Journalistin und Autorin

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Unterwegs in Südböhmen

In Tschechien, so liest man häufig, sei der christliche Glaube fast verschwunden, eine Mehrheit der Bevölkerung betrachtet sich selbst eher als Atheisten. Nur knapp 11 Prozent der Einwohner zählen sich zu einer christlichen Kirche oder kirchlichen Gemeinschaft, davon gut 10 Prozent zur römisch-katholischen.

Kürzlich war ich wieder in Tschechien unterwegs, genauer gesagt in Südböhmen um Budweis. Von dieser Region erwartete ich mir in Sachen Glaube ziemlich wenig. Ich war vor zwei Jahren schon oben im Norden gewesen, am einzige kirchlich anerkannten Marienerscheinungsort in Tschechien, hart an der deutschen Grenze gelegen – Filipov (Philippsdorf). Darüber hatte ich auch einen Artikel fürs Vatican-magazin geschrieben.

Die erste Überraschung war, dass überall noch weihnachtlich geziert war, in den Straßen, auf öffentlichen Plätzen, in privaten Gärten, obwohl bereits Mitte Januar. Es war in einem Örtchen mit dem schönen Namen Hluboka nad Vltavou, welches von einer Art Nachbildung von Windsor Castle überkrönt wird. Man kann dort an der Moldau entlang spazieren und wenn man Glück hat, erlebt man im „zimní stadion“ eine Trainingsrunde der Kleinsten, ich sag mal vielleicht sechsjährige Jungs mit ihrem Eishockeytrainer.

Ich wollte aber eigentlich am See wandern, kehrte zurück in die Stadt und lief über einen Zebrastreifen. Ein superklappriger LKW mit typisch böhmischem Fahrer – rundes Gesicht, spitze Nase, wollige Haare – bremste für mich. Erst als ich den Streifen überquert hatte, wurde mir klar, was ich da gesehen hatte. In der Frontscheibe mittig ein großes Kruzifix (also mit Korpus) und rechts und links davon jeweils zwei kleinere Holzkreuze. Daumen hoch für den Fahrer und ich bin mir sicher, er wertete das nicht alleine dafür, dass er für mich angehalten hatte.

Als nächstes machte ich einen Ausflug ins wunderschöne Trebon. Dieses Städtchen ist einen Abstecher wert. Zu Mittag ging ich einfach in die nächste Beiz, die mit gutem Bier warb. Eigentlich war es mehr so ein Hinterhoflokal. Draußen standen rauchende Mütter mit Kinderwägen, das Essen war mäßig, das Bier natürlich hervorragend. Keine zahlungskräftige Klientel, schon gar keine Touristen. Ein Mann mit Parkinson am Nebentisch. Und dann kam dieser Rentner. Schäbig gekleidet, ungepflegt. Man konnte genau sehen er war aus der Kälte seiner Wohnung in diese Beiz gekommen, um eine Schale Rinderbrühe mit Nudeln zu essen und sich aufzuwärmen. Natürlich mitsamt einer halbe Bier. Den 100 Kronen-Schein dafür hatte er sich schon zurecht gelegt. Ich beobachtete ihn verstohlen. Die Schale mit der Suppe wurde serviert, das Bier auch. Und da nimmt dieser verwahrloste alte Mann seine Mütze ab und faltet die Hände. Es folgte ein stummes, langes Gebet über der Suppenschüssel und ich konnte gar nicht anders, als ihm, dann als ich sah er hatte geendet und langte zu, ein fröhliches „Dobrou chut'“ zuzurufen. Also „Guten Appetit“. Er bedankte sich und tauchte seinen Löffel in die heiße Suppe.

Ich bin so gerne in Tschechien. Die Menschen dort überraschen mich immer wieder.

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