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Category — Veröffentlichungen

Geistliches Paar: Dorothy Day und Pierre Maurin – mein Artikel aus Vatican-Magazin Februar 2016

Am 8. Dezember 1932 sitzt eine junge Frau in der Basilika zur Unbefleckten Empfängnis in Washington, D.C. und betet unter Tränen um eine Weisung für ihr Leben. Sie hatte zuvor an einem Hungermarsch durch die Stadt teilgenommen, wie sie von ihren ehemaligen kommunistischen Genossen für Arbeitslose und sozial Benachteiligte organisiert werden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Mitte Dreißig und blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Dorothy Day war kommunistische Aktivistin und Anarchistin, sie hatte eine Affäre und eine Abtreibung sowie zwei gescheiterte Ehen hinter sich.
Ihre Eltern gehörten der episkopalen Kirche an, Dorothy bekam schon als Mädchen einen Bezug zum Christentum. Sie las viel, auch die Bibel und beschäftigte sich sowohl mit russischen christlichen Schriftstellern wie Dostojewskij oder Tolstoj, als auch mit radikal pazifistischen, kommunistischen und anarchistischen Vorstellungen und Weltansichten. Obwohl sie als junge Frau sowohl für eine sozialistische als auch eine kommunistische Zeitung schrieb, war ihre kompromisslose pazifistische Einstellung wohl das prägende Element ihres Charakters, neben der späteren Überzeugung von der Wahrhaftigkeit der katholischen Lehre und ihrer überzeugten orthodoxen Haltung hinsichtlich des Magisteriums. Der Pazifismus war es auch, der sie davor bewahrte, weiterhin den Weg ihrer sozialistisch-kommunistisch inspirierten Freunde zu gehen: Sie lehne aufgrund ihrer Überzeugung auch den Klassenkampf als solchen ab. Während der Zeit kurz vor ihrer Konversion führte sie ein unkonventionelles Leben im New Yorker Künstler- und Musikerviertel Greenwich Village, war mit Schriftstellern wie Eugene O’Neill und John Reed befreundet.
1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist sie in zweiter Ehe mit dem Biologen und Anarchisten Forster Batterham verheiratet. Als sie ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie überglücklich und voller Dankbarkeit – war sie doch nach dem schlimmen Eingriff ihrer Abtreibung davon überzeugt, nicht mehr empfangen zu können. Sie empfindet diese Schwangerschaft als pure Gnade und wahres Gottesgeschenk. Ihre Dankbarkeit ist so außerordentlich groß, dass – obwohl Day selbst noch nicht in die Kirche eingetreten ist, sie ihre Tochter im Juli 1927 katholisch taufen lässt. “Ich wollte meinem Kind die Orientierungslosigkeit ersparen, die ich oft erlebte, ich wollte gläubig sein, und ich wollte, dass mein Kind gläubig wird, und wenn die Zugehörigkeit zu einer Kirche ihr die unschätzbare Güte des Glaubens an Gott, und die umgängliche Liebe der Heiligen zuteil werden ließe, dann musste sie katholisch getauft werden.” Ihre Hingezogenheit zur katholischen Kirche sorgt bei ihrer näheren Umgebung für zunehmendes Unverständnis, insbesondere Batterham verachtet Religion und die katholische Kirche ganz besonders und weigert sich, der Taufzeremonie beizuwohnen. Day selbst wird am 28. Dezember 1927 in die Una Sancta aufgenommen, worauf die Beziehung zu Batterham endgültig zerbricht.
Die Verhältnisse innerhalb der US-amerikanischen Kirche nimmt sie eher schmerzhaft wahr: Die Gemeinden leben in relativem Wohlstand, aber sie kümmern sich in den Augen von Day zu wenig um die Rechte der Armen, der Arbeiter, der Schwarzen, Mexikaner und Filipinos. Und sie überlegt, was sie selbst innerhalb der Kirche dagegen tun könnte. Insbesondere fragt sie sich, wieso es ihren ehemaligen Kameraden, den Kommunisten, eigentlich viel besser und effektiver gelingt, Aktivitäten gegen soziale Ungerechtigkeiten und Armut zu organisieren, als der Kirche, deren Kernanliegen dies doch sein müsse. Sie als einzelne konnte natürlich dagegen anschreiben und protestieren, aber es müsse doch auch innerhalb der Kirche Persönlichkeiten und Leitfiguren geben, die eine solche Initiative führen und bündeln könnten … Dorothy Day trägt ihr Anliegen an jenem 8. Dezember fünf Jahre nach ihrem Eintritt in die Kirche vor die Immaculata: “Ich sprach ein besonderes Gebet, ein Gebet unter Tränen und Seelenqual, dass sich mir irgendein Weg auftun möge, um die Begabungen, die ich besaß für die Arbeiter und die Armen zu nutzen.”
Noch im gleichen Monat stellt sich Peter Maurin bei ihr vor, der ihr geistlicher Weggefährte und Kampfgenosse in ihren Anliegen für die Armen, die Arbeitslosen, die Lohnarbeiter und alle sozial benachteiligten werden soll – sie selbst hat es als Gebetserhörung bezeichnet.

Als Pierre Aristide Maurin am 9. Mai 1877 in eine Bauersfamilie im Languedoc geboren, trat er bereits mit 16 Jahren in eine christliche Ordensgemeinschaft ein, die sich der Frömmigkeit und der Unterstützung für die Armen widmete. Doch er wollte nicht nur religiös, sondern auch auf politischer Ebene etwas bewegen, weshalb er nach zehn Jahren bei den Christlichen Brüdern die Gemeinschaft verließ und Mitglied bei Le Sillon, einer katholischen Laienbewegung, wurde, die sich nicht nur religiös, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Kooperativen engagierte. Doch dort erschien ihm der Schwerpunkt wiederum zu stark auf politischem Engagement zu liegen. Unzufrieden verließ er auch diese Gemeinschaft und emigrierte 1909 nach Kanada, um dem Einzug zum militärischen Dienst zu entgehen und wo er ein ausgesprochen unstetes Leben führte; tatsächlich wurde er mehrmals wegen Landstreicherei und dem illegalen Mitfahrens auf Güterzügen inhaftiert. Maurin übernahm die härtesten Arbeiten, um sich über Wasser zu halten, erstrebte für sich aber keinerlei persönlichen Komfort, keinen eigenen Besitz oder gar Wohlstand. Er legte Bewässerungsgräben an, arbeitete in Sägemühlen und im Kohlebergbau, half bei der Getreideernte und fand daneben noch die Zeit, sich in öffentlichen Bibliotheken weiter theologisch fortzubilden und seine bereits beträchtlichen Kenntnisse der Schriften der Kirchenväter weiter zu vertiefen. Doch den entscheidenden Anstoß, wie er sein eigentliches Anliegen, die Umgestaltung der Gesellschaft in einem zutiefst katholischen Sinne und gemäß den Werten des Neuen Testamentes umsetzen könnte, bekam er – ausgerechnet – von den Schriften und Ideen eines russischen kommunistischen Anarchisten: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der elf Jahre vor Maurins erster Begegnung mit Dorothy Day verstorben war. Day ihrerseits kannte zwar Kropotkins Memoiren zu diesem Zeitpunkt, nicht aber seine „taktischen“ Schriften wie „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“. Maurin, der in Day eine Art heilige Katharina von Siena des 20. Jahrhunderts sah, vertiefte aber vor allem ihre theologische und geistliche Bildung, indem er sie dazu anhielt, die Geschichte in ihrer historischen Entwicklung nicht als Abfolge von Herrschern, Staaten und Systemen zu betrachten, sondern anhand der katholischen Heiligen in ihrer jeweiligen Zeit. Es waren insbesondere Augustinus und der Augustiner Thomas a Kempis mit seiner berühmten Schrift über die Nachfolge Jesu, aber vor allem inspirierten sie die Karmeliten: Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux.
Es war schließlich auch Maurin, der sie dazu anspornte, eine eigene Zeitung zu gründen, während Day noch darüber nachgrübelte, wie sie das Geld dafür aufbringen solle. „In der Geschichte der Heiligen“, ermutigte er sie, „wird notwendiges Kapital durch Gebete aufgebracht. Gott schickt dir, was du brauchst wann du es brauchst. Du wirst die Druckerei entlohnen können. Lies es einfach bei den Heiligen nach.“
Am 1. Mai 1933 erschien die Zeitung „Catholic Worker“, „Katholischer Arbeiter“, zum ersten Mal, und somit war die „Katholische Arbeiterbewegung“ in den USA gegründet. Der Verkaufspreis betrug 1 Cent, die Mitarbeiter schrieben ohne Bezahlung, und der „Katholische Arbeiter“ kam ohne Werbeeinnahmen durch Schaltung von Anzeigen aus. Das völlig Neuartige am „Catholic Worker“ war, dass er radikal , im Sinne des Evangeliums und zugleich katholisch war. Maurins Gedanken zur radikalen Denkweise und Lebensführung basierte auf den Lebensregeln der alten irischen Mönchsgemeinschaften, den Anschauungen eines Thomas von Aquin und eines Thomas Morus bis hin zu den „Personalisten“, den Vertretern eines sozialen Katholizismus im Frankreich des 20. Jahrhunderts, wonach jede gesellschaftliche Veränderung nur durch eine Veränderung der persönlichen Lebensweise – in konsequenter Jesusnachfolge – bewirkt werden könne. Von Maurin stammte auch der 3-Punkte-Plan für die Bewegung der „Catholic Worker“ – erstens die gemeinsamen Lehr- und Debattiertreffen, faktisch „offene Universitäten für alle“, zweitens „Häuser der Gastfreundschaft“, um Menschen beherberge und speisen zu können sowie drittens autarke Farmen im Hinterland, die sich selbst und die karitativen Häuser versorgen konnten – von denen es im Jahr 1941 bereits 30 autonome Einheiten gab – eine Mischung aus irischer Mönchsgemeinschaft und den Ideen eines Kropotkin also. Peter Maurin konnte den wachsenden Erfolg der gemeinsam mit Day gegründeten Arbeiterbewegung noch erleben, bevor er am 15. Mai 1949, dreißig Jahre vor seiner Weggenossin, auf einer der Farmkommunen verstarb. Das Time Magazin schrieb damals, er sei in einem abgelegten Anzug und einem geschenkten Grab bestattet worden – einem Mann angemessen, der nie in einem eigenen Bett geschlafen und ausschließlich Anzüge , die ihm von anderen geschenkt wurden, getragen habe.

Mai 18, 2017   No Comments

Meine große Reportage über den Wallfahrtsort Fatima in Portugal

findet sich in der aktuellen Ausgabe des „Cicero-Magazin für politische Kultur“, Mai 2017, in der Rubrik Salon und dem Titel „Lichter, List und Liebe“

Einen Blick ins Heft gibt es auf den Seiten von cicero.de

April 28, 2017   No Comments

Amazon-Rezensionen für „Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse“

Für mein Buch „Konvertiten.Ergreifende Glaubenszeugnisse“, letztes Jahr erschienen, gibt es inzwischen direkt bei Amazon zwei sehr freundliche Rezensionen:

Karl Dieter Wünstel (Auszug): „Ich konnte es fast nicht mehr aus der Hand legen. Allein die Auswahl der beschriebenen Persönlichkeiten bildet ein breites Spektrum ab. Die einzelnen Berichte sind fesselnd dargestellt und verleiten zum Nachdenken und Reflektieren des eigenen Glaubensverständnisses.“

„Jaroschek“ (Auszug): „Höchst wichtig ist das Kapitel über Roms Oberrabbiner Zolli, der Christ wurde, inzwischen aber weitgehend in Vergessenheit geriet. In diesem Kapitel wird das absolut falsche Zerrbild, das Hochhuth mit seinem ‚Stellvertreter‘ von Pius XII zeichnet, korrigiert. Viele Juden bestätigten nach dem Krieg die Rettung vieler Juden durch Pius XII. Pinchas Lapide sprach von Hunderttausenden. Allein etliche historische Korrekturen machen dieses Buch wertvoll.“

Herzlichen Dank den Rezensenten für ihre Mühe!

Die Rezensionen im ganzen Wortlaut und die Bestellmöglichkeit auf Amazon hier:

April 22, 2017   No Comments

Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht – Selige Angela da Foligno: Mystikerin und magistra theologorum

Überstrahlt vom Glanz des nur zwanzig Kilometer entfernten Assisi liegt das Städtchen Foligno brettflach an den Ufern des Flüsschens Topino, flankiert von üppig mit Olivenbäumen bewachsenen Hügeln. Einst von den Umbrern begründet, haben es die Römer 295 v. Chr. im Zuge der Schlacht von Sentinum erobert. Das antike Fulginium wurde zur Zeit des Römischen Reiches eine wichtige Station auf der Via Flaminia. Für die Christenheit hat der Ort schon früh große Bedeutung erlangt: der heilige Felitian, Bischof und Missionar der ganzen Region, erlitt dort im Jahre 249 das Martyrium – zuerst wurde er gefoltert, hernach von Pferden zu Tode geschleift. Um seine Grabstätte – die heutige Dom-Krypta – baute man im Mittelalter eine Befestigung und nannte den Ort Castrum Santi Felitiani.
Dass Foligno in der zweiten Hälfe des 13. Jahrhunderts als weiterer Brennpunkt franziskanischer Spiritualität in Umbrien Ruhm erlangte, ist der Seligen Angela zu verdanken.
Rund zwanzig Jahre nach dem Tode des poverello wurde Angela hier als Tochter wohlhabender Eltern geboren. Nur wenig weiß man von ihrem Leben vor ihrer Bekehrung. Dass sie ihren Vater früh verloren hat, sie bereits als junges Mädchen verheiratet wurde, sie ihre Kinder sehr geliebt haben muss. Rückschlüsse auf ihre damalige Lebensweise lässt eine Äußerung zu, die aus ihren Schriften überliefert ist: „Ihr sollt wissen, dass ich mich mein Leben lang bemüht habe herauszufinden, wie ich am besten verehrt und bewundert werden konnte.“ Vielleicht liegt darin die paradoxe Ursache, dass aus dieser eitlen und selbstverliebten Frau, die immer nur von anderen umschwärmt und angebetet werden wollte, eine solch glühende Mystikerin wurde, deren visionäre Erfahrungen, die durch harte Askese noch befördert wurden, sie an die Grenze dessen führten, was ein menschlicher Verstand, eine menschliche Seele an Gotteserfahrung noch ertragen kann – und manches Mal sogar darüber hinaus.
Doch zunächst wurden all ihre Versuche, ihr Leben zu ändern und sich zu bekehren, vereitelt. Nicht, dass sie nicht entschlossen genug gewesen wäre, allein, sie hatte eine Sünde begangen, die ihr so peinlich war, dass sie sich vor Scham und Selbstverachtung außerstande sah, sie einem Priester zu beichten. Angela tat das einzig Richtige, was man auch heute noch, sollte man sich diesem Problem ausgesetzt sehen, tun kann: Sie erflehte geistlichen Beistand vom Hl. Franziskus von Assisi und vertraute sich der vollständigen Barmherzigkeit Gottes an. Kurz darauf erschien ihr Franziskus im Traume und kündigte an, dass sie tags darauf einen guten Beichtvater finden werde, dem sie sich vollständig anvertrauen könne. So geschah es. Fra Arnaldo, ein Franziskanerpater und Verwandter Angelas, war von nun an ihr geistlicher Begleiter, was ihn anfänglich zu überfordern schien.
Einmal saß Angela unaufhörlich kreischend und laut schreiend vor dem Portal der Kirche des Hl. Franz in Assisi – ihre Schreie waren so durchdringend, dass schnell eine große Zahl von Franziskanerpatres zusammenlief, um zu sehen, was wohl Entsetzliches vor sich gehen möge. Fra Arnaldo kam ebenfalls dazu. In seinen Aufzeichnungen gibt er freimütig zu, dass er sich vor seinen Mitbrüdern maßlos schämte. Jeder wusste, dass diese Verrückte mit ihm verwandt war, ja mehr noch, dass er ihr Beichtvater war. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt er weiter, dass sein Erstaunen und sein Stolz zu groß waren, um zu Angela zu gehen und sie zu beruhigen, weshalb er peinlich berührt in einigem Abstand darauf wartete, dass die Schreierei endlich aufhören möge. Als dies endlich der Fall war, stand Angela auf, um ihrerseits zu Arnaldo gehen. Doch der konnte seine Wut kaum verbergen. Er verbot ihr, jemals wieder nach Assisi zu kommen und schärfte dies auch ausdrücklich ihren Begleitern ein. Als er sie ein paar Tage danach in Foligno besuchte und zur Rede stellte, erfährt er zum ersten Mal von ihren mystischen Erlebnissen und erkennt, dass sie vor dem Kirchportal nicht etwa vom Bösen besessen gewesen war, sondern eine Gotteserfahrung durchlebt hatte. Dies ist der Moment, in dem er beschließt, ihre Visionen und Erfahrungen zum Nutzen und Wohle der ganzen Kirche aufzuzeichnen.
Als innerhalb kurzer Zeit ihre Mutter, ihr Mann und ihre Kinder sterben, sieht sie das als Erhörung ihrer Gebete und Zeichen Gottes, dass sie sich nun ganz dem geistlichen Leben widmen solle. Im Jahre 1291 tritt sie in den Dritten Orden der Franziskaner ein.
Tatsächlich erlebte die Kirche insbesondere in den Jahren 1200 bis 1350 eine neue Hochblüte christlicher Mystik, doch Angelas Visionen und Gotteserfahrungen besitzen eine eigene, geradezu schockierende Qualität.
Über das Kreuz findet sie Zugang zur Passion Christi, die sie am eigenen Leib erleiden möchte. In Ekstase wirft sie sogar ihre Kleider vor dem Kruzifix ab, in ihrer inneren Schau steigt sie hinauf, sie legt ihre Lippen in die Seitenwunde und trinkt das göttliche Blut. Ihr Ausruf „Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht!“ ist nicht metaphorisch zu verstehen, sondern beschreibt eine konkrete Erfahrung ihrer Seele: In mystischer Verzückung liegt sie neben dem Gekreuzigten und erfährt die liebevolle Umarmung mit seiner durchgebohrten Hand. Ihre mystische Reise wird sie jedoch noch weit über das Kreuz hinausführen, über die Passion Christi und seinen Sühnetod zur Erfahrung Gottes, des allmächtigen Schöpfers, hin zur Verschmelzung mit der Heiligen Dreifaltigkeit und mit der gesamten sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung: „In dieser Offenbarung Gottes begreife ich und besitze ich jegliche Wahrheit, die da ist im Himmel und in der Hölle und in der ganzen Welt und in jeglichem Ding, und jegliche Freude, die im Himmel ist und in jeglicher Kreatur.“

Derweil unterzieht sie sich strenger Bußpraktiken bis hin zur extremen Selbstabtötung. Nicht nur das Trinken des Badewassers von Leprakranken gehörte dazu – fast schon usus ordinarius bei Asketen dieser Zeit -, auch das Brennen mit glühender Kohle an „drei bestimmten Stellen des Körpers“, um unreine Empfindungen abzutöten gehört dazu, bis Fra Arnaldo es ihr entsetzt verbietet. Immer weiter treibt sie ihre Selbsthingabe, bis zur völligen Auslöschung ihres Willens und in die vollständige Auflösung in die Wahrheit und All-Gegenwart Gottes. Sie erkennt „seine Weise, in jeder Kreatur gegenwärtig zu sein, in allem, was Dasein besitzt, im bösen Geist, im guten Engel, in der Hölle, im Paradies“ und ruft in tiefer Verzückung aus: „Die Welt geht schwanger von Gott!“

Trotz der Wucht ihrer mystischen Erfahrungen, den dazugehörigen Phasen vollständiger Gottesverdunkelung, in denen sie auch körperlich erkrankt, schafft sie es, eine lebendige Gemeinschaft von Schülern und geistigen Kindern um sich aufzubauen. Sie nennt es „Cenacolo“, Abendmahlssaal, eine Vereinigung von Männern und Frauen, Geistlichen wie Laien, die ihr religiöse Leben unter der Leitung von Angela vervollkommnen wollten und sich gleichzeitig auch der Pflege von Kranken, der Speisung von Bedürftigen und der Sorge um die Waisen widmeten.
Angela stirbt nach einer monatelangen Krankheit am 4. Januar 1309. Auf ihrem Sterbebett mahnt sie noch einmal ihre Freunde und geistigen Kinder: „Suchet klein und wahrhaftig, demütig und sanft zu sein.“ Der Kirche hinterlässt sie die beiden Schriften Memoriale – das bereit 1298 fertiggestellt war und in der franziskanischen Gemeinschaft kursierte – sowie die Instructiones.

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Innozenz XII. spricht sie im Jahre 1693 selig. Insbesondere Franz von Sales, Alfons Maria von Liquori und Papst Benedikt XIV. sollen von ihren Schriften beeinflusst worden sein, die Selige Angela bekommt später den Ehrentitel „magistra theologorum“ verliehen – Lehrmeisterin der Gottesgelehrten.
Am 20. Juni 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. die Kirche San Francesco in Foligno, wo ihr gläserner Schrein zur Verehrung aufgestellt ist. Zu diesem Anlass hatte er eigenhändig ein besonderes Gebet verfasst, welches von der innigen Zuneigung zeugt, die der damalige Pontifex für die kleine Selige aus Foligno empfunden haben muss. Zuletzt würdigte sie Benedikt XVI. in seiner Katechesenreihe über heilige Frauen am 13. Oktober 2010.
Keiner könne Entschuldigungen vorgeben, da jeder Gott lieben kann, zitierte Benedikt XVI. die Selige Angela. Auf ihrem geistlichen Weg habe sich der Übergang von der Umkehr zur mystischen Erfahrung, das heißt zum Sagen dessen, was unsagbar ist, durch den Gekreuzigten vollzogen. Der Kern ihrer Lehre sei, sich mit Christus zu identifizieren, sich in ihn hineinzubegeben und sich in der Liebe und in den Leiden Christi verwandeln zu lassen.

Betrachtet man das Leben Angelas, ihre geistliche Wirkung durch die Zeit, die umgekehrt proportional zu ihrer allgemeinen Bekanntheit steht, dann erhält auch das Wort Jesu, das er einmal an sie gerichtet haben soll – „Ich habe dich nicht zum Scherz geliebt!“ – eine tiefere, eine vollkommenere Bedeutung.

Selige Angela von Foligno!
Große Wunder hat der Herr in dir vollbracht.
Mit dankbarer Seele schauen wir heute
und beten das geheime Mysterium der göttlichen Barmherzigkeit an,
die dich auf den Weg des Kreuzes geführt hat
und dich erhöhte zu Heldengröße und Heiligkeit.
Erhellt durch den Gehalt des Wortes,
geläutert vom Sakrament der Buße,
bist du zum leuchtenden Beispiel geworden
für die Tugenden des Evangeliums
eine weise Lehrerin der christlichen Erkenntnis
und sichere Führerin auf dem Weg zur Vollkommenheit.
Du weißt um die Traurigkeit der Sünde,
doch ebenso hast du die vollkommene Seligkeit der Vergebung Gottes erfahren.
Mit freundlichen Worten hat Christus
sich an dich gewandt,
er nannte dich „Tochter des Friedens“
und „Tochter der göttlichen Weisheit“.
Selige Angela, auf deine Fürsprache vertrauend
bitten wir um deine Hilfe
denn ehrlich und ausdauernd sei die Bekehrung desjenigen,
der auf deinen Pfaden wandelnd die Sünde verlässt
und sein Herz der göttlichen Gnade öffnet.
Gib, dass die jungen Menschen deine Nähe spüren,
führe sie hin zur Entdeckung ihrer Berufung
damit ihr Leben sich der Freude und der Liebe öffnen möge.
Unterstütze auch diejenigen, die müde, ohne Vertrauen und nur mit Mühe
ihren Weg gehen, beschwert von körperlichen und seelischen Schmerzen.
Sei ein leuchtendes Vorbild der Weiblichkeit im Sinne des Evangeliums
für jede Frau: für die Jungfrauen und Bräute, die Mütter und Witwen.
Das Licht Christi, das deinen schwierigen Lebensweg erhellt hat
erstrahle auch auf ihrem täglichen Weg.
Bitte zuletzt auch um Frieden für uns alle und für die ganze Welt.
Selige Angela, bitte für uns!

Gebet des heiligen Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Foligno

[Artikel zuerst erschienen in Vatican-Magazin November 2011]

Januar 4, 2017   No Comments

Basilika des heiligen Benedikt in Trümmern

Heute morgen gegen 7.40 Uhr brachte ein neuerlicher schwerer Erdstoß der Stärke 6,5 (Angaben variieren bis hin zu 7,1) die Basilika mit den Fundamenten des Geburtshauses des heiligen Benedikt von Nursia (das ist Norcia) zum Einsturz.
Wir erinnern uns an die schwersten Beben der letzten Jahrzehnte. Um die Jahrtausendwende traf es zunächst Assisi und besonders seine Oberkirche. In der herabstürzenden Trümmern kam ein Priester um. Im Jahre 2009 wurde L’Aquila fast völlig vernichtet. L’Aquila, das ist der Ort, der vor dem verheerenden Erdbeben berühmt war als Grablege des heiligen Papstes Coelestin V. (der übrigens von seinem Amt zurücktrat) und für dessen großen Ablass aus dem Jahre 1294, den man „la perdonanza“ nennt und der denjenigen gewährt wird, die am 28./29. August unter den üblichen Bedingungen durch die Pforte der Basilika Santa Maria di Collemaggio eintreten. Die Signifikanz wird langsam spürbar, nicht? Und nun also Norcia, der Geburtsort des „Vaters von Europa“ ….
Aus aktuellem, wenn auch traurigem, Anlass, hier mein Artikel über Norcia und die Benediktinermönche dort, im Originallayout, die ich vor einigen Jahren besucht, Interviews gemacht hatte, sowohl für das Vatican-Magazin als auch für Die Tagespost.

Oktober 30, 2016   No Comments

Beginn meiner Sommerserie „Orthodoxie in Deutschland“

Für „Die Tagespost“ arbeite ich derzeit an einer Artikelserie über Orthodoxe in Deutschland. Der erste Artikel in der Reihe ist gestern nachmittag bzw. heute erschienen und beschreibt meine Eindrücke beim Besuch der russisch-orthodoxen Gemeinde der Verklärungskirche in Baden-Baden.
„Eine orthodoxe Insel im Schwarzwald“ – zum Artikel geht es hier.

Außerdem habe ich einen Blogbeitrag von Kardinal Dominik Duka, dem Erzbischof von Prag, für „Die Tagespost“ aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt (nur für ePaper-Abonnenten), der zuletzt schwere Wellen in der tschechischen Kirche geschlagen hat. Dazu ein Hintergrund hier.

August 18, 2016   No Comments

Konvertiten – Ergreifende Glaubenszeugnisse ist Buchtipp von Radio Vatikan

Am 6. August 2016 hat Radio Vatikan ein Interview mit mir gesendet und online gestellt und gleichzeitig mein Konvertitenbuch als „Buchtipp“ präsentiert.

Im November 2014 war bereits „Das Farnese-Komplott“, mein Vatikan-Krimi, Buchtipp von Radio Vatikan deutsche Sektion geworden.

Hier der Link zum Interview.

August 12, 2016   No Comments

Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse – Rezi und Interview

Zu meinem im April im Media Maria Verlag erschienen Buch „Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse“ gibt es eine Rezension auf dem Portal kath.net von Hans Jakob Bürger: „Die vorgestellten Konvertiten aus dem 19. und 20. Jahrhundert sind uns alle irgendwie bekannt – und doch erfahren wir Neues über sie. Die Autorin hat akribisch recherchiert und enttäuscht nicht, wenn sie, wie im Titel genannt, ergreifende Glaubenszeugnisse anbietet. Ein empfehlenswertes Buch liegt vor uns, kurzweilig und spannend, lebensnah und doch ausgestattet mit jener Portion Frömmigkeit, die auch Nichtgläubige und Nichtchristen ergreifen könnte.“
Zur ganzen Rezension geht es hier.

Weiterhin hat die Nachrichtenseite zenit.org ein Interview mit mir dazu veröffentlicht:
„Frau Wenz, von den elf Konvertiten, welche Geschichte hat Sie persönlich am meisten beeindruckt? Und weshalb?
Barbara Wenz: Das war sicher Paul Takashi Nagai, wie bereits erläutert. Einfach wegen der schicksalhaften Umstände, in denen er sich wiederfand. Die ungewöhnlichste und zugleich auch traurige Geschichte fand ich auch die von Israel Eugenio Zolli, dem ehemaligen Oberrabbiner von Rom. Dieser Mann hat bei seiner christlichen Taufe den bürgerlichen Vornamen von Papst Pius XII. angenommen, ein Umstand, der all jene, die an die Geschichte, wie sie von Rolf Hochhuth dargestellt wurde, glauben, eigentlich aufmerken lassen sollte. Zolli starb weitgehend vergessen: Von der jüdischen Gemeinde ausgestoßen, von der modernen Geschichtsschreibung übergangen – dabei hätte er so viel zu sagen gewusst über die Zeit der deutschen Besetzung Roms. Ich hätte ihn gerne kennen gelernt. Das kann ich zwar von allen Konvertiten in meinem Buch ganz ehrlich sagen, aber von ihm ganz besonders.“
Zum ganzen Interview auf zenit.org geht es hier.

In Kürze wird es auch ein Interview mit Radio Vatikan zu meinem neuen Buch geben.

Mai 31, 2016   No Comments

Gewidmet den Märtyrern des 20. und 21. Jahrhunderts – San Bartolomeo all’Isola in Rom

In dieser finsteren Nacht der Welt, umgeben von Unbarmherzigkeit im Westen gegenüber Ungeborenen, Alten und Sterbenden und von Gnadenlosigkeit im Nahen Osten unter einem Kalifat des Gräuels, ist es für manchen oft sehr schwer, einen Lichtschein am Firmament zu erblicken. Dabei hängt in Wahrheit über uns als ein glühendes Spektakel, wie ein Vorhang, der Vorhang vor dem Allerheiligsten Gottes. Eine wogende aurora borealis, die sich hebt und senkt und wallend unsere Welt mit dem Feuer der Liebe und dem Ganzopfer der Hingabe des eigenen Lebens mit Purpur durchsträhnt. Wir müssen nur hinschauen, nach oben, inmitten der Dunkelheit, die uns umgibt, und unsere Augen weit aufreißen, dann können wir es lodern sehen.
Sein santuario hat es auf Roms Tiberinsel gefunden, seit alters her ein Ort der Heilung und Heiligung: Wo heute die vor über tausend Jahren erbaute Kirche San Bartolomeo mit dazugehörigem Kloster steht, befand sich einst ein Äskulaptempel mit Hospiz. Neben dem Eingang zur Kirche findet sich der Eingang zum jüdischen Kinderkrankenhaus, was die Präsenz von bewaffneten Frauen und Männern in Uniform erklärt. Auch die „Barmherzigen Brüder“, die „Fatebenefratelli“ führen hier auf der Tiberinsel ein Krankenhaus, auf der gegenüberliegenden Seite des Kirchplatzes mit dem ebenfalls aus dem Jahre 1000 stammenden Marmorbrunnen.
San Bartolomeo wird von der geistlichen Gemeinschaft Sant’Egidio betreut und ist heute, genauer seit dem Jahre 2002 ein echtes Heiligtum der besonderen Art: Sie ist dem Andenken an Märtyrer des 20. und 21. Jahrhunderts gewidmet und versammelt so viele Reliquienschätze an einem einzigen Ort wie vermutlich keine andere Kirche der Welt. Alles ging auf eine Idee des seligen Johannes-Paul II. aus dem Jahre 1999 zurück – anlässlich des bevorstehenden Heiligen Jahres ließ er eine Kommission für die „neuen Märtyrer“ einrichten, die das Blutzeugnis der Christen im 20. Jahrhundert dokumentieren sollte. Das Team nahm seine Arbeit in den Gebäuden der zu San Bartolomeo gehörenden Klosteranlage auf und trug im Laufe seiner Tätigkeit rund 12.000 Dossiers und unzählige Materialien wie Briefe, Stolen, Gebetbücher oder andere persönliche Gegenstände zusammen.

Am 12. Oktober 2002 wurde San Bartolomeo feierlich zur Gedenkstätte für die neuen Märtyrer proklamiert, wodurch Papst Johannes-Paul II. einmal mehr sein feines Gespür für historische Zusammenhänge bewies: Denn die Gebeine des heiligen Bartholomäus, einem Apostel Jesu, der von vielen Forschern auch als „Nathanael von Kana“, einem ehemaligen Jünger Johannes des Täufers identifiziert wird, liegen in einem Sarkophag unter dem Hauptaltar. Die Kopfreliquie gelangte zwischen dem 11. und 12. Jahrhundert nach Deutschland und wird im Bartholomäusdom zu Frankfurt aufbewahrt, in dem lange Zeit die römisch-deutsche Kaiser und deutschen Könige gekrönt wurden.

Nathanael, den sie als Apostel Bartholomäus nannten, ging nach dem Pfingstereignis auf Missionsreise nach Ägypten, Indien und Armenien, wo er auch das Martyrium erlitt: Ihm wurde für die Zerstörung der dort verehrten Götzenbilder von einem Bruder des Königs bei lebendigem Leibe die Haut abgezogen, danach ans Kreuz geheftet oder auch, in einer anderen Fassung der Überlieferung, enthauptet. Dieses Geschehen solle sich im antiken Edessa, dem Urfa der modernen Türkei zugetragen haben, einer Stadt, die sich heute direkt an der Grenze zum Blutmolochreich des Islamischen Kalifats befindet.

Auf dem Hauptaltar befindet sich seit der Proklamation als Heiligtum für die neuen Märtyrer eine große, beeindruckende Ikone zu diesem Thema: Über dem ganzen Geschehen thront Jesus Christus, umgeben von Heerscharen von Engeln und Heiligen. Auf der sichelförmigen Wolke darunter stehen die Worte „Durch die große Bedrängnis hindurch“, darunter findet sich eine Kathedrale, gekrönt von Stacheldrahtzäunen, die ein Konzentrationslager symbolisiert, stellvertretend für die drei großen christlichen Konfessionen sind abgebildet der Lutheraner Dietrich Bonhoeffer, der einstige Patriarch von Moskau, Tichon, und der Dominikaner Giuseppe Girotti, der in Dachau ermordet wurde.
Des Weiteren sieht man auf der rechten Seite einstürzende Gebäude und Erschießungskommandos, die an den Völkermord an den Armeniern und das Leid der Christen in Albanien gemahnen. Ein anderer Bildabschnitt erinnert an gefolterte und getötete Bischöfe und Priester, unter ihnen auch Oscar Romero sowie Juan Gerardi und Giuseppe Puglisi – letztere wurden von der Mafia ermordet. Außerdem sind zu sehen Gefangene in einem rumänischen Kerker, ein Kloster auf einer der russischen Solovezkij-Inseln, das zu einem Gulag umfunktionierte wurde. Abgebildet ist auch ein katholischer Priester, der dort interniert war und einem alten orthodoxen Popen beistand, in dem er schwere Arbeit für ihn übernahm. Ein Beispiel, das zeigt, wie auch der abhängige und eingekerkerte Mensch noch für seinen Nächsten Akte der Liebe und Solidarität ausführen kann. Auch die Schar verfolgter Christen ohne Kennzeichen einer Nation erfüllen die göttlichen Gebote, indem sie in ihrer eigenen Bedrängnis noch andere speisen, sich um die Kranken kümmern und allen das Evangelium verkünden. Nähert man sich betrachtend und meditierend dieser Ikone über dem Hauptaltar, so spürt man das Wehen des göttlichen Liebesbrandes, Schrecken, Leid, Not und Tod transformieren sich zu Ereignissen mit tieferer, überweltlicher Bedeutung, die herrliche Ikone scheint wie umhegt von riesigen Engelsflügeln, das Schicksal all dieser bekannten und unbekannten Menschen eingehegt in das Gold, zu dem sie geworden sind, als sie durch die dargestellten Brennöfen gingen.

Von den acht Seitenkapellen sind sechs den modernen Märtyrern gewidmet und bergen Reliquienstücke verschiedenster Art und von Angehörigen der großen christlichen Konfessionen. In der Kapelle des heiligen Franziskus, die den Opfern des Kommunismus gewidmet ist, finden sich deshalb auch das Skapulier eines rumänisch-orthodoxen Archimandriten und der Rosenkranz eines orthodoxen Priesters, Aleksander Men’, der am 9. September 1990 in Moskau am Altar seiner Kirche erschossen wurde, während er die göttliche Liturgie zelebrierte. Am Bekanntesten dürfte für westliche Ohren der Name Jerzy Popieluszko klingen, der im Jahre 2010 selig gesprochen wurde. 1972 zum Priester geweiht, trat er seinen Dienst in der Nähe von Warschau an. Ab Verhängung des Kriegsrechts am 13. Dezember 1981 zog er mit seinen „Messen für das Vaterland“ immer größere Massen von Gläubigen an. In seinen Predigten prangerte er soziale Missstände, die Verletzung von Menschenrechten, den forcierten Atheismus und psychische wie physische Übergriffe des Regimes an.

Die Kapelle des heiligen Karl Borromäus ist den neuen Märtyrern des amerikanischen Kontinents gewidmet. Wir finden hier unter anderem das Messbuch des seligen Oscar Arnulfo Romero, Erzbischof von San Salvador, der am 24. März 1980 während einer Messe in der Krankenhauskapelle von San Salvador erschossen wurde. Sein gewaltsamer Tod gab das Signal zum Beginn des Bürgerkrieges in El Salvador.

In der Kapelle der heiligen Francesca Romana versammeln sich liturgische und persönliche Gebrauchsgegenstände zum Andenken an die neuen Märtyrer in Asien, Ozeanien und Nahost.
Dem Besucher ist das Berühren der Gegenstände üblicherweise verwehrt, so bleibt nur, sich betend auf den steinernen Absatz zu knien und um die Fürsprache von beeindruckenden Persönlichkeiten wie Shabaz Bhatti oder Don Andrea Santoro zu bitten. Bhatti war der zuständige Minister in Pakistan für die Minderheiten, er wurde in Islamabad am 2. März 2011, als in Deutschland der Kirchenkampf um das so genannte „Memorandum Kirche“ tobte, erschossen, weil er sich für den Dialog und für den Frieden in seinem Land unter den religiösen Minderheiten einsetzte. Berühmt geworden ist sein geistliches Testament, in dem er
ein klares und entschiedenes Bekenntnis zu Jesus Christus ablegt: „Ich denke, dass die Hilfsbedürftigen, die Armen, die Waisen, welcher Religion sie auch immer angehören, zu aller erst als Menschen zu sehen sind. Ich denke, dass diese Menschen Teil meines Körpers in Christus sind, dass sie der verfolgte und hilfsbedürftige Teil von Christi Körper sind. Wenn wir diese Mission zu Ende bringen, werden wir uns einen Platz zu Jesu Füßen verdient haben und ich werde Ihn anschauen können, ohne mich schämen zu müssen.“
Bhattis Bibel ist hier ausgestellt, neben Kelch, Patene und Stola von Andrea Santoro, einem missionarisch tätigen Priester in der Türkei, der von einem Jugendlichen am 5. Februar 2006 ermordet wurde, während er ins Gebet vertieft war. Auch Luigi Padovese, apostolischer Vikar in Anatolien, ereilte dieses Schicksal am 3. Juni 2010. In der Kapelle der heiligen Francesca Romana bewahrt man seine Mitra auf.

Den Opfern des Nationalsozialismus ist die Kapelle zu den schmerzhaften Geheimnissen gewidmet. Hier findet sich ein Brief des seligen Franz Jägerstätters, den er kurz vor seiner Enthauptung am 9. August 1943 aus dem Gefängnis schrieb. Außerdem findet sich dort eine Reliquie des seligen Kardinals Clemens August von Galen, dem Erzbischof von Münster, der sich unter dem Wahnsinn des Hitler-Regimes mutig in aller Öffentlichkeit gegen das Euthanasieprogramm an Kranken und Behinderten stellte, weshalb er auch den Beinamen „Der Löwe von Münster“ trägt.
Das Andenken an die neuen Märtyrer Europas bewahrt die Kapelle der „Madonna della Pace“ auf. Darunter auch Stola und Kreuz des Giuseppe Puglisi, der von Angehörigen der Mafia am 15. September 1993 ermordet wurde.

Die Kapelle des heiligen Antonius von Padua hütet persönliche Gegenstände von modernen Märtyrern in Afrika und Madagaskar, darunter auch das Kreuz, das Schwester Leonella Sgorbati zum Zeitpunkt ihres Todes trug. Sie wurde im Alter von 66 Jahren in Mogadischu von sieben Kugeln getroffen, als sie gerade das Krankenhaus verließ, wo sie Unterricht in Krankenpflege gegeben hatte.

Für jeden Rompilger ist die Basilika San Bartolomeo tatsächlich zu einem spirituellen must geworden, für jeden Christen, egal welcher Konfession oder Großkirche er angehört, wird der Besuch dieses Ortes einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Aber lassen wir unseren mittlerweile emeritierten Papst sprechen, der die Gedenkstätte am 7. April 2008 besucht hat, denn trefflichere Worte lassen sich kaum finden: „Der auferstandene Jesus durchleuchtet ihr Zeugnis. So können wir den Sinn ihres Martyriums verstehen. Es ist die Macht der Liebe, wehrlos und siegreich zugleich auch in der scheinbaren Niederlage.“
Dem betenden Pilger wird diese Einsicht aufgehen, und er wird getröstet und beeindruckt zugleich diese wunderbare Wallfahrtsstätte verlassen.


Ikone auf dem Hauptaltar „Attraverso la grande tribolazione“

/Zuerst erschienen in der Serie „Heiligtum der besonderen Art“ im Vatican-Magazin August-September 2015/

März 29, 2016   No Comments

Der Berg der Kreuze in Litauen

Heute aktuell auf t-online ein Artikel über den „Berg der Kreuze“ in Litauen.

Und hier mein Artikel über den „Berg der Kreuze“, erschienen im Vatican-Magazin März 2012:

Litauen, das ist ein Land mit einem ganz besonderen, fast italienischen Licht, mit endlosen Puderzuckerstränden entlang der Ostsee. Litauen, das ist das Land des Bernsteins und – das Land der Kreuze. Im Norden des heute beinahe herzförmigen Landes befindet sich ein Heiligtum der besonderen Art – der Berg der Kreuze, wenige Kilometer nördlich von der Stadt Siauliai. Dieser Berg, der vielmehr ein etwa 10 Meter hoher Hügel ist, bietet ein Erscheinungsbild, welches das Auge kaum überblicken, der Geist schier nicht erfassen kann. Auf diesem Hügel ist ein Universum von Kreuzen aller Größen und Formen erwachsen – und es werden immer mehr und mehr.

Sämtliche Versuche, sie zu zählen, sind wegen der Aussichtslosigkeit des Unterfangens gescheitert. Während des letzten Zählversuchs Anfang der Neunziger Jahre haben die Freiwilligen der Uni Vilnius beim Stand von rund 50.000 Stück resigniert.
Litauen, das ist das Land der Legenden: Um den „Kryziu Kalnas“ ranken sich schon seit alters her Mythen. Er sei von jeher eine Opferstätte gewesen, Priesterinnen sollen dort ein Ewiges Feuer bewahrt haben. Ausgerechnet nun in Litauen, das erst im Jahre 1251 den christlichen Glauben annahm, entstand dieses beeindruckende, ganz und gar un-begreifliche Mahnmal. Wer das erste Kreuz dort aufgestellt hat, ist nicht ganz klar. Es gibt dazu zwei verschiedene Überlieferungen. Nach der einen soll dem Vater einer kranken Tochter eine weiße Frau im Traum erschienen sein und ihn geheißen haben, ein Kreuz auf diesem Hügel zu errichten, damit sein Kind gesund würde. Der Vater tat, wie ihm gesagt worden war – seine Tochter genas. Nach der zweiten Erzählung soll ein litauischer Fürst, der auf dem Weg nach Riga zu einem Gerichtsprozess war, gelobt haben, ein Kreuz aufzustellen, wenn die Verhandlung in seinem Sinne entschieden werde. Soviel zur Überlieferung. Historische Tatsache ist dagegen, dass im 19. Jahrhundert, nach zwei brutal niedergeschlagenen Aufständen gegen das Regime des russischen Zaren Kreuze errichtet wurden, um der Opfer zu gedenken. Seither ist der Ort nicht nur eine Stätte des Gedenkens, der Trauer und des Bekenntnisses, sondern auch ein Symbol des nationalen Widerstandes.
Nach dem Einmarsch der Roten Armee begann für das litauische Volk, das sich mehrheitlich zur römisch-katholischen Kirche bekennt,eine blutige und grausame Zeit der Verfolgung. Schikanen, Repressionen, Deportationen von Tausenden von Patrioten, Katholiken, Dissidenten nach Sibirien in die gefürchteten Gulags. Die wenigen Menschen, welche die Torturen in den Arbeitslagern, den Frost und Schnee, den Hunger und die auszehrenden Krankheiten überlebten und nach Hause zurückkehrten, trugen für ihre Toten, die sie dort zurücklassen mussten, Kreuze auf den Berg. Sie ragten wie Stachel in das faulige Fleisch der gottlosen kommunistischen Diktatur. Und so wurde am 5. April 1961 der erste Versuch unternommen, das Heilszeichen, das die Überwindung von Unrecht, Leid und Tod stumm in die litauische Landschaft hinausschrie, zu zerstören. Sie rückten im Morgengrauen mit schwerem Gerät an: Bulldozern und Planierraupen. Sie walzten nieder, rissen um, schleppten mit sich – Kreuze aus Stahl, hölzerne Kruzifixe, Gebetsstöcke, Andachtsbilder, Gedenkstelen mit dem Symbol darauf, das von dieser Welt ist – aber zugleich Seinen Sieg über die Welt für alle Zeiten und in Ewigkeit anzeigt. Sie verbrannten, vergruben, versenkten, zertraten, zerschlugen. Es muss ein infernalischer Lärm gewesen sein, durchsetzt mit Geheule und Triumphgeschrei. Doch in der Stille der Nacht, wenn sie am dunkelsten und finstersten ist, kamen die widerständigen Litauer herbei und errichteten in schweigendem Trotz ihr endgültiges Zeichen der Hoffnung, das allen Hass besiegt.
Das Spiel ging fast zwanzig Jahre lang – greise Priester pilgerten, das Kreuz geschultert, barfuß zu diesem Hügel, junge Studenten setzten für ihr Zeugnis, das sie gaben, den Fortgang ihrer Ausbildung und ihre berufliche Zukunft aufs Spiel. Und alle riskierten sie das Arbeitslager. Sie stellten Kreuze auf als Dank („Aciu“), zur Sühne für das ganze Volk, um Schutz für ihre Familien zu erbitten – und nicht zuletzt als Vergebungsbitte für die Zerstörer. Das unerschütterliche Vertrauen der Litauer in die Kraft des Kreuzes, das ein profanes Marterinstrument zu einem leuchtenden Siegeszeichen gemacht hat, sprang nach der letzten Zerstörungsaktion im Jahre 1975 wie ein Leuchtfeuer über die Grenzen der kleinen Republik. Die Menschen kamen aus Estland, Lettland und Russland, um zu diesem Hügel zu pilgern und ihre mitgebrachten Kreuze zu errichten.

Am 11.3.1990 erlangte Litauen als erste Sowjetrepublik seine Unabhängigkeit. Knapp drei Jahre später durfte Papst Johannes Paul II. nach einigem Hin und Her diesen besonderen Ort besuchen, von dem das ehemalige litauische Staatsoberhaupt Vytautas Landsbergis sagt: „Der Kreuzhügel ist der Ort, an dem der Kampf um menschliche Werte ausgetragen wurde. Er steht für den Kampf zwischen Gut und Böse. Die Kräfte des Guten gingen als Sieger hervor. Sie erzielten einen einzigartigen Sieg.“
Seither ist dieser Hügel – nur scheinbar am äußeren Rand Nordeuropas gelegen – eine internationale Wallfahrtsstätte geworden. Johannes Paul II. schickte sogar eine eigene Christusfigur, und er beauftragte den Franziskanerorden damit, diesen einzigartigen Ort geistlich zu betreuen.
In dem informativen Kurzfilm von Kirche in Not, dem die Aussage von Landsbergis entnommen ist, hören wir auch Marko Tomashek, Leiter der Abteilung Osteuropa von Kirche in Not: „Während der Verfolgung war das ein zentraler Ort für Zeugnis, Gebet und Widerstand gegen die atheistische Ideologie. Litauen gehört jetzt zu Europa und kämpft mit denselben Problemen wie das restliche Europa. Mit einer sehr aggressiven antikirchlichen Verweltlichung und einer unglaublichen Kommerzialisierung der Gesellschaft.“ Er erzählt weiter, dass sie heute den umgekehrte Weg gingen und Kreuze vom Hügel in die Pfarreien sendeten. Tomashek spricht davon, dass das besondere Charisma der litauischen Kirche nicht nur dem eigenen Land, sondern auch ganz Europa zugute kommen solle. Europa, das ist auch das große Thema Benedikts XVI., der das ganze Gewicht seines Pontifikats gegen die antikirchliche Verweltlichung, gegen die „Gottesfinsternis“, die ganz Europa umnachtet, in die Waagschale wirft. Da steht er, dieser fragile, gütige Greis in Weiß, und wird umtobt von finsteren Mächten und Gewalten, und je sanftmütiger er spricht, desto infernalischer wird das Geheule. Was könnte da das „Charisma der litauischen Kirche“ bewirken, oder dieser kleine Wallfahrtsort – den eh kaum einer kennt in Straßburg, in Brüssel, Paris und Berlin? So könnte man denken. Wenn man nicht weiß, dass 1989, in diesem schicksalhaften Jahr der Zeitenwende für ganz Europa, das französischen Institut Géographique National den geografischen Mittelpunkt Europas errechnet hat. Seine geografische Herzmitte. Sie liegt in Litauen – unser Land mit dem Kreuzeshügel, den Johannes Paul II. einmal als das „Kolosseum des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet hat. Vielleicht wird man einmal von hier, jenem Land, das als letztes von allen europäischen christianisiert wurde, Kreuze vom Hügel aussenden an die Staaten Europas, um sie an ihre große Vergangenheit, an abendländische Werte zu erinnern. Und daran, dass das Gute schon einmal triumphiert hat.

März 19, 2016   No Comments