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Kulturnation Italien feiert 200 Jahre Gedicht „L’Infinito“ von Giacomo Leopardi

Während im neobarbarischen Ex-Land der Dichter und Denker auf Druck einer Generation, die jedwedes Gespür für Poetik und jeden Sinn für alle Schönheit dieser Welt mittels ihres vernagelten ideologischen Denkens verloren hat in protofaschistischer Manier Gedichte an Hausfassaden überstrichen werden, feiert Italien in diesem Jahr ein Poem, das so bedeutend insbesondere auch für die europäische Literatur war, dass es sogar von Rainer Maria Rilke und Anna Achmatova ins Deutsche respektive Russische übertragen wurde.

Wir reden von L’Infinito – Die Unendlichkeit. Giacomo Leopardi hat dieses lyrische Stück in vierzehn Versen ohne Reime – was an sich eine Revolution darstellte – auf einem Hügel mit Blick auf die Weite des Adriatischen Meeres in seinem Geburtsort Recanati bei Loreto, südlich des Monte Conero, der oben in der Bildleiste zu bewundern ist, ersonnen.

Und so wurde vor zwei Tagen, auch in Form eines modernen „flashmobs“, dieses lyrische Stück auf der Piazza in Recanati gemeinschaftlich rezitiert und gefeiert. Nebenzu aber auch in ganz Italien in den Schulen mit Begeisterung wiedergelesen und gebührend gewürdigt, von Ministern wie von Schülern, Studenten, Dozenten und Lehrern.
Diese Tatsache erscheint mir einer Meldung wert.

Untenstehend das italienische Original, die Übertragung von Rilke und die russische Version von Achmatova als Bilddatei, weil mir das Abtippen mit der kyrillischen Tastatur zu mühselig war.

Sempre caro mi fu quest’ermo colle,
E questa siepe, che da tanta parte
Dell’ultimo orizzonte il guardo esclude.
Ma sedendo e mirando, interminati
Spazi di là da quella, e sovrumani
Silenzi, e profondissima quïete
Io nel pensier mi fingo, ove per poco
Il cor non si spaura. E come il vento
Odo stormir tra queste piante, io quello
Infinito silenzio a questa voce
Vo comparando: e mi sovvien l’eterno,
E le morte stagioni, e la presente
E viva, e il suon di lei. Così tra questa
Immensità s’annega il pensier mio:
E il naufragar m’è dolce in questo mare.

Rainer Maria Rilke:

Immer lieb war mir dieser einsame
Hügel und das Gehölz, das fast ringsum
ausschließt vom fernen Aufruhn der Himmel
den Blick. Sitzend und schauend bild ich unendliche
Räume jenseits mir ein und mehr als
menschliches Schweigen und Ruhe vom Grunde der Ruh.
Und über ein Kleines geht mein Herz ganz ohne
Furcht damit um. Und wenn in dem Buschwerk
aufrauscht der Wind, so überkommt es mich, dass ich
dieses Lautsein vergleiche mit jener endlosen Stillheit.
Und mir fällt das Ewige ein
und daneben die alten Jahreszeiten und diese
daseiende Zeit, die lebendige, tönende. Also
sinkt der Gedanke mir weg ins Übermaß. Unter-
gehen in diesem Meer ist inniger Schiffbruch.

Anna Achmatova: Besskonetschnost‘

1 comment

1 Barbara { 05.30.19 at 22:37 }

In diesem Meer Schiffbruch zu erleiden ist mir leicht/nicht schwer/süß-

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