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Category — Geistliche Paare

Vinzenz von Paul und Louise de Marillac – zum Tage

Mein Beitrag aus der Rubrik „Geistliche Paare“ für das Vatican- Magazin vom Februar 2014

In der Ausgabe Juli 2013 dieses Magazins ging es um den heiligen Franz von Sales und die heilige Johanna Franziska von Chantal, die nicht nur Zeitgenossen von Vinzenz und Louise waren, sondern auch deren spirituelle Vorbilder. Vinzenz wurde nach dem Tode des Franz von Sales sogar der Seelenführer von Johanna Franziska. Am 13. Dezember 1641 hat Vinzenz eine Vision: Er sieht eine kleine feurig-glühende Kugel zum Firmament aufsteigen. Der Himmel öffnet sich: Ein größerer Feuerball kommt ihr entgegen und die beiden vereinigen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie außer Sichtweite sind. Als Vinzenz vom Tode der Johanna Franziska erfährt, wird ihm die Bedeutung dieser Vision klar: Der heilige Franz hatte seine geliebte Tochter und geistliche Mutter zugleich im Himmel aufgenommen. Wenn Franz und Johanna Franziska „eines der innigsten und inspiriertesten geistlichen Paare waren …, welche die katholische Kirche kennt“ (Vatican-Magazin Juli 2013), dann darf man Vinzenz und Louise mit Recht als eines der schlagkräftigsten gemischten Doppel der Kirche bezeichnen. Gemeinsam schafften diese beiden, der Bauernsohn aus der Gascogne und die illegitime Tochter aus gutem Hause, das Unmögliche: Sie schufen ein Netzwerk der Nächstenliebe in der Sorge um Arme, Kranke, Findelkinder, Galeerensträflinge, Bürgerkriegsopfer und psychisch Kranke – ein Novum für das 17. Jahrhundert- , das heute noch besteht und in über 94 Ländern tätig ist. Die Kongregation der Barmherzigen Schwestern, auch Vinzentinerinnen genannt, inspirierte zahllose Frauen zum selbstlosen Dienst im Namen Christi, des Gekreuzigten, und sie inspiriert immer noch: Die selige Mutter Teresa von Kalkutta trat mit ihrem Werk der tätigen Nächstenliebe, für das sie 1979 den Friedensnobelpreis erhielt, in die Fußstapfen der beiden französischen Heiligen. Louise ist heute die Schutzpatronin der Sozialarbeiter und die Vinzentinerinnen gelten als der größte Frauenorden der Welt.

Vinzenz von Paul, geboren am 24. April 1581 in Pouy, dem heutigen St. Vincent de Paul, war als junger Mann in erster Linie an einem sicheren Posten als Pfarrer auf dem Lande interessiert und wurde im Jahr 1600 im Alter von nur 19 Jahren zum Priester geweiht. Vinzenz hatte damals nicht nur Probleme mit der persönlichen Demut, sondern auch mit Frauen. Zudem musste er einige Jahre der Glaubensfinsternis durchleiden, bis er durch die Entscheidung, sich den Kranken und Armen zuzuwenden, geistlichen Frieden und spirituelles Wachstum erlangte. Vorher aber widerfuhr ihm das grausame Schicksal, von nordafrikanischen Piraten entführt und in die Sklaverei nach Tunesien verkauft zu werden. Wir wissen wenig über diese Zeit, entweder sprach er nicht gerne darüber oder seine Aufzeichnungen dazu gingen verloren: 1789 wurde der größte Teil seines Nachlasses während der revolutionären Wirren zerstört.
Bekannt ist, dass einer seiner ersten Besitzer ein Alchemist war, in dessen Labor er wohl mithelfen musste und sich so einige Grundlagen der Alchemie aneignete. Sein letzter Herr war ein zum islamischen Glauben übergetretener Christ, der mit mehreren Frauen zusammenlebte. Vinzenz berührte das Herz einer dieser Frauen durch seine gewinnende, immer fröhliche und zuversichtliche Art, seinen frommen Gesang und sein heiteres Wesen. Das Unwahrscheinliche gelang: Er konnte den abgefallenen Christen re-konvertieren und trat mit ihm zusammen die abenteuerliche Flucht übers Meer nach Avignon an. Zurück in Paris wartete eine steile Karriere auf ihn: 1608 erhält er das Amt des Almosenverteilers von Margaretha von Valois und machte Bekanntschaft mit dem späteren Kardinal Pierre de Bérulle und dessen Priestergemeinschaft, die dieser nach dem Vorbild des heiligen Filip Neri als Oratorium gegründet hatte. 1612 überträgt man Vinzenz die Pfarrei von Clichy, eine kurze, aber bedeutende Phase seines Lebens, in der er seine Berufung als Priester entdeckt und diesen Dienst nicht mehr nur als bequeme Einkommensquelle begreifen lernt. Schon ein Jahr später tritt Vinzenz eine Stelle als Hauslehrer bei der adligen Familie de Gondi an, der er auch als Pfarrer von Châtillon-les-Dombes verbunden bleiben wird. In dieser Pfarre zündet auch der Funke, der später ganz Frankreich umwälzen wird: Auf die erschütternde Nachricht, dass im Dorf eine ganze Familie schwer erkrankt sei, hält er eine aufrüttelnde Predigt, die unvermittelt ihre segensreiche Wirkung zeitigt: Die ganze Gemeinde ist jetzt auf den Beinen, um Decken, Medizin, Nahrungsmittel und frische Wäsche zu den Kranken zu bringen. Es schlägt die Stunde der Gründung der ersten Charité-Gemeinschaft. Ein Jahr später, 1618, kommt es zu der denkwürdigen und segensreichen Begegnung mit Franz von Sales in Paris. Vinzenz ist so beeindruckt von der Vollkommenheit dieses Mannes, dass er später als Zeuge beim Seligsprechungsprozess aussagt: „Ich sah in ihm den Menschen, der am besten den Sohn Gottes auf Erden nachahmte … Seine Sanftmut und Güte griffen auf jene über, die die Gunst seiner Gespräche erfahren durften, und ich zählte mich zu diesen.“ Doch es gab noch ein weiteres, einschneidendes Ereignis, das dieses Jahr prägte: Wenn Papst Franziskus vom „Hinausgehen in die existentiellen Randgebiete“ spricht, das in der Kirche des 21. Jahrhundert mehr als notwendig geworden sei, dann hat der heilige Vinzenz diesen Imperativ schon vor vier Jahrhunderten verstanden und in die Tat umgesetzt.
Nicht nur, dass er zu den Kranken, den Leprösen, sogar den „Irrsinnigen“ ging, die unter verheerenden Bedingungen vor sich hin vegetierten, um ihnen ihr Leben zu erleichtern und sie geistlich zu betreuen, er kümmerte sich auch um die Verfemten: Das Familienoberhaupt der de Gondis war zugleich der General der Galeeren. So machte Vinzenz Bekanntschaft mit dem verzweifelten und menschenunwürdigen Los derjenigen, die zwar einer Hinrichtung, und somit einem schnellen Tode entgingen, doch dafür langsam und fast unentrinnbar auf den Ruderbänken der Galeeren krepierten. Die Zustände dort waren derart unerträglich, dass manch Historiker heute von „schwimmenden Konzentrationslagern“ des 17. Jahrhundert spricht. Vinzenz besuchte regelmäßig Galeerensklaven in Paris und wurde 1619 offiziell zum Galeerenseelsorger ernannt.
Neben all diesen Aufgaben vergaß er auch nicht die geistlich Armen, die Landbevölkerung, die von einem verlotterten Klerus vernachlässigt worden war. Um in diese Randgebiete vorzustoßen, gründete er die Kongregation der Mission, deren Priester sich dazu verpflichteten, in der Gemeinschaft zu leben und ohne Entgelt oder Wahrnehmungen eines kirchlichen Amtes auf dem Lande predigten und Beichte hörten, sowie den Galeerensklaven, die Vinzenz mittlerweile besonders am Herzen lagen, Beistand leisteten. Sie hatten einen solchen Erfolg mit ihren Missionen, dass in einer einzigen Pfarrei insgesamt 5000 Menschen die Generalbeichte ablegten. In zahlreichen Regionen, in denen noch die Blutrache herrschte wie in Italien oder Korsika, konnten diese Priester Frieden und Versöhnung stiften.
1625, das Jahr der Gründung der „Lazaristen“ oder „Vinzentiner“ war auch das Jahr, in dem er die Seelenführung von Louise de Marillac übernahm. Sie war am 12. August 1591 als uneheliche Tochter des Louis de Marillac zu Welt gekommen, der einer einflussreichen Familie entstammte. Obwohl ihr Vater sie anerkannte, wurde sie im Hause de Marillac nicht gerne gesehen und schon früh zur Erziehung in das Dominikanerinnenkloster von Poissy gegeben, wo sie eine für die damalige Zeit hervorragende Ausbildung erhielt. Louises war nicht nur hochbegabt, sie war auch äußerst sensibel und die Ablehnung ihres Vaters, der sie zwar innig liebte, aber sich nicht gegen seine damalige Ehefrau durchsetzen konnte, hat sie zutiefst geprägt. Es liegt auf der Hand, dass eine solche verletzte und verstoßene Seele Probleme damit haben könnte, an einen gütigen und barmherzigen, einen bedingungslos liebenden Vater-Gott zu glauben.
Hans Kühner schreibt über sie: „Hochbegabt als Dichterin, Malerin, Übersetzerin von Bußpsalmen und Kommentaren zum Hohelied, war Louise de Marillac von religiösen Skrupeln erfüllt, derer keiner der klugen Köpfe, die sie berieten, Herr zu werden vermochten und die auch Vinzenz noch oft Sorge, sogar wirklichen Ärger bereiten sollten.“
Nach dem Tode ihres Vaters gibt man sie zur Vervollkommnung ihrer Ausbildung in eine Art Mädchenpensionat, deren Leiterin sie fortan in der Haushaltsführung beisteht. Die körperliche Arbeit in Küche und Keller, in der Wartung der Zimmer, das Anfertigen von Handarbeiten, durch deren Verkauf sie die wirtschaftliche Situation des Internats aufbessern kann, tun ihr gut. Dort fasst sie auch den Entschluss, Kapuzinerin zu werden und gottgefälliges Leben in Armut, Demut, Gehorsam, angefüllt mit harter Arbeit zu führen. Doch man hält sie dort nicht für geeignet und so erfährt sie einmal mehr in ihrem jungen Leben die Schmerzen des Abgelehntseins durch andere Menschen. Im Jahr darauf verheiratet man sie mit Antoine Le Gras, der zwar das vornehme Amt des Sekretärs der Königinmutter Maria de Medici versieht und recht wohlhabend ist, jedoch von niederer Abkunft. Trotz ihrer Pflichten als Hausfrau und Mutter eines Sohnes führt sie ihr streng geregeltes geistliches Leben fort. Sie betet nicht nur, pflegt Andachten und geistliche Betrachtung, sondern geißelt sich auch und trägt einen Bußgürtel.
Eine der ersten Maßnahmen, die Vinzenz ergreift, nachdem er 1624 ihr Seelenführer geworden ist, ist die Dämpfung ihres religiösen Übereifers: Er erlaubt ihr nur noch wenige Male in der Woche die Geißelung und befiehlt ihr, einen weniger schartigen Bußgürtel zu tragen. Ein Jahr zuvor ist ihr Mann schwer erkrankt – sie gibt sich und ihren angeblichen Sünden, auf die sie äußerst fixiert ist, die Schuld daran und ist überzeugt, es handle sich um eine Strafe Gottes.
Nach dem Tode ihres Mannes am 21.12.1625 will sie einerseits geistliche Gelübde ablegen, ist aber gleichzeitig noch nicht sicher, worin ihre Berufung besteht, an welchem Platz Gott sie haben will. Nach den ersten Besuchen der von Vinzenz ins Leben gerufenen Charité-Gruppen im Jahre 1629 nimmt der Plan Gottes mit ihr schärfere Konturen an. Sie erweist sich als einfühlsame Visitatorin, begabte Organisatorin und Vermittlerin bei Problemen mit den örtlichen Autoritäten und den Frauen untereinander – und sie hat das notwendige rhetorische Feuer und die mitreißende Überzeugungskraft, um in kurzer Zeit zahlreiche neue Ortsgruppen ins Leben zu rufen. Vinzenz ist begeistert, er nennt sie die „starke Frau“ aus dem Buch der Sprüche, „wertvoller als viele Juwelen“, und er weiß, dass er ihr sein Werk anvertrauen kann: Die Gründung der Barmherzigen Schwestern.
1633 nehmen sie die ersten Postulantinnen auf. Einen Orden, der solcherart in der Welt behaust war, – die Losung lautete in Anspielung auf die fehlende Klausur der Barmherzigen Schwestern „Gott verlassen um Gottes Willen“- hatte es zuvor noch niemals gegeben. Vinzenz beschreibt es den Frauen so: Ihr habt „als Kloster nur die Häuser der Kranken, als Zelle nur ein gemietetes Zimmer, als Kapelle die Pfarrkirche, als Kreuzgang die Straßen der Stadt oder die Säle der Hospitäler, als Klausur den Gehorsam, als Chorgitter die Gottesfurcht und als Schleier die heilige Bescheidenheit.“
Bis zum Jahre 1640 wird es mehr als vierzig Neugründungen der Barmherzigen Schwestern geben. Sie übernehmen die Sorge für Findelkinder, um die sich damals niemand scherte. Innerhalb von 6 Jahren nehmen die Schwestern 1.200 Findelkinder auf und retten diese kleinen Seelen vor einem Leben in Elend, Not und vor einem frühen und grausamen Tod. Sie geben den Armen zu essen, alleine in der Pariser St. Paulus Pfarrei teilen eine Handvoll Schwestern täglich an 5.000 Bedürftige Suppe aus. Sie lindern das Leid der Patienten in den Krankenhäusern, die zusammengepfercht unter unvorstellbaren Bedingungen in ihren eigenen Exkrementen, in Blut und Eiter liegen. Sie gründen ein eigenes Spital für Bettler und versorgen die Galeerensklaven. Dabei leiden sie unter böswilligen Verleumdungen, werden zu Kriegsopfern und stecken sich bei der selbstlosen Pflege von Pestkranken an. Doch nicht einmal die „Fronde“, der Bürgerkrieg, der von 1648 bis 1653 tobt, kann die ungeheuerliche Wucht dieser Frauen-Bewegung, die glüht vor Hingabe und Liebe an den gekreuzigten Jesus und an die Armen, das Erbteil seiner Kirche, aufhalten.
Louise und Vinzenz halten täglich Kontakt, wenn nicht in der persönlichen Begegnung, so durch Briefe, bis zu ihrem Tod am 15. März 1660. Vinzenz wird noch an einer Konferenz über die Tugenden seiner geistlichen Tochter, die ihm vielmehr eine getreue Partnerin war, teilnehmen und im gleichen Jahr, am 27. September, selbst zum Vater heimgehen. In der Beschäftigung mit dem Leben dieser beiden Heiligen und ihrer Spiritualität gewinnt das manchmal etwas abstrakt klingende Papstwort vom „Hinausgehen in die Peripherien“ Fleisch und Blut, Bedeutung und Leben.

September 27, 2017   No Comments

Zum 50. Todestag von Adrienne von Speyr am 17. September 2017

Mein Artikel aus der Rubrik „Geistliche Paare“ über Hans-Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Oktoberheft 2016 des Vatican-Magazins erschienen ist:

Das letzte Universalgenie der abendländischen Geschichte hat man ihn genannt, mit einem Werk, das – mit den Worten Egon Bisers – als ein „herrliches Gebirgsmassiv“ dasteht: Den gebürtigen Luzerner Hans-Urs von Balthasar, der erst auf Umwegen zur Theologie kam. Zunächst studierte der Jesuitenzögling ab 1923 Germanistik und Philosophie und promovierte 1928 mit summa cum laude über die „Geschichte des eschatologischen Problems in der modernen deutschen Literatur“.
Die Literatur, vor allem das Theater, wird später, nach seinem zweiten Studium der Theologie, dem er sich Anfang der Dreißiger Jahre widmet, – er ist zu diesem Zeitpunkt schon in die Gesellschaft Jesu eingetreten –, für die Entfaltung seiner theologischen Hauptwerke ebenso wie die Musik eine fundamentale Rolle spielen. Vor allem Mozart begeistert ihn als seinen „unverrückbaren Polarstern“ – und es wird dazu kommen, dass er alle Partituren und alle Aufzeichnungen von Mozartstücken wegschenkt, weil er sie so verinnerlicht mit sich trägt, dass er diese Äußerlichkeiten nicht mehr braucht.
Zwei Jahre lang war er Redakteur der Zeitschrift seines Ordens, der „Stimme der Zeit“, ab 1940 dann an der Universität Basel als Seelsorger für Studenten und Akademiker tätig. Dort lernte er auch im selben Jahr Adrienne von Speyr kennen, die Ehefrau eines Dozenten, welche bei ihm die Vorbereitung auf den Eintritt in die katholische Kirche, ihr Katechumenat, absolvieren wollte.
Die nur wenige Jahre ältere Adrienne wuchs in der protestantischen Familie eines Basler Augenarztes auf, dessen Vorbild sie nacheifern und Ärztin werden wollte. Seit frühester Kindheit befand sie sich im Dialog mit einem Engel, mit sechs Jahren begegnet ihr in einer Schauung zum ersten Mal Ignatius von Loyola, was ihr erst im Nachhinein bewusst wird. Als junges Mädchen, sie hat gerade ihren 15. Geburtstag gefeiert, in den umliegenden Ländern tobt der Erste Weltkrieg und im fernen Fatima ist drei Hirtenkindern die Muttergottes erschienen, haben gerade Tausende von Menschen ein Sonnenwunder dort erlebt und bezeugt, sieht Adrienne zum ersten Mal die Jungfrau Maria, umgeben von einer Unzahl von Heiligen und Engeln. Gleichzeitig fühlt sie ein immer unstillbarer werdendes Bedürfnis nach der sakramentalen Beichte in sich aufwachsen. Dass dies alles recht ungewöhnlich für ein protestantisches Mädchen ist, bemerkt sie freilich selbst.
Nach außen hin wirkt sie anziehend und lebensfroh, ist erfolgreich in der Schule und später beim Studium, beliebt bei ihren Kameraden und Kommilitonen. Die größte Hürde, die sie während dieser Zeit zu nehmen hat, neben dem beharrlichen Widerstand ihrer Mutter gegen ihren Berufswunsch, ist vermutlich der Abscheu vor dem Seziersaal. Doch mit Hilfe ihres tiefen Glaubens kann sie auch diese überwinden, in dem sie unablässig für die Seelen der Toten, die sie sezieren muss, betet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums scheint zunächst alles gut zu gehen, sie eröffnet eine eigene Praxis, in der sie arme Menschen auch umsonst behandelt und heiratet 1934 den Historiker Emil Dürr, dessen plötzlicher Tod sie nur schwer verkraftet. Zwei Jahre später folgt ihre zweite Heirat mit seinem Nachfolger Werner Kaegi, ebenfalls Geschichtsprofessor in Basel. Doch der Tod ihres ersten Mannes ist nur äußerlich überwunden, innen bricht sich bei dieser merkwürdigen protestantischen Mystikerin eine spirituelle Krise Bahn, die sich in einer schweren Herzattacke somatisiert.
Kurz danach kommt es zur ersten Begegnung mit von Balthasar. Er schreibt: „Gegen Herbst 1940 (ich war zu Beginn des Jahres als Studentenseelsorger nach Basel gekommen), nachdem Adrienne von einer schweren Herzattacke aus dem Spital zurückgekehrt war, sprachen wir auf der Terrasse über dem Rhein – ein gemeinsamer Freund hatte die Begegnung vermittelt – über die katholischen Dichter Claudel und Péguy, die ich eben übersetzte. Ihren Mut zusammenraffend erklärte sie mir, sie möchte auch katholisch werden. Bald darauf sprachen wir über ihr Gebet (…)“
Adrienne vertraut dem priesterlichen Freund, der schließlich zu ihrem Seelenführer und geistlichen Gefährten werden wird an, dass es ihr seit einiger Zeit unmöglich sei, das Vaterunser zu beten, ein Gebet, das sie bis zu dem Tode ihres ersten Mannes sehr geliebt habe – und zwar wegen der Zeile „Dein Wille geschehe“!
Von Balthasar legt ihr diese Bitte aus dem Gebet, das Jesus uns gelehrt hat, so verständig aus, dass es ihm scheint, als hätte er einen Schalter in seiner Gesprächspartnerin umgelegt:“(….) als hätte ich unversehens auf einen elektrischen Knopf gedrückt, der auf einen Schlag alle Lichter im Saal entzündete. Adrienne war von allem Hemmenden losgekettet, ihr Gebet begann sie wie lang aufgestaute Fluten fortzureißen. Im Unterricht verstand sie alles sofort, als hätte sie nur – und wie lang! – darauf gewartet, gerade dies zu hören, um es zu bejahen. Sie wurde am Fest Allerheiligen getauft (…)“
Tatsächlich hatte Adrienne zu allen Heiligen einen besonderen Bezug, oft „schaute“ sie deren Gebetshaltungen und -weisen. Hinzu kamen kurz nach ihrer Taufe immer mehr Passionen, in denen sie das Leiden Jesu durchlitt, sie die Stigmata vorübergehend empfing und deren Höhepunkt stets in der „Karsamstagserfahrung“ gipfelte. Von Balthasar begann sie während ihrer Schauungen ab 1943 eine Einführung in das Johannesevangelium“ zu diktieren – seine Theologie wurde zunehmend und derart von Adrienne beeinflusst, dass immer mehr Kollegen ihr Befremden und ihre Irritation über die Tatsache äußerten, dass von Balthasar zudem auch noch gemeinsam mit dem Ehepaar von Speyr-Kaegi unter einem Dach lebte, immerhin 15 Jahre von den insgesamt 27 Jahren der gemeinsamen Arbeit. Insbesondere seine Ordensoberen fühlten sich von dieser Beziehung derart skandalisiert, dass sie ihn vor die Entscheidung stellten, entweder die Zusammenarbeit mit Adrienne weiterzuführen und den Orden zu verlassen oder im Gehorsam gegenüber seinen Gelübden die Verbindung zu Adrienne abzubrechen. Mittlerweile nimmt auch der Bischof an ihm Anstoß. Selbst gute Freunde halten Adriennes Schauungen für illusorisch, für eingebildete Zustände und einen „holier than thou“-Größenwahn, den der Theologe teile und unterstütze.
Doch für von Balthasar ist glasklar, dass es sich hier um einen göttlichen Auftrag handle, den er mit Adrienne zu erfüllen hat: Zunächst gründen sie fünf Jahre nach ihrem ersten Treffen die Johannesgemeinschaft, ein Säkularinstitut zunächst für Frauen; Johannes war Adriennes Lieblingsheiliger und sie hatte einen besonderen Bezug zu ihm. Er wird später in den 80er Jahren diese Mission in dem Büchlein „Unser Auftrag“ genauer beschreiben, um, wie er sagt „zu verhindern, dass nach meinem Tod der Versuch unternommen wird, mein Werk von dem Adriennes von Speyr zu trennen.“ In dieser Zeit entsteht dann auch der Priesterzweig dieser Gemeinschaft.
Der Austritt aus dem Orden, den er immer als geistige Heirat betrachtet hatte, ist ihm sehr schwer gefallen, doch seine Überzeugung, Gott gehorsamer sein zu müssen als seinen Ordensoberen war unverrückbar und wurde von Adrienne gestützt – gegen eine Seherin, die ungezwungen Umgang mit dem heiligen Ignatius von Loyola pflegte, hatte die Gesellschaft Jesu einfach die schlechteren Karten. 1952 erscheint sein Werk „Die Schleifung der Bastionen“, das wie ein Befreiungsschlag wirkte, ein persönlicher ebenso wie einer innerhalb der kirchlichen Gemeinschaft.

Bei aller verständlichen Skepsis gegenüber Adriennes Zuständen: Es handelt sich um ein kirchliches Erfolgsmodell, weibliche Prophetie mit männlichem Intellekt und Seelenführerschaft zu verbinden: Angefangen von Hildegard von Bingen und ihrem Volmar über Angela von Foligno und ihren Seelenführer Arnaldo, Theresa von Avila und Johannes vom Kreuz, Franz von Sales und Jeanne de Chantal bis hin zu Anna Katharina Emmerick und Clemens Brentano. Doch die Kirche befand sich mittlerweile in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und war zu „aufgeklärt“ für diese Form gemeinsamer Berufung. Von Balthasar hatte sich nach dem Tode Adriennes – zu diesem Zeitpunkt liegen bereits 34 ihrer Bücher in Druckform vor – viele Gedanken über dieses Thema gemacht und sich dabei von dem innerkirchlich immer noch umstrittenen Teilhard de Chardin inspirieren lassen, der die „männlichen und weiblichen Teile der Natur“ als vereinigte Paare zu Gott aufsteigen sah. Hans Urs von Balthasar schreibt 1977 von den paarweise Berufenen, dass sie „zwei in einem Rufe“ seien, für die gelte, was auch über die natürliche Verbindung zwischen Mann und Frau geschrieben steht: „Was Gott vereint hat, darf der Mensch nicht trennen.“
Der Jahrhunderttheologe und Mozartliebhaber Joseph Ratzinger, der, was die Herrlichkeit und Weite seines Werkes betrifft, wohl Hans Urs von Balthasar auf Augenhöhe begegnet – und mit ihm gemeinsam u.a. die Zeitschrift „Communio“ begründete, hat es in einem 1999 gegebenen Interview wie folgt trefflich beschrieben:
„Hans Urs von Balthasar ist undenkbar ohne Adrienne von Speyr. Ich glaube, man könnte bei allen wirklich großen theologischen Gestalten zeigen, dass neue theologische Aufbrüche nur dann ermöglicht werden, wenn zuerst ein prophetischer Durchbruch da ist. (…) die eigentlichen Durchbrüche, in denen dann wieder große Theologie neu entsteht, kommen nicht einfach aus dem rationalen Geschäft der Theologie, sondern aus einem charismatischen, prophetischen Anstoß heraus. (…) Die Theologie als wissenschaftliche Theologie im strengen Sinne ist nicht prophetisch, aber sie wird nur wirklich lebendige Theologie, wenn sie von einem prophetischen Impuls angeschoben und erleuchtet ist.“

Von Balthasars Tod erfolgt schließlich unter ähnlich signifikanten Umständen wie derjenige Adriennes, die am Tag der heiligen Hildegard von Bingen, einer Ärztin und Seherin, wie sie selbst eine war im Jahre 1967 starb. Der Ex-Jesuit und Theologe, der niemals einen Lehrstuhl innehatte, der große Universalgelehrte und Literaturliebhaber, den niemand zum Zweiten Vatikanischen Konzil als Berater eingeladen hatte, er sollte eine – wahrscheinlich die größte Ehrung erhalten, die ein Papst vergeben kann: Der polnische Papst, selbst ein großer Frauenfreund und überzeugt von der Dualität und Komplementarität der Berufungen von Mann und Frau in der Kirche, ernannte ihn zum Kardinal, zu einem Prinzen der Kirche. Doch nur zwei Tage vor der Kreiierungszeremonie verstarb von Balthasar schicksalhaft am 26. Juni 1988 in Basel, knapp 20 Jahre nach Adrienne. Aufgabe der Nachwelt könnte es sein, immer neu zu versuchen, deren Werk und das von Balthasars in Synthese und kongruent zu rezipieren und so abschließend zur Vollendung zu bringen.

September 15, 2017   No Comments

Der italienische Schuhhändler meines Vertrauens

Es ist kein besonders hipper Laden, aber mir fiel immer auf, dass hinter der Theke mit der Kasse Bilder von Päpsten, dem barmherzigen Jesus, geweihte Olivenzweige von Palmsonntag und andere Devotionalien hingen.
Er gehört einem schon sehr in die Jahre gekommenen Ehepaar.
Grundsätzlich kaufe ich in Italien keine Schuhe mehr, weil die keine Fußbetten haben und man deshalb läuft, als hätte man einen mattone-Stein unter der Sohle.
Wenn man auf die Fünfzig zugeht, bedeutet das: Schmerzende Füße, kaputte Knöchel, schmerzende Knie und so weiter über die Hüftgelenke bis hinauf ins Kreuz.
Aber ich wollte jetzt keinen Fachartikel über Orthopädie schreiben.
Seit Neuestem hängt an der Wand hinter der Kasse ein gigantisches Fotoposter, dass die beiden älteren Herrschaften zusammen mit Papst Franziskus im Gespräch zeigt. Übrigens ist es das einzige Geschäft – nicht in Italien vermutlich – aber dass jedenfalls ich kenne, welches zu Jahresbeginn im riesige Fotokalender mit Papstporträts als Werbegeschenk verteilt. Den Benedikt-Kalender hatte ich mir regelrecht erbettelt, weil es schon Frühjahr war und man solche Sachen ja eher zu Jahresbeginn verschenkt bekommt.
Jedenfalls fragte ich erstaunt, ob sie denn Privataudienz gehabt hätten – nein, sagte die ältere Dame und wurde ganz aufgeregt, das war nur ganz kurz und es in St. Marta aufgenommen, nach der routinemäßigen Morgenmesse. Sie hätten einfach eine Anfrage für eine Einladung gestellt, dann hätte die Garde sie kontrolliert, es sei sehr gut besucht gewesen, aber wegen der vielen Leute hätte Franziskus halt nur einen kurzen Moment Zeit für sie gehabt, um ihnen zum Ehejubiläum zu gratulieren und ihnen einen Rosenkranz zu weihen. Sie war immer noch ganz aufgeregt und fand es bestimmt super, dass ich sie darauf angesprochen hatte. Ich habe jetzt äußerst bequeme halborthopädische Schuhe, die sich vermutlich mit meinen Tarnfleckhosen zusammen getragen enorm hässlich ausnehmen werden, aber Hauptsache bequem. Und ich finde den Laden und das Inhaberehepaar richtig toll. Ich habe mich sehr für die beiden gefreut.

Mai 22, 2017   No Comments

Geistliches Paar: Dorothy Day und Pierre Maurin – mein Artikel aus Vatican-Magazin Februar 2016

Am 8. Dezember 1932 sitzt eine junge Frau in der Basilika zur Unbefleckten Empfängnis in Washington, D.C. und betet unter Tränen um eine Weisung für ihr Leben. Sie hatte zuvor an einem Hungermarsch durch die Stadt teilgenommen, wie sie von ihren ehemaligen kommunistischen Genossen für Arbeitslose und sozial Benachteiligte organisiert werden. Sie ist zu diesem Zeitpunkt Mitte Dreißig und blickt auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Dorothy Day war kommunistische Aktivistin und Anarchistin, sie hatte eine Affäre und eine Abtreibung sowie zwei gescheiterte Ehen hinter sich.
Ihre Eltern gehörten der episkopalen Kirche an, Dorothy bekam schon als Mädchen einen Bezug zum Christentum. Sie las viel, auch die Bibel und beschäftigte sich sowohl mit russischen christlichen Schriftstellern wie Dostojewskij oder Tolstoj, als auch mit radikal pazifistischen, kommunistischen und anarchistischen Vorstellungen und Weltansichten. Obwohl sie als junge Frau sowohl für eine sozialistische als auch eine kommunistische Zeitung schrieb, war ihre kompromisslose pazifistische Einstellung wohl das prägende Element ihres Charakters, neben der späteren Überzeugung von der Wahrhaftigkeit der katholischen Lehre und ihrer überzeugten orthodoxen Haltung hinsichtlich des Magisteriums. Der Pazifismus war es auch, der sie davor bewahrte, weiterhin den Weg ihrer sozialistisch-kommunistisch inspirierten Freunde zu gehen: Sie lehne aufgrund ihrer Überzeugung auch den Klassenkampf als solchen ab. Während der Zeit kurz vor ihrer Konversion führte sie ein unkonventionelles Leben im New Yorker Künstler- und Musikerviertel Greenwich Village, war mit Schriftstellern wie Eugene O’Neill und John Reed befreundet.
1926 wird ihre Tochter Tamar geboren. Zu diesem Zeitpunkt ist sie in zweiter Ehe mit dem Biologen und Anarchisten Forster Batterham verheiratet. Als sie ihre Schwangerschaft bemerkt, ist sie überglücklich und voller Dankbarkeit – war sie doch nach dem schlimmen Eingriff ihrer Abtreibung davon überzeugt, nicht mehr empfangen zu können. Sie empfindet diese Schwangerschaft als pure Gnade und wahres Gottesgeschenk. Ihre Dankbarkeit ist so außerordentlich groß, dass – obwohl Day selbst noch nicht in die Kirche eingetreten ist, sie ihre Tochter im Juli 1927 katholisch taufen lässt. “Ich wollte meinem Kind die Orientierungslosigkeit ersparen, die ich oft erlebte, ich wollte gläubig sein, und ich wollte, dass mein Kind gläubig wird, und wenn die Zugehörigkeit zu einer Kirche ihr die unschätzbare Güte des Glaubens an Gott, und die umgängliche Liebe der Heiligen zuteil werden ließe, dann musste sie katholisch getauft werden.” Ihre Hingezogenheit zur katholischen Kirche sorgt bei ihrer näheren Umgebung für zunehmendes Unverständnis, insbesondere Batterham verachtet Religion und die katholische Kirche ganz besonders und weigert sich, der Taufzeremonie beizuwohnen. Day selbst wird am 28. Dezember 1927 in die Una Sancta aufgenommen, worauf die Beziehung zu Batterham endgültig zerbricht.
Die Verhältnisse innerhalb der US-amerikanischen Kirche nimmt sie eher schmerzhaft wahr: Die Gemeinden leben in relativem Wohlstand, aber sie kümmern sich in den Augen von Day zu wenig um die Rechte der Armen, der Arbeiter, der Schwarzen, Mexikaner und Filipinos. Und sie überlegt, was sie selbst innerhalb der Kirche dagegen tun könnte. Insbesondere fragt sie sich, wieso es ihren ehemaligen Kameraden, den Kommunisten, eigentlich viel besser und effektiver gelingt, Aktivitäten gegen soziale Ungerechtigkeiten und Armut zu organisieren, als der Kirche, deren Kernanliegen dies doch sein müsse. Sie als einzelne konnte natürlich dagegen anschreiben und protestieren, aber es müsse doch auch innerhalb der Kirche Persönlichkeiten und Leitfiguren geben, die eine solche Initiative führen und bündeln könnten … Dorothy Day trägt ihr Anliegen an jenem 8. Dezember fünf Jahre nach ihrem Eintritt in die Kirche vor die Immaculata: “Ich sprach ein besonderes Gebet, ein Gebet unter Tränen und Seelenqual, dass sich mir irgendein Weg auftun möge, um die Begabungen, die ich besaß für die Arbeiter und die Armen zu nutzen.”
Noch im gleichen Monat stellt sich Peter Maurin bei ihr vor, der ihr geistlicher Weggefährte und Kampfgenosse in ihren Anliegen für die Armen, die Arbeitslosen, die Lohnarbeiter und alle sozial benachteiligten werden soll – sie selbst hat es als Gebetserhörung bezeichnet.

Als Pierre Aristide Maurin am 9. Mai 1877 in eine Bauersfamilie im Languedoc geboren, trat er bereits mit 16 Jahren in eine christliche Ordensgemeinschaft ein, die sich der Frömmigkeit und der Unterstützung für die Armen widmete. Doch er wollte nicht nur religiös, sondern auch auf politischer Ebene etwas bewegen, weshalb er nach zehn Jahren bei den Christlichen Brüdern die Gemeinschaft verließ und Mitglied bei Le Sillon, einer katholischen Laienbewegung, wurde, die sich nicht nur religiös, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Gewerkschaften und Kooperativen engagierte. Doch dort erschien ihm der Schwerpunkt wiederum zu stark auf politischem Engagement zu liegen. Unzufrieden verließ er auch diese Gemeinschaft und emigrierte 1909 nach Kanada, um dem Einzug zum militärischen Dienst zu entgehen und wo er ein ausgesprochen unstetes Leben führte; tatsächlich wurde er mehrmals wegen Landstreicherei und dem illegalen Mitfahrens auf Güterzügen inhaftiert. Maurin übernahm die härtesten Arbeiten, um sich über Wasser zu halten, erstrebte für sich aber keinerlei persönlichen Komfort, keinen eigenen Besitz oder gar Wohlstand. Er legte Bewässerungsgräben an, arbeitete in Sägemühlen und im Kohlebergbau, half bei der Getreideernte und fand daneben noch die Zeit, sich in öffentlichen Bibliotheken weiter theologisch fortzubilden und seine bereits beträchtlichen Kenntnisse der Schriften der Kirchenväter weiter zu vertiefen. Doch den entscheidenden Anstoß, wie er sein eigentliches Anliegen, die Umgestaltung der Gesellschaft in einem zutiefst katholischen Sinne und gemäß den Werten des Neuen Testamentes umsetzen könnte, bekam er – ausgerechnet – von den Schriften und Ideen eines russischen kommunistischen Anarchisten: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin, der elf Jahre vor Maurins erster Begegnung mit Dorothy Day verstorben war. Day ihrerseits kannte zwar Kropotkins Memoiren zu diesem Zeitpunkt, nicht aber seine „taktischen“ Schriften wie „Landwirtschaft, Industrie und Handwerk“. Maurin, der in Day eine Art heilige Katharina von Siena des 20. Jahrhunderts sah, vertiefte aber vor allem ihre theologische und geistliche Bildung, indem er sie dazu anhielt, die Geschichte in ihrer historischen Entwicklung nicht als Abfolge von Herrschern, Staaten und Systemen zu betrachten, sondern anhand der katholischen Heiligen in ihrer jeweiligen Zeit. Es waren insbesondere Augustinus und der Augustiner Thomas a Kempis mit seiner berühmten Schrift über die Nachfolge Jesu, aber vor allem inspirierten sie die Karmeliten: Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Thérèse von Lisieux.
Es war schließlich auch Maurin, der sie dazu anspornte, eine eigene Zeitung zu gründen, während Day noch darüber nachgrübelte, wie sie das Geld dafür aufbringen solle. „In der Geschichte der Heiligen“, ermutigte er sie, „wird notwendiges Kapital durch Gebete aufgebracht. Gott schickt dir, was du brauchst wann du es brauchst. Du wirst die Druckerei entlohnen können. Lies es einfach bei den Heiligen nach.“
Am 1. Mai 1933 erschien die Zeitung „Catholic Worker“, „Katholischer Arbeiter“, zum ersten Mal, und somit war die „Katholische Arbeiterbewegung“ in den USA gegründet. Der Verkaufspreis betrug 1 Cent, die Mitarbeiter schrieben ohne Bezahlung, und der „Katholische Arbeiter“ kam ohne Werbeeinnahmen durch Schaltung von Anzeigen aus. Das völlig Neuartige am „Catholic Worker“ war, dass er radikal , im Sinne des Evangeliums und zugleich katholisch war. Maurins Gedanken zur radikalen Denkweise und Lebensführung basierte auf den Lebensregeln der alten irischen Mönchsgemeinschaften, den Anschauungen eines Thomas von Aquin und eines Thomas Morus bis hin zu den „Personalisten“, den Vertretern eines sozialen Katholizismus im Frankreich des 20. Jahrhunderts, wonach jede gesellschaftliche Veränderung nur durch eine Veränderung der persönlichen Lebensweise – in konsequenter Jesusnachfolge – bewirkt werden könne. Von Maurin stammte auch der 3-Punkte-Plan für die Bewegung der „Catholic Worker“ – erstens die gemeinsamen Lehr- und Debattiertreffen, faktisch „offene Universitäten für alle“, zweitens „Häuser der Gastfreundschaft“, um Menschen beherberge und speisen zu können sowie drittens autarke Farmen im Hinterland, die sich selbst und die karitativen Häuser versorgen konnten – von denen es im Jahr 1941 bereits 30 autonome Einheiten gab – eine Mischung aus irischer Mönchsgemeinschaft und den Ideen eines Kropotkin also. Peter Maurin konnte den wachsenden Erfolg der gemeinsam mit Day gegründeten Arbeiterbewegung noch erleben, bevor er am 15. Mai 1949, dreißig Jahre vor seiner Weggenossin, auf einer der Farmkommunen verstarb. Das Time Magazin schrieb damals, er sei in einem abgelegten Anzug und einem geschenkten Grab bestattet worden – einem Mann angemessen, der nie in einem eigenen Bett geschlafen und ausschließlich Anzüge , die ihm von anderen geschenkt wurden, getragen habe.

Mai 18, 2017   No Comments

Im Vorhof des Himmels – Edith Stein und ihr Seelenführer Raphael Walzer, Erzabt von Beuron

Von Barbara Wenz. Zuerst erschienen im Vatican-Magazin August-September 2012.

Am 9. August 1942, vor siebzig Jahren, starb die Philosophin, zum katholischen Glauben konvertierte Jüdin und Karmelitin Edith Stein in den Gaskammern von Auschwitz-Birkenau. Ihre Überreste wurden zusammen mit denen ihrer Schicksalsgenossen mit Benzin übergossen und in einer Erdgrube verbrannt. Ihre Festnahme und Verschleppung war im Zuge einer Vergeltungsaktion der Nazis gegen die katholische Kirche erfolgt – die niederländischen Bischöfe hatten sich deutlich gegen deren brutales Regime ausgesprochen. Doch letztlich musste sie wegen ihrer Abstammung sterben. Teresia Benedicta vom Kreuz, so ihr Ordensname, ist immer sehr glücklich über ihre jüdische Herkunft gewesen, wie Mitschwestern berichten: Dem selben Volk, dem gleichen Blut wie Jesus Christus, Maria und die Apostel anzugehören, erfüllte sie häufig mit großer Freude.

Als sie am 2. August 1942 abtransportiert wurde, muss es gewesen sein, als hätte der obisidianschwarze Eishauch aus der bodenlosen Finsternis, die von Deutschland ausgehend Europa in ihrem brutalen Griff hielt, ausgerechnet eine der intellektuell wie geistlich hell brennendsten Kerzenflämmchen in Gottes Karmelgarten für immer und ewig ausgelöscht. Like a candle in the wind …

Zwar ist den Nazis bei Edith Stein wie bei vielen Millionen namenlos gebliebenen Leidensgenossen die physische Auslöschung gelungen – das schwache, flackernde Lichtchen des Lebens zu ersticken durch Gas oder körperliche Gewalt, durch Hunger und Not in den Konzentrationslagern. Doch was selbst dem absolut Bösen nie gelingen kann ist, die leuchtende, ewig lebendige Fackel einer gläubigen Seele zu zerstören. Dafür garantiert die Kirche, Seine Kirche. Die Kirche Jesu Christi bewahrt die Seelen und deren kleinste Funken, deren mahnende Leuchtfeuer wie die großen Brände, die sie auf Erden entfacht haben – gleichgültig, was man mit ihrem Fleisch, ihren Knochen, ihren Innereien für Gräueltaten angestellt hat – sie ziehen in der Schar der Heiligen durch alle Jahrtausende zu Gott.

Als diese herausragende Intellektuelle und glühende Konvertitin im Jahre 1998 von Papst Johannes-Paul II. heilig gesprochen wurde, handelte es sich um einen einzigartigen Vorgang von hoher Symbolkraft: Edith Stein war nicht nur die erste deutsche Frau nach 650 Jahren, sie war und ist auch die bislang einzige Heilige jüdischer Abstammung, die von der Kirche zur Ehre der Altäre erhoben wurde. Schon während des Kanonisierungsverfahrens war gerüchteweise bekannt geworden, dass ein Brief der künftigen Heiligen aus dem Jahre 1933 an Papst Pius XI. existieren müsse, in welchem sie die politische Lage in Deutschland in drastischen Worten schilderte und das anhaltende Schweigen der Kirche dazu beklagte. Doch erst nach der außergewöhnlichen Anordnung von Johannes-Paul II. im Jahre 2002, die Vatikanischen Geheimarchive entgegen den Usancen für die Jahre 1922 bis 1939 zu öffnen, konnten das Schreiben und sein Wortlaut entdeckt und veröffentlicht werden. Am 15. Februar 2003 erschien dieser Brief in erster Veröffentlichung bei der Tageszeitung Die Welt. Welche Gedanken Edith Stein bei seiner Abfassung umtrieben, erfahren wir aus einer überlieferten Handschrift von ihr: Von einem befreundeten Ehepaar hatte sie in der Fastenzeit 1933 erfahren, dass amerikanische Zeitungen über entsetzliche Taten berichteten, die an der jüdischen Bevölkerung in Deutschland begangen würden. Zunächst fasst sie den Plan, nach Rom zu fahren und den Papst um eine Enzyklika zur Judenfrage zu bitten, doch die fromme Konvertitin möchte sich deswegen in jedem Fall mit ihrem Seelenführer beraten. Seit 1928 ist dies, nach dem Tode des Speyerer Geistlichen Joseph Schwind, der Erzabt von Beuron, den sie regelmäßig zu den großen kirchlichen Feiertagen besucht. Das Benediktinerkloster im oberen Donautal war ihr ebenso eine geistliche wie auch eine Heimat des Herzens geworden, bis sie im Oktober 1933 dann in den Karmel eintrat.
Sie nennt Beuron den „Vorhof des Himmels“, den „Himmel auf Erden, ihr „geliebtes Beuron“ und schreibt einmal über ihre Aufenthalte dort: „Mein Herz ist noch dort und kommt nur her, wenn ich es nötig brauche; im übrigen wartet es, bis ich wieder hinkomme.“
Die Begegnung mit dem befreundeten Ehepaar in der Fastenzeit 1933 war der letzte Impuls, den es noch brauchte, um ihren Entschluss umzusetzen. Da sie die Kartage wieder im Kloster verbrachte, bot sich dort die Gelegenheit, sich dazu mit ihrem geistlichen Begleiter zu besprechen:
„Seit ich in Beuron eine Art klösterliche Heimat hatte, durfte ich in Erzabt Raphael Walzer ‚meinen Abt’ sehen und ihm alle Fragen von Belang zur Entscheidung vorlegen.“
Walzer selbst schreibt im Rückblick über Edith Stein und ihr Verhältnis zum Kloster, dem er vorstand: „Sie wollte nur einfach hier in Beuron sein, um bei Gott zu sein, um in der Gegenwart der erhabenen Heilsmysterien zu bleiben. Ihrem Glauben war es selbstverständlich, sich mit Gott zu vereinigen – im göttlichem Offizium – und sich selbst zu verlieren in der laus perennis – dem ununterbrochenen Gotteslob.“
Walzer, 1888 in Ravensburg als Sohn einer einfachen Handwerkerfamilie geboren, ist nicht nur ein hochintelligenter Mann, der 1914, ein Jahr nach seiner Priesterweihe, an der Benediktinerhochschule Sant’Anselmo zum Kirchenbegriff des heiligen Irenäus promoviert, er verfügt auch über große Tatkraft und organisatorisches Geschick. Als er am 25. Januar 1928 zum Erzabt postuliert wird, es ist wohl das gleiche Jahr, in dem ihm Stein zum ersten Mal begegnet, ist er erst vierzig Jahre alt, nur drei Jahre älter als Edith. Nachdem sie ihm in den Kartagen 1933 ihr Vorhaben unterbreitet, war vermutlich er es, der ihr von einem Rombesuch und einer Privataudienz abriet, die sie eh nicht erhalten würde. Die Kirche feierte ein Heiliges Jahr anlässlich der Kreuzigung Jesu Christi vor 1900 Jahren, der Andrang von Besuchern, die Audienzen wünschten, war einfach zu hoch. Ob sie daraufhin den Brief noch in Beuron geschrieben hat, wissen wir nicht genau, aber es steht zu vermuten. Raphael Walzer, der kurz zuvor aus Japan zurückgekehrt ist, wo er eine Klosterneugründung plante, hatte möglicherweise auch davon abgeraten, auf eine Enzyklika zu drängen. Im Wortlaut des Schreibens steht schließlich nur noch die dringende Bitte, die Kirche möge nicht länger schweigen; in welcher Form der Heilige Vater sich äußern solle, lässt Stein zu seiner persönlichen Entscheidung offen. Denn, zur gleichen Zeit, also im April 1933, verhandelt der Heilige Stuhl mit dem Hitler-Regime über das Reichskonkordat, um, wie der Historiker Konrad Repgen zutreffend bemerkt, die Großorganisation Kirche als einer eigen- und nicht fremdbestimmten Seelsorgskirche zu bewahren und vertraglich zu schützen.
Steins Brief an Pius XI. trägt zwar kein Datum, doch durch das Begleitschreiben Raphael Walzers, datiert vom 12. April, können wir davon ausgehen, dass er zwischen dem 7. und 12. April in Beuron entworfen und abgefasst worden ist. Stein stellt sich zunächst als Kind des jüdischen Volkes vor, das „durch Gottes Gnade seit elf Jahren ein Kind der katholischen Kirche ist“, und das nun vor dem Heiligen Vater auszusprechen wagt, was Millionen von Deutschen bedrücke. Sie schildert mit eindringlichen Worten, was in Deutschland unter den Nazis vor sich geht, „Taten, … die jeder Gerechtigkeit und Menschlichkeit – von Nächstenliebe gar nicht zu reden – Hohn sprechen.“ Und sie macht klar, dass nicht nur die Juden, auch die deutschen Katholiken, ja die ganze Welt darauf warte, dass die Kirche Christi dazu ihre Stimme erhebt. Die zentrale Passage ihres Briefes aber ist diese:
„Ist nicht diese Vergötzung der Rasse und der Staatsgewalt, die täglich durch Rundfunk den Massen eingehämmert wird, eine offene Häresie? Ist nicht der Vernichtungskampf gegen das jüdische Blut eine Schmähung der allerheiligsten Menschheit unseres Erlösers, der allerseligsten Jungfrau und der Apostel?“
Hellsichtig erkennt sie, dass dem brutalen Kampf gegen das Judentum der Kampf gegen den Katholizismus folgen wird, stiller und schleichender geführt, aber nicht weniger erbittert.

Mit diesem Schreiben reiht sich Stein in die großartige Folge von heiligen Frauen wie Hildegard von Bingen oder Caterina von Siena ein, die es gewagt haben, als eindringliche Mahnerinnen dem jeweiligen Papst gegenüberzutreten. Zugleich bleibt sie demütig und ehrerbietig, wenn sie in der Grußformel schließt: „Zu Füßen Eurer Heiligkeit, um den Apostolischen Segen bittend“.
Jahre später, am 14. März 1937, erscheint dann die Enzyklika „Mit brennender Sorge“, welche mittels wahrer Nacht- und Nebelaktionen in den einzelnen deutschen Bistümern gedruckt und verbreitet wird, und deren Kernsatz einen Gedanken aus Steins Brief aufgreift:
„Wer die Rasse oder das Volk, oder den Staat, oder die Staatsform, die Träger der Staatsgewalt …. aus dieser ihrer irdischen Werteskala herauslöst, sie zur höchsten Norm aller, auch der religiösen Werte macht und sie mit Götzenkult vergöttert, der verkehrt und fälscht die gottgeschaffene und gottbefohlene Ordnung der Dinge.“

Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Edith Stein bereits im Kölner Karmel, in den sie bereits 1933 eintrat – entgegen dem Wunsch ihres Seelenführers, der sie lieber als Teil der ecclesia militans in der Welt gesehen hätte. Doch angesichts der zunehmenden Repressalien für Juden musste er schließlich eingestehen, dass der Karmel der sicherere Ort für sie sein könne.
Für Walzer wird das Erscheinungsjahr der Enzyklika ein Schicksalsjahr: Er hatte sich im November 1933 als einziger deutscher kirchlicher Führer bei der ersten Volksabstimmung mit seiner Stimme enthalten. Die Schikanen und die Überwachung, der er sich seither ausgesetzt sah, gipfelten im Januar 1937 in einem offiziellen Erlass aus Berlin: Er hatte bereits zwei Jahre zuvor Beuron verlassen müssen – nun wurde ihm bestätigt, dass „seine Rückkehr nach Deutschland und die Wiederaufnahme seiner Tätigkeit in Beuron aus politischen Gründen mehr als unerwünscht“ seien. Walzer wird im November des gleichen Jahres auf sein Amt endgültig verzichten. Er ist nun ein staatenloser Flüchtling, stellt ein Gesuch auf Erhalt der französischen Staatsbürgerschaft, muss schließlich auch aus Frankreich anlässlich der deutschen Invasion fliehen, erhält aber in Algerien eine neue Aufgabe als Militärgeistlicher in der französischen Armee.
Vom Tode seiner Benedicta Cara, seiner lieben Benedicta, wie er sie in den Briefen ansprach, die noch erhalten sind, hat er ebenfalls in Algerien weilend erfahren. Wie sehr er sie geschätzt und verehrt hat, wird uns in einer Aussage eines Mitpaters überliefert: „Er nannte sie die virgo sapiens. Sie war für ihn die von Gott überreich beschenkte, die ganz in der geliebten Wahrheit Verweilende, die betende Philosophin, das Gebet in Person.“
Ihre Seligsprechung hat er nicht mehr erlebt und wohl auch gar nicht in Betracht gezogen, wie seine Stellungnahme zur ihrer Persönlichkeit verrät, die Mitte der Vierziger Jahre während eines USA-Aufenthaltes entstanden sein muss. Ihr Martyrium bezeichnet er darin als ein glanzvolles, das an das kalon to dynai des Ignatius von Antiochien erinnere. „Wir wissen nicht, was die Göttliche Vorsehung mit der Heimgegangenen vorhat. Wird sie eines Tages auf die Altäre der Kirche erhoben werden oder nur als ideale Persönlichkeit in die Geschichte eingehen? Ich würde mich nicht wundern, wenn es beim Letzteren bliebe. Eines wird immer wahr bleiben: ihr Bild, ihr Beten und Arbeiten, ihr Schweigen und Leiden, ihr letzter Gang gen Osten werden nicht leicht aus dem Gedächtnis kommender Geschlechter schwinden und stets Kraft ausstrahlen und Sehnsucht wecken nach der Tiefe des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe.“
Walzer, der seine Briefe an Edith mit „Immer in caritate Dei – Ihr Raphael“ unterzeichnete, hat die Formulierung von ihrem letzten Gang gen Osten nicht zufällig gewählt. Das Lebenslicht der Gesegneten vom Kreuz wurde in den Gaskammern Birkenaus erstickt – doch die Glut ihres Seelenfeuers konnten die Stiefel ihrer bestialischen Mörder nicht zertreten. Seit alters her erwartet die streitende Kirche auf Erden die Wiederkunft des Herrn aus dem Osten. Edith Stein ging auf ihrem Weg nach Birkenau dem wiederkehrenden Christus entgegen.

August 9, 2014   1 Comment

In memoriam Fritz Michael Gerlich

Heute ist der 80. Todestag des merkwürdig ignorierten und in Vergessenheit geratenen journalistischen Widerstandskämpfers Fritz Michael Gerlich.

Die KNA hat dazu einen Beitrag gebracht.

Zum Anlass seines 130. Geburtstags erschien mein Porträt des mutigen Journalisten und seiner spirituellen Mutter, Therese von Konnersreuth, im Vatican Magazin Februar 2013 unter dem Titel „Gottes Kampfsau und Jesu Seherin“:

Im Frühsommer 2010 war Fritz Michael Gerlich als „Das furchtlose Rauhbein“ Titelthema dieses Magazins. In Form eines Gesprächs mit dem Historiker Rudolf Morsey würdigte es das journalistische Schaffen eines Mannes, welcher der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist. Es sollte ein kleines Plädoyer für die Seligsprechung einer markanten Persönlichkeit des katholischen Widerstandes sein, die in der offiziellen Geschichtsschreibung leider häufig vernachlässigt wird: Am 15. Februar dieses Jahres würde Fritz Michael Gerlich, der im Jahre 1883 in Stettin als ältester Sohn eines Fischhändlers geboren wurde, seinen 130. Geburtstag feiern.
Wie wir sehen werden, war Gerlich schon Anfang der Zwanziger Jahre ein entschiedener Gegner Hitlers und seiner Anhängerschaft. Aber erst die Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis, einer Zelle des katholischen Widerstands, seine darauf folgende Konversion und die Gründung der katholischen Wochenzeitung „Der gerade Weg“, in der er vehement gegen Hitler anschrieb, ließen ihn zu einem ernstzunehmenden politischen Feind werden. Nur wenige Monate nach der Machtergreifung im Januar 1933 wurde Gerlich dann auch verhaftet und seine Zeitung verboten. Als einer der ersten Märtyrer des deutschen Widerstands wurde er im KZ Dachau am 30. Juni 1934 ermordet.
Doch wie kam es eigentlich zu der schicksalhaften Begegnung mit Therese Neumann und dem Konnersreuther Kreis?

Am 3. August 1927 erschien in der Beilage „Die Einkehr“ der Münchner Neuesten Nachrichten ein ausführlicher Bericht von Erwein von Aretin, einem überzeugten Katholiken, worin er seine Erlebnisse anlässlich eines Besuch bei der Seherin Therese Neumann in Konnersreuth schildert.
Zu diesem Zeitpunkt ist die Erstgeborene von elf Kindern einer Schneidersfamilie aus ärmlichen Verhältnissen kaum 30 Jahre alt und seit über einem Jahr an Händen, Füßen, Brust und Kopf stigmatisiert. Bereits im Alter von 14 Jahren verdingt sie sich als einfache Gehilfin und Magd, keine Arbeit ist ihr zu hart oder zu schmutzig. Daneben besitzt sie eine tiefe, im guten Sinne einfältige Frömmigkeit. Eigentlich von robuster Natur und zupackend, verunfallt sie im Jahre 1918 schwer, während sie bei Löscharbeiten an einem Scheunenbrand mithilft. Von diesem Zeitpunkt an beginnt ihr körperliches Leiden, gegen das sie sich zunächst aufbäumt. Therese will arbeiten, sie will sich nützlich machen, sie will weiterhin tüchtig sein. Doch all ihre tapferen Versuche, die Folgen dieses ersten Unfalls zu überwinden, weiterzuarbeiten, führen nur zu weiteren Unglücksfällen wie Stürzen von Leitern und Kellertreppen mit immer gravierenderen Folgen bis zum Eintritt der endgültigen Bettlägrigkeit und einer darauf folgenden rätselhaften Erblindung.
Fast vier Jahre lang liegt Therese leidend und blind auf ihrem Lager, bis sie am 29. April 1923, dem Tag der Seligsprechung der von ihr besonders verehrten Namenspatron Thérèse von Lisieux auf wunderbare Weise ihr Augenlicht zurück erhält. Das Los der Bettlägrigen wird damit nur ein wenig leichter, es folgen unerklärliche Lähmungen, Verrenkungen, eine Blinddarmentzündung, alles einhergehend mit furchtbaren Schmerzen – dazwischen wieder ebenso unerklärliche Heilungen.
Die Resl findet sich allmähich damit ab, dass sie der Heiland als „Sühneseele“ auserwählt hat und nimmt nun auch zu ihren eigenen Leiden diejenigen anderer, von denen sie erfährt, freiwillig und voll Gottvertrauen auf sich.
Ihre Schauungen gehen, wie bei vielen anderen Seherinnen, parallel zu den liturgischen Ereignissen des Kirchenjahres und beziehen sich nicht nur auf Jesus Christus oder die Heilige Familie, sondern auch auf Heilige wie den Apostel Johannes oder Franz von Sales, auf Begebenheiten wie die Steinigung des Stephanus oder die Stigmatisierung des heiligen Franziskus. Ostern 1926 empfängt sie selbst ihr erstes Stigma – es ist die Seitenwunde des Herrn -, das sie zunächst verborgen hält. Im Verlauf dieses Jahr kommen Stigmata an Händen und Füßen hinzu, im November fängt ihr Kopf an zu bluten; geradeso, als trüge sie eine Dornenkrone.
In ihren Ekstasen spricht sie, eine einfache Bauernmagd, teils in aramäischer Sprache.
Es heißt, dass Therese, die schon im Zusammenhang mit ihrem ersten Unfall kaum feste Nahrung bei sich behalten konnte, sich ausschließlich von der Heiligen Kommunion ernährt.

Der Rummel um ihre Person nimmt zu, nach Konnersreuth kommen nicht nur Gläubige, die geistliche Ermutigung suchen, sondern auch Scharen von Neugierigen und Zweiflern. In Zeitungen wie Zeitschriften findet das Phänomen Konnersreuth breite Beachtung, doch die Berichterstatter sprechen recht einmütig von einem hysterischen Phänomen oder schlichtem Schwindel. Kirchenfeindliche Kreise wollen die junge Frau am liebsten interniert sehen. Das öffentliche Interesse an dem Fall ist enorm hoch und der Bericht Erwein von Aretins für die Beilage der Münchner Neuesten Nachrichten musste viermal nachgedruckt werden und wurde in 32 Sprachen übersetzt.

Auch Fritz Gerlich, der Chef von Aretins, welcher aus einer calvinistisch geprägten Familie stammt, lassen die Schilderungen seines Mitarbeiters nicht los. Er ist überzeugt davon, dass es sich hier um einen groß angelegten Schwindel handle und fühlt sich berufen, Therese Neumann als Betrügerin auffliegen zu lassen. Im September 1927 fährt er deshalb selbst von München nach Konnersreuth, um eigene Beobachtungen, Befragungen und Untersuchungen anzustellen. Er wird dort drei Männern begegnen, welche später zusammen mit ihm den inneren Kern des Konnersreuther Kreises bilden und einen wesentlichen Einfluss auf seinen weiteren Lebensweg haben werden: Der Kapuzinerpater Ingbert Naab, Franz Xaver Wutz, einem Professor an der katholischen Universität Eichstätt sowie Fürst Erich von Waldburg-Zeil. Doch es geschieht noch weitaus mehr. Nicht nur, dass es Gerlich nicht gelingt, die Resl als Schwindlerin zu entlarven, die Begegnung wird vielmehr der äußere Anstoß für seine spätere Konversion zum katholischen Glauben.
Erwein von Aretin schreibt in seiner Biografie aus dem Jahre 1949 „Fritz Michael Gerlich. Ein Märtyrer unserer Zeit“ über dessen Konversionserlebnis in Konnersreuth: „Dieser rasche und tiefdringende Verstand hatte wie im Schein eines Blitzes die ernste Wirklichkeit vor sich aufleuchten sehen, neben der die Realität unseres irdischen Lebens nur wie ein Gleichnis ist, wie der Spiegel, von dem Paulus im Korintherbrief spricht, der gleiche Paulus, der Ähnliches vor Damaskus selbst erlebt haben mochte.“

Gerlich wird vom Eifer für die Echtheit der Schauungen und Stigmata der Resl ergriffen und widmet sich bereits vor seinem Eintritt in die katholische Kirche in den Jahren 1928 und 1929 in zwei umfangreichen Bänden zum einen der Biografie, zum anderen dem Plädoyer für die Wahrhaftigkeit der Ereignisse um die Seherin von Konnersreuth. Während der Phase vor seiner Taufe am 29. September 1931, bei der er seinen zweiten Vornamen „Michael“ erhält, wird er von Pater Ingbert Naab, geistlich begleitet. Pater Naab engagiert sich schon seit Jahren im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und findet in Gerlich einen glühenden Kampfgenossen. Seit dem gescheiterten Hitlerputsch am 9. November 1923 ist Gerlich nicht nur ein erbitterter Feind der Kommunisten, sondern auch der Nationalsozialisten. Der Journalist war nicht nur am Vorabend im Bürgerbräukeller anwesend, der von Hitler und seinen Anhängern gestürmt wurde, er hatte auch die Rede des bayerischen Generalstaatskommissars von Kahr mitverfasst. Ohnmächtig vor Wut musste er damals miterleben, wie die SA seine Redaktionsräume besetzten, um einen manipulierten Artikel zu den Ereignissen im Bürgerbräukeller in den Münchner Neuesten Nachrichten in Umlauf zu bringen.
1928, fünf Jahre später, verliert Gerlich seinen Posten bei der Zeitung, weshalb er sich, auch dank einer großzügigen Abfindung, seinem damaligen Hauptinteressengebiet Konnersreuth widmen kann.
Therese prophezeite jedoch, er werde nochmals als Journalist arbeiten – und sollte Recht behalten.
Zunächst übernimmt er die Chefredaktion des Illustrierten Sonntags, mit finanzieller Unterstützung des Fürsten von Waldburg-Zeil, der sowohl von Gerlichs journalistischen Fähigkeiten als auch von dem Mut, mit welchem er seine Überzeugungen vorträgt, beeindruckt ist.
Im Januar 1932 wird der Illustrierte Sonntag in „Der gerade Weg. Deutsche Zeitung für Wahrheit und Recht“ umbenannt. Für „Der gerade Weg“ schreiben auch Pater Ingbert Naab und Professor Wutz, doch die schärfste rhetorische Klinge führt Gerlich, der sich nicht scheut, die Nazi-Ideologie offen – und durchaus prophetisch – als „geistige Pest“ zu bezeichnen, die zu Massenmord und Blutbädern führen werde.
Bald gab es Beschwerden wegen Gerlichs derber und agressiver Polemik, vor allem, weil er mit seiner harschen Kritik auch nicht vor der katholischen Zentrumspartei halt machte. Schließlich nahm ihn der Münchner Kardinal von Faulhaber, der Gerlich auch gefirmt hatte, in Schutz: „Wenn Dr. Gerlich in der Form eine scharfe Klinge schlägt und zuweilen über die Schnur haut, auch am Zentrum und seinen Männern Kritik übt, so sind das eben Begleiterscheinungen, die im Kampf der Geister bei einem neu auf den Plan tretenden Kämpen immer wieder vorkommen werden. Als Katholik aber hat Dr. Gerlich die besten Absichten. Der hiesige Klerus ist begeistert, dass endlich auf katholischer Seite ein Mann aufgetreten ist, der den Gegnern die Stange hält, wenn er nicht, wie ihm angedroht wurde, durch Meuchelmord stumm gemacht wird.“ Genau das aber sollte sehr bald geschehen.

In allen Belangen, den geistlichen wie auch den geschäftlichen, stützten sich Chefredaktion und Mitarbeiter auf die Ratschläge der Seherin von Konnersreuth, die manchmal aus „Durchhalteparolen“ bestanden, manchmal auch sehr konkret waren. Er solle in der Schweiz bleiben und nicht zurückkehren, riet sie Gerlich einmal anlässlich einer Reise. Doch der ignorierte die Warnung mit dem Hinweis, er sei bereit, für das, was er schreibe, mit seinem Leben einzustehen.
Am 9. März 1933 erfolgte Gerlichs Verhaftung durch die SA, bei der er schwer misshandelt wurde, seine Zeitung wurde wenige Tage später verboten. Die Resl hatte die Ereignisse dieser Tage im fernen München von ihrem Krankenlager aus gesehen. Nach 16 Monaten zermürbender Haft – man gab Gerlich einmal eine Pistole mit der Aufforderung, sich selbst zu erschießen, um sich weitere Misshandlungen zu ersparen, war er immer noch ungebrochen: Die Aufforderung zum Suizid verweigerte er mit dem Hinweis auf seinen katholischen Glauben, der ihm dies verbiete.

Für den Märtyrer Fritz Michael Gerlich hat sich, glaubt man der Frau, die ihn zum wahren Glauben bekehrt hat und stets geistlichen Rat für ihn hatte, am Ende die Mühe des irdischen Lebens, die Drangsal, die Verhaftung, die Folter und der gewaltsame Tod in die ewige Glückseligkeit verwandelt.
Am Allerheiligentag 1934, nur wenige Monate nach seiner Ermordung, hat Therese die Seele Fritz Michaels Gerlich geborgen im ewigen Glanze himmlischer Herrlichkeit geschaut.

Juni 30, 2014   No Comments

Das entflammte Herz – Die Ewigkeit als Maß

Die geistliche Liebe zwischen dem Fürstbischof von Genf, Franz von Sales und Baronin Johanna Franziska von Chantal darf man wohl als eine der innigsten und inspiriertesten – dabei vollständig reinen – Verbindungen bezeichnen, welche die katholische Kirche kennt. Sie führte im Juni 1610 zur Gründung der Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, kurz Salesianerinnen genannt, die heute, mehr als vierhundert Jahre später, mit über 150 Klöstern auf vier Kontinenten vertreten ist und wiederum Heilige wie Margareta Maria Alacoque sowie Selige wie Mutter Gabriele de Hinojosa und ihre Gefährtinnen, die Sieben Märtyrerinnen von Madrid in der Zeit des Spanischen Bürgerkrieges, hervorbrachte.

Zu einer ersten Begegnung zwischen Franz von Sales und der Baronin von Chantal kam es in der vorösterlichen Zeit des Jahres 1604 in Dijon. Franz ist zu dieser Zeit 36 Jahre alt und seit zehn Jahren als Priester und Seelsorger tätig, seit knapp zwei Jahren Bischof von Genf mit Amtssitz in Annecy. Anlässlich einer Fastenpredigt weilte er in Dijon, wo ihn sein Amtskollege, der Erzbischof von Bourges, seiner Schwester Johanna Franziska vorstellte.
Beide sollen einander in Visionen bereits vor diesem ersten, wirklichen Treffen, gesehen und sich sogleich erkannt haben. Wenige Tage später, am 26. April 1604, schreibt Franz einen ersten, äußerst kurzen, aber inhaltsschweren Brief: „Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder Stunde mehr zur Gewissheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag. Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel.“
Mit diesen knappen Zeilen beginnt ein wunderschöner Briefwechsel, der nicht nur die katholische Kirche, sondern auch die französische Literaturgeschichte bereichert hat.

Franz von Sales, am 21. August 1567 auf Burg Sales als erstes von zwölf Kindern zur Welt gekommen, durchlitt während seiner Studienjahre am Pariser Kolleg eine furchtbare Glaubenskrise, die ihn zuletzt auch körperlich erkranken ließ: Er war mit der calvinistischen Lehre von der Vorherbestimmung in Berührung gekommen, nach der bereits von Ewigkeit her durch Gott entschieden sei, wer unabänderlich zur Verdammnis bestimmt sei und wer nicht. Der Gedanke beschäftigte ihn intensiv. Schließlich wurde er derart von der Vorstellung beherrscht, er selbst gehöre von Anbeginn der Zeit an zu den Verdammten, dass sich die Verzweiflung seiner Seele auch körperlich manifestierte. Nach einigen Wochen der Krankheit wusste sich der kaum Zwanzigjährige nicht mehr anders zu helfen, der Zenit seiner Angst und Depression war überschritten: Mit äußerster Anstrengung und unter Aufbietung all seiner verbliebenen Kräfte schleppte er sich in eine nahe gelegene Kirche, wo er sich mit einem Memorare an die Jungfrau Maria wendet, einem Gebet der ebenso flehentlichen wie vertrauensvollen Zufluchtnahme zur „Mutter des Wortes“. Franz überwindet seine Krise, in dem er sich mit absoluter Unbedingtheit unter dem Schutzmantel Mariens in die Arme des gütigen, barmherzigen Gottes wirft, der die Liebe ist. Ihm übergibt, ihm weiht er an Ort und Stelle, in der Kirche St. Etienne de Gres, sein gesamtes Leben.
Es ist nicht zuletzt wohl dieser Begebenheit seiner Jugendzeit zuzuschreiben, dass er später so erfolgreich im Kampf gegen die calvinistischen Irrlehrer vorgehen kann, die im Chamblais-Gebiet des Bistums Genf fast die gesamte Bevölkerung für sich gewonnen hatten. Franz nahm kurz nach seiner Priesterweihe 1593 die Rückeroberung des Chamblais für die heilige Mutter Kirche in Angriff und nutzte dafür eines der ersten Massenkommunikationsmittel überhaupt – das Flugblatt. Mit seinen im wahrsten Sinne aufklärerischen Worten über die wahre, liebevolle Natur Gottes, seinem authentischen Stil der Warmherzigkeit und Menschenfreundlichkeit, der sich nie zum Pamphletisieren herablässt, kann er in nur vier Jahren die gesamte abgefallene Region für die Kirche zurückgewinnen. Insbesondere durch diese beherzte und innovative Tat empfahl er sich geradezu als Schutzpatron der katholischen Journalisten.

Baronin von Chantal ist zum Zeitpunkt ihrer ersten Begegnung mit von Sales seit vier Jahren verwitwet. Ihr Ehemann, mit dem sie sehr glücklich war und dem sie sechs Kinder gebar, von denen allerdings zwei sehr jung verstarben, kam im Jahre 1600 bei einem tragischen Jagdunfall zu Tode. In ihrem tiefen Schmerz wandte sie sich Gott zu, sie wollte ganz nach seinem Willen leben. Doch wie diesen Willen erkennen? Sie wendet sich einem Seelenführer zu, dem sie verschiedene Gelöbnisse macht, unter anderem etwa, sich niemals einen anderen geistlichen Führer zu suchen. Doch nun steht da die erste Begegnung mit Priester und Bischof, in dessen Seele sie sich erkennt, der sie, unter Berufung auf den göttlichen Willen, als eine Gabe, ein Geschenk betrachtet und daran keine Zweifel aufkommen lässt. Denn Johanna Franziska ist zunächst sehr ängstlich und voller Skrupel, weil sie sich bereits an einen geistlichen Vater gebunden sieht und ihm sozusagen die Treue gelobt hat. Zunächst muss also diese Sache geklärt werden – Franz geht sowohl mit seelsorgerlicher Umsicht wie auch mit freundlicher Diplomatie vor, immer im klaren Bewusstsein, dem Willen Gottes zu gehorchen. Im gleichen Jahr kommt es zu einer zweiten persönlichen Begegnung zwischen den beiden anlässlich einer Wallfahrt nach Saint Claude. Er schreibt: „Ich habe die ganze Nacht auf Ihre Angelegenheit verwendet. Ich sehe, es ist der Wille Gottes, dass ich die Leitung Ihrer Seele übernehme und Sie meinen Weisungen folgen. Diese vier Gelübde [Anm: an den vorherigen Seelenführer] taugen zu nichts, als Ihren Seelenfrieden zu zerstören.“

Neben dem literarischen Genuss, den die Lektüre dieser Briefe an die Baronin bieten, ist es vor allem der geistliche Trost, den man darin vorfindet und noch heute jedem Seelsorger eine Anleitung und Hilfe bieten kann. Als Hauptthemen finden sich darin immer wieder: Freiheit, Demut, Vollkommenheit und Ermutigung zur Geduld im Tragen des Kreuzes. Die Gewissensbisse und Ängste wegen – eingebildeter oder tatsächlicher – Versuchungen, denen sich Johanna Franziska bis zur unerträglichen Pein ausgesetzt sieht, lindert er durch schlichte, aber einsichtige Worte: Die Versuchung und die Freude an der Sünde kämen vom Teufel, Leid und Qual deswegen aber schickt uns der barmherzige Gott, durch sie läutere er das Gold: „Verachten Sie die Versuchung, umfangen Sie die Prüfung!“

Von Sales ist sich von Anfang an völlig bewusst darüber, wie der Charakter seiner geistlichen Tochter beschaffen ist, als hätte er sie tatsächlich schon längst gekannt, und nicht erst vor ein paar Monaten zum ersten Mal gesehen. Ihr asketischer Eifer braucht eher Mäßigung denn Ansporn, ihr übertriebenes Pflichtbewusstsein, ihr innerer seelischer Scharfrichter, der sie beständig zu verurteilen scheint, braucht mehr Milde – und sollte eigentlich am Besten in den Ruhestand versetzt werden. So schreibt dieser hochbegabte Seelenführer also: „Wenn Sie Gehorsam und Unterordnung sehr lieben, ist es mein Wunsch, – dies soll für Sie eine Art Gehorsam sein – dass Sie aus einem berechtigten Grund oder aus Nächstenliebe Ihre Übungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe ausgleichen.“

Immer wieder preist er ihren Witwenstand, rät ihr dazu, zunächst darin zu verbleiben, anstatt sich in ein Kloster zurückzuziehen. Nicht nur Erbauliches findet sich in diesen Briefen an die Baronin, auch kleine Anekdoten über seine Erlebnisse, Gespräche über ihre Kinder, Beschreibungen von Unwettern und Unglücksfällen, die ihn besonders beschäftigen – und immer wieder das Eingeständnis seiner Armseligkeit und die Bitte um Gebet.
Aus Juli 1605 stammt eine mit besonderem Feingefühl und geistlicher Umsicht geschriebene Empfehlung auf Johannas Anfrage, wie sie demjenigen gegenübertreten solle, der damals den Unfalltod ihres Mannes verursacht habe. Mit Verweis auf die Schmerzen Jesu beim Anblick des toten Lazarus, rät er ihr nachdrücklich, eine Begegnung mit diesem Unglücklichen nicht ausdrücklich zu suchen. Sollte sich eine ergeben, so solle sie trotz ihrer aufsteigenden Schmerzen und Qualen ein gütiges, liebenswürdiges und mitfühlendes Herz mitbringen, um zu bezeugen, dass sie alles in Liebe annehme, sogar den Tod ihres Mannes. Er schließt mit einem bezaubernden Bild: „Gott befohlen, meine Tochter; bleiben Sie in Frieden, stellen Sie sich auf die Fußspitzen und strecken Sie sich weit dem Himmel entgegen!“

Ohne dass Franz das Thema weiter auszubreiten sucht, finden wir auch immer wieder in seinen Briefen an die geistliche Tochter poetische Formulierungen, die seine Liebe zu ihr ausdrücken sollen – eine „Zuneigung, weißer als der Schnee und reiner als die Sonne“. So schreibt er am 1. November 1604: „Ich schenke Sie selbst, Ihr Witwenherz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn darbringe. Beten Sie für mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.“

Und diese tiefe Zuneigung brachte reiche geistliche Frucht hervor. Am 6. Juni 1610 gründete Franz von Sales, gemeinsam mit Johanna Franziska, die Ordensgemeinschaft der Schwestern von der Heimsuchung Mariens, im deutschen Sprachraum auch Salesianerinnen genannt. Er erfüllte damit seiner geistlichen Tochter gleichzeitig einen großen Wunsch, nämlich ihr Leben nach einer Ordensregel zu führen. Aus der Hand ihres spirituellen Mentors nimmt sie den Habit entgegen, vor seinen Augen und Ohren legt sie ihre Ordensgelübde ab. Sie ist nun fast am Ziel ihrer Wünsche. Nur eine – sehr exaltierte – Bitte erfüllt ihr der gute Gott nicht: Dass sie vor ihrem geliebten geistlichen Vater sterben möge. Am 28. Dezember 1622 stirbt Franz von Sales nach einem rastlosen, von der Hingabe und dem Dienst an anderen erfüllten Leben an den Folgen eines Schlaganfalls. Kurz zuvor hatte er Johanna Franziska noch mit diesen Worten gewürdigt: „Nur mit Hochachtung spreche ich von dieser durchaus heiligen Seele. Man kann nicht größeren Verstand mit tieferer Demut vereint sehen. Sie ist einfach und innig wie ein Kind, verbindet aber damit eine ernste und erhabene Urteilskraft. Sie ist eine große Seele, die für heilige Unternehmungen einen Mut beweist, der sonst ihrem Geschlecht nicht eigen ist. Mit einem Wort: Ich lese nie die Beschreibung Salomons von der vollkommenen Frau, ohne an die ehrwürdige Mutter Chantal zu denken.“
Es ist wohl auch seiner Umsicht zu verdanken, dass seine liebe Tochter und geistliche Mutter, als die er sie sehr wohl auch ansah, nicht spirituell verwaiste: Kein geringerer als der heilige Vinzenz von Paul wurde danach ihr engster Vertrauter. Sie stirbt am 13. Dezember 1641 in Moulins. Am selben Abend sieht der heilige Vinzenz eine kleine, feurig-glühende Kugel ins Firmament aufsteigen. Und der Himmel öffnet sich. Ein etwas größerer Feuerball kommt ihr entgegen und beide vereinen sich, um weiter hinaufzusteigen, bis sie außer Sichtweite sind. Wenig später erreicht ihn die Nachricht vom Tode Johannas. Da erst begreift er, was er an diesem Abend sah: Wie Franz von Sales’ Seele der Seele seiner Liebsten entgegenkam, um sie in die himmlische Heimstatt zu führen. Der Rest dieser wunderbaren Geschichte ist schnell erzählt.

Mutter Chantal wird am 21. August 1751 selig gesprochen, am 16. August 1767 heilig.
Von Sales wird von Papst Alexander VII. 1661 zuerst selig, vier Jahre später heilig gesprochen. Am 19. Juli 1877 erhebt Pius IX. ihn zum Kirchenlehrer.
Dies geschieht noch zu Lebzeiten eines berühmten deutschen Philosophen, der nicht nur formulierte, dass Gott tot sei, sondern auch von der Lust sprach, die tiefe, tiefe Ewigkeit wolle. Vielleicht hätte er sich eingehender mit dieser einzigartigen, sublimen Liebesgeschichte beschäftigen sollen. Dann hätte er womöglich erkannt, dass sich die Lust immer nur nach der Ewigkeit ausstrecken, sie aber niemals erreichen kann. Alleine die Liebe, die wie „Tau vom Himmel kommt“, in der zwei Herzen gemeinsam auf Gott blicken, kann dieses ungeheuerliche Maß voll ausschöpfen. Oder, mit den Worten des heiligen Franz von Sales an seine geistliche Gefährtin: Mein Wunsch, Sie zu lieben und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die Ewigkeit.

[zuerst erschienen im Vatican-Magazin Juli 2013]

Januar 23, 2014   2 Comments