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Category — Literatur

Rudolf Otto: Das Heilige

„Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale im Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklangen, diese erhabensten Worte, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.“

Rudolf Otto, lutherischer Theologe und Autor des religionswissenschaftlichen Klassikers „Das Heilige“.

August 14, 2017   No Comments

Die Verfügung aus dem Jahre 1981 über die Aufnahme der Neumärtyrer

in den Kalender der Heiligen durch das Konzil der Erzbischöfe und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland:

„Groß ist die Heldentat des Martyriums!“
Im Heiligen Evangelium lesen wir den Aufruf unseres Erlösers, des Herrn Jesus Christus, an jene, die Seine Nachfolger zu sein wünschen: Müht euch (ringt) mit allen Kräften darum, durch die enge Pforte hineinzugehen (Lukas 13,24). „Sich mühen und kämpfen“ – das ist der Weg des mühevollen Tuns und des Kampfes [podvig]; verwirkliche dieses christliche Ringen in deinem Leben. In anderen Worten, ein Christ muss das Leben eines Kämpfers leben […]

Obschon wir in der Geschichte der Kirche Christi in allen Zeitepochen Beispiele des Martyriums finden, so war doch vor der Russischen Revolution die Heldentat des Martyriums in den ersten Jahrhunderten des Christentums vorherrschend, als das Heidentum die Heilige Kirche Christi durch Eisen und Blut zu zerstören versuchte.
Heutzutage sehen wir etwas davon recht Verschiedenes. Mit dem Auftauchen und der Konsolidierung des Gotthassenden Kommunismus in Russland wurde ein Kriegszug der Verfolgung des Glaubens, der in seinem Umfang alles Vorherige übertraf, freigesetzt. Wie ein kirchlicher Verfasser es zum Ausdruck brachte: Das Orthodoxe Russland fand sich selbst auf Golgatha wieder, und die Russische Kirche – ans Kreuz genagelt. Natürlich hat es es, genauso wie im Alterum, Fälle von Apostasie gegeben. Aber zur selben Zeit haben die Russische Kirche und das russische Volk zahlreiche Beispiele mutigen Erduldens der Verfolgungen und des Todes um des christlichen Glaubens willen bewiesen. Man kann freilich keine präzise Aufstellung all dieser Fälle des Martyriums durch die langen Jahre der kommunistischen Herrschaft in Russland hindurch anfertigen, niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es so viele gegeben. Wir müssen hier nicht von Hunderten,nicht von Tausenden, sondern von Millionen sprechen, die für den Glauben litten: Wahrlich ein Ereignis von erschütternden Dimensionen! im gesamten Verlauf der menschlichen Geschichte hat es nichts gegeben, was mit dem, was wir heute sehen, vergleichbar wäre: Niemals zuvor hat es solch eine Ausschüttung des Bösen, des offenen, wahnwitzigen Aufstandes von Geschöpfen gegen ihren Schöpfer gegeben, wie dies heutzutage in unserem vielleidenden Heimatland, das von den Kommunisten versklavt worden ist, sehen.
Niemals zuvor in den aufgezeichneten Geschichte hat sich das Böse so unverschämt, so offensichtlich und krass offenbart, wie es dies jetzt tut. Niemals zuvor haben wir von solch einer empörenden Schmähung, von solch einer irrsinnigen Blasphemie Gottes und all dessen, was heilig ist, gehört, die bis in die höchsten Himmel hinaufschreit – wie sie jetzt in Sowjet-Russland zu hören ist. […] Doch wenn die vom Teufel besessenen hasserfüllten Feinde Gottes und der Kirche unsere Heimat, das russische Land, mit ihren widerwärtigen Lästerungen und ihrem Hass auf Gott besudelt haben, so wird sie doch zugleich durch das geheiligte Blut jener, die für den Glauben und die Wahrheit litten – die Neumärtyrer Russlands-, geläutert. Dieses Blut hat im Übermaß das russische Land getränkt und hat es geheiligt und gereinigt von dem Wahnsinn der Gottlosen und jener, die gegen Gott selbst kämpfen. […]

Aus dem Nachwort von Ljubov Millar: Großfürstin Elisabeth von Russland

April 17, 2017   No Comments

Fastenlektüre: Ratzingers Einführung in das Christentum

Aus dem Vorwort zur Neuausgabe 2000:

„Gott aber ist … nicht bloß irgendein theoretischer Abschluss des Weltbildes, mit dem an sich tröstet, an dem man sich anhält oder einfach vorübergeht. Das sehen wir heute überall dort, wo seine bewusste Leugnung konsequent geworden ist und wo seine Abwesenheit durch nichts mehr gemildert wird. Denn zunächst geht da, wo man Gott auslässt, scheinbar alles weiter wie bisher. Gewachsene Grundentscheidungen, Grundformen des Lebens bleiben bestehen, auch wenn sie ihre Begründung verloren haben. Aber wenn, wie es Nietzsche darstellt, die Botschaft einmal wirklich ankommt, die Menschen ins Herz trifft, dass Gott tot sei, dann wird alles anders. Das zeigt sich heute zum einen in dem wissenschaftlichen Umgang mit dem menschlichen Leben, bei dem der Mensch ganz von selbst zum technischen Objekt wird, als Mensch immer mehr verschwindet. Wenn man Embryonen technisch ‚züchtet‘, um ‚Forschungsmaterial‘ zu haben und Organvorräte zu gewinnen, die dann anderen Menschen nutzen sollen – da gibt es schon kaum mehr einen Aufschrei des Entsetzens. Der Fortschritt verlangt dies alles, und die Ziele sind ja edel: Die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, jedenfalls derjenigen, die es sich leisten können … Aber wenn der Mensch in seinem Ursprung und in seinen Wurzeln sich selbst nur Objekt ist, wenn er ‚produziert‘ und in der Produktion nach Wünschen und Nützlichkeiten selektiert wird, was soll dan überhaupt der Mensch noch vom Mensch denken?
Wie sich zu ihm verhalten? Wie wird der Mensch zum Menschen stehen, wenn er nichts mehr vom göttlichen Geheimnis im anderen finden kann, sondern nur noch sein eigenes Machen-Können? Was hier in den ‚hohen‘ Zonen der Wissenschaft erscheint, hat sein Spiegelbild überall dort, wo es gelungen ist, auch in der Breite den Menschen Gott aus dem Herz zu reißen. Heute gibt es Freizonen des Menschenhandels, des zynischen Verbrauchs des Menschen, denen die Gesellschaft wehrlos gegenübersteht. [Ratzinger nennt als Beispiel nun Handel mit Zwangsprostituierten in Albanien]
Und sehen wir nicht überall um uns herum, in scheinbar ganz geordneter Umgebung, das Wachsen der Gewalt, die immer selbstverständlicher und immer hemmungsloser wird?“

[Hervorhebungen von mir.]

März 4, 2017   No Comments

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey

>>Madre Maria lehnte mit dem Rücken an einem Pfosten; die Kranken lagen in Reihen da, starrten zur Decke empor und versuchten, den Atem anzuhalten. Sie sprach an diesem Abend von all den Vielen draußen im Dunkel (sie dachte an [den toten] Esteban in seiner Einsamkeit, an [die tote] Pepita in ihrer Einsamkeit, die niemand hatten, an den sie sich wenden konnten; von den Vielen, für die die Welt vielleicht mehr als schwer war, für die sie sinnlos zu sein schien. Und diese hier, die in ihren Betten lagen, fühlten, dass sie von einer Mauer beschützt waren, welche die Äbtissin für sie gebaut hatte; hier innen war alles Licht und Wärme, und draußen war die Finsternis, die sie nicht einmal für Befreiung von ihren Schmerzen und vom Sterben eingetauscht hätten. Doch noch während sie sprach, gingen der Äbtissin andere Gedanken durch den Sinn. „Schon jetzt“, so dachte sie, „erinnert sich fast niemand mehr Estebans und Pepitas, als nur ich. Camila allein gedenkt ihres Onkels Pio und ihres Sohnes; diese Frau ihrer Mutter. Bald aber werden wir alle sterben, und alles Angedenken jener fünf wird dann von der Erde geschwunden sein. Und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden.
Doch die Liebe wird genug gewesen sein; alle diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Nicht einmal eines Erinnerns bedarf die Liebe.
Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzige Bleibende, der einzige Sinn.“<<

Februar 6, 2017   No Comments

Pilger des Tages und der Nacht – der vergessene Priesterpoet Jakub Deml


Wer sich ein wenig mit tschechischer Literatur beschäftigt hat, der weiß, dass dieses kleine Völkchen erstaunlich viele großartige Schriftsteller und Dichter hervorgebracht hat. Leider sind die meisten der breiten Leseöffentlichkeit eher unbekannt. Mindestens der Name Václav Havel, ehemaliger Dissendent und erster Präsident der tschechischen Republik, ist ein Begriff, vielleicht noch Milan Kundera oder auch Jaroslav Hašek mit seinem „braven Soldaten Schwejk“. Jakub Deml hingegen ist nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt; dabei gilt der katholische Priester und „poète maudit“ – der verfemte Dichter – als d e r Begründer des tschechischen Surrealismus. Der durch seine ebenso berückende wie skurrile Prosa bekannte, großartige Bohumil Hrabal (1917-1997) empfiehlt die Lektüre Demls, in den er sich regelrecht „bis über beide Ohren“ verliebt habe, weil er es „versteht auf so kleinen Flächen alle Formen des Schreibens zu entfesseln … der Leser wird sich nicht losreißen können, bevor er die Lektüre beendet hat.“

Am 20. August 1878 als eines von vierzehn Kindern seiner Eltern, einfachen Bauersleuten, geboren, besucht er nach dem Abitur das Priesterseminar in Brünn und wird 1902 zum Priester geweiht. Doch er wird nur acht Jahre lang Priester bleiben. Deml ist, daran kann kein Zweifel bestehen, tiefgläubig. Aus seinen Texten funkelt und gleißt das Überirdische, das Traumverwobene, das Mysterium der Engel und der Immaculata, der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter. Die mächtige Magie seiner Bildsprache basiert auf dem Alten Testament, den mittelalterlichen Heiligenviten, den Vorbildern von Mystikern wie Heinrich von Seuse oder Hildegard von Bingen. Und dann ist da diese Katholizität, die aus allen Poren eigentlicher Alltagserfahrung quillt – etwa bei seinem lyrischen Text

„Sommer: Morgen:
Letztes Aufleuchten des heiligen Aspergillus der Nacht./Abgestellte Rauchfässer des Dunsts.
/Prozession goldener Baldachine/ aus mit Magnesium und Lilien beleuchteten
Höhlen./Raketen von Tönen. Und von Flügeln./Kinderlachen.“

Deml selbst schreibt über seine literarischen Vorbilder und bezeichnet sie dabei als „Werteskala seiner Seele“: „An erster Stelle die Bibel, an der zweiten das Brevier, an der dritten das Missal, an der vierten Anna Katharina Emmerich, an der fünften Otokar Brezina, oder Rainer Maria Rilke.“
1912 erscheint sein erstes Werk unter dem Titel „Die Burg des Todes“. Diese Todesburg der menschlichen Existenzangst und Erfahrung von abgrundtiefer Verlassenheit wird in vielen seiner Folgewerke ein Grundthema bleiben. Die besonders dichte Atmosphäre und Intensität der Schilderung erreicht er durch das Einsetzen von Traumprosa – tatsächlich greift Deml dabei auf die umfangreichen Notizen zurück, die er zu seinen nächtlichen (Alp)Träumen gewohnheitsmäßig führt und die selbst einen Teil seines monumentalen Schaffens bilden.
Doch Deml hat auch eine sehr lichte und luzide Seite, wie man bereits bei dem oben zitierten Gedicht „Sommer:Morgen“ sehen konnte; im übrigen führt natürlich seine tief eingewurzelte Katholizität dazu, dass selbst bei sehr dunklen Schilderungen das überirdisch Helle hindurchglitzert.
1913 erscheint die Poemsammlung „Meine Freunde“, das für lange Zeit in den Schulen des Landes als Pflichtlektüre gilt und in der er die tschechische Naturlyrik zu einer neuen Höhe führt. Die „Freunde“, das sind nämlich Blumen und Pflanzen, mit denen Deml einen träumerischen Dialog führt. Von einer unvorstellbaren Schönheit sind diese lyrischen Gemmen, in kurzer und kürzester Prosaform gehalten. „MAIGLÖCKCHEN, zerbrechlicher Traum der Wurzeln von Eichen über Burgjungfern des 13. Jahrhunderts, auch wir haben uns gewünscht, uns in Eichenwäldern zu verlieren und zierliche Gegenstände aus Alabaster zwischen die Finger zu nehmen.“ Oder „PFINGSTROSE, in dem Monat, das dem Herzen Gottes geweiht ist, grübelst du nach über das große Geheimnis der Granaten und im Schatten lodernd, ermöglichst du unseren Augen, dass sie in die Sonne der Eucharistie blicken. Die Gesichter der Mädchen erblassen.“

Jakub Deml bleibt lange Zeit der führende Dichter der „renouveau catholique“, der „Katholischen Erneuerung“ im tschechischsprachigen Bereich. Doch er hat ein äußerst schwieriges Naturell. Seine Suspendierung als Priester erfolgt im Jahre 1910, zuvor wurde er immer wieder versetzt. Er hat Streitigkeiten mit dem Bischof, betrachtet den höheren Klerus als seinen Feind, und letztlich scheitert er am Zölibat. Seine Attacken machen auch nicht vor Kollegen und Freunden halt, immer wieder kommt es zu Zerwürfnissen. Seine Unbeherrschtheit trägt ihm sogar ein Gerichtsverfahren wegen „Beleidigung des Staatsoberhauptes“, zu der Zeit war das T. G. Masaryk, ein, der persönlich interveniert und ein gutes Wort für Deml einlegt, weil er dessen schriftstellerische Leistungen hoch schätzt. Unter der Herrschaft der deutschen Besatzer, dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ darf er nicht mehr publizieren, wird aber im Jahre 1948 erneut vor Gericht gestellt, diesmal wegen „Kollaboration mit den Nazis und antisemitischer Äußerungen“.
Diesmal schaltet sich ein Dichterkollege ein, Vítězslav Nezval, der wenige Jahre später zum Nationalkünstler ernannt werden wird, und, anders als Deml, einen ausgesprochen guten Ruf genoss. Nezval ist es auch, der ihn als einen Dichter bezeichnete, welcher schon vor Entstehung des Surrealismus – einer Strömung, der er selbst angehört – Surrealist gewesen sei. Wieder kann der unbequeme Exzentriker einer Verurteilung entgehen.
Im Jahre 1951 entsteht sein „Herbsttraum“, der vermutlich auch die erneute Verhängung Publikationsverbot in den 50er Jahren heraufbeschwört: Dieser Text entstand nach dem Besuch in einem stalinistischen Internierungslager für Priester und Ordensleute. Literaturwissenschaftler sprechen von der hervorragenden Bedeutung gerade dieses Traumprosa-Textes, der viel später, im Jahre 1978 erstmals veröffentlicht wird.

Bis kurz vor seinem Tod arbeitet er weiter an Ergänzungen der Sammlung „Meine Freunde“ – das letzte Poem, datiert auf Dezember 1959 richtet sich an die Eisblumen. Am 10. Februar 1961 stirbt der „Sprachmagier aus Mähren“ Jakub Deml im Krankenhaus von Třebíč.
Sein monolithisches Werk steht auch heute noch am Firmament der europäischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts – wie eine unentdeckte Galaxie.

Lektüreempfehlung:
Jakub Deml:Pilger des Tages und der Nacht.
Erschienen in der Reihe: Tschechische Bibliothek der Deutschen-Verlagsanstalt München.
ISBN: 3-421-05259-X

[Zuerst erschienen in „Die Tagespost„, Februar 2013

Juli 19, 2016   No Comments

George Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 4)

„Doch wie dem auch sei, ihr habt uns dem Staat ausgeliefert. Der Staat, der uns bewaffnet, kleidet und ernährt, nimmt sich auch unserer Gewissen an. Verbot, sich ein Urteil zu bilden, verbot sogar, verstehn zu wollen! Und euere Theologen billigen das, wie es sich gehört. Mit heuchlerischer Miene erteilen sie uns die Erlaubnis zu töten, zu töten, ganz gleich wo und wie, zu töten auf Befehl, wie es der Henker tut. Als Verteidiger des Bodens unterdrücken wir auch den Aufruher, und wenn der Aufruhr gesiegt hat, dienen wir eben ihm. Die Treue wird einem erlassen. Auf diese Weise sind wir Militär geworden. Und so ganz und gar Militär, dass in einer Demokratie, die an jeglicher Art von Kriecherei gewöhnt ist, die Kriecherei der Minister-Generäle sogar bei den Advokaten Anstoß erregt. So sehr und so ganz und gar Militär, dass ein große Mann wie Lyautey diese schimpfliche Bezeichnung stets zurückgewiesen hat. Und bald wird es übrigens auch kein Militär mehr geben. Alle von sieben Jahren an bis Sechzig … alle Was? Alle was eigentlich. … Der Name Armee wird ein leerer Begriff, wenn ganze Völker sich aufeinanderstürzen – die Stämme Afrikas, achwas! – Stämme von hundert Millionen Menschen! Und der Theologe wird zwar immer mehr angeekelt, unterschreibt aber Erlaubnisscheine – ich nehme an Vordrucke, die vom Ministerium des Nationalen Gewissen verfasst sind. Wo soll das, unter uns gesagt, mit euch Theologen noch hinführen? Morgen werden die besten Töter ungefährdet töten dürfen. Dreißigtausend Fuß über dem Erdboden wird irgendein Schweinehund von Ingenieur, mit warmen Pantoffeln an den Füßen, umgeben von Spezialisten, blo0 auf einen Knopf zu drücken brauchen, um eine ganze Stadt zu morden, und wird dann eiligst nach HAuse fliegen, mit der einzigen Sorge, er könne das Mittagessen versäumen. Einen solchen Angestellten wird natürlich niemand einen Soldaten nennen. Gebührt ihm überhaupt die Bezeichnung Militär? Und ihr, die ihr im siebzehnten Jahrhundert den armen Komödianten die geweihte Erde verweigert habt, wie werdet ihr ihn begraben?“

Januar 31, 2015   No Comments

Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 3)

„Und Gott hat sogar gewollt, dass es eine Heilige war. Er hat den alten Ritterbund geehrt. Das nie ausgelieferte, alte Schwert ruht auf Knien, die der Stolzeste der Unsern nur unter Tränen umfangen kann. Wiessen Sie, ich liebe diese zarte Erinnerung an den Turnierruf: ‚Ehre den Damen!‘ Ist das nicht etwas, worüber euere gelehrten Herren vor Ärger grün werden könnten, da sie schon einmal den Weibern nicht grün sind, was meinen Sie?“
(…)
„Was werfen Sie den Männern der Kirche denn vor?“ brachte ich schließlich ziemlich dumm heraus.
„Ich? Nicht viel. Dass sie uns verweltlicht haben. Die erste echte Verweltlichung begann mit dem Soldaten, und zwar nicht erst gestern. Wenn ihr über die Auswüchse des Nationalismus jammert, sollte ihr euch daran erinnern, dass ihr einst mit den Kronjuristen der Renaissance geliebäugelt habt, als sie das christliche Recht in die Tasche steckten und mit zäher Geduld vor eurer Nase und euren Augen den heidnischen Staat wieder aufrichteten, den Staat, der kein andres Recht kennt als sein eigenes Wohl – die unbarmherzigen Vaterländer, die voll Habsucht und Hochmut sind.“
„Hören Sie einmal“, sagte ich, „ich weiß nicht viel von Geschichte, aber ich meine, in der feudalen Anarchie steckten doch auch Gefahren.“
„Sicherlich … Ihr aber habt diese Gefahren nicht auf euch nehmen wollen. Ihr habt die Christenheit unvollendet gelassen: sie bildete sich zu langsam, kostete zuviel und brachte zu wenig ein. Habt ihr nicht übrigens früher euere Basiliken mit den Steinen der Tempel erbaut? Ein neues Recht, wo doch das Gesetzbuch des Justinian noch gültig und greifbar war? … Der Staat, der alles überwacht, und die Kirche, die den Staat überwacht, diese klare und schöne Formel musste euern Politikern doch gefallen. Nur waren wir aber auch noch da! Wir hatten unsere Vorrechte und über alle Grenzen hinaus unsere schrankenlose Bruderschaft. Wir hatten sogar unsere Klöster. Soldatenmönche! Das mochte die Prokonsuln in ihren Gräbern aufwecken, und auch euch war nicht wohl dabei. Soldatenehre, müssen Sie wissen, lässt sich nicht auf die Goldwaage der Kasuisten legen. Da braucht man nur den Prozess der Jungfrau von Orléans zu lesen. ‚Im Namen des bei Euern Heiligen beschworenen Glaubens, im Namen der Treue zu Euerm Lehnsherrn, im Namen der Rechtmäßigkeit des Königs von Frankreich verlaßt Euch auf uns‘, sagten sie, ‚wir werden Euch von allem lossprechen.‘ – ‚Ich will nicht losgesprochen werden‘, rief sie. ‚Dann werden wir Euch verdammen!‘ Da hätte sie antworten können:’Ich werde also mit meinem Eid verdammt werden.‘ Denn unser Gesetz war der Eid. Ihr habt den Eid gesegnet, ihm aber gehören wir an und nicht euch.“

Januar 30, 2015   No Comments

Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 2)

„Die Soldaten von damals gehörten nämlich der Christenheit an, und die Christenheit gehört heute keinem mehr. Es gibt keine mehr, es wird nie mehr eine Christenheit geben.“
„Warum?“
„Weil es keine Soldaten mehr gibt. Ohne Soldaten keine Christenheit. Oh, Sie werden mir erwidern, die Kirche lebt noch, und das sei die Hauptsache. Sehr richtig. Nur wird es kein Reich Christi in der Zeitlichkeit mehr geben. Die Hoffnung auf dieses Reich ist mit uns gestorben.“
„Mit Ihnen?“ rief ich aus. „Es fehlt doch nicht an Soldaten.“
„Soldaten? Nennen Sie das ruhig Militär. Der letzte echte Soldat ist am 30. Mai 1431 gestorben, und ihr habt ihn umgebracht. Gerade ihr! Schlimmer noch als umgebracht, ihr habt ihn verurteilt, ausgestoßen und dann verbrannt!“
„Wir haben ihn aber auch zur Heiligen erhöht!“
„Sagen Sie lieber: Gott hat es so gewollt. Und wenn er diesen Soldaten so hoch erhoben hat, dann eben deshalb, weil es der letzte war. Der letzte eines so edeln Geschlechts konnte nur ein Heiliger sein. Und Gott hat sogar gewollt, dass es eine Heilige war. „

Januar 29, 2015   No Comments

Georges Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 1)

>>Unsere Geschlechter hatten das Rittertum im Blut, die Kirche brauchte es nur zu segnen. Sie waren eben Soldaten, nichts als Soldaten, Soldaten, wie sie die Welt nie wieder gesehen hat. Sie waren Beschützer des Staates und nicht dessen Diener, sie standen auf gleichem Fuß mit ihm. Die höchste Verkörperung des Soldatentums der Vergangenheit, die des Soldaten am Pflug im alten Rom, haben sie gewissermaßen gestrichen. O gewiss, aus der Geschichte waren sie nicht alle gerecht noch sittenrein. Nichtsdestoweniger verkörperten sie eine Gerechtigkeit, eine Art von Gerechtigkeit, an die sich seit Jahrhunderten das Leid der Elenden klammert und die manchmal deren Traum erfüllen. Denn schließlich ist die Gerechtigkeit in der Hand der Mächtigen nur ein Werkzeug, um zu regieren, wie irgendein anderes auch. Warum nennt man sie Gerechtigkeit? Sagen wir eher Ungerechtigkeit, aber eine berechnete, leistungsfähige Ungerechtigkeit, die gan und gar auf der schreckenerregenden Erfahrung von der Widerstandskraft des Schwachen aufgebaut ist, auf seiner Fähigkeit zu leiden, Demütigung und Unglück zu ertragen. Es ist eine genau auf jenem Spannungsgrad gehaltene Ungerechtigkeit, wie man ihn nötig hat, um das Räderwerk der riesigen, die reichen Leute herstellende Maschine in Gang zu halten, ohne dass der Kessel platzt. Und da verbreitete sich eines Tags über die ganze Christenheit das Gerücht, eine Art von Polizeitruppe des Herrn Jesus Christus sei im Entstehn begriffen … Ein bloßes Gerücht, was ist das schon, zugegeben. Aber sehn Sie: sobald man an den fabelhaften, anhaltenden Erfolg eines Buches wie Don Quijote denkt, kann man nicht umhin zu begreifen: Wenn sich die Menschheit durch Lachen für die Enttäuschung ihrer großen Hoffnung immer noch rächt, so deshalb, weil sie sie lange genug gehegt, weil sie sie tief im Herzen getragen hat. Sie haben das Unrecht wieder gutgemacht, mit ihren eisernen Fäusten haben sie es getan. Ihr könnt nun sagen, was ihr wollt: Die da schlugen mit gewaltigen schweren Hieben drein – mit den gewaltigen Hieben haben sie in unsere Gewissen eine Bresche geschlagen. Wie viele Frauen bezahlen heute noch einen hohen Preis für das Recht, die Namen jener Männer zu tragen, die armen Soldatennamen. Und die einstmals von irgendeinem ungeschickten Handwerker auf ihre Schilde gemalten kindlichen Wappenzeichen sind nun der Traum der reichen Herren von Kohlengruben, Erzhütten und Stahlwerken. Finden Sie das nicht spaßig?“ >>

Januar 29, 2015   No Comments