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Heiliger Pellegrino Laziosi – Schutzpatron der Krebskranken

Forlì in der Emilia-Romagna ist sozusagen die kleine Schwester Bolognas, doch bleibt das Städtchen heute von den meisten ausländischen Touristen eher unbeachtet. Den meisten ist es lediglich durch seinen kleinen Flughafen bekannt, der von einer Billigfluglinie genutzt wird, so dass man preiswert ein Wochenende im nahe gelegenen Bologna verbringen kann.

Für zahlreiche Pilger aber, die um den geistlichen Schatz dieses Städtchens wissen, besitzt eine Wallfahrt nach dort immense, ja lebenswichtige Bedeutung. Denn in der Basilika San Pellegrino Laziosi befindet sich der Schrein des gleichnamigen Heiligen, der als Schutzpatron der Krebskranken und der chronisch Kranken verehrt wird. Die Basilika in der Via Girolamo Mercuriali im historischen Zentrum wird von den Brüdern des Servitenordens betreut; sie beten auch mindestens wöchentlich in den und für die Anliegen aller Schwerkranken und Leidenden weltweit, die vielleicht schon zu gebrechlich sind, um sich auf den Weg nach Forlì zu machen.

Der Geburtstag des Pellegrino Laziosi ist unbekannt. Man nimmt an, dass er entweder um 1250 oder 1265 in Forlì geboren wurde. Die Überlieferung besagt, dass er das einzige Kind seiner Eltern war und deshalb besonders geliebt und verwöhnt worden sei. Eine weitere überlieferte Begebenheit im Zusammenhang mit seiner Bekehrung ist umstritten: Pellegrino soll sich am Aufstand unzufriedener Bürger gegen den Kirchenstaat, dem Forlì angehörte, beteiligt haben und dabei handgreiflich gegen einen der Begründer des Servitenordens geworden sein, der versuchte, die Menge zu besänftigen.
Der „Ordo Servorum Mariae“ geht auf die Initiative von Florentiner Kaufleuten zurück, die sich in den Dreißiger Jahren des 13. Jahrhundert zusammenfanden, um mit und durch die Verehrung Mariens, Gott und den Menschen zu dienen. Die Serviten übernahmen sehr bald die Ordensregel des Augustinus und verbreiteten sich bald in ganz Italien sowie in Deutschland und Frankreich. Auch Laien fühlten sich von dem Charisma der „Diener Mariens“ angezogen, die Terziaren erhielten zweihundert Jahre später offizielle päpstliche Anerkennung.

Doch zurück zu unserem Pellegrino, der über seinen tätlichen Angriff auf einen Gottesmann so erschüttert gewesen sein soll, dass er sich zunächst entschuldigte und schließlich bekehrte. Während eines langen, flehentlichen Reuegebetes vor dem Bild der Muttergottes in einer Kirche wurde ihm eine Vision geschenkt, in der Maria ihm sagte, sie wolle ihn errettet sehen, sie werde ihm selbt den Weg zur Seligkeit zeigen. Befiehl, o Himmelskönigin, soll Pellegrino geantwortet haben, und ich werde dir gehorchen. Maria erwiderte, in dem sie sich auf die wörtliche Bedeutung seines Vornamens Pellegrino – „Pilger“, bezog, er solle nach Siena in den Konvent des Servitenordens pilgern, wo er heilige Männer vorfinden werde, denen er sich anschließen möge. Und so machte sich unser Pellegrino ohne zu zögern auf den Weg nach Siena, um sich im dortigen Konvent vorzustellen. Nach seiner Probezeit ließ er sich mit dem schwarzen Habit der Diener Mariens einkleiden und legte die Gelübde von Keuschheit, Armut und Gehorsam ab.
Wie lange er in Siena blieb ist unklar, jedoch soll ihn sein Oberer im Alter von 30 Jahren zurück nach Forlì geschickt haben, damit er in seiner Geburtsstadt Gott und den Menschen dienen, die Gläubigen durch seine große Bußfertigkeit und sein asketisches Leben ermutigen und die Ungläubigen unterweisen solle. Er wachte ganze Nächte auf Knien im Gebet durch, wenn er nicht fastete, nahm er seine Mahlzeit im Stehen ein. Jeden Tag ging Pellegrino zudem zur Beichte und bekannte unter Tränen seine Sünden. Kurz, er brannte vor Eifer, den Willen Gottes zu tun und seine Gebote zu erfüllen.

Die Zeit der Prüfung kam auch für diesen vorbildlichen Heiligen: Als er 60 Jahre alt war schwoll sein rechtes Bein an und wurde brandig. Ursache war vermutlich ein Venenleiden, verschlimmernd hinzu kam ein aggressiver Knochentumor an eben jenem Bein. Unser Heiliger ertrug sein Leiden tapfer und ohne sich je zu beklagen oder seinen Mitbrüdern zur Last zu fallen, denn er war sich gewiss, dass ihm diese Prüfung von Gott gesandt wurde, um ihn zu vervollkommnen. Sein Arzt sah keine andere Möglichkeit mehr, das Leben Pellegrinos zu retten, als das Bein abzunehmen.
Voller Gottvertrauen schleppte sich der nun auf Leben und Tod Erkrankte in der Nacht vor dem Eingriff zu einer Darstellung des Gekreuzigten, einem Fresko, vermutlich aus der Schule von Rimini, welches heute noch im Kapitularsaal bewundert werden kann. Bevor er erschöpft an Ort und Stelle in den Schlaf fiel, soll er folgendes Gebet gesprochen haben: „O Erlöser der Menschheit, um uns von unseren Sünden freizukaufen hast du dich der Qual des Kreuzes und dem allerbittersten Todeskampf unterworfen. Während Du auf Erden weiltest, hast Du viele Menschen geheilt: Du hast Leprakranke wieder rein und den Blinden sehend gemacht, als er Dich anflehte: ‚Jesus, Sohn Davids, erbarme Dich!’ O Herr, mein Gott, erbarme Dich mir ebenso und befreie mein Bein von dieser Krankheit, denn wenn du es nicht tust, so muss es weggeschnitten werden!“
Im Traum sah Pellegrino den Herrn vom Kreuz steigen, sich niederbeugen und sein Bein berühren – als er wieder erwachte, war er vollständig geheilt. Pellegrino pries glücklich und dankbar den Herrn und kehrte als gesunder Mann in seine Kammer zurück. Wie groß war das Erstaunen des Arztes, der am nächsten Morgen zu Pellegrino kam, um den Eingriff durchzuführen! Zunächst dachte der verblüffte Chirurg, der fromme Mann spräche im Fieberwahn, als er ihm wieder und wieder beteuerte, dass Gott, der Herr in vollständig geheilt habe und er wieder nach Hause gehen könne. Schließlich konnte er sich selbst davon überzeugen, in dem er Pellegrinos Bein nochmals eingehend untersuchte – kein Brand mehr, kein faulendes Gewebe, alles wieder heil und wie neu!

Die Nachricht von diesem Wunder, das von einem Arzt noch dazu bestätigt werden konnte, verbreitete sich in Windeseile. Zahlreiche Menschen strömten herbei und dankten Gott, andere bekehrten sich. Als Pellegrino Laziosi im Alter von 80 Jahren an einem Fieber starb, nahmen so viele Menschen Anteil, dass Forlì in der Nacht seine Stadttore nicht schließen konnte. Wie so oft, wenn ein Heiliger gestorben ist, wurde davon berichtet, dass sein Körper nach dem Tode noch einen wunderbaren und überirdischen Duft verströmte. Doch es geschah ein noch weit größeres Wunder: Ein blinder Bettler, der vom Tode Pellegrinos gehört hatte und vor dessen aufgebahrten Leichnam um Heilung bitten wollte, widerfuhr vor einer großen Menschenmenge folgendes: Der leblose Körper Pellegrinos soll sich aufgerichtet und den Mann mit dem Kreuzzeichen gesegnet haben – im selben Augenblick hatte er sein Augenlicht wiedererlangt und pries die Größe und Allmacht Gottes. Weitere, spektakuläre Heilungswunder geschahen – doch die katholische Kirche ließ sich ein wenig Zeit mit der Kanonisierung dieses schon zu Lebzeiten hoch verehrten Heiligen: 1609 erfolgte die Seligsprechung durch Papst Paul V., die Heiligsprechung durch Benedikt XIII. erfolgte über 100 Jahre später, 1726.

Heute ruht unser Pellegrino in einem gläsernen Schrein in einer Seitenkapelle der Basilika, die seinen Namen trägt und ein bedeutendes Heiligtum des Servitenordens ist. Ihre Fassade aus dem 13. Jahrhundert hat sich weitgehend erhalten. Neben dem Besuch der Kapelle des Heiligen empfiehlt sich auch die Besichtigung des Kapitelsaals, in dem sich heute noch das Fresko mit der Darstellung des Gekreuzigten befindet, vor dem das Heilungswunder an Pellegrino geschah.
Am Eingang gleich rechts verdient ein sehr schönes und typisches Renaissancegrabmal für Luffo Numai Beachtung, der zur Zeit der Caterina Sforza und der Borgias ein wichtiger Politiker und Ratgeber in Forlì war. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt der hölzerne Chor hinter dem Hauptaltar, der von einer beeindruckenden Addolarata-Statue des Bologneser Bildhauers Angelia Pio (1690-1770) überragt wird. Die Orgel über dem Portal wurde von dem Venezianer Orgelbaumeister Gaetano Callido gebaut.

Ein Besuch beim heiligen Pellegrino empfiehlt sich vor allem in den ersten Maitagen, sein Festtag ist 1. Mai, der Servitenorden gedenkt seiner am 4. Mai. Zum Festtag sind auf dem Platz vor der Basilika unzählige Stände mit buntem Zitronat und Zitrusfrüchten aufgebaut, wie es einer alten Tradition entspricht, deren Ursprung nicht mehr genau festzustellen ist.
Wer in einem ernsten Anliegen in versammelter Stille um die Fürsprache des heiligen Pellegrinus für sich oder andere bitten möchte, meidet aber vielleicht diesen Tag besser. Unzählige Gläubige haben sich im Laufe der Jahrhunderte mit ihren Anliegen vertrauensvoll an ihn gewendet, viele sind erhört worden; eine erstaunlich große Zahl, nämlich über 300 sollen es allein in der kleinen umbrischen Stadt Città di Castello gewesen sein.
Dort wirkte Pater Tassinari, ein Servit aus Forlì, als geistlicher Führer der heiligen Veronika Giuliani (Vatican-Magazin Mai 2012), dessen Gangrän, also Wundbrand, in den Jahren 1702 und 1726 geheilt wurde. Im Jahre 1716 genas die heilige Veronika sofort und vollständig von einer lebensgefährlichen Infektion, während Tassinari für sie eine Messe zu Ehren Pellegrinos feierte. Durch die Ausbreitung der Serviten, die in Rom mit dem „Marianum“ eine päpstliche theologische Fakultät unterhalten, welche sich insbesondere der Mariologie widmet, wird die Verehrung des Heiligen heute in ganz Europa wie auch in Kanada, den USA, Brasilien und sogar auf den Philippinen praktiziert.

[Zuerst erschienen in Vatican-Magazin, Rubrik Heiligtum der besonderen Art]

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