Journalistin und Autorin

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Category — Allgemein

Totensonntag

„In einer Welt, in der die Toten keine Fürsprache haben und in der die Bedeutung des ewigen Lebens unbekannt ist, sind verstorbene vielgeliebte Verwandte oder gute Freunde in dem Moment, in dem sie ihren letzten Atemzug getan haben, ein erbärmliches Aas, das die Vernunft einem sogleich zu vergessen vorschreibt.
Das Elend der Toten in einem Jahrhundert ohne Glauben ist ein Schmerzensgeheimnis, das auf dem Verstand lastet.“

Léon Bloy (1846-1917)

November 24, 2019   No Comments

„Dolce Cristo in terra“

November 21, 2019   No Comments

17. listopadu (Blätterfallmonat – November) 1989 – Beginn der Samtenen Revolution in Prag

Der 17. November ist für das tschechische Volk ein ähnliches schicksalhaftes Datum wie der 9. November für die Deutschen.
Denn am Beginn der Samtenen Revolution stand eine Demonstration, die an den 17. November 1939 erinnern sollte – genauer gesagt an das Schicksal des tschechischen Medizinstudenten Jan Opletal, der an diesem Tag an einer Demonstration teilnahm und von den deutschen Besatzern kurzerhand erschossen wurde. So gab der Anlass des Gedenkens an eines der mörderischsten Regimes in Europa den Impetus zum Sturz eines weiteren mörderischen Regimes – des Kommunismus in der Tschechoslowakei.
Mein damaliger Freund und ich wollten den Jahreswechsel 1989 wie schon so oft bei der Familie seines tschechischen Freundes, eines erfolgreichen jungen Fußballnationalspielers, in Prag verbringen. Wir hatten die Nachrichten verfolgt und wussten nicht so recht, was uns bei der Einreise, es war Ende Dezember, erwarten würde, hatten mit allem möglichen gerechnet, vor allem, wieder zurückgeschickt zu werden. Doch an der Visastelle angekommen, an der wir brav wie immer unseren Einreiseantrag stellen wollte, herrschte blanke Auflösung. Hinter den Schaltern saßen keine gestrengen Zollbeamten mehr, sondern Menschen, die zunächst mal damit beschäftigt waren, tassenweise Kaffee und gläserweise Cognac zu vernichten und sich in keiner Weise für uns interessierten. Da wir beide gut tschechisch sprachen, verlangten wir nachdrücklich eine Anweisung, was nun zu tun sei für uns. Endlich bekamen wir die Aufmerksamkeit eines Beamten. „Wohin?“ „Nach Prag! Hier unsere Pässe.“ Ungeduldiges Abwinken. „Die brauchen wir nicht. Schaut, dass ihr weiter kommt. Egal wohin!“
Etwas verunsichert fuhren wir also ohne Sichtvermerk und Einreiseerlaubnis weiter Richtung Prag, wo uns unsere Freunde sichtlich entspannt und in Feierlaune empfingen. Pavels Mutter erinnerte uns an die Tage des Prager Frühlings, als sie mit unserem Freund schwanger auf den Wenzelsplatz geeilt war.

Nun aber, Václav Havel sei gerade Präsident geworden, man wolle mit uns und zwei Pullen Bohemia-Sekt auf den Wenzelsplatz, um seine Antrittsrede vom Balkon des Bürgerforums aus zu hören. Wir wussten nicht, wie uns geschah, aber fanden uns dann zusammen mit Zehntausenden von Tschechen auf dem Wenzelsplatz und danach auf dem Altstädter Ring wieder in einer ausgelassen feiernden Menschenmenge. Sie sangen, sie jubelten, sie tranken und sie lachten, sie lagen sich in den Armen.
Aber wir sahen auch die Gedenkorte für die im Verlauf des Generalstreiks und der Demonstrationen erschossenen Studenten. Teils überkniehoch wurden sie von Bergen von Blumen und Kerzen markiert. Die Samtene Revolution war so samten dann doch nicht gewesen – es hatte Opfer gegeben.
Ich darf von mir sagen, ich habe noch Václav Havel mit eigenen Augen gesehen und sprechen gehört. Ein faszinierender Mann, der sich nur vor seinem eigenen Gewissen verantwortet hat und leiten ließ. Denn sein Motto war:
Pravda vítězí – die Wahrheit siegt – veritas vincit.
Von Havel ist mir nicht bekannt, dass er ein bekennender Christ war, aber er hätte einer sein können.
Eines seiner letzten Interviews oder besser einer seiner letzten öffentlichen Auftritte vor seinem Tod bestritt er mit einem ehemaligen Gefängniskollegen – dem heutigen Kardinal Dominik Duka. Ich schrieb darüber vor einigen Jahren für die Tagespost.
Und ich möchte diesen Eintrag schließen mit den sehr persönlichen Worten des Kardinals, denen ich mich, als eine leidenschaftliche Freundin des tschechischen Volkes gerne anschließen möchte:
>>Ich denke nur daran, wie wir in die alten Häuser kamen, auf dem Dorf oder manchmal auch in der Stadt, dann hing dort so ein Schild: „Ohne Gottes Segen ist das Mühen des Menschen umsonst.“ So möchte ich diesen Segen Gottes erbitten für alle Vorsätze, Herausforderungen und Worte, die hier gesagt wurden.
Gott segne alle und das ganze tschechische Land.
Amen.>>

Und auf die andächtige Stille, die jetzt herrscht, kann nur Marta Kubisova mit ihrer Hymne auf den Prager Frühling, die auch ’89 immer wieder Erklang ein Echo geben:

Gebet für Marta
Frieden sei mit diesem Land für alle Zeit.

Mögen Zorn, Neid, Hass, Angst und Zwietracht
nun vergehen und vergessen sein.
Jetzt, da die verlorene Selbstbestimmung
du zurück erlangst, mein Volk, du zurück erlangst!

Dunkle Wolken ziehen sacht vom Himmel ab
und ein jeder setzt nun seine Saat instand.
Dieses mein Gebet, es spreche zu den Herzen,
die die Zeit des Zornes nicht verbrannte
Wie der Frost die Blumen, wie der Frost.
Frieden sei mit diesem Land für alle Zeit!

Mögen Zorn, Neid, Hass, Angst und Zwietracht
nun vergehen und vergessen sein.
Jetzt, da die verlorene Selbstbestimmung
du zurück erlangst, mein Volk, du zurück erlangst!

***********************************************************
Es ist der Tag und die Stunde des tschechischen Volkes, aber als Deutsche sei mir erlaubt anzumerken, dass ich mir all das, was damals wie heute Marta für ihr Land ersingt, erbetet und erwünscht, auch ich mir für Deutschland wünsche.

November 17, 2019   No Comments

Weil es meine Lieblingsstelle ist – Walker Percy: Liebe in Ruinen

Walker Percy: Liebe in Ruinen.
>>Doris [Anm.: die Frau des Ich-Erzählers] lauschte und gab Ratschläge, atemlos. Für sie war die bloße Luft des Pavillons mit Bedeutungen befrachtet. Möglichkeiten schwebten wie Stäubchen im goldenen Licht. Atemlos saß sie da und hörte meistens zu, langgliedrig und entzückend in ihrem grünen Leinen, während Alistair [Anm.: das ist der „heidnische Engländer“ mit dem sie später durchbrennt und der esoterische Vorträge hält] die Sutren zitierte. Englische Dichter, die sie an der Winchester High School auswendig gelernt hatte, klangen so frisch wie die neuen grünen Schößlinge der Kiefern.

Zu sehr erdrücken uns Geschäfte; spät und früh
Nehmend und gebend verschwenden sich unsere Kräfte

sagte Alistair und plätscherte mit seinem Gin Fizz.
„Wie wahr!“, hauchte Doris.
„Heiligkeit ist Heilheit“, sagte Alistair und hielt in seiner hohlen Hand einen Haubensänger, der sich am Fenstergitter selbst außer Gefecht gesetzt hatte.
„Das ist so wahr!“, sagte Doris.
[…]
„Ich bewundere die katholische Messe ganz außerordentlich“, sagte Alistair dann.
„Schön.“
„Ich akzeptiere die Gültigkeit aller Religionen.“
„Ich nicht.“
„Schade.“
„Ja.“
„Hören Sie mal, Tom.“
„Ja?“
„Wir könnten einander ganz unschätzbare Dienste erweisen, wissen Sie.“
„Wieso?“
„Sie könnten unserer Arbeit über Geistes-Kraft helfen, mit Ihrer wissenschaftlichen Sachkenntnis in Psychiatrie. Wir befinden uns im Kampf gegen den Materialismus auf derselben Seite. Zusammen könnten wir dazu beitragen, die Gesetze des Materialismus zu durchbrechen, die die Zwangsjacke der modernen Wissenschaft sind.“
„Ich glaube an solche Gesetze.“
„Wir könnten uns dem Objektivitätskult entgegenstellen, den die Wissenschaft hervorbringt.“
„Ich bin für solche Objektivität.“
„Ich empfinde unendliche Bewunderung für Ihre Kirche.“
„Ich wollte, ich könnte das gleiche über Ihre sagen.“
„Wissen Sie, Origenes, einer der größten Ärzte Ihrer Kirche, war einer von uns. Er hat an Reinkarnation geglaubt, wissen Sie.“
„Soweit ich mich erinnere, haben wir ihm einen Tritt in den Hintern gegeben.“
„Ja. Und der arme Kerl war so schuldbeladen, dass er sich selbst das Glied abgeschnitten hat.“
„Das könnte ich Ihnen auch besorgen.“<<

November 10, 2019   No Comments

Vatican-Magazin Ausgabe November 2019

Mit dem dringend nötigen Titelthema „Das Heil kommt von den Juden. Und nicht aus dem Regenwald“.

Einen Einblick in das aktuelle Heft gibt es hier. Das starke Editorial von Guido Horst ist kostenlos einsehbar, wie einige andere ausgewählte Beiträge auch.
In meiner Rubrik „Geistliche Paare“ habe ich Claude de la Colombière und Margareta Maria Alacoque vorgestellt.

November 7, 2019   No Comments

Es ist die letzte Heilige Messe in vertrauter Umgebung

für mein liebes altes Mädchen aus der ersten Bank. Wie immer kurven sie und ihre Betreuerin kurz nach dem Verstummen der Glocken ein. Wie immer freue ich mich, die alte Dame und ihre so aufmerksame Begleitung zu sehen, die auch während der Zelebration immer wieder einen Blick zu ihr übrig hat – ob sie alles hat, ob sie gut sitzt, ob sie ein Taschentuch braucht, ihre Brille oder ihre Handtasche, um das Opfergeld herauszusuchen.

Ich hatte kürzlich schon eine kleine Skizze darüber geschrieben.

Doch was ich noch nicht ahne, es soll das letzte Mal sein. Vor oder nach dem Schlusssegen, habe ich vergessen, kündigt der Pfarrer an, dass diese treue und tapfere Christgläubige nun also in die Nachbargemeinde überwechseln wird, sie kommt ins dortige Altersheim, und verabschiedet sie mit würdigen Worten.
Es dauert ein paar Sekunden bis ich das realisiert habe. Ich weiß auch nicht warum mich das so mitnimmt, ich glaube, es hat ein bisschen etwas damit zu tun, dass sie mich an meine verstorbene Mutter erinnert.
„Auf Wiedersehen!“ sagt unser Pfarrer, und diese zauberhafte alte Dame, die sich kaum noch artikulieren kann, erwidert den Gruß halblaut, eben so laut wie sie noch kann. Es ist völlig klar, nach dem Marienlied werde ich zu ihr vor an die erste Bank gehen, aber leider bin ich über diese Nachricht so traurig, dass ich ihr wohl nicht viel Mut machen kann. So stehe ich da, greife ihre Rechte mit beiden Händen und stammle ein „Alles Gute“ heraus, dabei hätte ich so viel lieber gelächelt und ihr aufmunternd zugenickt.
Vielleicht, kommt mir der Gedanke, ist das einfach nur Egoismus, deine eigene Trauer.
Vielleicht, kommt mir ein anderer Gedanke, möchtest du sie einfach nicht weiter strapazieren, denn ich schaue in ihre alten, tränenerfüllten Augen.
Von der ganzen anwesenden Gemeinde habe ich außer dem Pfarrer nur noch drei Leute gesehen, die sich von ihr verabschieden wollten. Ohne damit jemandem unrecht tun zu wollen, denn vielleicht habe ich nicht richtig beobachtet oder vielleicht gab es schon andernorts eine Verabschiedung.
Das kann ich nicht wissen.
Ich werde sie nie vergessen und bei jeder Messe an sie denken. Möge der Herr einmal sie in seine liebenden Arme schließen.

November 3, 2019   No Comments

Frei im Herzen – mein Essay über den russischen Religionsphilosophen Nikolai Berdjajew

Oktober 30, 2019   No Comments

Weltkriegsveteranen

Ich habe die große Gnade erhalten, nicht nur mit einem WK II Veteranen bekannt und verwandt sein zu dürfen, der die Operation Merkur überlebt hat und die Entscheidungschlacht in der Normandie – über diese niemals ein Wort, darüber hat er nie erzählt, es muss verheerend gewesen sein, dazu noch unter Rommel in Nordafrika war, sondern auch mit einem über Neunzigjährigen bekannt zu sein, der sich einmal bei mir entschuldigte, weil er erwähnen wollte, dass er vor Petersburg und auf der Krim lag.
Es gibt hier nichts zu entschuldigen. Ihr wart nicht an diesem Scheißkrieg schuld.
Da haben sich andere in das ewige Buch der Vergeltung eingetragen. Ich höre gerne zu, denn bald werden die verstummen und aussterben, die noch etwas persönliches und mitunter Gutes zu sagen haben.

Es ist im Gegenteil wunderschön zu hören, wie ihr von der Krim schwärmt und wie schön es dort war. Ihr hattet das Glück, nicht in Stalingrad eingekesselt zu sein.
Und das schreibe ich als jemand, der die Belagerung von Leningrad als reine Schuld und Schmach empfand und die Übertragung von Schostakowitschs 7. Sinfonie am 9. August als eine heroische und universelle menschliche Errungenschaft empfand. Und Deutschland dafür gehasst hat. Obwohl mein Onkel zur gleichen Zeit vor der Stadt lag.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten …“

Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch.

Oktober 28, 2019   No Comments

#Pachamama

Im Grunde wäre es das jetzt gewesen mit der römisch-katholischen Kirche für mich.
Wenn man gnädig sein wollte, könnte man auch sagen, das Gottes auserwähltes Volk damals in die Irre ging mit seinem goldenen Kalb – sie blieben trotzdem die Auserwählten Gottes und der Herr hat seine Geduld mit ihnen wundersamerweise nicht verloren.
Sollten wir nicht genauso langmütig sein?
Oder ist das Maß nun langsam voll?
Unterm Strich muss man leider sagen, dass dies von ganz ganz oben ausgeht.
Und ich hatte dies Jahr ein gemütliches Gespräch mit einem orthodoxen Würdenträger, der mir bescheinigte, dass es mit der RKK schon seit eintausend Jahren bergab gehe, während die russisch-orthodoxe Kirche aus fast 70 Jahren der Verfolgung wie ein neugeborenes Baby rosig ist und lacht.
Ich verstehe nicht, was mit der katholischen Kirche geschehen ist.
Aber ich verstehe, dass es mit diesen Führungspersönlichkeiten gewiss nicht grad so weitergehen kann, als sei nie etwas geschehen.
Die Pachamama, so man sie überhaupt ins Spiel hätte bringen müssen, wäre anlässlich der Familiensynode besser aufgehoben gewesen. Eine schwangere Frau mit deutlich sichtbarem gut ausgebildeten Embryo = Baby im Bauch.
Komisch, da war das damals weit und breit nicht zu sehen. Es ging ja auch um wiederverheiratet Geschiedene, Lesben, Schwule und Transgender.
Und nicht um das Leben, das nur in einer Verbindung zwischen Mann und Frau weitergegeben werden kann.
Und genau das ist das absolut (gar nicht) Verwunderliche daran.

Oktober 28, 2019   No Comments

Buchvorstellung Sally Reads „Annunciation. A Call to Faith in a Broken World“

Sally Read ist den Leserinnen und Lesern des „Vatican-Magazins“ bereits vertraut, seit ich anlässlich der Neuerscheinung ihrer Konversionsgeschichte „Night’s Bright Darkness“ im renommierten Verlag Ignatius Press, leider nur in englischer Fassung vorliegend, vor zwei Jahren ein Porträt von ihr mit Zitaten aus ihrem Buch verfasst hatte. Der Zugang zu ihrer Person und Persönlichkeit fiel mir leicht, da ich selbst Konvertitin bin und genau wie Sally auch als Expat – sie als britische, ich als deutsche Staatsbürgerin – in Mittelitalien lebe.
Nicht nur in meiner Eigenschaft als studierte Literaturwissenschaftlerin war ich fasziniert von ihrem hochpoetischen, dennoch leicht lesbaren, Erzählstil, die Fülle der Bilder, die sie mit Worten zu malen wusste – darunter auch, wenn sie von ihren Patienten erzählte, dramatische und verstörende. Kein Wunder, denn Read ist eine preisgekrönte, leidenschaftliche Dichterin und in ihrem ersten Buch finden sich bemerkenswerte Gedanken in Bezug auf Kunst und Schöpfung aus ihrer Zeit als Atheistin: „Künstler seien die wahren Schöpfer und Erlöser, die sich und ihren Themen Schönheit, Bedeutung, Unsterblichkeit schenkten; ich war abgöttisch mit der Poesie, indem ich sie als Weg der Erlösung, als Rettung vor der Trümmerhalde der Sterblichkeit sah. Der Glaube an Gott müsse dieselbe Motivation haben, dachte ich, nur dass es eben keinen Gott gab, sondern die Menschen Tod und Vergänglichkeit nicht hinnehmen konnten. Natürlich habe ich damals noch nicht erkannt, dass hinter mir, der Mutter und Schriftstellerin, da dieser höchsten Schöpfer und Dichter stand, und ich nur versuchte, Ihn zu imitieren.“ Später wird sie einmal sagen können: „Gott ist der Dichter aller Dinge“.
Die Geschichte ihrer Konversion ist außerordentlich und lesenswert. Doch an dieser Stelle wollen wir auf ihr neuestes Buch eingehen, das zweifelsfrei beweist, dass diese Geschichte eben noch nicht zu Ende geschrieben worden ist. Wir reden jetzt von „Annunciation. A Call to Faith in a Broken World.“ Sally hat es für ihre Tochter geschrieben die vor ihrer Erstkommunion stand und ernsthafte Glaubenszweifel äußerte – darum auch die ungewöhnliche Anrede für den Leser in der Du-Form. Eben einen „Aufruf zum Glauben in einer gefallenen Welt“. Sie teilt mit ihr Erinnerungen und knüpft an die gemeinsamen Erlebnisse in England und Sardinien, den Ländern, in denen sie mit ihrem Töchterchen Celia Flo die jeweiligen Großeltern besucht, Reflektionen zum christlichen Glauben. In England etwa besuchen sie gemeinsam eine sehr alte Kirche, die jedoch nach der Spaltung anglikanisch wurde. Man hat dort „mit chirurgischer Präzision“ alle Bilder und Statuen entfernt. Hinter dem Altar stehen jetzt lediglich noch die Zehn Gebote an die Wand geschrieben. Die Abwesenheit des Tabernakels mit dem Allerheiligsten darin empfindet Read überdeutlich, als sie versucht, für die verstorbenen Äbtissinnen in den Jahrhunderten vor der Spaltung zu beten: „We would kneel at the long wooden altar rail close to where nuns five hundred years before would have knelt each morning and we would pray for them. But there is no tabernacle. I would feel as if I were praying on the tundra. There is a terrible, chilly absence, an eternal Holy Saturday.“ Das Zitat findet sich im ersten Kapitel ihres Buches, das mit dem Vers aus Lukas 1, 28 übertitelt ist: „Und der Engel trat bei ihr ein“ – „And he came to her“.
Die vier weiteren Kapitel reflektieren und meditieren ebenfalls aus die Verkündigung aus dem Lukasevangelium – „Do not be afraid“, „Behold I am the handmaid of the Lord“, „Let it be to me according to your word“ und als Schlusskapitel folglich „And the angel departed from her“. Zu jedem dieser Verse gehört ein kleines Kapitel mit Reflektionen, Metaphern, Gedanken und geistlicher Ermutigung zu den Themen Glaube, Wer bin ich?, Von Ihm gerufen, warum wir glauben, das „Fiat“ jeder Mutter, mit teils sehr persönlichen Eingeständnissen und Aussagen, die dem Leser zeigen: Sally Read ist keine abgehobene Frömmlerin, sondern sie hat für sich selbst schon sehr viele, durchaus verstörende Situationen durchleben müssen, die ihr trotzdem, oder dennoch, oder außerdem die Kraft gegeben haben, zum Glaube zu kommen, am Glauben festzuhalten.
Dabei bewegt sie sich mit ihren wunderbar poetisch-literarischen Reflektionen und Einsichten auf stabilem Grund, wenn sie immer wieder, aber mit äußerst sparsamen Fußnoten, Referenzen und Bezüge setzt auf Ratzinger, Von Balthasar oder auch Juliana von Norwich und Caterina von Siena.
Und immer wieder fällt auf, dass sie – bewusst oder unbewusst – aus einer sehr weiblichen Perspektive schreibt, die sie offenbar umarmt, annimmt und in ihre Reflektionen über den Glauben erfrischend selbstverständlich einbaut. Dennoch ist „Annunciation“ eher kein Mutter-Tochter-Buch geworden, obwohl der Impuls ursprünglich daraus entstand, zweifelnden kleinen Tochter, die vor der Erstkommunion stand, einen langen Brief zu schreiben.
Dem Buch und uns allen ist es zu wünschen, dass es einen deutschen Verlag findet. In der Zwischenzeit sei allen deutschsprachigen Katholiken, die einigermaßen gut die englische Sprache lesen und verstehen können, das englische Original ans Herz gelegt.

Sally Read: Annunciation. A Call to Faith in a Broken World.
Ignatius Press, San Francisco 2019
ISBN 978-1-62164-302-9

Foto by Dino Ignani

Oktober 7, 2019   No Comments