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Category — Literatur

Kulturnation Italien feiert 200 Jahre Gedicht „L’Infinito“ von Giacomo Leopardi

Während im neobarbarischen Ex-Land der Dichter und Denker auf Druck einer Generation, die jedwedes Gespür für Poetik und jeden Sinn für alle Schönheit dieser Welt mittels ihres vernagelten ideologischen Denkens verloren hat in protofaschistischer Manier Gedichte an Hausfassaden überstrichen werden, feiert Italien in diesem Jahr ein Poem, das so bedeutend insbesondere auch für die europäische Literatur war, dass es sogar von Rainer Maria Rilke und Anna Achmatova ins Deutsche respektive Russische übertragen wurde.

Wir reden von L’Infinito – Die Unendlichkeit. Giacomo Leopardi hat dieses lyrische Stück in vierzehn Versen ohne Reime – was an sich eine Revolution darstellte – auf einem Hügel mit Blick auf die Weite des Adriatischen Meeres in seinem Geburtsort Recanati bei Loreto, südlich des Monte Conero, der oben in der Bildleiste zu bewundern ist, ersonnen.

Und so wurde vor zwei Tagen, auch in Form eines modernen „flashmobs“, dieses lyrische Stück auf der Piazza in Recanati gemeinschaftlich rezitiert und gefeiert. Nebenzu aber auch in ganz Italien in den Schulen mit Begeisterung wiedergelesen und gebührend gewürdigt, von Ministern wie von Schülern, Studenten, Dozenten und Lehrern.
Diese Tatsache erscheint mir einer Meldung wert.

Untenstehend das italienische Original, die Übertragung von Rilke und die russische Version von Achmatova als Bilddatei, weil mir das Abtippen mit der kyrillischen Tastatur zu mühselig war.

Sempre caro mi fu quest’ermo colle,
E questa siepe, che da tanta parte
Dell’ultimo orizzonte il guardo esclude.
Ma sedendo e mirando, interminati
Spazi di là da quella, e sovrumani
Silenzi, e profondissima quïete
Io nel pensier mi fingo, ove per poco
Il cor non si spaura. E come il vento
Odo stormir tra queste piante, io quello
Infinito silenzio a questa voce
Vo comparando: e mi sovvien l’eterno,
E le morte stagioni, e la presente
E viva, e il suon di lei. Così tra questa
Immensità s’annega il pensier mio:
E il naufragar m’è dolce in questo mare.

Rainer Maria Rilke:

Immer lieb war mir dieser einsame
Hügel und das Gehölz, das fast ringsum
ausschließt vom fernen Aufruhn der Himmel
den Blick. Sitzend und schauend bild ich unendliche
Räume jenseits mir ein und mehr als
menschliches Schweigen und Ruhe vom Grunde der Ruh.
Und über ein Kleines geht mein Herz ganz ohne
Furcht damit um. Und wenn in dem Buschwerk
aufrauscht der Wind, so überkommt es mich, dass ich
dieses Lautsein vergleiche mit jener endlosen Stillheit.
Und mir fällt das Ewige ein
und daneben die alten Jahreszeiten und diese
daseiende Zeit, die lebendige, tönende. Also
sinkt der Gedanke mir weg ins Übermaß. Unter-
gehen in diesem Meer ist inniger Schiffbruch.

Anna Achmatova: Besskonetschnost‘

Mai 30, 2019   1 Comment

Iwan Iljin: Wesen und Eigenart der russischen Kultur

>>Die Quelle des russisch-orthodoxen Glaubens ist das schauende Herz.
Der Russe glaubt nicht dann und darum, wenn und weil er etwas «verstanden» und «erklärerisch» gedacht hat; und nicht dann, wenn er den «Willensentschluß» gefaßt hat, sich einer Glaubensweise zuverschreiben und derselben in disziplinierendem Selbstzwang zu huldigen. Im Gegenteil, dann verliert er seinen Glauben: Intellektualismus und obligate Disziplin zerstören den Glauben in der russischen Seele. Und zwar nicht deswegen, weil der Glaube an sich vernunftlos oder vernunftwidrig wäre, dem ist nicht so, daran glaubt auch der orthodoxe Christ gar nicht. Der orthodoxe Christ ist vielmehr immer bereit, seinen Glauben zu einer allumfassenden Totalität auszubauen und läßt sich dabei nicht von einem «credo quia absurdum» leiten.
Auch hat die meditative Weisheit der ostchristlichen Einsiedler eine wunderbare Konzeption und Tradition hinterlassen: da wird die Gottliebende Vernunft zum lebendigen Urgrund der menschlichen Seele und des Herzens erhoben; da wird die schauende Einsicht, die «begreifende» Kontemplation als lebendige Quelle des Glaubens angenommen.
Der Intellektualismus ist aber etwas ganz anderes: er bedeutet grundsätzlich Souveränität oder gar Monopol des abstrakten, bald mehr logischen, bald mehr sinnlich-empirischen Denkens, ohne Herz und Schau. Der Intellektualismus vernachlässigt die übersinnliche Schau und schämt sich seines Herzens; darum bricht er mit der Vernunft und wird kurzsichtiger Verstandes-Mensch. Und kaum setzt der Intellektualismus ein, kaum versucht jemand Herz und Schau auszuschalten und sich dem selbstherrlichen, dünkelhaften Verstande zu ergeben, so schwindet der Glaube (langsam weichend oder sich rasch auflösend).
Dieser Intellektualismus wurde nach Rußland aus Frankreich, ganz besonders während der napoleonischen Kriege, importiert; er stammt von den französischen Enzyklopädisten und Voltaire einerseits, andrerseits von der deutschen «Aufklärung» und ihrer Popularphilosophie, und ganz besonders von den Links-Hegelianern und von den Materialisten. Dieser Intellektualismus kam nach Rußland und unterwühlte den Glauben unsrer intelligenten Schicht im Laufe des XIX. Jahrhunderts.<<

Iwan Iljin: Wesen und Eigenart der russischen Kultur.(Seite 67). Edition Hagia Sophia

März 24, 2019   No Comments

Zviad Ratiani: Ex voto

Schreib, was dir keiner glauben wird,
schreib, als wäre nichts passiert, schreib
über Geister, an deren Existenz
du auch nicht geglaubt hättest, doch.

Schreib, was dir niemand verzeihen wird.
Nein, nicht dort unten, auf das Blatt schreib
dass du dir selbst deine Heimat bist
und dass rein ist dein Herz.

Schreib, wofür man dich auslachen wird.
Warte nicht auf Begeisterung, schreib hemmungslos
über die alltägliche ungerechte Niedertracht
und über deinen kreuzverwerflichen Glauben.

Was noch? Schreib auch über die Liebe
und sag, dass du das Geheimnis erfuhrst – dass Gedichte vor der Liebe geschrieben
und nach der Liebe gelesen werden.

August 2, 2018   1 Comment

Walker Percy: Liebe in Ruinen

>>Wir lieben diejenigen, die das Schlimmste von uns wissen und das Gesicht nicht abwenden. Ich habe meine Mitpatienten geliebt und sie angehört, sie haben mich angehört. Ich habe Max Gottlieb geliebt. Er hat meine Gelenke zusammengenäht in seinem Wohnzimmer, ohne eine große Sache daraus zu machen. Wie bin ich zu seinem Haus gekommen? Zu Fuß, glaube ich. Das letzte, woran ich mich genau erinnere, ist Perry Como, rüstig, als Sunnerklaus, aber orange von Angesicht und die Lippen bläulich.
Während Max arbeitete, hielt er mein Gelenk mit angenehmem Druck gegen seinen Magen gepresst, ich weiß noch, dass ich gedacht habe, er war wie ein Trainer, der seinem Boxer die Handschuhe zusammenschnürt.
Er schnalzte leicht gereizt.
„Was ist, Max?“
„Tsch. Ich schaff die Sehne hier nicht. Sie müssen warten. Tut mir leid.“
„Schon in Ordnung, Max.“
Etwas ist sonderbar. Max, der Ungläubige, ein abgefallener Jude, glaubt an die Ordnung der Schöpfung und richtet sich danach mit Energie und Nächstenliebe. Ich, der Gläubige, der das Ganze geschluckt hat, Gott Juden Christus Kirche, finde die Welt ein Irrenhaus und ein Irrenhaus mein Zuhause. Max der Atheist sieht die Dinge wie der heilige Thomas von Aquin, geordnet, regelmäßig, zusammenhängend.<<

April 6, 2018   No Comments

Rudolf Otto: Das Heilige

„Ich habe das Sanctus, Sanctus, Sanctus von den Kardinälen in Sankt Peter und das Swiat, Swiat, Swiat in der Kathedrale im Kreml und das Hagios, Hagios, Hagios vom Patriarchen in Jerusalem gehört. In welcher Sprache immer sie erklangen, diese erhabensten Worte, immer greifen sie in die tiefsten Gründe der Seele, aufregend und rührend mit mächtigem Schauer das Geheimnis des Überweltlichen, das dort unten schläft.“

Rudolf Otto, lutherischer Theologe und Autor des religionswissenschaftlichen Klassikers „Das Heilige“.

August 14, 2017   No Comments

Die Verfügung aus dem Jahre 1981 über die Aufnahme der Neumärtyrer

in den Kalender der Heiligen durch das Konzil der Erzbischöfe und Bischöfe der russisch-orthodoxen Kirche im Ausland:

„Groß ist die Heldentat des Martyriums!“
Im Heiligen Evangelium lesen wir den Aufruf unseres Erlösers, des Herrn Jesus Christus, an jene, die Seine Nachfolger zu sein wünschen: Müht euch (ringt) mit allen Kräften darum, durch die enge Pforte hineinzugehen (Lukas 13,24). „Sich mühen und kämpfen“ – das ist der Weg des mühevollen Tuns und des Kampfes [podvig]; verwirkliche dieses christliche Ringen in deinem Leben. In anderen Worten, ein Christ muss das Leben eines Kämpfers leben […]

Obschon wir in der Geschichte der Kirche Christi in allen Zeitepochen Beispiele des Martyriums finden, so war doch vor der Russischen Revolution die Heldentat des Martyriums in den ersten Jahrhunderten des Christentums vorherrschend, als das Heidentum die Heilige Kirche Christi durch Eisen und Blut zu zerstören versuchte.
Heutzutage sehen wir etwas davon recht Verschiedenes. Mit dem Auftauchen und der Konsolidierung des Gotthassenden Kommunismus in Russland wurde ein Kriegszug der Verfolgung des Glaubens, der in seinem Umfang alles Vorherige übertraf, freigesetzt. Wie ein kirchlicher Verfasser es zum Ausdruck brachte: Das Orthodoxe Russland fand sich selbst auf Golgatha wieder, und die Russische Kirche – ans Kreuz genagelt. Natürlich hat es es, genauso wie im Alterum, Fälle von Apostasie gegeben. Aber zur selben Zeit haben die Russische Kirche und das russische Volk zahlreiche Beispiele mutigen Erduldens der Verfolgungen und des Todes um des christlichen Glaubens willen bewiesen. Man kann freilich keine präzise Aufstellung all dieser Fälle des Martyriums durch die langen Jahre der kommunistischen Herrschaft in Russland hindurch anfertigen, niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit hat es so viele gegeben. Wir müssen hier nicht von Hunderten,nicht von Tausenden, sondern von Millionen sprechen, die für den Glauben litten: Wahrlich ein Ereignis von erschütternden Dimensionen! im gesamten Verlauf der menschlichen Geschichte hat es nichts gegeben, was mit dem, was wir heute sehen, vergleichbar wäre: Niemals zuvor hat es solch eine Ausschüttung des Bösen, des offenen, wahnwitzigen Aufstandes von Geschöpfen gegen ihren Schöpfer gegeben, wie dies heutzutage in unserem vielleidenden Heimatland, das von den Kommunisten versklavt worden ist, sehen.
Niemals zuvor in den aufgezeichneten Geschichte hat sich das Böse so unverschämt, so offensichtlich und krass offenbart, wie es dies jetzt tut. Niemals zuvor haben wir von solch einer empörenden Schmähung, von solch einer irrsinnigen Blasphemie Gottes und all dessen, was heilig ist, gehört, die bis in die höchsten Himmel hinaufschreit – wie sie jetzt in Sowjet-Russland zu hören ist. […] Doch wenn die vom Teufel besessenen hasserfüllten Feinde Gottes und der Kirche unsere Heimat, das russische Land, mit ihren widerwärtigen Lästerungen und ihrem Hass auf Gott besudelt haben, so wird sie doch zugleich durch das geheiligte Blut jener, die für den Glauben und die Wahrheit litten – die Neumärtyrer Russlands-, geläutert. Dieses Blut hat im Übermaß das russische Land getränkt und hat es geheiligt und gereinigt von dem Wahnsinn der Gottlosen und jener, die gegen Gott selbst kämpfen. […]

Aus dem Nachwort von Ljubov Millar: Großfürstin Elisabeth von Russland

April 17, 2017   No Comments

Fastenlektüre: Ratzingers Einführung in das Christentum

Aus dem Vorwort zur Neuausgabe 2000:

„Gott aber ist … nicht bloß irgendein theoretischer Abschluss des Weltbildes, mit dem an sich tröstet, an dem man sich anhält oder einfach vorübergeht. Das sehen wir heute überall dort, wo seine bewusste Leugnung konsequent geworden ist und wo seine Abwesenheit durch nichts mehr gemildert wird. Denn zunächst geht da, wo man Gott auslässt, scheinbar alles weiter wie bisher. Gewachsene Grundentscheidungen, Grundformen des Lebens bleiben bestehen, auch wenn sie ihre Begründung verloren haben. Aber wenn, wie es Nietzsche darstellt, die Botschaft einmal wirklich ankommt, die Menschen ins Herz trifft, dass Gott tot sei, dann wird alles anders. Das zeigt sich heute zum einen in dem wissenschaftlichen Umgang mit dem menschlichen Leben, bei dem der Mensch ganz von selbst zum technischen Objekt wird, als Mensch immer mehr verschwindet. Wenn man Embryonen technisch ‚züchtet‘, um ‚Forschungsmaterial‘ zu haben und Organvorräte zu gewinnen, die dann anderen Menschen nutzen sollen – da gibt es schon kaum mehr einen Aufschrei des Entsetzens. Der Fortschritt verlangt dies alles, und die Ziele sind ja edel: Die Lebensqualität der Menschen zu verbessern, jedenfalls derjenigen, die es sich leisten können … Aber wenn der Mensch in seinem Ursprung und in seinen Wurzeln sich selbst nur Objekt ist, wenn er ‚produziert‘ und in der Produktion nach Wünschen und Nützlichkeiten selektiert wird, was soll dan überhaupt der Mensch noch vom Mensch denken?
Wie sich zu ihm verhalten? Wie wird der Mensch zum Menschen stehen, wenn er nichts mehr vom göttlichen Geheimnis im anderen finden kann, sondern nur noch sein eigenes Machen-Können? Was hier in den ‚hohen‘ Zonen der Wissenschaft erscheint, hat sein Spiegelbild überall dort, wo es gelungen ist, auch in der Breite den Menschen Gott aus dem Herz zu reißen. Heute gibt es Freizonen des Menschenhandels, des zynischen Verbrauchs des Menschen, denen die Gesellschaft wehrlos gegenübersteht. [Ratzinger nennt als Beispiel nun Handel mit Zwangsprostituierten in Albanien]
Und sehen wir nicht überall um uns herum, in scheinbar ganz geordneter Umgebung, das Wachsen der Gewalt, die immer selbstverständlicher und immer hemmungsloser wird?“

[Hervorhebungen von mir.]

März 4, 2017   No Comments

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey

>>Madre Maria lehnte mit dem Rücken an einem Pfosten; die Kranken lagen in Reihen da, starrten zur Decke empor und versuchten, den Atem anzuhalten. Sie sprach an diesem Abend von all den Vielen draußen im Dunkel (sie dachte an [den toten] Esteban in seiner Einsamkeit, an [die tote] Pepita in ihrer Einsamkeit, die niemand hatten, an den sie sich wenden konnten; von den Vielen, für die die Welt vielleicht mehr als schwer war, für die sie sinnlos zu sein schien. Und diese hier, die in ihren Betten lagen, fühlten, dass sie von einer Mauer beschützt waren, welche die Äbtissin für sie gebaut hatte; hier innen war alles Licht und Wärme, und draußen war die Finsternis, die sie nicht einmal für Befreiung von ihren Schmerzen und vom Sterben eingetauscht hätten. Doch noch während sie sprach, gingen der Äbtissin andere Gedanken durch den Sinn. „Schon jetzt“, so dachte sie, „erinnert sich fast niemand mehr Estebans und Pepitas, als nur ich. Camila allein gedenkt ihres Onkels Pio und ihres Sohnes; diese Frau ihrer Mutter. Bald aber werden wir alle sterben, und alles Angedenken jener fünf wird dann von der Erde geschwunden sein. Und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden.
Doch die Liebe wird genug gewesen sein; alle diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Nicht einmal eines Erinnerns bedarf die Liebe.
Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzige Bleibende, der einzige Sinn.“<<

Februar 6, 2017   No Comments

Pilger des Tages und der Nacht – der vergessene Priesterpoet Jakub Deml


Wer sich ein wenig mit tschechischer Literatur beschäftigt hat, der weiß, dass dieses kleine Völkchen erstaunlich viele großartige Schriftsteller und Dichter hervorgebracht hat. Leider sind die meisten der breiten Leseöffentlichkeit eher unbekannt. Mindestens der Name Václav Havel, ehemaliger Dissendent und erster Präsident der tschechischen Republik, ist ein Begriff, vielleicht noch Milan Kundera oder auch Jaroslav Hašek mit seinem „braven Soldaten Schwejk“. Jakub Deml hingegen ist nur einem kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt; dabei gilt der katholische Priester und „poète maudit“ – der verfemte Dichter – als d e r Begründer des tschechischen Surrealismus. Der durch seine ebenso berückende wie skurrile Prosa bekannte, großartige Bohumil Hrabal (1917-1997) empfiehlt die Lektüre Demls, in den er sich regelrecht „bis über beide Ohren“ verliebt habe, weil er es „versteht auf so kleinen Flächen alle Formen des Schreibens zu entfesseln … der Leser wird sich nicht losreißen können, bevor er die Lektüre beendet hat.“

Am 20. August 1878 als eines von vierzehn Kindern seiner Eltern, einfachen Bauersleuten, geboren, besucht er nach dem Abitur das Priesterseminar in Brünn und wird 1902 zum Priester geweiht. Doch er wird nur acht Jahre lang Priester bleiben. Deml ist, daran kann kein Zweifel bestehen, tiefgläubig. Aus seinen Texten funkelt und gleißt das Überirdische, das Traumverwobene, das Mysterium der Engel und der Immaculata, der ohne Erbsünde empfangenen Gottesmutter. Die mächtige Magie seiner Bildsprache basiert auf dem Alten Testament, den mittelalterlichen Heiligenviten, den Vorbildern von Mystikern wie Heinrich von Seuse oder Hildegard von Bingen. Und dann ist da diese Katholizität, die aus allen Poren eigentlicher Alltagserfahrung quillt – etwa bei seinem lyrischen Text

„Sommer: Morgen:
Letztes Aufleuchten des heiligen Aspergillus der Nacht./Abgestellte Rauchfässer des Dunsts.
/Prozession goldener Baldachine/ aus mit Magnesium und Lilien beleuchteten
Höhlen./Raketen von Tönen. Und von Flügeln./Kinderlachen.“

Deml selbst schreibt über seine literarischen Vorbilder und bezeichnet sie dabei als „Werteskala seiner Seele“: „An erster Stelle die Bibel, an der zweiten das Brevier, an der dritten das Missal, an der vierten Anna Katharina Emmerich, an der fünften Otokar Brezina, oder Rainer Maria Rilke.“
1912 erscheint sein erstes Werk unter dem Titel „Die Burg des Todes“. Diese Todesburg der menschlichen Existenzangst und Erfahrung von abgrundtiefer Verlassenheit wird in vielen seiner Folgewerke ein Grundthema bleiben. Die besonders dichte Atmosphäre und Intensität der Schilderung erreicht er durch das Einsetzen von Traumprosa – tatsächlich greift Deml dabei auf die umfangreichen Notizen zurück, die er zu seinen nächtlichen (Alp)Träumen gewohnheitsmäßig führt und die selbst einen Teil seines monumentalen Schaffens bilden.
Doch Deml hat auch eine sehr lichte und luzide Seite, wie man bereits bei dem oben zitierten Gedicht „Sommer:Morgen“ sehen konnte; im übrigen führt natürlich seine tief eingewurzelte Katholizität dazu, dass selbst bei sehr dunklen Schilderungen das überirdisch Helle hindurchglitzert.
1913 erscheint die Poemsammlung „Meine Freunde“, das für lange Zeit in den Schulen des Landes als Pflichtlektüre gilt und in der er die tschechische Naturlyrik zu einer neuen Höhe führt. Die „Freunde“, das sind nämlich Blumen und Pflanzen, mit denen Deml einen träumerischen Dialog führt. Von einer unvorstellbaren Schönheit sind diese lyrischen Gemmen, in kurzer und kürzester Prosaform gehalten. „MAIGLÖCKCHEN, zerbrechlicher Traum der Wurzeln von Eichen über Burgjungfern des 13. Jahrhunderts, auch wir haben uns gewünscht, uns in Eichenwäldern zu verlieren und zierliche Gegenstände aus Alabaster zwischen die Finger zu nehmen.“ Oder „PFINGSTROSE, in dem Monat, das dem Herzen Gottes geweiht ist, grübelst du nach über das große Geheimnis der Granaten und im Schatten lodernd, ermöglichst du unseren Augen, dass sie in die Sonne der Eucharistie blicken. Die Gesichter der Mädchen erblassen.“

Jakub Deml bleibt lange Zeit der führende Dichter der „renouveau catholique“, der „Katholischen Erneuerung“ im tschechischsprachigen Bereich. Doch er hat ein äußerst schwieriges Naturell. Seine Suspendierung als Priester erfolgt im Jahre 1910, zuvor wurde er immer wieder versetzt. Er hat Streitigkeiten mit dem Bischof, betrachtet den höheren Klerus als seinen Feind, und letztlich scheitert er am Zölibat. Seine Attacken machen auch nicht vor Kollegen und Freunden halt, immer wieder kommt es zu Zerwürfnissen. Seine Unbeherrschtheit trägt ihm sogar ein Gerichtsverfahren wegen „Beleidigung des Staatsoberhauptes“, zu der Zeit war das T. G. Masaryk, ein, der persönlich interveniert und ein gutes Wort für Deml einlegt, weil er dessen schriftstellerische Leistungen hoch schätzt. Unter der Herrschaft der deutschen Besatzer, dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ darf er nicht mehr publizieren, wird aber im Jahre 1948 erneut vor Gericht gestellt, diesmal wegen „Kollaboration mit den Nazis und antisemitischer Äußerungen“.
Diesmal schaltet sich ein Dichterkollege ein, Vítězslav Nezval, der wenige Jahre später zum Nationalkünstler ernannt werden wird, und, anders als Deml, einen ausgesprochen guten Ruf genoss. Nezval ist es auch, der ihn als einen Dichter bezeichnete, welcher schon vor Entstehung des Surrealismus – einer Strömung, der er selbst angehört – Surrealist gewesen sei. Wieder kann der unbequeme Exzentriker einer Verurteilung entgehen.
Im Jahre 1951 entsteht sein „Herbsttraum“, der vermutlich auch die erneute Verhängung Publikationsverbot in den 50er Jahren heraufbeschwört: Dieser Text entstand nach dem Besuch in einem stalinistischen Internierungslager für Priester und Ordensleute. Literaturwissenschaftler sprechen von der hervorragenden Bedeutung gerade dieses Traumprosa-Textes, der viel später, im Jahre 1978 erstmals veröffentlicht wird.

Bis kurz vor seinem Tod arbeitet er weiter an Ergänzungen der Sammlung „Meine Freunde“ – das letzte Poem, datiert auf Dezember 1959 richtet sich an die Eisblumen. Am 10. Februar 1961 stirbt der „Sprachmagier aus Mähren“ Jakub Deml im Krankenhaus von Třebíč.
Sein monolithisches Werk steht auch heute noch am Firmament der europäischen Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts – wie eine unentdeckte Galaxie.

Lektüreempfehlung:
Jakub Deml:Pilger des Tages und der Nacht.
Erschienen in der Reihe: Tschechische Bibliothek der Deutschen-Verlagsanstalt München.
ISBN: 3-421-05259-X

[Zuerst erschienen in „Die Tagespost„, Februar 2013

Juli 19, 2016   No Comments

George Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers (Auszug 4)

„Doch wie dem auch sei, ihr habt uns dem Staat ausgeliefert. Der Staat, der uns bewaffnet, kleidet und ernährt, nimmt sich auch unserer Gewissen an. Verbot, sich ein Urteil zu bilden, verbot sogar, verstehn zu wollen! Und euere Theologen billigen das, wie es sich gehört. Mit heuchlerischer Miene erteilen sie uns die Erlaubnis zu töten, zu töten, ganz gleich wo und wie, zu töten auf Befehl, wie es der Henker tut. Als Verteidiger des Bodens unterdrücken wir auch den Aufruher, und wenn der Aufruhr gesiegt hat, dienen wir eben ihm. Die Treue wird einem erlassen. Auf diese Weise sind wir Militär geworden. Und so ganz und gar Militär, dass in einer Demokratie, die an jeglicher Art von Kriecherei gewöhnt ist, die Kriecherei der Minister-Generäle sogar bei den Advokaten Anstoß erregt. So sehr und so ganz und gar Militär, dass ein große Mann wie Lyautey diese schimpfliche Bezeichnung stets zurückgewiesen hat. Und bald wird es übrigens auch kein Militär mehr geben. Alle von sieben Jahren an bis Sechzig … alle Was? Alle was eigentlich. … Der Name Armee wird ein leerer Begriff, wenn ganze Völker sich aufeinanderstürzen – die Stämme Afrikas, achwas! – Stämme von hundert Millionen Menschen! Und der Theologe wird zwar immer mehr angeekelt, unterschreibt aber Erlaubnisscheine – ich nehme an Vordrucke, die vom Ministerium des Nationalen Gewissen verfasst sind. Wo soll das, unter uns gesagt, mit euch Theologen noch hinführen? Morgen werden die besten Töter ungefährdet töten dürfen. Dreißigtausend Fuß über dem Erdboden wird irgendein Schweinehund von Ingenieur, mit warmen Pantoffeln an den Füßen, umgeben von Spezialisten, blo0 auf einen Knopf zu drücken brauchen, um eine ganze Stadt zu morden, und wird dann eiligst nach HAuse fliegen, mit der einzigen Sorge, er könne das Mittagessen versäumen. Einen solchen Angestellten wird natürlich niemand einen Soldaten nennen. Gebührt ihm überhaupt die Bezeichnung Militär? Und ihr, die ihr im siebzehnten Jahrhundert den armen Komödianten die geweihte Erde verweigert habt, wie werdet ihr ihn begraben?“

Januar 31, 2015   No Comments