Journalistin und Autorin

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Pluralism vs Absolute Truth – Unterweisung von Abt Tryphon, Vashon Island

>>As our society has become more pluralistic, it has been easy for some to fall into the error of believing that it does not matter what you believe, as long as you are sincere. Just as we have seen the progressive moral bankruptcy of our society, we have also witnessed the wholesale sellout of traditional Christianity by much of America’s religious community. The partial adherence of many of America’s denominations to the traditional gospel call to repentance, forgiveness and redemption through Christ has given way to a new kind of „salvation“.
These „churches“ are now more concerned with social idealism than seeing souls saved through entering into a relationship with Jesus Christ. They have ignored our Lord’s own words „My kingdom is not of this world“ (Joh 18,36) They have shown forth for all to see that their loss of faith has led to a replacement of the Good News of salvation in Christ with a mandate to build a Utopian society where social justice and peace reign forever. They have forgotten that Christ said we would never attain this outside of His Kingdom, „which is to come“.
What do we as Orthodox Christians do to counteract this insidious loss of traditional, otherworldly Christianity? Surely the answer ist not less fasting, less prayer and less penance. We must rekindle our zeal for Christ. We must give ourselves over to the joy that is ours in living a life in Him.
It is not in the things of the world that we will ultimately find happiness, but in living a life rooted in Jesus Christ.
We have been given a great and holy gift.
[…]
We have in our possession a great pearl. Let it be the inheritance we leave our children and the treasure we share with our neighbors.<< Aus dem Buch "The Morning Offering" von Abt Tryphon, welches aus seinem gleichnamigen Blog entstand, das er weiterführt.

Abt Tryphon beschreibt hier zwar us-amerikanische Zustände, diese lassen sich aber Eins zu Eins auf Deutschland übertragen, wenn man auf die Veröffentlichungen der DBK im Verlauf der letzten Jahrzehnte blickt.

Oktober 18, 2019   No Comments

Buchvorstellung Sally Reads „Annunciation. A Call to Faith in a Broken World“

Sally Read ist den Leserinnen und Lesern des „Vatican-Magazins“ bereits vertraut, seit ich anlässlich der Neuerscheinung ihrer Konversionsgeschichte „Night’s Bright Darkness“ im renommierten Verlag Ignatius Press, leider nur in englischer Fassung vorliegend, vor zwei Jahren ein Porträt von ihr mit Zitaten aus ihrem Buch verfasst hatte. Der Zugang zu ihrer Person und Persönlichkeit fiel mir leicht, da ich selbst Konvertitin bin und genau wie Sally auch als Expat – sie als britische, ich als deutsche Staatsbürgerin – in Mittelitalien lebe.
Nicht nur in meiner Eigenschaft als studierte Literaturwissenschaftlerin war ich fasziniert von ihrem hochpoetischen, dennoch leicht lesbaren, Erzählstil, die Fülle der Bilder, die sie mit Worten zu malen wusste – darunter auch, wenn sie von ihren Patienten erzählte, dramatische und verstörende. Kein Wunder, denn Read ist eine preisgekrönte, leidenschaftliche Dichterin und in ihrem ersten Buch finden sich bemerkenswerte Gedanken in Bezug auf Kunst und Schöpfung aus ihrer Zeit als Atheistin: „Künstler seien die wahren Schöpfer und Erlöser, die sich und ihren Themen Schönheit, Bedeutung, Unsterblichkeit schenkten; ich war abgöttisch mit der Poesie, indem ich sie als Weg der Erlösung, als Rettung vor der Trümmerhalde der Sterblichkeit sah. Der Glaube an Gott müsse dieselbe Motivation haben, dachte ich, nur dass es eben keinen Gott gab, sondern die Menschen Tod und Vergänglichkeit nicht hinnehmen konnten. Natürlich habe ich damals noch nicht erkannt, dass hinter mir, der Mutter und Schriftstellerin, da dieser höchsten Schöpfer und Dichter stand, und ich nur versuchte, Ihn zu imitieren.“ Später wird sie einmal sagen können: „Gott ist der Dichter aller Dinge“.
Die Geschichte ihrer Konversion ist außerordentlich und lesenswert. Doch an dieser Stelle wollen wir auf ihr neuestes Buch eingehen, das zweifelsfrei beweist, dass diese Geschichte eben noch nicht zu Ende geschrieben worden ist. Wir reden jetzt von „Annunciation. A Call to Faith in a Broken World.“ Sally hat es für ihre Tochter geschrieben die vor ihrer Erstkommunion stand und ernsthafte Glaubenszweifel äußerte – darum auch die ungewöhnliche Anrede für den Leser in der Du-Form. Eben einen „Aufruf zum Glauben in einer gefallenen Welt“. Sie teilt mit ihr Erinnerungen und knüpft an die gemeinsamen Erlebnisse in England und Sardinien, den Ländern, in denen sie mit ihrem Töchterchen Celia Flo die jeweiligen Großeltern besucht, Reflektionen zum christlichen Glauben. In England etwa besuchen sie gemeinsam eine sehr alte Kirche, die jedoch nach der Spaltung anglikanisch wurde. Man hat dort „mit chirurgischer Präzision“ alle Bilder und Statuen entfernt. Hinter dem Altar stehen jetzt lediglich noch die Zehn Gebote an die Wand geschrieben. Die Abwesenheit des Tabernakels mit dem Allerheiligsten darin empfindet Read überdeutlich, als sie versucht, für die verstorbenen Äbtissinnen in den Jahrhunderten vor der Spaltung zu beten: „We would kneel at the long wooden altar rail close to where nuns five hundred years before would have knelt each morning and we would pray for them. But there is no tabernacle. I would feel as if I were praying on the tundra. There is a terrible, chilly absence, an eternal Holy Saturday.“ Das Zitat findet sich im ersten Kapitel ihres Buches, das mit dem Vers aus Lukas 1, 28 übertitelt ist: „Und der Engel trat bei ihr ein“ – „And he came to her“.
Die vier weiteren Kapitel reflektieren und meditieren ebenfalls aus die Verkündigung aus dem Lukasevangelium – „Do not be afraid“, „Behold I am the handmaid of the Lord“, „Let it be to me according to your word“ und als Schlusskapitel folglich „And the angel departed from her“. Zu jedem dieser Verse gehört ein kleines Kapitel mit Reflektionen, Metaphern, Gedanken und geistlicher Ermutigung zu den Themen Glaube, Wer bin ich?, Von Ihm gerufen, warum wir glauben, das „Fiat“ jeder Mutter, mit teils sehr persönlichen Eingeständnissen und Aussagen, die dem Leser zeigen: Sally Read ist keine abgehobene Frömmlerin, sondern sie hat für sich selbst schon sehr viele, durchaus verstörende Situationen durchleben müssen, die ihr trotzdem, oder dennoch, oder außerdem die Kraft gegeben haben, zum Glaube zu kommen, am Glauben festzuhalten.
Dabei bewegt sie sich mit ihren wunderbar poetisch-literarischen Reflektionen und Einsichten auf stabilem Grund, wenn sie immer wieder, aber mit äußerst sparsamen Fußnoten, Referenzen und Bezüge setzt auf Ratzinger, Von Balthasar oder auch Juliana von Norwich und Caterina von Siena.
Und immer wieder fällt auf, dass sie – bewusst oder unbewusst – aus einer sehr weiblichen Perspektive schreibt, die sie offenbar umarmt, annimmt und in ihre Reflektionen über den Glauben erfrischend selbstverständlich einbaut. Dennoch ist „Annunciation“ eher kein Mutter-Tochter-Buch geworden, obwohl der Impuls ursprünglich daraus entstand, zweifelnden kleinen Tochter, die vor der Erstkommunion stand, einen langen Brief zu schreiben.
Dem Buch und uns allen ist es zu wünschen, dass es einen deutschen Verlag findet. In der Zwischenzeit sei allen deutschsprachigen Katholiken, die einigermaßen gut die englische Sprache lesen und verstehen können, das englische Original ans Herz gelegt.

Sally Read: Annunciation. A Call to Faith in a Broken World.
Ignatius Press, San Francisco 2019
ISBN 978-1-62164-302-9

Foto by Dino Ignani

Oktober 7, 2019   No Comments

Heute in der Post: Sally Reads „Annunciation. A Call To Faith in a Broken World“

Besprechung folgt.

August 16, 2019   No Comments

Rachmaninow: Vigil

Sergei Rachmaninow ist im Westen insbesondere durch seine genialisch komponierten Konzerte für Klavier ebenso wie als Klaviervirtuose bekannt.
Er war orthodoxer Christ und hat auch inspiriert von den kirchlichen Gesängen ein „Großes Abend- und Morgenlob“ komponiert. Die Gebetszeiten der Orthodoxen sind etwas kompakter als im Westen und alles, was man dazu wissen muss, erläutert Metropolit Hilarion – der zweite Mann in der ROK nach Patriarch Kirill und selbst Kirchenmusiker – in der interessanten Einführung zu Rachmaninows Werk mit deutschen Untertiteln.

August 10, 2019   No Comments

Guido Horst: Zurück zum Proprium – Editorial Vatican-Magazin Ausgabe August_September 2019

Zur Amazonassynode:

„Natürlich ist es gut, wenn von der Bischofsversammlung ein mahnendes Wort an die Politiker und die Verantwortlichen komment, der Naturzerstörung im Amazonas Einhalt zu gebieten und die Rechte der Indios zu gewährleisten. Das Kerngeschäft der Kirche ist aber nicht die Politik, sondern: gute Seelsorge und missionarisches Wirken. Warum aber auch hier der Versuch, die gesunde, moderne Theologie der Kirche, wie sie in den Texten des Zweiten Vatikanums zu finden ist [keine Anmerkung – BW] vom Sockel zu stoßen und die Kirche stattdesseen auf dem zeitgeistbedingten Fundament eines grünen Funktionalismus neu zu gründen?
(…)
Auch der kirchenferne Mensche sehnt sich nach Antworten auf die letzten Fragen. Die Kirche kann sie ihm geben. Nicht eine Sexualmoral, nicht ein Zölibatsgesetz und nicht die Männerweihe haben die Qualität einer „Totenbettfrage“, also jenes existenzielle Gewicht, das den Menschen angesichts seiner Endlich- und Erlösungsbedürftigkeit im Inneren fragen lässt, worauf er denn wirklich seine Hoffnung setzten kann.“

August 4, 2019   No Comments

Sally Read: Annunciation. A Call to Faith in a Broken World

Sally Read ist eine Konvertitin zum katholischen Glauben, die in der Nähe von Rom mit ihrem italienischen Ehemann lebt.

Für das Vatican-Magazin Ausgabe Oktober 2017 hatte ich sie porträtiert und über ihr Buch „Night’s Bright Darkness“ geschrieben, in dem sie ihre lange Reise zum katholischen Glauben beschreibt.

Sie ist eine exzellente Autorin und preisgekrönte Dichterin und ich freue mich sehr, dass nun beim renommierten Verlag Ignatius Press ihr jüngstes Buch erschienen ist:

Read Annunciation

>>Sally Read converted from atheism to Catholicism when her daughter, Flo, was only four years old, but it did not take long for the child to become aware that many friends and relatives did not share her mother’s newfound faith. This consciousness of „two worlds“ led to a great many doubts in Flo, and some rebellion. Two nights before her First Communion she suddenly questioned whether she should receive the Eucharist.

Sensing the precarious nature of faith in an overwhelmingly secular world, Read began writing down the compelling reasons for holding on to both God and Church. Taking the Annunciation as her template, she explored common experiences of the spiritual life as she meditated on each part of the story recorded in the Gospel of Luke.

Drawing on Scripture, the saints, and the lives of people she has known personally or professionally as a nurse, Read shows how God is with us always—even in suffering, spiritual dryness, and depression. Although inspired by a mother’s loving response to a daughter, this book will speak to any believer engaged in the bliss and the bewilderment of a relationship with God.<<

August 3, 2019   No Comments

Caritas Christi urget nos

Sonntag vormittag, ich bin in Deutschland. Zur heiligen Messe gehen ist mir leider manchmal eher Routine und Pflicht hierzulande. Während ich Kaffee trinke, mich anziehe und vorbereite, denke ich, dass ich doch einmal wieder eine orthodoxe Liturgie besuchen sollte.
Vielleicht sollte ich das wirklich einmal wieder tun, aber gerade heute hat mir der Herr ziemlich deutlich gewiesen, dass alles ganz und gar gut so ist, wie es ist.

Ich sitze ziemlich weit vorne und die erste Bank bleibt leer. Das macht mich unruhig, denn normalerweise sitzen dort die Gebrechlichen und Alten, die nicht mehr aufstehen und nach vorne gehen können zur heiligen Kommunion. Unser deutscher Pfarrer teilt stets zuerst an sie aus. Heute fehlt mir ganz besonders eine weißhaarige, wunderschön zarte Frau, die mich an meine verstorbene Mutter erinnert und vielleicht nicht mehr gut beieinander ist, aber der heiligen Messe stets aufmerksam wie ein Luchs folgt. Begleitet wird sie meist von einer leicht rundlichen polnischen Betreuerin, der man ansieht, dass sie froh ist, eine Deutsche betreuen zu dürfen, die genausoviel Wert auf den sonntäglichen Messbesuch legt wie sie selbst.

Da, in der Sakristei hat es schon geläutet und die Gemeinde ist aufgestanden, kurven die beiden Frauen ein. Ich bin erleichtert. Wie immer klettert das greise Mädchen aus dem Rollstuhl in die Bank, ihre Betreuerin parkt sorgfältig den Rollstuhl, betet kurz in der Bank und schaut dann nach, ob noch etwas fehlt. Diesmal ist es ein Päckchen Papiertaschentücher, das sie unaufgefordert bereitlegt, um sich dann ganz wieder dem Geschehen hinterm Altar zu widmen.

Wir haben einen jungen Kaplan zu Gast, der gerade in Rom studiert und uns bereits am Fest Mariä Heimsuchung mit seiner geisterfüllten Predigt erfreut hat. Das ist die erste Überraschung dieses Herrentages. Ich erkenne ihn wieder und freue mich schon beim Gloria auf seine Predigt. Doch zunächst möchte er die Gemeinde mit Weihwasser segnen – im novus ordo (oder wie sagt man mittlerweile kirchenpolitisch korrekt dazu) leider nicht mehr immer selbstverständlich. Meine protestantische Mamma hat das besonders geliebt, wenn ich sie manchmal zur Alten Messe mitnahm.

Der junge Kaplan kommt zu seiner frei gehaltenen Predigt über die Stelle im Evangelium, in der Jesus die Jünger lehrt: „So sollt ihr beten“ – nachdem sie ihn dazu angefragt haben. Er predigt leidenschaftlich und voller Freude. Wir erfahren ganz neue Blickwinkel auf diese altbekannte Stelle und das Vaterunser. Das weißhaarige Mädchen weiter vorne klatscht vor Freude die Hände zusammen, als er geendet hat. Auf diesem jungen Priester liegt Segen, sie hat es gespürt. Mit besonderer Hingabe singen wir das Vaterunser heute und geben uns den Friedensgruß.
Zur Austeilung des Allerheiligsten erhebt sich diese wunderschöne alte Dame mit aller Mühe – wie immer. Normalerweise erhält sie und andere Gebrechliche, die in der ersten Bank sitzen, auch vor der gesamten Gemeinde die Kommunion. Unser junger Kaplan kann das aber nicht wissen und es ist auch nicht sein Fehler, dass ihm das nicht gesagt wurde, in keiner Weise. Und so steht mein tapferes greises Mädchen während der gesamten Austeilung an die Gemeinde weiter, in der Hoffnung, dass sie auch noch den Leib des Herrn empfangen darf.

Doch als der Kaplan das Allerheiligste im Tabernakel wegschließt, ist ihre Hoffnung dahin.
„Hallo?“ sagt sie, obwohl sie sich kaum richtig artikulieren kann und auch keine laute Stimme mehr hat. Dann sinkt sie resigniert zurück auf die Bank. Noch bevor ich erfassen kann, was sich eigentlich gerade abspielt, erhebt sich ein hochgewachsener breitschultriger Mann aus den vorderen Bänken. Er sieht ein bisschen aus wie ein gut gealterter Daniel Craig und kurz denke ich, will der jetzt Krawall machen?
Doch der Hüne schreitet vor den Altar und macht eine Kniebeuge. Dann erklärt er dem jungen Kaplan in zwei Sätzen die Sachlage und deutet auf die erste Bank zu meiner Seniorin. Der Kaplan erkennt die Sachlage blitzschnell, die Situation war und bleibt völlig entspannt. Das Tabernakel wird wieder aufgeschlossen. Die polnische Betreuerin, die viel zu schüchtern war, um sich vor der Gemeinde zu äußern, stupst die ihr Anvertraute an: Schau, er kommt noch einmal, er kommt noch einmal wieder, extra für dich! meinte ich zu hören.
Er kommt noch einmal wieder. Extra für dich.
Das hat sie wahrscheinlich nicht gesagt, aber ich habe es trotzdem gehört.
Natürlich war die alte Dame glücklich. Vielleicht war aber mein junger Kaplan noch viel glücklicher, der das Tabernakel mit dem Allerheiligsten ohne eine Miene zu verziehen wieder aufschloss und dann loseilte, zur ersten Bank, mit einem wunderschönen Lächeln und dem Leib Christi in der Hand, den er der alten Dame, die sich wieder emporgemüht hatte, auf die Zunge legte und ihr danach noch segnend über die Wange strich. Und die Polin strahlte über fünf Kirchenbänke hinweg herzlich dankend und nickend den rettenden Helfer an, der jetzt den Kopf gesenkt hielt bis nach dem Schlusssegen.
Die Liebe Christi zu uns manifestiert sich selbstverständlich in jeder heiligen Messe.
Aber manchmal hilft Er ein bisschen nach, damit wir das auch wirklich erfassen und erfahren können.

Juli 28, 2019   3 Comments

Herzlich erschrocken

Neulich auf der Sondermülldeponie stand vor mir ein mit Totenköpfen bemalter VW Bus der Marke: Wir kiffen für den Globus, machen was wir wollen und Didgeridoo und krasse Musik. Ich lief daran vorbei, weil ich eine alte Klobrille in den Container werfen wollte und erschrak heftig, denn ein Abbild von Papa Francisco winkte in Lebensgröße aus dem linken Seitenfenster des Hippie Busses.
Keine Pointe soweit.

Juni 9, 2019   No Comments

Kulturnation Italien feiert 200 Jahre Gedicht „L’Infinito“ von Giacomo Leopardi

Während im neobarbarischen Ex-Land der Dichter und Denker auf Druck einer Generation, die jedwedes Gespür für Poetik und jeden Sinn für alle Schönheit dieser Welt mittels ihres vernagelten ideologischen Denkens verloren hat in protofaschistischer Manier Gedichte an Hausfassaden überstrichen werden, feiert Italien in diesem Jahr ein Poem, das so bedeutend insbesondere auch für die europäische Literatur war, dass es sogar von Rainer Maria Rilke und Anna Achmatova ins Deutsche respektive Russische übertragen wurde.

Wir reden von L’Infinito – Die Unendlichkeit. Giacomo Leopardi hat dieses lyrische Stück in vierzehn Versen ohne Reime – was an sich eine Revolution darstellte – auf einem Hügel mit Blick auf die Weite des Adriatischen Meeres in seinem Geburtsort Recanati bei Loreto, südlich des Monte Conero, der oben in der Bildleiste zu bewundern ist, ersonnen.

Und so wurde vor zwei Tagen, auch in Form eines modernen „flashmobs“, dieses lyrische Stück auf der Piazza in Recanati gemeinschaftlich rezitiert und gefeiert. Nebenzu aber auch in ganz Italien in den Schulen mit Begeisterung wiedergelesen und gebührend gewürdigt, von Ministern wie von Schülern, Studenten, Dozenten und Lehrern.
Diese Tatsache erscheint mir einer Meldung wert.

Untenstehend das italienische Original, die Übertragung von Rilke und die russische Version von Achmatova als Bilddatei, weil mir das Abtippen mit der kyrillischen Tastatur zu mühselig war.

Sempre caro mi fu quest’ermo colle,
E questa siepe, che da tanta parte
Dell’ultimo orizzonte il guardo esclude.
Ma sedendo e mirando, interminati
Spazi di là da quella, e sovrumani
Silenzi, e profondissima quïete
Io nel pensier mi fingo, ove per poco
Il cor non si spaura. E come il vento
Odo stormir tra queste piante, io quello
Infinito silenzio a questa voce
Vo comparando: e mi sovvien l’eterno,
E le morte stagioni, e la presente
E viva, e il suon di lei. Così tra questa
Immensità s’annega il pensier mio:
E il naufragar m’è dolce in questo mare.

Rainer Maria Rilke:

Immer lieb war mir dieser einsame
Hügel und das Gehölz, das fast ringsum
ausschließt vom fernen Aufruhn der Himmel
den Blick. Sitzend und schauend bild ich unendliche
Räume jenseits mir ein und mehr als
menschliches Schweigen und Ruhe vom Grunde der Ruh.
Und über ein Kleines geht mein Herz ganz ohne
Furcht damit um. Und wenn in dem Buschwerk
aufrauscht der Wind, so überkommt es mich, dass ich
dieses Lautsein vergleiche mit jener endlosen Stillheit.
Und mir fällt das Ewige ein
und daneben die alten Jahreszeiten und diese
daseiende Zeit, die lebendige, tönende. Also
sinkt der Gedanke mir weg ins Übermaß. Unter-
gehen in diesem Meer ist inniger Schiffbruch.

Anna Achmatova: Besskonetschnost‘

Mai 30, 2019   1 Comment

No pasaran! oder Die Diktatur der Maschinen

Ein guter Freund von mir spricht schon seit ein paar Jahren mit „Siri“, dieser Sprachanwendung seines geliebten iPhones. Vor einem Jahr war ich zu Gast bei einem alten Bekannten, bemerkte, dass er eine „Alexa“Säule neben dem Tisch stehen hatte, an dem wir uns unbeschwert unterhielten und auch politische Diskussionen führten. Ich bestand darauf, dass er den Stöpsel bei seiner „Alexa“ zieht – vermutlich war es aber schon zu spät.
Nebenzu bemerkt gehöre ich auch zu den Menschen, die ihre Webcam am Notebook verkleben, auch wenn das ein wenig paranoid klingen mag.
Ich proklamiere schon seit etlichen Jahren, dass ich _nicht_ mit Maschinen spreche und auch nicht vorhabe, das jemals zu tun. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass man nicht mit Maschinen sprechen sollte. Dafür gibt es eigentlich keinen rationalen Grund. Aber: Menschen sollen nicht mit Maschinen sprechen. Ausrufezeichen.

Vor einiger Zeit erwarb ich eine „moderne“ vollautomatische Kaffeemaschine einer deutschen Marke. Das Angebot war günstig, die Maschine gebraucht und generalüberholt. Sie begrüßt mich jeden Morgen mit der Anzeige „Herzlich Willkommen!“ und Datum und Uhrzeit. Das ist hinnehmbar, wenngleich auch schon leicht übergriffig. Ich möchte schließlich einfach nur einen Kaffee aufgebrüht bekommen und keine weiteren Informationen egal in welcher Hinsicht. Wenn ihr Satzbehälter voll ist oder sie der Meinung ist, er wäre voll, was sie häufig ist, da sich natürlich der Kaffeesatz genau an der Stelle ihrer Messplatine stapelt, das Schiff aber ansonsten leer ist, befiehlt sie mir: „Satzbehälter leeren“. Ich ziehe das Ding raus, schüttele den wenigen Satz nach weiter hinten, wo noch leer ist und schiebe es dann wieder ein. So habe ich es bei meiner alten Saeco auch gemacht. Nur, dass die alte Saeco mir hinterher nicht die Frage via Display stellte: „Satzbehälter geleert?“ und ich eingeben musste: „Ja“ oder „Nein“. Im Ende läuft es darauf hinaus, dass ich meine neue Kaffeemaschine – natürlich deutscher Provinienz – regelmäßig belüge, indem ich antworte, dass ich geleert hätte, aber in Wirklichkeit habe ich den Mist nur nach hinten geschüttelt, damit ihre Messplatine nicht mehr anschlägt.
Ich bin ein hochsensibler Mensch. Natürlich ist das dann die Ursache dafür, mich regelmäßig schlecht zu fühlen: „Ich habe meine Kaffeemaschine angelogen“. Ein unerfreulicher Zustand für mein Seelenleben.
Gestern erwarb ich einen dieser neuen Drucker, die ans Internet angeschlossen sind. Im Grunde benötigte ich einfach nur eine neue Patrone für meinen uralten All in One Drucker. Aber die Patrone für den alten hätte mehr gekostet als der neue Drucker, der auch noch zwei Patronen im Karton mit dabei hatte.
„Consumismo“, merkte mein italienischer Fachhändler lakonisch dazu an, als ich diesen Zustand beklagte. Die Italiener können ja aus jedem Scheißzustand eine Ein-Wort-Beschreibung mit wunderschön vielen Vokalen bilden.
Heute habe ich ihn installiert. Ich rede jetzt mal gar nicht davon, dass ich die Postleitzahl seines Standortes angeben sollte und sich das Teil auch noch via Internet automatisch mit meinem Router verbinden konnte, ohne dass ich dessen Passwort manuell eingeben musste etcpepe.
Jetzt druckte er als erstes mal eine Kalibrierungsseite, die ich einscannen sollte. OK.
Dann kam die Message via Minibildschirm, ich müsse diese Seite nun wieder entfernen und entweder wiederverwenden oder recyceln. So mein neuer Domina-Drucker. Ich werde ihn Greta nennen.
Und die Kalibrierungsseite klimaschädlich anzünden und verbrennen.

Mai 25, 2019   No Comments