie für mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.“

Und diese tiefe Zuneigung brachte reiche geistliche Frucht hervor. Am 6. Juni 1610 gründete Franz von Sales, gemeinsam mit Johanna Franziska, die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, im deutschen Sprachraum auch Salesianerinnen genannt. Er erfüllte damit seiner geistlichen Tochter gleichzeitig einen großen Wunsch, nämlich ihr Leben nach einer Ordensregel zu führen. Aus der Hand ihres spirituellen Mentors nimmt sie den Habit entgegen, vor seinen Augen und Ohren legt sie ihre Ordensgelübde ab. Sie ist nun fast am Ziel ihrer Wünsche. Nur eine – sehr exaltierte – Bitte erfüllt ihr der gute Gott nicht: Dass sie vor ihrem geliebten geistlichen Vater sterben möge. Am 28. Dezember 1622 stirbt Franz von Sales nach einem rastlosen, von der Hingabe und dem Dienst an anderen erfüllten Leben an den Folgen eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatte er Johanna Franziska noch mit diesen Worten gewürdigt: „Nur mit Hochachtung spreche ich von dieser durchaus heiligen Seele. Man kann nicht größeren Verstand mit tieferer Demut vereint sehen. Sie ist einfach und innig wie ein Kind, verbindet aber damit eine ernste und erhabene Urteilskraft. Sie ist eine große Seele, die für heilige Unternehmungen einen Mut beweist, der sonst ihrem Geschlecht nicht eigen ist. Mit einem Wort: Ich lese nie die Beschreibung Salomons von der vollkommenen Frau, ohne an die ehrwürdige Mutter Chantal zu denken.“
Es ist wohl auch seiner Umsicht zu verdanken, dass seine liebe Tochter und geistliche Mutter, als die er sie sehr wohl auch ansah, nicht spirituell verwaiste: Kein geringerer als der heilige Vinzenz von Paul wurde danach ihr engster Vertrauter. Sie stirbt am 13. Dezember 1641 in Moulins. Am selben Abend sieht der heilige Vinzenz eine kleine, feurig-glühende Kugel ins Firmament aufsteigen. Und der Himmel öffnet sich. Ein etwas größerer Feuerball kommt ihr entgegen und beide vereinen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie außer Sichtweite sind. Wenig später erreicht ihn die Nachricht vom Tode Johannas. Da erst begreift er, was er an diesem Abend sah: Wie Franz von Sales’ Seele der Seele seiner Liebsten entgegenkam, um sie in die himmlische Heimstatt zu führen. Der Rest dieser wunderbaren Geschichte ist schnell erzählt.

Mutter Chantal wird am 21. August 1751 selig gesprochen, am 16. August 1767 heilig.
Von Sales wird von Papst Alexander VII. 1661 zuerst selig, vier Jahre später heilig gesprochen. Am 19. Juli 1877 erhebt Pius IX. ihn zum Kirchenlehrer.
Dies geschieht noch zu Lebzeiten eines berühmten deutschen Philosophen, der nicht nur formulierte, dass Gott tot sei, sondern auch von der Lust sprach, die tiefe, tiefe Ewigkeit wolle. Vielleicht hätte er sich eingehender mit dieser einzigartigen, sublimen Liebesgeschichte beschäftigen sollen. Dann hätte er womöglich erkannt, dass sich die Lust immer nur nach der Ewigkeit ausstrecken, sie aber niemals erreichen kann. Alleine die Liebe, die wie „Tau vom Himmel kommt“, in der zwei Herzen gemeinsam auf Gott blicken, kann dieses ungeheuerliche Maß voll ausschöpfen. Oder, mit den Worten des heiligen Franz von Sales an seine geistliche Gefährtin: Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.

[zuerst erschienen im Vatican-Magazin Juli 2013]

Januar 23, 2014   2 Comments