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Category — Veröffentlichungen

Vinzenz von Paul und Louise de Marillac – zum Tage

Mein Beitrag aus der Rubrik „Geistliche Paare“ für das Vatican- Magazin vom Februar 2014

In der Ausgabe Juli 2013 dieses Magazins ging es um den heiligen Franz von Sales und die heilige Johanna Franziska von Chantal, die nicht nur Zeitgenossen von Vinzenz und Louise waren, sondern auch deren spirituelle Vorbilder. Vinzenz wurde nach dem Tode des Franz von Sales sogar der Seelenführer von Johanna Franziska. Am 13. Dezember 1641 hat Vinzenz eine Vision: Er sieht eine kleine feurig-glühende Kugel zum Firmament aufsteigen. Der Himmel öffnet sich: Ein größerer Feuerball kommt ihr entgegen und die beiden vereinigen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie außer Sichtweite sind. Als Vinzenz vom Tode der Johanna Franziska erfährt, wird ihm die Bedeutung dieser Vision klar: Der heilige Franz hatte seine geliebte Tochter und geistliche Mutter zugleich im Himmel aufgenommen. Wenn Franz und Johanna Franziska „eines der innigsten und inspiriertesten geistlichen Paare waren …, welche die katholische Kirche kennt“ (Vatican-Magazin Juli 2013), dann darf man Vinzenz und Louise mit Recht als eines der schlagkräftigsten gemischten Doppel der Kirche bezeichnen. Gemeinsam schafften diese beiden, der Bauernsohn aus der Gascogne und die illegitime Tochter aus gutem Hause, das Unmögliche: Sie schufen ein Netzwerk der Nächstenliebe in der Sorge um Arme, Kranke, Findelkinder, Galeerensträflinge, Bürgerkriegsopfer und psychisch Kranke – ein Novum für das 17. Jahrhundert- , das heute noch besteht und in über 94 Ländern tätig ist. Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern, auch Vinzentinerinnen genannt, inspirierte zahllose Frauen zum selbstlosen Dienst im Namen Christi, des Gekreuzigten, und sie inspiriert immer noch: Die selige Mutter Teresa von Kalkutta trat mit ihrem Werk der tätigen Nächstenliebe, für das sie 1979 den Friedensnobelpreis erhielt, in die Fußstapfen der beiden französischen Heiligen. Louise ist heute die Schutzpatronin der Sozialarbeiter und die Vinzentinerinnen gelten als der größte Frauenorden der Welt.

Vinzenz von Paul, geboren am 24. April 1581 in Pouy, dem heutigen St. Vincent de Paul, war als junger Mann in erster Linie an einem sicheren Posten als Pfarrer auf dem Lande interessiert und wurde im Jahr 1600 im Alter von nur 19 Jahren zum Priester geweiht. Vinzenz hatte damals nicht nur Probleme mit der persönlichen Demut, sondern auch mit Frauen. Zudem musste er einige Jahre der Glaubensfinsternis durchleiden, bis er durch die Entscheidung, sich den Kranken und Armen zuzuwenden, geistlichen Frieden und spirituelles Wachstum erlangte. Vorher aber widerfuhr ihm das grausame Schicksal, von nordafrikanischen Piraten entführt und in die Sklaverei nach Tunesien verkauft zu werden. Wir wissen wenig über diese Zeit, entweder sprach er nicht gerne darüber oder seine Aufzeichnungen dazu gingen verloren: 1789 wurde der größte Teil seines Nachlasses während der revolutionären Wirren zerstört.
Bekannt ist, dass einer seiner ersten Besitzer ein Alchemist war, in dessen Labor er wohl mithelfen musste und sich so einige Grundlagen der Alchemie aneignete. Sein letzter Herr war ein zum islamischen Glauben übergetretener Christ, der mit mehreren Frauen zusammenlebte. Vinzenz berührte das Herz einer dieser Frauen durch seine gewinnende, immer fröhliche und zuversichtliche Art, seinen frommen Gesang und sein heiteres Wesen. Das Unwahrscheinliche gelang: Er konnte den abgefallenen Christen re-konvertieren und trat mit ihm zusammen die abenteuerliche Flucht übers Meer nach Avignon an. Zurück in Paris wartete eine steile Karriere auf ihn: 1608 erhält er das Amt des Almosenverteilers von Margaretha von Valois und machte Bekanntschaft mit dem späteren Kardinal Pierre de Bérulle und dessen Priestergemeinschaft, die dieser nach dem Vorbild des heiligen Filip Neri als Oratorium gegründet hatte. 1612 überträgt man Vinzenz die Pfarrei von Clichy, eine kurze, aber bedeutende Phase seines Lebens, in der er seine Berufung als Priester entdeckt und diesen Dienst nicht mehr nur als bequeme Einkommensquelle begreifen lernt. Schon ein Jahr später tritt Vinzenz eine Stelle als Hauslehrer bei der adligen Familie de Gondi an, der er auch als Pfarrer von Châtillon-les-Dombes verbunden bleiben wird. In dieser Pfarre zündet auch der Funke, der später ganz Frankreich umwälzen wird: Auf die erschütternde Nachricht, dass im Dorf eine ganze Familie schwer erkrankt sei, hält er eine aufrüttelnde Predigt, die unvermittelt ihre segensreiche Wirkung zeitigt: Die ganze Gemeinde ist jetzt auf den Beinen, um Decken, Medizin, Nahrungsmittel und frische Wäsche zu den Kranken zu bringen. Es schlägt die Stunde der Gründung der ersten Charité-Gemeinschaft. Ein Jahr später, 1618, kommt es zu der denkwürdigen und segensreichen Begegnung mit Franz von Sales in Paris. Vinzenz ist so beeindruckt von der Vollkommenheit dieses Mannes, dass er später als Zeuge beim Seligsprechungsprozess aussagt: „Ich sah in ihm den Menschen, der am besten den Sohn Gottes auf Erden nachahmte … Seine Sanftmut und Güte griffen auf jene über, die die Gunst seiner Gespräche erfahren durften, und ich zählte mich zu diesen.“ Doch es gab noch ein weiteres, einschneidendes Ereignis, das dieses Jahr prägte: Wenn Papst Franziskus vom „Hinausgehen in die existentiellen Randgebiete“ spricht, das in der Kirche des 21. Jahrhundert mehr als notwendig geworden sei, dann hat der heilige Vinzenz diesen Imperativ schon vor vier Jahrhunderten verstanden und in die Tat umgesetzt.
Nicht nur, dass er zu den Kranken, den Leprösen, sogar den „Irrsinnigen“ ging, die unter verheerenden Bedingungen vor sich hin vegetierten, um ihnen ihr Leben zu erleichtern und sie geistlich zu betreuen, er kümmerte sich auch um die Verfemten: Das Familienoberhaupt der de Gondis war zugleich der General der Galeeren. So machte Vinzenz Bekanntschaft mit dem verzweifelten und menschenunwürdigen Los derjenigen, die zwar einer Hinrichtung, und somit einem schnellen Tode entgingen, doch dafür langsam und fast unentrinnbar auf den Ruderbänken der Galeeren krepierten. Die Zustände dort waren derart unerträglich, dass manch Historiker heute von „schwimmenden Konzentrationslagern“ des 17. Jahrhundert spricht. Vinzenz besuchte regelmäßig Galeerensklaven in Paris und wurde 1619 offiziell zum Galeerenseelsorger ernannt.
Neben all diesen Aufgaben vergaß er auch nicht die geistlich Armen, die Landbevölkerung, die von einem verlotterten Klerus vernachlässigt worden war. Um in diese Randgebiete vorzustoßen, gründete er die Kongregation der Mission, deren Priester sich dazu verpflichteten, in der Gemeinschaft zu leben und ohne Entgelt oder Wahrnehmungen eines kirchlichen Amtes auf dem Lande predigten und Beichte hörten, sowie den Galeerensklaven, die Vinzenz mittlerweile besonders am Herzen lagen, Beistand leisteten. Sie hatten einen solchen Erfolg mit ihren Missionen, dass in einer einzigen Pfarrei insgesamt 5000 Menschen die Generalbeichte ablegten. In zahlreichen Regionen, in denen noch die Blutrache herrschte wie in Italien oder Korsika, konnten diese Priester Frieden und Versöhnung stiften.
1625, das Jahr der Gründung der „Lazaristen“ oder „Vinzentiner“ war auch das Jahr, in dem er die Seelenführung von Louise de Marillac übernahm. Sie war am 12. August 1591 als uneheliche Tochter des Louis de Marillac zu Welt gekommen, der einer einflussreichen Familie entstammte. Obwohl ihr Vater sie anerkannte, wurde sie im Hause de Marillac nicht gerne gesehen und schon früh zur Erziehung in das Dominikanerinnenkloster von Poissy gegeben, wo sie eine für die damalige Zeit hervorragende Ausbildung erhielt. Louises war nicht nur hochbegabt, sie war auch äußerst sensibel und die Ablehnung ihres Vaters, der sie zwar innig liebte, aber sich nicht gegen seine damalige Ehefrau durchsetzen konnte, hat sie zutiefst geprägt. Es liegt auf der Hand, dass eine solche verletzte und verstoßene Seele Probleme damit haben könnte, an einen gütigen und barmherzigen, einen bedingungslos liebenden Vater-Gott zu glauben.
Hans Kühner schreibt über sie: „Hochbegabt als Dichterin, Malerin, Übersetzerin von Bußpsalmen und Kommentaren zum Hohelied, war Louise de Marillac von religiösen Skrupeln erfüllt, derer keiner der klugen Köpfe, die sie berieten, Herr zu werden vermochten und die auch Vinzenz noch oft Sorge, sogar wirklichen Ärger bereiten sollten.“
Nach dem Tode ihres Vaters gibt man sie zur Vervollkommnung ihrer Ausbildung in eine Art Mädchenpensionat, deren Leiterin sie fortan in der Haushaltsführung beisteht. Die körperliche Arbeit in Küche und Keller, in der Wartung der Zimmer, das Anfertigen von Handarbeiten, durch deren Verkauf sie die wirtschaftliche Situation des Internats aufbessern kann, tun ihr gut. Dort fasst sie auch den Entschluss, Kapuzinerin zu werden und gottgefälliges Leben in Armut, Demut, Gehorsam, angefüllt mit harter Arbeit zu führen. Doch man hält sie dort nicht für geeignet und so erfährt sie einmal mehr in ihrem jungen Leben die Schmerzen des Abgelehntseins durch andere Menschen. Im Jahr darauf verheiratet man sie mit Antoine Le Gras, der zwar das vornehme Amt des Sekretärs der Königinmutter Maria de Medici versieht und recht wohlhabend ist, jedoch von niederer Abkunft. Trotz ihrer Pflichten als Hausfrau und Mutter eines Sohnes führt sie ihr streng geregeltes geistliches Leben fort. Sie betet nicht nur, pflegt Andachten und geistliche Betrachtung, sondern geißelt sich auch und trägt einen Bußgürtel.
Eine der ersten Maßnahmen, die Vinzenz ergreift, nachdem er 1624 ihr Seelenführer geworden ist, ist die Dämpfung ihres religiösen Übereifers: Er erlaubt ihr nur noch wenige Male in der Woche die Geißelung und befiehlt ihr, einen weniger schartigen Bußgürtel zu tragen. Ein Jahr zuvor ist ihr Mann schwer erkrankt – sie gibt sich und ihren angeblichen Sünden, auf die sie äußerst fixiert ist, die Schuld daran und ist überzeugt, es handle sich um eine Strafe Gottes.
Nach dem Tode ihres Mannes am 21.12.1625 will sie einerseits geistliche Gelübde ablegen, ist aber gleichzeitig noch nicht sicher, worin ihre Berufung besteht, an welchem Platz Gott sie haben will. Nach den ersten Besuchen der von Vinzenz ins Leben gerufenen Charité-Gruppen im Jahre 1629 nimmt der Plan Gottes mit ihr schärfere Konturen an. Sie erweist sich als einfühlsame Visitatorin, begabte Organisatorin und Vermittlerin bei Problemen mit den örtlichen Autoritäten und den Frauen untereinander – und sie hat das notwendige rhetorische Feuer und die mitreißende Überzeugungskraft, um in kurzer Zeit zahlreiche neue Ortsgruppen ins Leben zu rufen. Vinzenz ist begeistert, er nennt sie die „starke Frau“ aus dem Buch der Sprüche, „wertvoller als viele Juwelen“, und er weiß, dass er ihr sein Werk anvertrauen kann: Die Gründung der Barmherzigen Schwestern.
1633 nehmen sie die ersten Postulantinnen auf. Einen Orden, der solcherart in der Welt behaust war, – die Losung lautete in Anspielung auf die fehlende Klausur der Barmherzigen Schwestern „Gott verlassen um Gottes Willen“- hatte es zuvor noch niemals gegeben. Vinzenz beschreibt es den Frauen so: Ihr habt „als Kloster nur die Häuser der Kranken, als Zelle nur ein gemietetes Zimmer, als Kapelle die Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen der Stadt oder die Säle der Hospitäler, als Klausur den Gehorsam, als Chorgitter die Gottesfurcht und als Schleier die heilige Bescheidenheit.“
Bis zum Jahre 1640 wird es mehr als vierzig Neugründungen der Barmherzigen Schwestern geben. Sie übernehmen die Sorge für Findelkinder, um die sich damals niemand scherte. Innerhalb von 6 Jahren nehmen die Schwestern 1.200 Findelkinder auf und retten diese kleinen Seelen vor einem Leben in Elend, Not und vor einem frühen und grausamen Tod. Sie geben den Armen zu essen, alleine in der Pariser St. Paulus Pfarrei teilen eine Handvoll Schwestern täglich an 5.000 Bedürftige Suppe aus. Sie lindern das Leid der Patienten in den Krankenhäusern, die zusammengepfercht unter unvorstellbaren Bedingungen in ihren eigenen Exkrementen, in Blut und Eiter liegen. Sie gründen ein eigenes Spital für Bettler und versorgen die Galeerensklaven. Dabei leiden sie unter böswilligen Verleumdungen, werden zu Kriegsopfern und stecken sich bei der selbstlosen Pflege von Pestkranken an. Doch nicht einmal die „Fronde“, der Bürgerkrieg, der von 1648 bis 1653 tobt, kann die ungeheuerliche Wucht dieser Frauen-Bewegung, die glüht vor Hingabe und Liebe an den gekreuzigten Jesus und an die Armen, das Erbteil seiner Kirche, aufhalten.
Louise und Vinzenz halten täglich Kontakt, wenn nicht in der persönlichen Begegnung, so durch Briefe, bis zu ihrem Tod am 15. März 1660. Vinzenz wird noch an einer Konferenz über die Tugenden seiner geistlichen Tochter, die ihm vielmehr eine getreue Partnerin war, teilnehmen und im gleichen Jahr, am 27. September, selbst zum Vater heimgehen. In der Beschäftigung mit dem Leben dieser beiden Heiligen und ihrer Spiritualität gewinnt das manchmal etwas abstrakt klingende Papstwort vom „Hinausgehen in die Peripherien“ Fleisch und Blut, Bedeutung und Leben.

September 27, 2017   No Comments

Zum 50. Todestag von Adrienne von Speyr am 17. September 2017

Mein Artikel aus der Rubrik „Geistliche Paare“ über Hans-Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Oktoberheft 2016 des Vatican-Magazins erschienen ist:

Das letzte Universalgenie der abendländischen Geschichte hat man ihn genannt, mit einem Werk, das – mit den Worten Egon Bisers – als ein „herrliches Gebirgsmassiv“ dasteht: Den gebürtigen Luzerner Hans-Urs von Balthasar, der erst auf Umwegen zur Theologie kam. Zunächst studierte der Jesuitenzögling ab 1923 Germanistik und Philosophie und promovierte 1928 mit summa cum laude über die „Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur“.
Die Literatur, vor allem das Theater, wird später, nach seinem zweiten Studium der Theologie, dem er sich Anfang der Dreißiger Jahre widmet, – er ist zu diesem Zeitpunkt schon in die Gesellschaft Jesu eingetreten –, für die Entfaltung seiner theologischen Hauptwerke ebenso wie die Musik eine fundamentale Rolle spielen. Vor allem Mozart begeistert ihn als seinen „unverrückbaren Polarstern“ – und es wird dazu kommen, dass er alle Partituren und alle Aufzeichnungen von Mozartstücken wegschenkt, weil er sie so verinnerlicht mit sich trägt, dass er diese Äußerlichkeiten nicht mehr braucht.
Zwei Jahre lang war er Redakteur der Zeitschrift seines Ordens, der „Stimme der Zeit“, ab 1940 dann an der Universität Basel als Seelsorger für Studenten und Akademiker tätig. Dort lernte er auch im selben Jahr Adrienne von Speyr kennen, die Ehefrau eines Dozenten, welche bei ihm die Vorbereitung auf den Eintritt in die katholische Kirche, ihr Katechumenat, absolvieren wollte.
Die nur wenige Jahre ältere Adrienne wuchs in der protestantischen Familie eines Basler Augenarztes auf, dessen Vorbild sie nacheifern und Ärztin werden wollte. Seit frühester Kindheit befand sie sich im Dialog mit einem Engel, mit sechs Jahren begegnet ihr in einer Schauung zum ersten Mal Ignatius von Loyola, was ihr erst im Nachhinein bewusst wird. Als junges Mädchen, sie hat gerade ihren 15. Geburtstag gefeiert, in den umliegenden Ländern tobt der Erste Weltkrieg und im fernen Fatima ist drei Hirtenkindern die Muttergottes erschienen, haben gerade Tausende von Menschen ein Sonnenwunder dort erlebt und bezeugt, sieht Adrienne zum ersten Mal die Jungfrau Maria, umgeben von einer Unzahl von Heiligen und Engeln. Gleichzeitig fühlt sie ein immer unstillbarer werdendes Bedürfnis nach der sakramentalen Beichte in sich aufwachsen. Dass dies alles recht ungewöhnlich für ein protestantisches Mädchen ist, bemerkt sie freilich selbst.
Nach außen hin wirkt sie anziehend und lebensfroh, ist erfolgreich in der Schule und später beim Studium, beliebt bei ihren Kameraden und Kommilitonen. Die größte Hürde, die sie während dieser Zeit zu nehmen hat, neben dem beharrlichen Widerstand ihrer Mutter gegen ihren Berufswunsch, ist vermutlich der Abscheu vor dem Seziersaal. Doch mit Hilfe ihres tiefen Glaubens kann sie auch diese überwinden, in dem sie unablässig für die Seelen der Toten, die sie sezieren muss, betet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums scheint zunächst alles gut zu gehen, sie eröffnet eine eigene Praxis, in der sie arme Menschen auch umsonst behandelt und heiratet 1934 den Historiker Emil Dürr, dessen plötzlicher Tod sie nur schwer verkraftet. Zwei Jahre später folgt ihre zweite Heirat mit seinem Nachfolger Werner Kaegi, ebenfalls Geschichtsprofessor in Basel. Doch der Tod ihres ersten Mannes ist nur äußerlich überwunden, innen bricht sich bei dieser merkwürdigen protestantischen Mystikerin eine spirituelle Krise Bahn, die sich in einer schweren Herzattacke somatisiert.
Kurz danach kommt es zur ersten Begegnung mit von Balthasar. Er schreibt: „Gegen Herbst 1940 (ich war zu Beginn des Jahres als Studentenseelsorger nach Basel gekommen), nachdem Adrienne von einer schweren Herzattacke aus dem Spital zurückgekehrt war, sprachen wir auf der Terrasse über dem Rhein – ein gemeinsamer Freund hatte die Begegnung vermittelt – über die katholischen Dichter Claudel und Péguy, die ich eben übersetzte. Ihren Mut zusammenraffend erklärte sie mir, sie möchte auch katholisch werden. Bald darauf sprachen wir über ihr Gebet (…)“
Adrienne vertraut dem priesterlichen Freund, der schließlich zu ihrem Seelenführer und geistlichen Gefährten werden wird an, dass es ihr seit einiger Zeit unmöglich sei, das Vaterunser zu beten, ein Gebet, das sie bis zu dem Tode ihres ersten Mannes sehr geliebt habe – und zwar wegen der Zeile „Dein Wille geschehe“!
Von Balthasar legt ihr diese Bitte aus dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, so verständig aus, dass es ihm scheint, als hätte er einen Schalter in seiner Gesprächspartnerin umgelegt:“(….) als hätte ich unversehens auf einen elektrischen Knopf gedrückt, der auf einen Schlag alle Lichter im Saal entzündete. Adrienne war von allem Hemmenden losgekettet, ihr Gebet begann sie wie lang aufgestaute Fluten fortzureißen. Im Unterricht verstand sie alles sofort, als hätte sie nur – und wie lang! – darauf gewartet, gerade dies zu hören, um es zu bejahen. Sie wurde am Fest Allerheiligen getauft (…)“
Tatsächlich hatte Adrienne zu allen Heiligen einen besonderen Bezug, oft „schaute“ sie deren Gebetshaltungen und -weisen. Hinzu kamen kurz nach ihrer Taufe immer mehr Passionen, in denen sie das Leiden Jesu durchlitt, sie die Stigmata vorübergehend empfing und deren Höhepunkt stets in der „Karsamstagserfahrung“ gipfelte. Von Balthasar begann sie während ihrer Schauungen ab 1943 eine Einführung in das Johannesevangelium“ zu diktieren – seine Theologie wurde zunehmend und derart von Adrienne beeinflusst, dass immer mehr Kollegen ihr Befremden und ihre Irritation über die Tatsache äußerten, dass von Balthasar zudem auch noch gemeinsam mit dem Ehepaar von Speyr-Kaegi unter einem Dach lebte, immerhin 15 Jahre von den insgesamt 27 Jahren der gemeinsamen Arbeit. Insbesondere seine Ordensoberen fühlten sich von dieser Beziehung derart skandalisiert, dass sie ihn vor die Entscheidung stellten, entweder die Zusammenarbeit mit Adrienne weiterzuführen und den Orden zu verlassen oder im Gehorsam gegenüber seinen Gelübden die Verbindung zu Adrienne abzubrechen. Mittlerweile nimmt auch der Bischof an ihm Anstoß. Selbst gute Freunde halten Adriennes Schauungen für illusorisch, für eingebildete Zustände und einen „holier than thou“-Größenwahn, den der Theologe teile und unterstütze.
Doch für von Balthasar ist glasklar, dass es sich hier um einen göttlichen Auftrag handle, den er mit Adrienne zu erfüllen hat: Zunächst gründen sie fünf Jahre nach ihrem ersten Treffen die Johannesgemeinschaft, ein Säkularinstitut zunächst für Frauen; Johannes war Adriennes Lieblingsheiliger und sie hatte einen besonderen Bezug zu ihm. Er wird später in den 80er Jahren diese Mission in dem Büchlein „Unser Auftrag“ genauer beschreiben, um, wie er sagt „zu verhindern, dass nach meinem Tod der Versuch unternommen wird, mein Werk von dem Adriennes von Speyr zu trennen.“ In dieser Zeit entsteht dann auch der Priesterzweig dieser Gemeinschaft.
Der Austritt aus dem Orden, den er immer als geistige Heirat betrachtet hatte, ist ihm sehr schwer gefallen, doch seine Überzeugung, Gott gehorsamer sein zu müssen als seinen Ordensoberen war unverrückbar und wurde von Adrienne gestützt – gegen eine Seherin, die ungezwungen Umgang mit dem heiligen Ignatius von Loyola pflegte, hatte die Gesellschaft Jesu einfach die schlechteren Karten. 1952 erscheint sein Werk „Die Schleifung der Bastionen“, das wie ein Befreiungsschlag wirkte, ein persönlicher ebenso wie einer innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft.

Bei aller verständlichen Skepsis gegenüber Adriennes Zuständen: Es handelt sich um ein kirchliches Erfolgsmodell, weibliche Prophetie mit männlichem Intellekt und Seelenführerschaft zu verbinden: Angefangen von Hildegard von Bingen und ihrem Volmar über Angela von Foligno und ihren Seelenführer Arnaldo, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, Franz von Sales und Jeanne de Chantal bis hin zu Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano. Doch die Kirche befand sich mittlerweile in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war zu „aufgeklärt“ für diese Form gemeinsamer Berufung. Von Balthasar hatte sich nach dem Tode Adriennes – zu diesem Zeitpunkt liegen bereits 34 ihrer Bücher in Druckform vor – viele Gedanken über dieses Thema gemacht und sich dabei von dem innerkirchlich immer noch umstrittenen Teilhard de Chardin inspirieren lassen, der die „männlichen und weiblichen Teile der Natur“ als vereinigte Paare zu Gott aufsteigen sah. Hans Urs von Balthasar schreibt 1977 von den paarweise Berufenen, dass sie „zwei in einem Rufe“ seien, für die gelte, was auch über die natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau geschrieben steht: „Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen.“
Der Jahrhunderttheologe und Mozartliebhaber Joseph Ratzinger, der, was die Herrlichkeit und Weite seines Werkes betrifft, wohl Hans Urs von Balthasar auf Augenhöhe begegnet – und mit ihm gemeinsam u.a. die Zeitschrift „Communio“ begründete, hat es in einem 1999 gegebenen Interview wie folgt trefflich beschrieben:
„Hans Urs von Balthasar ist undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Ich glaube, man könnte bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neue theologische Aufbrüche nur dann ermöglicht werden, wenn zuerst ein prophetischer Durchbruch da ist. (…) die eigentlichen Durchbrüche, in denen dann wieder große Theologie neu entsteht, kommen nicht einfach aus dem rationalen Geschäft der Theologie, sondern aus einem charismatischen, prophetischen Anstoß heraus. (…) Die Theologie als wissenschaftliche Theologie im strengen Sinne ist nicht prophetisch, aber sie wird nur wirklich lebendige Theologie, wenn sie von einem prophetischen Impuls angeschoben und erleuchtet ist.“

Von Balthasars Tod erfolgt schließlich unter ähnlich signifikanten Umständen wie derjenige Adriennes, die am Tag der heiligen Hildegard von Bingen, einer Ärztin und Seherin, wie sie selbst eine war im Jahre 1967 starb. Der Ex-Jesuit und Theologe, der niemals einen Lehrstuhl innehatte, der große Universalgelehrte und Literaturliebhaber, den niemand zum Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater eingeladen hatte, er sollte eine – wahrscheinlich die größte Ehrung erhalten, die ein Papst vergeben kann: Der polnische Papst, selbst ein großer Frauenfreund und überzeugt von der Dualität und Komplementarität der Berufungen von Mann und Frau in der Kirche, ernannte ihn zum Kardinal, zu einem Prinzen der Kirche. Doch nur zwei Tage vor der Kreiierungszeremonie verstarb von Balthasar schicksalhaft am 26. Juni 1988 in Basel, knapp 20 Jahre nach Adrienne. Aufgabe der Nachwelt könnte es sein, immer neu zu versuchen, deren Werk und das von Balthasars in Synthese und kongruent zu rezipieren und so abschließend zur Vollendung zu bringen.

September 15, 2017   No Comments

Konvertiten – aus der Rezension von Marie-Thérèse Knöbl in der Tagespost

vom 3. August 2017:

„Nicht nur das vor unseren Augen entfaltete Leben von Heiligen, Leidenden und Bekehrten, auch das Singen des Magnificat (im Fall Paul Claudels) oder das Sprechen eines Gebets (im Fall des jüdischen Bankierssohnes Alphonse Ratisbonne) können schlagartig zu einer Überwältigung der Seele durch den Heiligen Geist und zur plötzlichen und danach unumkehrbaren Erkenntnis der Wahrheit in Geist und Seele eines Menschen führen.
Das macht die Sammlung der Konvertiten-Leben von Barbara Wenz deutlich. Gelungen veranschaulicht sie dabei das Wirken der Vorsehung und des Heiligen Geistes durch alle Zeiten hinweg, gerade auch in besonders stürmischen Zeiten der Kirche und des Individuums. Eindrucksvoll dargestellt ist dies in den Lebensbeschreibungen der beiden jüdischen Konvertiten Eugenio Zolli und Jean-Marie Lustiger, deutlich sichtbar wird es aber auch in allen anderen Porträts.

Alle dargestellten Lebenswenden sind gekennzeichnet von einer unerhörten Frische, zugleich aber auch einer unerhörten, nie gekannten Tiefe des geistigen und seelischen Lebens, welche die Schwere des Kreuzes erahnen lässt, das es in der Nachfolge Christi nicht selten zu ertragen gilt.
Die Autorin bringt all dies gut auf den Punkt, wenn sie schreibt: „Denn jetzt beginnt eine Zeit im Feuerofen der göttlichen Gnade, einerseits voller Tröstungen, doch auch immer angefüllt mit Prüfungen, Kampf und geistlicher Not.“ Ihr und dem Verlag darf man zu dieser schönen Publikation gratulieren. Ihre Lektüre gibt Zuversicht und Freude, es ist ein schönes Geschenk für alle Bekehrten und Noch-nicht-Bekehrten.“

Barbara Wenz: Konvertiten. Ergreifende
Glaubenszeugnisse. Media Maria, Illertissen 2017,
ISBN 978-3-94554012-2-4,
160 Seiten, EUR 14,95

August 15, 2017   No Comments

Leserinnenpost zu „Das Farnese-Komplott“

Ich habe mich dieses Wochenende riesig über einen wunderschönen, handgeschriebenen Brief (auf Karopapier :-)) einer achtzigjährigen Dame gefreut, der mich anlässlich eines Artikels über Fatima in der Tagespost über den Verlag erreicht hatte. Sie erzählt ein bisschen über sich und dann schreibt sie:

„Eine lange Einleitung, nur um Ihnen zu sagen, dass ich Ihren so ganz besonderen Kriminalroman „Das Farnese-Komplott“ gelesen habe.
Was heißt ‚gelesen‘? Verschlungen habe ich ihn.

Nach dem ersten Lesen habe ich noch einmal von vorne angefangen und nur alles von 2007 [der zeitgenössische Handlungsstrang – Anm BW] auf mich wirken lassen. Danach dann nur die Erzählungen von dem Muschelseidentuch [der historische Handlungsstrang-BW] Das geht tatsächlich.
Das ganze Buch ist für mich so stimmig, die vielen verschiedenen Charaktere und die für mich einfach ekelhafte Schwester Immacolata.
Erstaunlich. Woher nehmen Sie Ihre Ideen? (Kommt Ihnen das bekannt vor? Das sagt Krista Winther zu Bianca, der Tante von Lorenzo.)
Sie sehen, ich habe Ihren Roman verinnerlicht – und ich hoffe, ich kann mir bald ein neues Buch von Ihnen kaufen.“

Juni 5, 2017   No Comments

Geistliches Paar: Dorothy Day und Pierre Maurin – mein Artikel aus Vatican-Magazin Februar 2016

Am 8. Dezember 1932 sitzt eine junge Frau in der Basilika zur Unbefleckten Empfängnis in Washington, D.C. und betet unter Tränen um eine Weisung für ihr Leben. Sie hatte zuvor an einem Hungermarsch durch die Stadt teilgenommen, wie sie von ihren ehemaligen kommunistischen Genossen für Arbeitslose und sozial Benachteiligte organisiert werden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Mitte Dreißig und blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Dorothy Day war kommunistische Aktivistin und Anarchistin, sie hatte eine Affäre und eine Abtreibung sowie zwei gescheiterte Ehen hinter sich.
Ihre Eltern gehörten der episkopalen Kirche an, Dorothy bekam schon als Mädchen einen Bezug zum Christentum. Sie las viel, auch die Bibel und beschäftigte sich sowohl mit russischen christlichen Schriftstellern wie Dostojewskij oder Tolstoj, als auch mit radikal pazifistischen, kommunistischen und anarchistischen Vorstellungen und Weltansichten. Obwohl sie als junge Frau sowohl für eine sozialistische als auch eine kommunistische Zeitung schrieb, war ihre kompromisslose pazifistische Einstellung wohl das prägende Element ihres Charakters, neben der späteren Überzeugung von der Wahrhaftigkeit der katholischen Lehre und ihrer überzeugten orthodoxen Haltung hinsichtlich des Magisteriums. Der Pazifismus war es auch, der sie davor bewahrte, weiterhin den Weg ihrer sozialistisch-kommunistisch inspirierten Freunde zu gehen: Sie lehne aufgrund ihrer Überzeugung auch den Klassenkampf als solchen ab. Während der Zeit kurz vor ihrer Konversion führte sie ein unkonventionelles Leben im New Yorker Künstler- und Musikerviertel Greenwich Village, war mit Schriftstellern wie Eugene O’Neill und John Reed befreundet.
1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist sie in zweiter Ehe mit dem Biologen und Anarchisten Forster Batterham verheiratet. Als sie ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie überglücklich und voller Dankbarkeit – war sie doch nach dem schlimmen Eingriff ihrer Abtreibung davon überzeugt, nicht mehr empfangen zu können. Sie empfindet diese Schwangerschaft als pure Gnade und wahres Gottesgeschenk. Ihre Dankbarkeit ist so außerordentlich groß, dass – obwohl Day selbst noch nicht in die Kirche eingetreten ist, sie ihre Tochter im Juli 1927 katholisch taufen lässt. “Ich wollte meinem Kind die Orientierungslosigkeit ersparen, die ich oft erlebte, ich wollte gläubig sein, und ich wollte, dass mein Kind gläubig wird, und wenn die Zugehörigkeit zu einer Kirche ihr die unschätzbare Güte des Glaubens an Gott, und die umgängliche Liebe der Heiligen zuteil werden ließe, dann musste sie katholisch getauft werden.” Ihre Hingezogenheit zur katholischen Kirche sorgt bei ihrer näheren Umgebung für zunehmendes Unverständnis, insbesondere Batterham verachtet Religion und die katholische Kirche ganz besonders und weigert sich, der Taufzeremonie beizuwohnen. Day selbst wird am 28. Dezember 1927 in die Una Sancta aufgenommen, worauf die Beziehung zu Batterham endgültig zerbricht.
Die Verhältnisse innerhalb der US-amerikanischen Kirche nimmt sie eher schmerzhaft wahr: Die Gemeinden leben in relativem Wohlstand, aber sie kümmern sich in den Augen von Day zu wenig um die Rechte der Armen, der Arbeiter, der Schwarzen, Mexikaner und Filipinos. Und sie überlegt, was sie selbst innerhalb der Kirche dagegen tun könnte. Insbesondere fragt sie sich, wieso es ihren ehemaligen Kameraden, den Kommunisten, eigentlich viel besser und effektiver gelingt, Aktivitäten gegen soziale Ungerechtigkeiten und Armut zu organisieren, als der Kirche, deren Kernanliegen dies doch sein müsse. Sie als einzelne konnte natürlich dagegen anschreiben und protestieren, aber es müsse doch auch innerhalb der Kirche Persönlichkeiten und Leitfiguren geben, die eine solche Initiative führen und bündeln könnten … Dorothy Day trägt ihr Anliegen an jenem 8. Dezember fünf Jahre nach ihrem Eintritt in die Kirche vor die Immaculata: “Ich sprach ein besonderes Gebet, ein Gebet unter Tränen und Seelenqual, dass sich mir irgendein Weg auftun möge, um die Begabungen, die ich besaß für die Arbeiter und die Armen zu nutzen.”
Noch im gleichen Monat stellt sich Peter Maurin bei ihr vor, der ihr geistlicher Weggefährte und Kampfgenosse in ihren Anliegen für die Armen, die Arbeitslosen, die Lohnarbeiter und alle sozial benachteiligten werden soll – sie selbst hat es als Gebetserhörung bezeichnet.

Als Pierre Aristide Maurin am 9. Mai 1877 in eine Bauersfamilie im Languedoc geboren, trat er bereits mit 16 Jahren in eine christliche Ordensgemeinschaft ein, die sich der Frömmigkeit und der Unterstützung für die Armen widmete. Doch er wollte nicht nur religiös, sondern auch auf politischer Ebene etwas bewegen, weshalb er nach zehn Jahren bei den Christlichen Brüdern die Gemeinschaft verließ und Mitglied bei Le Sillon, einer katholischen Laienbewegung, wurde, die sich nicht nur religiös, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Kooperativen engagierte. Doch dort erschien ihm der Schwerpunkt wiederum zu stark auf politischem Engagement zu liegen. Unzufrieden verließ er auch diese Gemeinschaft und emigrierte 1909 nach Kanada, um dem Einzug zum militärischen Dienst zu entgehen und wo er ein ausgesprochen unstetes Leben führte; tatsächlich wurde er mehrmals wegen Landstreicherei und dem illegalen Mitfahrens auf Güterzügen inhaftiert. Maurin übernahm die härtesten Arbeiten, um sich über Wasser zu halten, erstrebte für sich aber keinerlei persönlichen Komfort, keinen eigenen Besitz oder gar Wohlstand. Er legte Bewässerungsgräben an, arbeitete in Sägemühlen und im Kohlebergbau, half bei der Getreideernte und fand daneben noch die Zeit, sich in öffentlichen Bibliotheken weiter theologisch fortzubilden und seine bereits beträchtlichen Kenntnisse der Schriften der Kirchenväter weiter zu vertiefen. Doch den entscheidenden Anstoß, wie er sein eigentliches Anliegen, die Umgestaltung der Gesellschaft in einem zutiefst katholischen Sinne und gemäß den Werten des Neuen Testamentes umsetzen könnte, bekam er – ausgerechnet – von den Schriften und Ideen eines russischen kommunistischen Anarchisten: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der elf Jahre vor Maurins erster Begegnung mit Dorothy Day verstorben war. Day ihrerseits kannte zwar Kropotkins Memoiren zu diesem Zeitpunkt, nicht aber seine „taktischen“ Schriften wie „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“. Maurin, der in Day eine Art heilige Katharina von Siena des 20. Jahrhunderts sah, vertiefte aber vor allem ihre theologische und geistliche Bildung, indem er sie dazu anhielt, die Geschichte in ihrer historischen Entwicklung nicht als Abfolge von Herrschern, Staaten und Systemen zu betrachten, sondern anhand der katholischen Heiligen in ihrer jeweiligen Zeit. Es waren insbesondere Augustinus und der Augustiner Thomas a Kempis mit seiner berühmten Schrift über die Nachfolge Jesu, aber vor allem inspirierten sie die Karmeliten: Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux.
Es war schließlich auch Maurin, der sie dazu anspornte, eine eigene Zeitung zu gründen, während Day noch darüber nachgrübelte, wie sie das Geld dafür aufbringen solle. „In der Geschichte der Heiligen“, ermutigte er sie, „wird notwendiges Kapital durch Gebete aufgebracht. Gott schickt dir, was du brauchst wann du es brauchst. Du wirst die Druckerei entlohnen können. Lies es einfach bei den Heiligen nach.“
Am 1. Mai 1933 erschien die Zeitung „Catholic Worker“, „Katholischer Arbeiter“, zum ersten Mal, und somit war die „Katholische Arbeiterbewegung“ in den USA gegründet. Der Verkaufspreis betrug 1 Cent, die Mitarbeiter schrieben ohne Bezahlung, und der „Katholische Arbeiter“ kam ohne Werbeeinnahmen durch Schaltung von Anzeigen aus. Das völlig Neuartige am „Catholic Worker“ war, dass er radikal , im Sinne des Evangeliums und zugleich katholisch war. Maurins Gedanken zur radikalen Denkweise und Lebensführung basierte auf den Lebensregeln der alten irischen Mönchsgemeinschaften, den Anschauungen eines Thomas von Aquin und eines Thomas Morus bis hin zu den „Personalisten“, den Vertretern eines sozialen Katholizismus im Frankreich des 20. Jahrhunderts, wonach jede gesellschaftliche Veränderung nur durch eine Veränderung der persönlichen Lebensweise – in konsequenter Jesusnachfolge – bewirkt werden könne. Von Maurin stammte auch der 3-Punkte-Plan für die Bewegung der „Catholic Worker“ – erstens die gemeinsamen Lehr- und Debattiertreffen, faktisch „offene Universitäten für alle“, zweitens „Häuser der Gastfreundschaft“, um Menschen beherberge und speisen zu können sowie drittens autarke Farmen im Hinterland, die sich selbst und die karitativen Häuser versorgen konnten – von denen es im Jahr 1941 bereits 30 autonome Einheiten gab – eine Mischung aus irischer Mönchsgemeinschaft und den Ideen eines Kropotkin also. Peter Maurin konnte den wachsenden Erfolg der gemeinsam mit Day gegründeten Arbeiterbewegung noch erleben, bevor er am 15. Mai 1949, dreißig Jahre vor seiner Weggenossin, auf einer der Farmkommunen verstarb. Das Time Magazin schrieb damals, er sei in einem abgelegten Anzug und einem geschenkten Grab bestattet worden – einem Mann angemessen, der nie in einem eigenen Bett geschlafen und ausschließlich Anzüge , die ihm von anderen geschenkt wurden, getragen habe.

Mai 18, 2017   No Comments

Meine große Reportage über den Wallfahrtsort Fatima in Portugal

findet sich in der aktuellen Ausgabe des „Cicero-Magazin für politische Kultur“, Mai 2017, in der Rubrik Salon und dem Titel „Lichter, List und Liebe“

Einen Blick ins Heft gibt es auf den Seiten von cicero.de

April 28, 2017   No Comments

Amazon-Rezensionen für „Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse“

Für mein Buch „Konvertiten.Ergreifende Glaubenszeugnisse“, letztes Jahr erschienen, gibt es inzwischen direkt bei Amazon zwei sehr freundliche Rezensionen:

Karl Dieter Wünstel (Auszug): „Ich konnte es fast nicht mehr aus der Hand legen. Allein die Auswahl der beschriebenen Persönlichkeiten bildet ein breites Spektrum ab. Die einzelnen Berichte sind fesselnd dargestellt und verleiten zum Nachdenken und Reflektieren des eigenen Glaubensverständnisses.“

„Jaroschek“ (Auszug): „Höchst wichtig ist das Kapitel über Roms Oberrabbiner Zolli, der Christ wurde, inzwischen aber weitgehend in Vergessenheit geriet. In diesem Kapitel wird das absolut falsche Zerrbild, das Hochhuth mit seinem ‚Stellvertreter‘ von Pius XII zeichnet, korrigiert. Viele Juden bestätigten nach dem Krieg die Rettung vieler Juden durch Pius XII. Pinchas Lapide sprach von Hunderttausenden. Allein etliche historische Korrekturen machen dieses Buch wertvoll.“

Herzlichen Dank den Rezensenten für ihre Mühe!

Die Rezensionen im ganzen Wortlaut und die Bestellmöglichkeit auf Amazon hier:

April 22, 2017   No Comments

Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht – Selige Angela da Foligno: Mystikerin und magistra theologorum

Überstrahlt vom Glanz des nur zwanzig Kilometer entfernten Assisi liegt das Städtchen Foligno brettflach an den Ufern des Flüsschens Topino, flankiert von üppig mit Olivenbäumen bewachsenen Hügeln. Einst von den Umbrern begründet, haben es die Römer 295 v. Chr. im Zuge der Schlacht von Sentinum erobert. Das antike Fulginium wurde zur Zeit des Römischen Reiches eine wichtige Station auf der Via Flaminia. Für die Christenheit hat der Ort schon früh große Bedeutung erlangt: der heilige Felitian, Bischof und Missionar der ganzen Region, erlitt dort im Jahre 249 das Martyrium – zuerst wurde er gefoltert, hernach von Pferden zu Tode geschleift. Um seine Grabstätte – die heutige Dom-Krypta – baute man im Mittelalter eine Befestigung und nannte den Ort Castrum Santi Felitiani.
Dass Foligno in der zweiten Hälfe des 13. Jahrhunderts als weiterer Brennpunkt franziskanischer Spiritualität in Umbrien Ruhm erlangte, ist der Seligen Angela zu verdanken.
Rund zwanzig Jahre nach dem Tode des poverello wurde Angela hier als Tochter wohlhabender Eltern geboren. Nur wenig weiß man von ihrem Leben vor ihrer Bekehrung. Dass sie ihren Vater früh verloren hat, sie bereits als junges Mädchen verheiratet wurde, sie ihre Kinder sehr geliebt haben muss. Rückschlüsse auf ihre damalige Lebensweise lässt eine Äußerung zu, die aus ihren Schriften überliefert ist: „Ihr sollt wissen, dass ich mich mein Leben lang bemüht habe herauszufinden, wie ich am besten verehrt und bewundert werden konnte.“ Vielleicht liegt darin die paradoxe Ursache, dass aus dieser eitlen und selbstverliebten Frau, die immer nur von anderen umschwärmt und angebetet werden wollte, eine solch glühende Mystikerin wurde, deren visionäre Erfahrungen, die durch harte Askese noch befördert wurden, sie an die Grenze dessen führten, was ein menschlicher Verstand, eine menschliche Seele an Gotteserfahrung noch ertragen kann – und manches Mal sogar darüber hinaus.
Doch zunächst wurden all ihre Versuche, ihr Leben zu ändern und sich zu bekehren, vereitelt. Nicht, dass sie nicht entschlossen genug gewesen wäre, allein, sie hatte eine Sünde begangen, die ihr so peinlich war, dass sie sich vor Scham und Selbstverachtung außerstande sah, sie einem Priester zu beichten. Angela tat das einzig Richtige, was man auch heute noch, sollte man sich diesem Problem ausgesetzt sehen, tun kann: Sie erflehte geistlichen Beistand vom Hl. Franziskus von Assisi und vertraute sich der vollständigen Barmherzigkeit Gottes an. Kurz darauf erschien ihr Franziskus im Traume und kündigte an, dass sie tags darauf einen guten Beichtvater finden werde, dem sie sich vollständig anvertrauen könne. So geschah es. Fra Arnaldo, ein Franziskanerpater und Verwandter Angelas, war von nun an ihr geistlicher Begleiter, was ihn anfänglich zu überfordern schien.
Einmal saß Angela unaufhörlich kreischend und laut schreiend vor dem Portal der Kirche des Hl. Franz in Assisi – ihre Schreie waren so durchdringend, dass schnell eine große Zahl von Franziskanerpatres zusammenlief, um zu sehen, was wohl Entsetzliches vor sich gehen möge. Fra Arnaldo kam ebenfalls dazu. In seinen Aufzeichnungen gibt er freimütig zu, dass er sich vor seinen Mitbrüdern maßlos schämte. Jeder wusste, dass diese Verrückte mit ihm verwandt war, ja mehr noch, dass er ihr Beichtvater war. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt er weiter, dass sein Erstaunen und sein Stolz zu groß waren, um zu Angela zu gehen und sie zu beruhigen, weshalb er peinlich berührt in einigem Abstand darauf wartete, dass die Schreierei endlich aufhören möge. Als dies endlich der Fall war, stand Angela auf, um ihrerseits zu Arnaldo gehen. Doch der konnte seine Wut kaum verbergen. Er verbot ihr, jemals wieder nach Assisi zu kommen und schärfte dies auch ausdrücklich ihren Begleitern ein. Als er sie ein paar Tage danach in Foligno besuchte und zur Rede stellte, erfährt er zum ersten Mal von ihren mystischen Erlebnissen und erkennt, dass sie vor dem Kirchportal nicht etwa vom Bösen besessen gewesen war, sondern eine Gotteserfahrung durchlebt hatte. Dies ist der Moment, in dem er beschließt, ihre Visionen und Erfahrungen zum Nutzen und Wohle der ganzen Kirche aufzuzeichnen.
Als innerhalb kurzer Zeit ihre Mutter, ihr Mann und ihre Kinder sterben, sieht sie das als Erhörung ihrer Gebete und Zeichen Gottes, dass sie sich nun ganz dem geistlichen Leben widmen solle. Im Jahre 1291 tritt sie in den Dritten Orden der Franziskaner ein.
Tatsächlich erlebte die Kirche insbesondere in den Jahren 1200 bis 1350 eine neue Hochblüte christlicher Mystik, doch Angelas Visionen und Gotteserfahrungen besitzen eine eigene, geradezu schockierende Qualität.
Über das Kreuz findet sie Zugang zur Passion Christi, die sie am eigenen Leib erleiden möchte. In Ekstase wirft sie sogar ihre Kleider vor dem Kruzifix ab, in ihrer inneren Schau steigt sie hinauf, sie legt ihre Lippen in die Seitenwunde und trinkt das göttliche Blut. Ihr Ausruf „Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht!“ ist nicht metaphorisch zu verstehen, sondern beschreibt eine konkrete Erfahrung ihrer Seele: In mystischer Verzückung liegt sie neben dem Gekreuzigten und erfährt die liebevolle Umarmung mit seiner durchgebohrten Hand. Ihre mystische Reise wird sie jedoch noch weit über das Kreuz hinausführen, über die Passion Christi und seinen Sühnetod zur Erfahrung Gottes, des allmächtigen Schöpfers, hin zur Verschmelzung mit der Heiligen Dreifaltigkeit und mit der gesamten sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung: „In dieser Offenbarung Gottes begreife ich und besitze ich jegliche Wahrheit, die da ist im Himmel und in der Hölle und in der ganzen Welt und in jeglichem Ding, und jegliche Freude, die im Himmel ist und in jeglicher Kreatur.“

Derweil unterzieht sie sich strenger Bußpraktiken bis hin zur extremen Selbstabtötung. Nicht nur das Trinken des Badewassers von Leprakranken gehörte dazu – fast schon usus ordinarius bei Asketen dieser Zeit -, auch das Brennen mit glühender Kohle an „drei bestimmten Stellen des Körpers“, um unreine Empfindungen abzutöten gehört dazu, bis Fra Arnaldo es ihr entsetzt verbietet. Immer weiter treibt sie ihre Selbsthingabe, bis zur völligen Auslöschung ihres Willens und in die vollständige Auflösung in die Wahrheit und All-Gegenwart Gottes. Sie erkennt „seine Weise, in jeder Kreatur gegenwärtig zu sein, in allem, was Dasein besitzt, im bösen Geist, im guten Engel, in der Hölle, im Paradies“ und ruft in tiefer Verzückung aus: „Die Welt geht schwanger von Gott!“

Trotz der Wucht ihrer mystischen Erfahrungen, den dazugehörigen Phasen vollständiger Gottesverdunkelung, in denen sie auch körperlich erkrankt, schafft sie es, eine lebendige Gemeinschaft von Schülern und geistigen Kindern um sich aufzubauen. Sie nennt es „Cenacolo“, Abendmahlssaal, eine Vereinigung von Männern und Frauen, Geistlichen wie Laien, die ihr religiöse Leben unter der Leitung von Angela vervollkommnen wollten und sich gleichzeitig auch der Pflege von Kranken, der Speisung von Bedürftigen und der Sorge um die Waisen widmeten.
Angela stirbt nach einer monatelangen Krankheit am 4. Januar 1309. Auf ihrem Sterbebett mahnt sie noch einmal ihre Freunde und geistigen Kinder: „Suchet klein und wahrhaftig, demütig und sanft zu sein.“ Der Kirche hinterlässt sie die beiden Schriften Memoriale – das bereit 1298 fertiggestellt war und in der franziskanischen Gemeinschaft kursierte – sowie die Instructiones.

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Innozenz XII. spricht sie im Jahre 1693 selig. Insbesondere Franz von Sales, Alfons Maria von Liquori und Papst Benedikt XIV. sollen von ihren Schriften beeinflusst worden sein, die Selige Angela bekommt später den Ehrentitel „magistra theologorum“ verliehen – Lehrmeisterin der Gottesgelehrten.
Am 20. Juni 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. die Kirche San Francesco in Foligno, wo ihr gläserner Schrein zur Verehrung aufgestellt ist. Zu diesem Anlass hatte er eigenhändig ein besonderes Gebet verfasst, welches von der innigen Zuneigung zeugt, die der damalige Pontifex für die kleine Selige aus Foligno empfunden haben muss. Zuletzt würdigte sie Benedikt XVI. in seiner Katechesenreihe über heilige Frauen am 13. Oktober 2010.
Keiner könne Entschuldigungen vorgeben, da jeder Gott lieben kann, zitierte Benedikt XVI. die Selige Angela. Auf ihrem geistlichen Weg habe sich der Übergang von der Umkehr zur mystischen Erfahrung, das heißt zum Sagen dessen, was unsagbar ist, durch den Gekreuzigten vollzogen. Der Kern ihrer Lehre sei, sich mit Christus zu identifizieren, sich in ihn hineinzubegeben und sich in der Liebe und in den Leiden Christi verwandeln zu lassen.

Betrachtet man das Leben Angelas, ihre geistliche Wirkung durch die Zeit, die umgekehrt proportional zu ihrer allgemeinen Bekanntheit steht, dann erhält auch das Wort Jesu, das er einmal an sie gerichtet haben soll – „Ich habe dich nicht zum Scherz geliebt!“ – eine tiefere, eine vollkommenere Bedeutung.

Selige Angela von Foligno!
Große Wunder hat der Herr in dir vollbracht.
Mit dankbarer Seele schauen wir heute
und beten das geheime Mysterium der göttlichen Barmherzigkeit an,
die dich auf den Weg des Kreuzes geführt hat
und dich erhöhte zu Heldengröße und Heiligkeit.
Erhellt durch den Gehalt des Wortes,
geläutert vom Sakrament der Buße,
bist du zum leuchtenden Beispiel geworden
für die Tugenden des Evangeliums
eine weise Lehrerin der christlichen Erkenntnis
und sichere Führerin auf dem Weg zur Vollkommenheit.
Du weißt um die Traurigkeit der Sünde,
doch ebenso hast du die vollkommene Seligkeit der Vergebung Gottes erfahren.
Mit freundlichen Worten hat Christus
sich an dich gewandt,
er nannte dich „Tochter des Friedens“
und „Tochter der göttlichen Weisheit“.
Selige Angela, auf deine Fürsprache vertrauend
bitten wir um deine Hilfe
denn ehrlich und ausdauernd sei die Bekehrung desjenigen,
der auf deinen Pfaden wandelnd die Sünde verlässt
und sein Herz der göttlichen Gnade öffnet.
Gib, dass die jungen Menschen deine Nähe spüren,
führe sie hin zur Entdeckung ihrer Berufung
damit ihr Leben sich der Freude und der Liebe öffnen möge.
Unterstütze auch diejenigen, die müde, ohne Vertrauen und nur mit Mühe
ihren Weg gehen, beschwert von körperlichen und seelischen Schmerzen.
Sei ein leuchtendes Vorbild der Weiblichkeit im Sinne des Evangeliums
für jede Frau: für die Jungfrauen und Bräute, die Mütter und Witwen.
Das Licht Christi, das deinen schwierigen Lebensweg erhellt hat
erstrahle auch auf ihrem täglichen Weg.
Bitte zuletzt auch um Frieden für uns alle und für die ganze Welt.
Selige Angela, bitte für uns!

Gebet des heiligen Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Foligno

[Artikel zuerst erschienen in Vatican-Magazin November 2011]

Januar 4, 2017   No Comments

Zum Tag der heiligen Odile – der „Mutter des Elsass“

Es gibt zahlreiche spektakuläre Aussichtspunkte in den elsässischen Nordvogesen, doch der berühmteste unter ihnen ist zugleich ein heiliger Berg und eine Pilgerstätte: Der Odilienberg, 764 Metern über dem Meeresspiegel, bietet atemberaubende Ausblicke über die Landschaft der Rheinebene nach Osten zwischen Kehl und Lahr bis in die Hänge des Schwarzwalds, wie nach Westen über die Kämme der Vogesen bis weit ins Land hinein. Schon in frühester Vorzeit diente das Buntsandsteinmassiv mit seinem Hochplateau als Zufluchtsort. Eine 10 Kilometer lange Wallmauer umgibt seine Hänge, die so genannte Heidenmauer, von der man annahm, dass sie prähistorischen Ursprungs sei. Neueste Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass sie aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammen könne. Die Römer unterhielten dort eine Höhenfestung, die sie Altitona nannten. Heute befinden sich auf seinem Gipfel nicht nur der uralte Merowingerfriedhof, sondern auch eine großzügige und modernisierte Anlage, die auf den Resten des ehemaligen Klosters der heiligen Odilie, der Schutzpatronin des Elsass, errichtet wurde. Hier werden noch immer ihre Reliquien verehrt. Dieser Ort hat viele Pilger magnetisch angezogen, unter ihnen auch Johann Wolfgang von Goethe, der darüber in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt: „Einer mit hundert, ja tausend Gläubigen auf den Ottilienberg begangenen Wallfahrt denke ich noch immer gern. Hier, wo das Grundgemäuer eines römischen Kastells noch übrig, sollte sich in Ruinen und Steinritzen eine schöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Kapelle, wo sich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmutige. Das Bild, das ich mir von ihr machte und ihr Name prägte sich tief ein.“

Odilia oder Ottilie kam um das Jahr 660 als erstes Kind des fränkischen Herzogs Adalric (auch Attich, Etich) zur Welt. Adalric gehört zu den Stammvätern der Capetinger, sein Name taucht ebenso in den Ahnentafeln vieler bedeutender Herrscherhäuser wie der Salier, Staufer, Zähringer und Habsburger auf. Man geht davon aus, dass Odilia in dem Schloss ihres Vaters zur Welt kam, das dieser auf den römischen Ruinen von Altitona errichtet hatte. In einer Mischung aus Wut, Scham und Schuldgefühl befahl Adalric, dass sein erstgeborenes Kind, enttäuschenderweise eine Tochter und noch dazu blind geboren, in der Wildnis ausgesetzt werden solle. Der Herzog handelte gemäß einem heidnischen Brauch, da er insgeheim befürchtete, dass das behinderte Kind die göttliche Strafe für eine von ihm begangene schändliche Tat sei. Doch Persinda, seine Gemahlin, versuchte verzweifelt, das sichere Todesurteil für ihr Kind abzuwenden. Sie sandte deshalb einen Boten an ihre ehemalige Amme, die in einiger Entfernung lebte und die sich freudig dazu bereit erklärte, die Pflege und Erziehung des Mädchens zu übernehmen. Odilie wuchs, unter der Obhut ihrer Amme, in einem „Palma“ genannten Kloster auf, welches heute als Baume-les-Dames in der Nähe von Besançon identifiziert wird.
Das Christentum steht in dieser Zeit in Mitteleuropa in voller Blüte, auch wenn Adalrics Anwandlungen noch tief im heidnischen Gedankengut zu wurzeln scheinen. Denn die irischen Wandermönche und Missionare, die auf dem Weg nach Süden, nach Rom und Jerusalem durch das europäische Festland zogen, konnten das einfache Volk mit ihrem missionarischen Eifer, ihren glühenden Predigten und ihrer überzeugenden Lebensweise für das Evangelium entfachen. Vom heiligen Columban – nicht zu verwechseln mit dem Heiligen gleichen Namens, der in Schottland missionierte, ist bekannt, dass um das Jahr 592, also knapp 60 Jahre vor der Geburt Odilias, durch die Vogesen zog und unter anderem das bedeutsame Benediktinerkloster in Luxueil gründete. Die Leuchtspur des heiligen Columbans von Luxueil und seiner Gefährten zog sich durch ganz Süddeutschland, die Donauregion und den Bodensee, bis hinunter nach Norditalien. Selbst bis zu den slawischen Siedlungen im Osten drangen sie vor und prägten mit ihrer glühenden Hingabe das ganze siebte Jahrhundert in Mitteleuropa. Die Evangelisierung war mobil, meist zu Fuß durchzogen heilige Männer die Landen.
Und so tat es auch ein Bischof aus den bayrischen Landen, Erhard von Regensburg. Dieser Bischof Erhard empfing eines Tages eine göttliche Weisung: Er solle nach Palma gehen und dort ein blindes Mädchen auf den Namen Odilia taufen. Sie soll im Alter von 12 Jahren gewesen sein, als der Regensburger Bischof sie im wörtlichen Sinne aus der Taufe hob, denn zu dieser Zeit bestand der Ritus noch darin, dass man die Täuflinge in das Wasser eines geweihten Brunnens eintauchte. Schließlich salbte der Bischof die blinden Augen seines Taufkindes mit Chrisam. Und da geschah das Wunder: Odilia öffneten sich die Augen – sie erblickte zum ersten Mal seit ihrer Geburt das Licht. Nein, nicht das Licht der Welt, wie man Geburt noch gerne umschreibt: Es handelte sich insbesondere um eine geistliche Neu-Geburt in Christo. Durch das göttliche Wunder der Heilung ihrer Sinne, der jahrelang verschlossen gewesenen Augen, ereignete sich auch eine grundlegende Lebenswende für Odilia. Sie lernte Lesen und Schreiben und man ließ ihr die allerbeste Ausbildung angedeihen, denn sie war, wenn auch verstoßen, die Tochter eines Herzogs. Die Jahre zogen ins Land und es geschah, dass einer ihrer Brüder von ihrem Schicksal erfuhr und den Vater mit der Schwester wieder versöhnen wollte. Doch Adalric wollte, verstockt wie er war, nichts davon wissen und drohte seinem Sohn sogar. So ließ jener ohne Wissen des Vaters nach der Schwester schicken, um sie nach Hause auf die Hohenburg zu holen, wo er nicht nur sein Schloss erbaut, sondern mittlerweile auch ein Kloster gegründet hatte. Adalric muss ein sehr jähzorniger Mensch sein, denn als er Odilia und ihr Gefolge anreisen sah, verlor er dermaßen die Beherrschung gegenüber seinem Sohn, der sich nur das Beste für ihn und Odilia gewünscht hatte, dass er mit einem Stock auf ihn losging und in maßloser Wut erschlug. Es war die letzte Grausamkeit, die er in seinem Leben begehen sollte, den Rest seiner Tage verbrachte er voller Trauer und Reue in dem von ihm gegründeten Kloster, nicht ohne sich vorher mit Odilia herzlich versöhnt zu haben. Sie, die bis kurz vor seinem Tod als einfache Magd in seinem Kloster gelebt hatte, wurde von ihm in einem Moment der Barmherzigkeit, als er ihr zufällig begegnete, wie sie Mehl austrug, um für die Armen Brot zu backen, mit allen Würden und Rechten als Vorsteherin des Klosters eingesetzt. Nun hatte sie die verantwortungsvolle Aufgabe, für 130 Schwestern zu sorgen. Doch sie ließ auch Neubauten errichten: Eine Kirche, die dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht werden sollte, der ihr Schutzpatron war, seit sie während ihrer Taufe das Augenlicht wiedererlangt hatte, und ein Tochterkloster am Fuße des Berges, in dem besonders Alte und Kranke betreut werden sollten, die den steilen Aufstieg zum Mutterkloster nicht bewältigen konnten. Alle diese großartigen Unternehmungen erlebte Adalric nicht mehr – er starb kurze Zeit, nachdem er sie als Äbtissin eingesetzt hatte.
Als treue Tochter ehrte sie ihren Vater, der doch einst ihren Tod erwünscht hatte und fastete und betete nach seinem Hinscheiden tage- und nächtelang hartnäckig für seine Erlösung und um göttliche Barmherzigkeit. Ihre Trauer war unermesslich, denn sie musste davon ausgehen, dass Adalrics Seele aufgrund seiner schlimmen Taten am Orte der Verdammnis weilte. Aufgrund ihres großes Glaubens und ihrer Hingabe wurde Odilia erhört. Eines Nachts öffnete sich der Himmel und ein strahlender Glanz brach über sie herein. Die Vita berichtet, dass sie folgende Worte vernahm: „Odilia, die du Gott teuer bist, bezähme doch deine quälende Schwermut! Denn du hast von Gott für die Sünden deines Vaters Vergebung erlangt. Siehe auch, aus der Unterwelt befreit, wird er von Engeln geleitet, um sich dem Chor der Patriarchen zu gesellen!“ Sie aber pries Gottes Güte und sagte Dank dafür, dass er sich ihrer unwürdigen Gebete angenommen habe.
Heute markiert die so genannte Tränenkapelle den Ort, an dem das inständige und anhaltende Gebet der Heiligen stattgefunden hat: den ehemaligen Klosterfriedhof mit dem Grab ihres Vaters.

Zu den Umständen ihres eigenen Todes an einem 13. Dezember, das genaue Jahr ist unbekannt, soll jedoch nach 723 liegen, wird berichtet, dass Odilia, entgegen sämtlicher Gepflogenheiten der Zeit ihre Mitschwestern von ihrem Sterbelager wegschickte, damit sie die Psalmen sängen. Der Jammer der Frauen war groß, als sie bei ihrer Rückkehr die geliebte Äbtissin tot vorfanden, insbesondere auch deshalb, weil sie ohne den Empfang des Viatikums, der letzten heiligen Kommunion hinübergegangen sei. So sehr flehten, weinten und beteten sie, dass Odilias Lebensodem zurückkehrte. Sie setzte sich auf und beklagte sich bei den trauernden Frauen, denn sie habe im Jenseits die heilige Jungfrau Lucia getroffen und eine solche Freude genossen, die kein lebender Mensch ermessen könne. Doch die frommen Schwestern ließen sich durch solche Vorwürfe nicht beirren: Man könne ihnen schließlich Unachtsamkeit und Pflichtvergessenheit vorwerfen, wenn sie Odilia ohne einen letzten Empfang des Leib des Herrn sterben ließen! Daraufhin ließ die Äbtissin sich die heilige Kommunion bringen, empfing sie und hauchte ihre Seele im Kreise der Schwestern aus. Um ihre Grablege soll sich noch tagelang ein himmlischer Wohlgeruch ausgebreitet haben.

Das Kloster auf dem Sandsteinmassiv trotzte sämtlichen Zeitläuften. Nach einer Hochblüte unter Äbtissin Herrad von Landsberg, die im 12. Jahrhundert den „Hortus Delicarum“ das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammenfasste, wurde es während des Dreißigjährigen Krieges mehrmals geplündert. Danach übernahmen Prämonstratensermönche die Fürsorge für Odilias Grab und die zahlreichen Pilger, die vor allem um Heilung von Augenkrankheiten baten. Was der Bauernkrieg nicht geschafft hatte, gelang den Jakobinern der Französischen Revolution – die völlige Vertreibung der Ordensleute und die Vernichtung einer bislang beliebten Wallfahrt. Doch nicht für lange. Keine 60 Jahre später wurde das profanisierte Kloster zurückgekauft und dem Bischof von Straßburg unterstellt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts pulsiert das geistliche Leben auf dem Berg wieder, ist das Kloster nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, sondern auch einer der beliebtesten Wallfahrtsorte in Frankreich, der im Jahr 1988 als prominentesten Pilger der Neuzeit Papst Johannes-Paul II. empfangen durfte.

Über dem Eingangstor des ehemaligen Klosters ist die in Stein gemeißelte Inschrift zu lesen: „Hier blühte einst die heilige Äbtissin Odilia, hier waltet sie immerfort als Mutter des Elsass“.
Im Herzen des ehemaligen Klosters, das von drei Ordensschwestern vom Heiligen Kreuz und einem Kaplan betreut wird, glüht die Liebesflamme der Ewigen Anbetung: Seit 1931 kommen Gruppen von Gläubigen aus allen Pfarreien und Dekanaten, um vor dem Allerheiligsten tagsüber und in der Nacht zu beten – eine Woche lang, bis sie von der nächsten Gruppe abgelöst werden. Draußen blickt die überlebensgroße Statue der heiligen Odilia mit dem Äbtissinnenstab auf einem Balustradenturm weit in die oberrheinische Tiefebene und hält ihre segnende Hand über die Landschaft und ihre Bewohner. Es ist ein gewaltiges Zeichen, sichtbar für alle, für den gläubigen wie den nichtglaubenden Besucher dieser besonderen heiligen Stätte.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Januar 2014]

Dezember 13, 2016   No Comments

Basilika des heiligen Benedikt in Trümmern

Heute morgen gegen 7.40 Uhr brachte ein neuerlicher schwerer Erdstoß der Stärke 6,5 (Angaben variieren bis hin zu 7,1) die Basilika mit den Fundamenten des Geburtshauses des heiligen Benedikt von Nursia (das ist Norcia) zum Einsturz.
Wir erinnern uns an die schwersten Beben der letzten Jahrzehnte. Um die Jahrtausendwende traf es zunächst Assisi und besonders seine Oberkirche. In der herabstürzenden Trümmern kam ein Priester um. Im Jahre 2009 wurde L’Aquila fast völlig vernichtet. L’Aquila, das ist der Ort, der vor dem verheerenden Erdbeben berühmt war als Grablege des heiligen Papstes Coelestin V. (der übrigens von seinem Amt zurücktrat) und für dessen großen Ablass aus dem Jahre 1294, den man „la perdonanza“ nennt und der denjenigen gewährt wird, die am 28./29. August unter den üblichen Bedingungen durch die Pforte der Basilika Santa Maria di Collemaggio eintreten. Die Signifikanz wird langsam spürbar, nicht? Und nun also Norcia, der Geburtsort des „Vaters von Europa“ ….
Aus aktuellem, wenn auch traurigem, Anlass, hier mein Artikel über Norcia und die Benediktinermönche dort, im Originallayout, die ich vor einigen Jahren besucht, Interviews gemacht hatte, sowohl für das Vatican-Magazin als auch für Die Tagespost.

Oktober 30, 2016   No Comments