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Zum 50. Todestag von Adrienne von Speyr am 17. September 2017

Mein Artikel aus der Rubrik „Geistliche Paare“ über Hans-Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Oktoberheft 2016 des Vatican-Magazins erschienen ist:

Das letzte Universalgenie der abendländischen Geschichte hat man ihn genannt, mit einem Werk, das – mit den Worten Egon Bisers – als ein „herrliches Gebirgsmassiv“ dasteht: Den gebürtigen Luzerner Hans-Urs von Balthasar, der erst auf Umwegen zur Theologie kam. Zunächst studierte der Jesuitenzögling ab 1923 Germanistik und Philosophie und promovierte 1928 mit summa cum laude über die „Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur“.
Die Literatur, vor allem das Theater, wird später, nach seinem zweiten Studium der Theologie, dem er sich Anfang der Dreißiger Jahre widmet, – er ist zu diesem Zeitpunkt schon in die Gesellschaft Jesu eingetreten –, für die Entfaltung seiner theologischen Hauptwerke ebenso wie die Musik eine fundamentale Rolle spielen. Vor allem Mozart begeistert ihn als seinen „unverrückbaren Polarstern“ – und es wird dazu kommen, dass er alle Partituren und alle Aufzeichnungen von Mozartstücken wegschenkt, weil er sie so verinnerlicht mit sich trägt, dass er diese Äußerlichkeiten nicht mehr braucht.
Zwei Jahre lang war er Redakteur der Zeitschrift seines Ordens, der „Stimme der Zeit“, ab 1940 dann an der Universität Basel als Seelsorger für Studenten und Akademiker tätig. Dort lernte er auch im selben Jahr Adrienne von Speyr kennen, die Ehefrau eines Dozenten, welche bei ihm die Vorbereitung auf den Eintritt in die katholische Kirche, ihr Katechumenat, absolvieren wollte.
Die nur wenige Jahre ältere Adrienne wuchs in der protestantischen Familie eines Basler Augenarztes auf, dessen Vorbild sie nacheifern und Ärztin werden wollte. Seit frühester Kindheit befand sie sich im Dialog mit einem Engel, mit sechs Jahren begegnet ihr in einer Schauung zum ersten Mal Ignatius von Loyola, was ihr erst im Nachhinein bewusst wird. Als junges Mädchen, sie hat gerade ihren 15. Geburtstag gefeiert, in den umliegenden Ländern tobt der Erste Weltkrieg und im fernen Fatima ist drei Hirtenkindern die Muttergottes erschienen, haben gerade Tausende von Menschen ein Sonnenwunder dort erlebt und bezeugt, sieht Adrienne zum ersten Mal die Jungfrau Maria, umgeben von einer Unzahl von Heiligen und Engeln. Gleichzeitig fühlt sie ein immer unstillbarer werdendes Bedürfnis nach der sakramentalen Beichte in sich aufwachsen. Dass dies alles recht ungewöhnlich für ein protestantisches Mädchen ist, bemerkt sie freilich selbst.
Nach außen hin wirkt sie anziehend und lebensfroh, ist erfolgreich in der Schule und später beim Studium, beliebt bei ihren Kameraden und Kommilitonen. Die größte Hürde, die sie während dieser Zeit zu nehmen hat, neben dem beharrlichen Widerstand ihrer Mutter gegen ihren Berufswunsch, ist vermutlich der Abscheu vor dem Seziersaal. Doch mit Hilfe ihres tiefen Glaubens kann sie auch diese überwinden, in dem sie unablässig für die Seelen der Toten, die sie sezieren muss, betet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums scheint zunächst alles gut zu gehen, sie eröffnet eine eigene Praxis, in der sie arme Menschen auch umsonst behandelt und heiratet 1934 den Historiker Emil Dürr, dessen plötzlicher Tod sie nur schwer verkraftet. Zwei Jahre später folgt ihre zweite Heirat mit seinem Nachfolger Werner Kaegi, ebenfalls Geschichtsprofessor in Basel. Doch der Tod ihres ersten Mannes ist nur äußerlich überwunden, innen bricht sich bei dieser merkwürdigen protestantischen Mystikerin eine spirituelle Krise Bahn, die sich in einer schweren Herzattacke somatisiert.
Kurz danach kommt es zur ersten Begegnung mit von Balthasar. Er schreibt: „Gegen Herbst 1940 (ich war zu Beginn des Jahres als Studentenseelsorger nach Basel gekommen), nachdem Adrienne von einer schweren Herzattacke aus dem Spital zurückgekehrt war, sprachen wir auf der Terrasse über dem Rhein – ein gemeinsamer Freund hatte die Begegnung vermittelt – über die katholischen Dichter Claudel und Péguy, die ich eben übersetzte. Ihren Mut zusammenraffend erklärte sie mir, sie möchte auch katholisch werden. Bald darauf sprachen wir über ihr Gebet (…)“
Adrienne vertraut dem priesterlichen Freund, der schließlich zu ihrem Seelenführer und geistlichen Gefährten werden wird an, dass es ihr seit einiger Zeit unmöglich sei, das Vaterunser zu beten, ein Gebet, das sie bis zu dem Tode ihres ersten Mannes sehr geliebt habe – und zwar wegen der Zeile „Dein Wille geschehe“!
Von Balthasar legt ihr diese Bitte aus dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, so verständig aus, dass es ihm scheint, als hätte er einen Schalter in seiner Gesprächspartnerin umgelegt:“(….) als hätte ich unversehens auf einen elektrischen Knopf gedrückt, der auf einen Schlag alle Lichter im Saal entzündete. Adrienne war von allem Hemmenden losgekettet, ihr Gebet begann sie wie lang aufgestaute Fluten fortzureißen. Im Unterricht verstand sie alles sofort, als hätte sie nur – und wie lang! – darauf gewartet, gerade dies zu hören, um es zu bejahen. Sie wurde am Fest Allerheiligen getauft (…)“
Tatsächlich hatte Adrienne zu allen Heiligen einen besonderen Bezug, oft „schaute“ sie deren Gebetshaltungen und -weisen. Hinzu kamen kurz nach ihrer Taufe immer mehr Passionen, in denen sie das Leiden Jesu durchlitt, sie die Stigmata vorübergehend empfing und deren Höhepunkt stets in der „Karsamstagserfahrung“ gipfelte. Von Balthasar begann sie während ihrer Schauungen ab 1943 eine Einführung in das Johannesevangelium“ zu diktieren – seine Theologie wurde zunehmend und derart von Adrienne beeinflusst, dass immer mehr Kollegen ihr Befremden und ihre Irritation über die Tatsache äußerten, dass von Balthasar zudem auch noch gemeinsam mit dem Ehepaar von Speyr-Kaegi unter einem Dach lebte, immerhin 15 Jahre von den insgesamt 27 Jahren der gemeinsamen Arbeit. Insbesondere seine Ordensoberen fühlten sich von dieser Beziehung derart skandalisiert, dass sie ihn vor die Entscheidung stellten, entweder die Zusammenarbeit mit Adrienne weiterzuführen und den Orden zu verlassen oder im Gehorsam gegenüber seinen Gelübden die Verbindung zu Adrienne abzubrechen. Mittlerweile nimmt auch der Bischof an ihm Anstoß. Selbst gute Freunde halten Adriennes Schauungen für illusorisch, für eingebildete Zustände und einen „holier than thou“-Größenwahn, den der Theologe teile und unterstütze.
Doch für von Balthasar ist glasklar, dass es sich hier um einen göttlichen Auftrag handle, den er mit Adrienne zu erfüllen hat: Zunächst gründen sie fünf Jahre nach ihrem ersten Treffen die Johannesgemeinschaft, ein Säkularinstitut zunächst für Frauen; Johannes war Adriennes Lieblingsheiliger und sie hatte einen besonderen Bezug zu ihm. Er wird später in den 80er Jahren diese Mission in dem Büchlein „Unser Auftrag“ genauer beschreiben, um, wie er sagt „zu verhindern, dass nach meinem Tod der Versuch unternommen wird, mein Werk von dem Adriennes von Speyr zu trennen.“ In dieser Zeit entsteht dann auch der Priesterzweig dieser Gemeinschaft.
Der Austritt aus dem Orden, den er immer als geistige Heirat betrachtet hatte, ist ihm sehr schwer gefallen, doch seine Überzeugung, Gott gehorsamer sein zu müssen als seinen Ordensoberen war unverrückbar und wurde von Adrienne gestützt – gegen eine Seherin, die ungezwungen Umgang mit dem heiligen Ignatius von Loyola pflegte, hatte die Gesellschaft Jesu einfach die schlechteren Karten. 1952 erscheint sein Werk „Die Schleifung der Bastionen“, das wie ein Befreiungsschlag wirkte, ein persönlicher ebenso wie einer innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft.

Bei aller verständlichen Skepsis gegenüber Adriennes Zuständen: Es handelt sich um ein kirchliches Erfolgsmodell, weibliche Prophetie mit männlichem Intellekt und Seelenführerschaft zu verbinden: Angefangen von Hildegard von Bingen und ihrem Volmar über Angela von Foligno und ihren Seelenführer Arnaldo, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, Franz von Sales und Jeanne de Chantal bis hin zu Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano. Doch die Kirche befand sich mittlerweile in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war zu „aufgeklärt“ für diese Form gemeinsamer Berufung. Von Balthasar hatte sich nach dem Tode Adriennes – zu diesem Zeitpunkt liegen bereits 34 ihrer Bücher in Druckform vor – viele Gedanken über dieses Thema gemacht und sich dabei von dem innerkirchlich immer noch umstrittenen Teilhard de Chardin inspirieren lassen, der die „männlichen und weiblichen Teile der Natur“ als vereinigte Paare zu Gott aufsteigen sah. Hans Urs von Balthasar schreibt 1977 von den paarweise Berufenen, dass sie „zwei in einem Rufe“ seien, für die gelte, was auch über die natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau geschrieben steht: „Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen.“
Der Jahrhunderttheologe und Mozartliebhaber Joseph Ratzinger, der, was die Herrlichkeit und Weite seines Werkes betrifft, wohl Hans Urs von Balthasar auf Augenhöhe begegnet – und mit ihm gemeinsam u.a. die Zeitschrift „Communio“ begründete, hat es in einem 1999 gegebenen Interview wie folgt trefflich beschrieben:
„Hans Urs von Balthasar ist undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Ich glaube, man könnte bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neue theologische Aufbrüche nur dann ermöglicht werden, wenn zuerst ein prophetischer Durchbruch da ist. (…) die eigentlichen Durchbrüche, in denen dann wieder große Theologie neu entsteht, kommen nicht einfach aus dem rationalen Geschäft der Theologie, sondern aus einem charismatischen, prophetischen Anstoß heraus. (…) Die Theologie als wissenschaftliche Theologie im strengen Sinne ist nicht prophetisch, aber sie wird nur wirklich lebendige Theologie, wenn sie von einem prophetischen Impuls angeschoben und erleuchtet ist.“

Von Balthasars Tod erfolgt schließlich unter ähnlich signifikanten Umständen wie derjenige Adriennes, die am Tag der heiligen Hildegard von Bingen, einer Ärztin und Seherin, wie sie selbst eine war im Jahre 1967 starb. Der Ex-Jesuit und Theologe, der niemals einen Lehrstuhl innehatte, der große Universalgelehrte und Literaturliebhaber, den niemand zum Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater eingeladen hatte, er sollte eine – wahrscheinlich die größte Ehrung erhalten, die ein Papst vergeben kann: Der polnische Papst, selbst ein großer Frauenfreund und überzeugt von der Dualität und Komplementarität der Berufungen von Mann und Frau in der Kirche, ernannte ihn zum Kardinal, zu einem Prinzen der Kirche. Doch nur zwei Tage vor der Kreiierungszeremonie verstarb von Balthasar schicksalhaft am 26. Juni 1988 in Basel, knapp 20 Jahre nach Adrienne. Aufgabe der Nachwelt könnte es sein, immer neu zu versuchen, deren Werk und das von Balthasars in Synthese und kongruent zu rezipieren und so abschließend zur Vollendung zu bringen.

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