Journalistin und Autorin

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Category — Skizzen und Miniaturen

Glosse: Römisch-katholische Männer und orthodoxe Männer im Gottesdienst

Eine nicht ganz ernstgemeinte Betrachtung

Mal ehrlich, wo man in deutschen katholischen Gemeindegottesdiensten noch junge Männer antrifft, sehen sie ausgesprochen aufgeräumt aus. Der perfekte Schwiegermutter-Liebling. Ordentlich gescheitelt, faltenloses Sakko, wenn überhaupt Jeans, dann die ganz dunklen, noch nicht ausgewaschenen, rasiert, natürlich ohne Bartschatten, wenn Gesichtsbehaarung, dann natürlich gepflegter Hippsterbart, gerne auch mit großer schwarzer Brille, schlaksig bis hager. Singen können sie meistenteils auch, liturgisch beschlagen, aber nicht über Gebühr, also ohne rechthaberisch werden zu wollen, wenn gerade mal wieder der Embolismus ausfällt. Vor der Madonnenstatue sieht man sie kaum bis nie ein Lichtlein entzünden, wo ein heiliger Joseph zur Verehrung bereit steht, ignorieren sie ihn herzlich. White-collar-Katholiken, die vermutlich The Cathwalk regelmäßig lesen, dazu noch ein Regal mit Weber-Grill-Kochbüchern instandhalten. Manchmal, sofern sie verheiratet sind und Kinder haben, sehen sie etwas derangierter aus. Ihre Kniebeugen machen sie immer ordentlich. In der Kirchenbank sitzen sie gerade und aufrecht.

Der junge russisch-orthodoxe Mann sieht dagegen aus, als käme er entweder von der Baustelle, aus dem Sparring oder direkt vom Schlachtfeld. Seine Kleidung ist selbstverständlich sauber, aber er hat sie schnell aus dem Regal gezogen, bevor er in die Kirche eilte. Dabei kann ihm auch einmal eine ausgebleichte Jeans, ein nicht ganz einwandfrei gebügeltes Hemd oder eine Trainingsjacke in die Hände fallen – das spielt keine Rolle. Ihre Verbeugungen und Küsse der heiligen Ikonen fallen stets ein wenig trotzig aus, und während der Göttlichen Liturgie stehen sie völlig aufrecht mit hängenden Armen, die Hände fast schon leicht zu Fäusten geballt. Vom Ritual und vom Glauben zur Demut praktisch gezwungen, scheinen sie sich immer dennoch irgendwie innerlich dagegen aufzulehnen -aber weil sie es besser wissen, wer ihr Herr und Meister ist, erweisen sie ihm ihre Ehrerbietung wie ein eigentlich aufständischer, aber von seinem Feudalherren bezähmter Ritter. Die stundenlange Liturgie stehen sie ebenso stoisch wie ergeben durch, wenn sie nicht manchmal doch hinausgehen, um eine Pausenzigarette zu rauchen. Wo der Besucher des Gottesdienstes ins Schwelgen gerät, weil der Gesang so überirdisch ist, mahlen ihre Kiefer in heiligem Ernst. Die Liturgie ist nicht etwas, an dem sie sich erfreuen, sondern Kriegsdienst, den es mannhaft zu absolvieren gilt. Natürlich kosen sie ihre Kinder, so sie welche dabei haben, doch mit genau der liebevollen Strenge schubsen sie sie auch vor zur Ikone und lehren sie, diese angemessen zu verehren. Gesang ist Frauen- und Popensache und wenn sie einer Marienikone ihre Achtung erweisen, sieht es aus, als schulterten sie ein Sturmgewehr.
Okay, ich übertreibe. Aber wir haben es hier mit Christen zu tun, die mitten im Januar zur Feier der Taufe des Herrn in zugefrorene Flüsse springen, in die sie zuvor ein kreuzförmiges Loch gehackt haben. Wer immer diese Leute missioniert hatte – Kyrill und Method wohl -, hat 150prozentige Arbeit geleistet.
Eine Arbeit, die auch nach fast 70 Jahren Sowjetkommunismus nicht ausgelöscht werden konnte.

Mai 28, 2017   No Comments

Einmal Laudato Sì, bitte. Als Kreistanz.

Kürzlich traf ich mich mit einer orthodoxen Freundin.
Sie konnte mir kaum in die Augen schauen. Denn sie war auf einem „katholischen Familienwochenende“ bei der Caritas gewesen.
„Barbara“, sagte sie, reichlich konsterniert, „wir haben Laudato Sì gesungen und eine Polonäse durch die Kapelle dazu getanzt!“
Nun bin ich vom deutschen Katholizismus mittlerweile einiges gewohnt, aber ein getanztes ‚Laudato Sì‘, da weiß ich jetzt auch nicht, wo ich das unterbringen soll. Meine orthodoxe Freundin tat mir leid. Sie wirkte enorm erschüttert. Mit unseren orthodoxen Freunden ist es ja so, dass sie keine Liturgiereform von oben verordnet bekamen, deshalb ist ja auch in deren Gottesdienst alles noch vom Feinsten. Niemand hat ihnen die Hochaltäre rausgerissen, niemand hat ihnen erzählt, das Heilige bräuchte man eigentlich sowieso nicht, Menschsein reiche völlig aus. Die Orthodoxen fasten übrigens noch vor Empfang der Kommunion, und zwar ab Mitternacht. Vor allem aber der Priester.

Besonders verletzt hat sie dabei, ich merke das nur an, weil ja alle immer so auf die Ökumene bedacht sind, war die Bemerkung eines Mitfeiernden, der auf ihre Erklärung zum strikten orthodoxen Fasten vor der Kommunion entgegnete, dass dies ja Ähnlichkeit mit einer Darmspiegelung-Untersuchung aufwiese.

Ich komme jetzt zum springenden Punkt: Genau die Katholiken, die emsig wie die Bienen dabei sind, unsere Kirchen auszuräumen und uns möglichst auf eine weiße Raufasertapete glotzen zu lassen, anstatt auf eine Kerze, eine Blume, oder womöglich sogar das Tabernakel, allesamt diese bekommen glänzende Augen, wenn ich auf die orthodoxen Geschwister zu sprechen komme. „Oh!“ „Ah!“ „Ja!“ – diese Mystik, dieses Geheimnis, so viel Weihrauch! So außerordentlich!
Das ist ungefähr so, als würde ich aus meinem bunt blühenden, duftenden Rosengarten einen Zen-Park bestehend aus weißen Kieselsteinen und Dachwurzen machen und hinterher neidisch auf den prachtvoll blühenden Bauerngarten meines Nachbarn schauen. Ähnlicherweise empfand es auch meine Freundin. Befragt von der Referentin dieses Wochenendes – „Sie haben womöglich den Respekt vermisst?“, antwortete sie höflich, weil sie ein guter Mensch ist -„Nun ja, es war halt eine Andacht, die feiert man halt so, wie man möchte.“
Natürlich war es selbst mir als Katholikin völlig neu, dass man Laudato Sì jetzt sogar tanzen kann, aber ich sagte mir im Stillen: Immer noch besser, als wenn sie „Amoris Laetitia“ getanzt hätten.
Das könnte jetzt meine Schlusspointe sein.
Wenn meine orthodoxe Freundin nicht angemerkt hätte: „Aber es ist doch die heilige Liturgie! Da macht man doch nicht dran rum, das versteht doch jedes kleine Kind! Unsere Rituale feiern den heiligen und lebendigen Gott! Dazu benötigen wir kein Laientheater!“
Ich würde mir wünschen, dass das auch noch mehr Katholiken verstehen. Es ist nämlich ganz einfach: „Es ist doch heilig – da macht man nicht dran rum.“
Sogar Kinder – und vermutlich gerade sie – verstehen das.

Mai 9, 2017   No Comments

Nonostante e‘ pasqua

Jeden Morgen wachen wir auf, aus Träumen, die manchmal so furchtbar sind, dass wir fast zwei Stunden brauchen, um sie abzuschütteln, um zu begreifen, dass sie rein gar nichts mit unserem Leben zu tun haben.
Jeden Morgen lesen wir die Schlagzeilen – und manchmal auch abends noch, hunderte, tausende von Toten – und sitzen da und versuchen, die losen Enden in unseren Händen, die uns mit der Gegenwart, unserer Zeitgenossenschaft, verbinden sollten, miteinander zu verknüpfen. Die nächste Nacht kommt, der nächste schwierige Traum eines Menschen, der ein völlig anderes Leben zu leben scheint, als man selbst – noch grausamer, noch brutaler, und in keinster Weise so kuschelig-sozialpädgogisch-korrekt wie der Tatort von letztem Sonntag.
Und dann gibt es die kohärenten Dinge – welche, die wir kaum bemerken angesichts der Absurdität unserer alltäglichen Existenz:
Ja, der IS hat uns den Krieg erklärt. Aber sämtliche christlichen Kirchen feiern dieses Jahr zur gleichen Zeit, am selben Datum, zu den selben Tagen die Paschamysterien, Leiden, Sterben, Tod und Auferstehung des Herrn. Das Holz des Türpfostens, an den einst die Israeliten das Blut eines frisch geschlachteten Lammes malten, damit der Todesengel des Vorübergangs die Bewohner verschonte, es ist das Holz des Kreuzes geworden, an dem das Blut des unschuldig Gekreuzigten für uns herunterrann. Und so sind wir Einwohner des Kreuzes geworden – nein, nicht viele haben das Glück, darunter stehen zu dürfen und selbstlos zu trauern. Vielmehr sind wir Hintersassen, mitgekreuzigt wie die beiden Schächer, auf die der Blick des Herrn nicht milde niedersinken konnte. Vielleicht konnte er Dismas nicht einmal ins Angesicht blicken, als er ihm, das Paradies versprach, weil die Dornenkrone seinem Blick nicht mehr erlaubte, sich zur Seite zu wenden. Doch die beiden Mitdelinquenten konnten ihn sehen, und einer war es, den sein Anblick zu Mitleid hinriss, das er mit sich selbst nicht mehr haben konnte: Dismas war bewusst, dass er sein Schicksal herausgefordert und erhalten hatte, was ihm zustand. Und dennoch konnt er sich noch über das Unrecht empören, das man einem Leidensgenossen antat. Während Gestas schimpfte und schmähte, versunken in Wut und Selbstmitleid, Hass auf ein in seinen Augen ungerechtes Schicksal, das ihn mit diesem religiösen „Spinner“ verband, sprach Dismas eine schlichte, aber umso ehrfürchtigere Bitte aus: Herr, denk an mich!
Dafür wurde ihm das Paradies versprochen und die Gemeinschaft mit Gott. Und so wie wir nach zweitausend Jahren immer noch den Namen Pontius Pilatus in unserem Glaubensbekenntnis sprechen, so gedenken wir auch an jedem Karfreitag dem gutherzigen Elenden, der das wenige, was er noch besaß, am Kreuze hängend seiner Kleider beraubt, dem Menschen schenken wollte, den er für seinen Herrn hielt. Das war in den letzten Minuten Jesu, dass er auch noch diesem guten Herzen Trost und Heil, bereits in die eigene Agonie versunken, versprechen konnte.

Was Gestas anging – vielleicht hat ihn Dismas einfach nachher Huckepack genommen auf dem Weg ins Paradies mit seinem Heiland. Denn auch Gestas wusste ja nicht, was er tat. Verstrickt in ein Schicksal, das er sich zwar selbst gestaltet hatte, aber in dem er sich stets als Opfer gesehen haben wird, konnte er nicht anders, als wütend über jeden anderen, und besonders über jeden zu sein, der ein gutes Herz besaß – eines, das er vielleicht auch so gerne selbst besessen hätte.

April 13, 2017   No Comments

Eine Beobachtung

Gestern eine Stunde lang einer emsigen Spinne zugesehen, die ein äußerst perfektes Netz zwischen Oliven- und Granatapfelbaum spann. Es war faszinierend. Ich meine, kleine Vögel lernen fliegen mit ihren Eltern, aber wer bringt kleinen Spinnen das exakte und diffizile Weben von kunstreichen Netzen bei? Sie können es einfach – und man kann nicht einmal von „Instinkt“ reden, der ja irgendwie mehr so an Hunde oder Katzen denken lässt. Mein Glaube an den Schöpfergott erhielt einen gewaltigen Schub. Im Gegensatz zur Spinne aber wusste ich, dass ein verheerender Sturm mit Gewitter über Nacht kommen würde. Ich machte mir Sorgen, das Netz, mühsam erstellt, würde sicher zerstört werden. Es wurde zerstört. Die Arbeit ihres Abends trug keine Früchte, sondern wurde in einer Nacht, in wenigen Minuten, zerstört. Ich wusste das durch Zufall, weil es ja Wettervorhersagen bei uns gibt. Die kleine Spinne nicht. Wenn sie es überlebt hat, wird sie heute ein neues Netz gesponnen haben.Und vielleicht glücklich über ein Frühstück morgen sein.
Das ist ein Gleichnis.

Juli 21, 2016   No Comments

Wie ich einmal versäumte, einen Engel anzulächeln

Die Frau ist älter als ich, kleiner und viel zierlicher. Ihr pflegeleichter Kurzhaarschnitt – sie hat feuerrotes Haar, sitzt über ihrem fragilen Antlitz, das noch Überreste einer Kleinmädchenschönheit aufweist, wie ein Helm. Ihre resolute, dabei aber immer fröhliche und kommunikative Auftretensweise zeugt von ihrer bewundernswerten stabilen Seelenlage.
Neben ihr ein ebenso rothaariger junger Mann, vielleicht Zwanzig oder Mitte Zwanzig. Ich schwimme an ihm vorbei. Er lächelt selig. Dass er nicht untergeht, verdankt er dem mit Luft gefüllten Schwimmreif, in dem er sitzt. Ich ziehe die Augenbrauen zusammen, das Lächeln ist mir ein wenig zu offensiv. Gleichzeitig erkenne ich, dass der junge Mann nicht aus Spaß in diesem Reif sitzt – er kann nicht schwimmen. Also scheint es sich um eine Art Behinderung zu handeln. Den äußersten Rand des Außenschwimmbeckens mit Panoramablick ziert ein riesiger Steinengel ohne Kopf. An den Außenseiten seiner Flügel sind Befestigungen wie eine Art Holzrahmen angedeutet. Er ist ganz grau. Weil ihm der Kopf fehlt, kann man nicht wissen, ob der Engel gerade lächelt wie der junge Mann oder zornig drein schaut. Die Flügel sind jedenfalls aufgeschlagen – und zwar für die Ewigkeit.
Etwas später sehe ich die zarte ältliche Frau und ihren jungenhaften Sohn unter der Dusche stehen. Er bewegt sich nicht. Die Arme ausgebreitet wie die Statue draußen am Becken ihre Flügel, lässt er sich abtrocknen. Dabei lächelt er mich an, als ich aus dem Wasser komme. Kein Laut steigt von ihm auf. Er gurrt nicht, summt nicht, er lallt nicht. Das ist eine merkwürdige Behinderung, denke ich. Wie erstarrt zu sein, keinerlei Antrieb zu haben, nichtmal, um sich abzutrocknen. Dabei dieses unbestechliche, unwiderstehliche, seliglich-ewige Lächeln. Er hat kein Down-Syndrom, seine Züge sind regelmäßig und klar konturiert. Menschen, die mit Down-Syndrom leben, gelten als ähnlich liebenswert und freundlich. Wenn nicht irgendetwas ihren Unwillen erregt.
Ich denke mir banale Sätze wie „Arme Frau, wer wird s i e einmal pflegen, wenn sie zu alt ist?“ oder „Ja, lächel nur, sieht ganz nett aus, wie du dich an allem freuen kannst, aber wahrscheinlich kannst du auch ganz schön ausflippen, wenn mal was nicht passt.“
Über diese Gedanken, und weil ich mit mir selbst, meiner Situation, den Schwierigkeiten derzeit und Herausforderungen beschäftigt bin, vergesse ich, zurückzulächeln.
Die letzte Chance erhalte ich beim Abendessen. Er sitzt nur da, vor dem schön gedeckten Tisch im Speiseraum, neben ihm seine Mamma, sieht mich vorbeigehen, und lächelt mich an. Ich bin gerade von irgendwas genervt, obwohl ich es nicht sein bräuchte. Ich schaue, ziehe die Augenbrauen zusammen, und stürme eiligen Schrittes und viel zu beschäftigt, vorbei.
Danach denke ich darüber nach, wieso ich nicht offen genug war, einfach zurück zu lächeln, an den Tisch zu treten und der Mamma und ihm ein paar liebe Worte zu sagen. Nichts Großes – etwas wie „Haben Sie einen schönen Abend miteinander!“ oder „Lassen Sie es sich schmecken!“ oder „Ihr Sohn hat ein bezauberndes Lächeln, er kommt mir vor wie ein Engel auf Erden!“
Den Rest des Abends denke ich über die verpasste Gelegenheit nach und darüber, warum ich nicht entspannt genug war, genau das zu tun, was ich gerne getan hätte.
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wächst die Gewissheit, dass dieser junge Mann wirklich ein Engel ist.
Und Engel wissen fast alles.
Also weiß er auch, dass ich so gern zurückgelächelt hätte und wieso ich einfach nicht konnte.
Aber dennoch, falls euch das einmal passiert – macht nicht den gleichen Fehler wie ich.
Herabgestiegene Engel sind sehr rar auf dieser Welt – behandeln wir sie sorgsam und geben gemeinsam auf sie Acht.

September 24, 2014   No Comments