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Ulrich Nersinger: Paul VI. – ein Papst im Zeichen des Wiederspruchs


Pünktlich zur Seligsprechung Paul VI. Mitte Oktober des Jahres hat der renommierte Vatikanist und Historiker Ulrich Nersinger seinen schmalen, gut lesbaren Band zur Persönlichkeit dieses Papstes vorgelegt, der vielen, vor allem jüngeren – aber nicht nur diesen – Katholiken doch eher fremd geblieben ist. Auf ihn folgte im 1978 Johannes Paul I., dessen Amtszeit nur knapp einen Monat währte. Im gleichen Jahr wurde Johannes-Paul II. gewählt, dessen Pontifikat zum zweitlängsten der Kirchengeschichte wurde. Nicht nur quantatitiv unterschied sich der Pole auf dem Papstthron von seinen Vorgängern – wir wissen über seine Persönlichkeit, seine Denkweise, seine Aussagen und seine Spiritualität viel mehr – oder glauben, mehr zu wissen – weil er sich geschickt die Macht der Medien zunutze machte, seine Person zu „inszenieren“ verstand: Wojtyla hatte Bühnenerfahrung, und das merkte man ihm meistens an – dies als Anmerkung in positiver Hinsicht.
Bei Paul VI. war das anders. Sein Pontifikat wird allzu häufig reduziert auf die – je nach kirchenpolitischem Lager – ge- oder missglückte Liturgiereform, die unter seiner Ägide durchgesetzt wurde. Häufig wird dabei die Anekdote erzählt, wie Seine Heiligkeit nach vollzogener Liturgiereform seinen Privatsekretär nach Pfingsten verwundert fragte, wieso der ihm grüne Messgewänder bereit gelegt habe, man befände sich noch in der Pfingstoktav mit der eigentlich vorgeschriebenen liturgischen Farbe Rot – „Aber“, so der verunsicherte Mann, „Eure Heiligkeit haben doch höchstselbst die Pfingstoktav abgeschafft“. Auf diese Antwort hin, so wird kolportiert, soll der Papst in Tränen ausgebrochen sein.
Man wird es Ulrich Nersinger hoch anrechnen müssen, dass er es unternommen hat, den wahren Charakter dieses Pontifex, den eigenen Wert dieses häufig unterschätzten, auf die Reform verkürztes Pontifikats herausgearbeitet zu haben. Es war seine Absicht, einen Abschnitt der Kirchengeschichte, der in seiner Tiefe nicht mehr wirklich verstanden wird, auszuloten, um die kirchliche Gegenwart zu verstehen und die Zukunft im christlichen Glauben anzugehen.

Paul VI. war viel mehr, viel erhabener als derjenige, der über seine eigene Liturgiereform angeblich in Tränen ausbrach, derjenige wegen seiner Enzyklika Humanae Vitae, die erst heute allmählich verstanden wird, als „Pillen-Paule“ verächtlich gemacht wurde. Paul VI. war ein Mann von hoher Zivilcourage und großer Beherztheit. Giovanni Battista Enrico Antonio Maria Montini, wie sein voller Name lautete, zeigte diese Tugenden selbst am Vorabend des Konklaves im Monat Juni des Jahres 1963. Er schreibt nämlich an den Chefredakteur der katholischen Zeitschrift „The Tablet“ eine harsche Kritik an dem Bild Pius‘ XII., wie es Rolf Hochhuth in seinem „Stellvertreter“ dargestellt – oder vielmehr entstellt – hat. Der Brief trifft in der Redaktion eine Stunde nach der Wahl Montinis ein und wird am 29. Juni 1963 abgedruckt.
Von diesem engagierten und kraftvollen Brief, den Nersinger in Auszügen zitiert, ist eher selten die Rede, wenn es um Paul VI. geht. Er scheut sich auch nicht, massiv in das noch tagende, von ihm wieder einberufene Zweite Vatikanische Konzil einzugreifen, als es zur Bedeutung Mariens in der Kirche kommt. Am 22. November 1964 hat er sich durchgesetzt und erklärt Maria feierlich zur Mutter der Kirche.
Nersinger sucht nicht nur in Selbstzeugnissen und Konzilsdokumenten nach einer Beschreibung, die diesem Papst gerecht wird, sondern auch in Berichten von Zeitgenossen. Zuvorderst ist da auch Jean Guitton zu nennen, der französische katholische Philosoph, der im Jahre 1967 ein Gespräch mit Paul VI. in Buchform veröffentlichte.
Löwenmut, Beherztheit und grenzenloses Vertrauen sind sicherlich nicht die Attribute, die einem beim Gedanken an den Montini-Papst in den Sinn kommen. Doch tatsächlich ist es seiner – eigentlich umstrittenen – Geste zu verdanken, das Andreashaupt im Jahre 1964 nach Griechenland zurücksenden, als Zeichen der Versöhnungsbereitschaft und seines guten Willens. Tatsächlich gelang es unter seiner Ägide, was keinem Papst seit fast tausend Jahren gelungen war: Die Aufhebung der gegenseitigen Exkommunikation zwischen West- und Ostkirche, die seit dem Jahre 1054 bestanden hatte, gelingt mit einer gemeinsamen Erklärung.
Die Jahre des Montini-Pontifikats sind geprägt von Vietnamkrieg und Terror; Paul VI. versucht zu vermitteln. Der 1. Januar, den wir jedes Jahr als Tag des Friedens feiern, geht auf seine Initiative zurück.
Es ist erstaunlich, wie viele Entdeckungen zur Persönlichkeit Paul VI., wie viel Wissenswertes Ulrich Nersinger in seinem kleinen Band zusammengetragen hat – und wie viel Interesse er selbst bei dem zu erwecken mag, der diesem Papst im Rückblick eher skeptisch gegenüber stehen mag. Wie immer reiht Nersinger nicht einfach trockene Quellen an- und hintereinander, sondern er ordnet sie mit leichter Hand zu einem gelungenen Spannungsbogen, der durch die Höhen und Tiefen eines Pontifikates in herausfordernder Zeit führt.
Wer sich mit der jüngeren Kirchengeschichte beschäftigt und die Gegenwart verstehen will, kommt um dieses empfehlenswerte Büchlein, das mit dem ebenso bewegenden wie beeindruckenden geistigen Testament Montinis schließt, nicht herum.

Ulrich Nersinger: Paul VI. – ein Papst im Zeichen des Widerspruchs.
Patrimonium-Verlag Mainz 2014
ISBN-13:978-3-86417-027-0
EUR 14,80

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