Journalistin und Autorin

Random header image... Refresh for more!

Die Weiße Rose – Christoph Probst – ein Flugblattentwurf

“Stalingrad! 200 000 deutsche Brüder wurden geopfert für das Prestige eines militärischen Hochstaplers. Die menschlichen Kapitulationsbedingungen der Russen wurden den geopferten Soldaten verheimlicht. General Paulus erhielt für diesen Massenmord das Eichenlaub. Hohe Offiziere haben sich im Flugzeug aus der Schlacht von Stalingrad gerettet. Hitler verbot den Eingekesselten, sich zu den rückwärtigen Truppen zurückzuziehen. Nun klagt das Blut von 200 000 dem Tod geweihten Soldaten den Mörder Hitler an. … Und wollt Ihr euch genauso belügen lassen wie die 200 000 Mann, die Stalingrad auf verlorenem Posten verteidigten? Dass Ihr massakriert, sterilisiert oder Eurer Kinder beraubt werdet? … Heute ist ganz Deutschland eingekesselt wie es Stalingrad war. Sollen den Sendboten des Hasses und des Vernichtungswillen alle Deutschen geopfert werden? Ihn, der die Juden zu Tode martert, die Hälfte der Polen ausrottete, Russland vernichten wollte, ihm, der Euch Freiheit, Frieden, Familienglück, Hoffnung und Frohsinn nahm und dafür Inflationsgeld gab. Das soll, das darf nicht sein! Hitler und sein Regime muss fallen, damit Deutschland weiterlebt!”

Für diesen Flugblattentwurf – es war das siebte – wurde Christoph Probst, der sich noch im Gefängnis katholisch taufen ließ, am 22. Februar 1943 von den Henkern des Nazi-Regimes hingerichtet. Probst war Mitglied der Weißen Rose und junger Vater von drei Kindern.

Februar 20, 2017   No Comments

Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey

>>Madre Maria lehnte mit dem Rücken an einem Pfosten; die Kranken lagen in Reihen da, starrten zur Decke empor und versuchten, den Atem anzuhalten. Sie sprach an diesem Abend von all den Vielen draußen im Dunkel (sie dachte an [den toten] Esteban in seiner Einsamkeit, an [die tote] Pepita in ihrer Einsamkeit, die niemand hatten, an den sie sich wenden konnten; von den Vielen, für die die Welt vielleicht mehr als schwer war, für die sie sinnlos zu sein schien. Und diese hier, die in ihren Betten lagen, fühlten, dass sie von einer Mauer beschützt waren, welche die Äbtissin für sie gebaut hatte; hier innen war alles Licht und Wärme, und draußen war die Finsternis, die sie nicht einmal für Befreiung von ihren Schmerzen und vom Sterben eingetauscht hätten. Doch noch während sie sprach, gingen der Äbtissin andere Gedanken durch den Sinn. “Schon jetzt”, so dachte sie, “erinnert sich fast niemand mehr Estebans und Pepitas, als nur ich. Camila allein gedenkt ihres Onkels Pio und ihres Sohnes; diese Frau ihrer Mutter. Bald aber werden wir alle sterben, und alles Angedenken jener fünf wird dann von der Erde geschwunden sein. Und wir selbst werden für eine kleine Weile geliebt und dann vergessen werden.
Doch die Liebe wird genug gewesen sein; alle diese Regungen von Liebe kehren zurück zu der einen, die sie entstehen ließ. Nicht einmal eines Erinnerns bedarf die Liebe.
Da ist ein Land der Lebenden und ein Land der Toten, und die Brücke zwischen ihnen ist die Liebe – das einzige Bleibende, der einzige Sinn.”<<

Februar 6, 2017   No Comments

Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht – Selige Angela da Foligno: Mystikerin und magistra theologorum

Überstrahlt vom Glanz des nur zwanzig Kilometer entfernten Assisi liegt das Städtchen Foligno brettflach an den Ufern des Flüsschens Topino, flankiert von üppig mit Olivenbäumen bewachsenen Hügeln. Einst von den Umbrern begründet, haben es die Römer 295 v. Chr. im Zuge der Schlacht von Sentinum erobert. Das antike Fulginium wurde zur Zeit des Römischen Reiches eine wichtige Station auf der Via Flaminia. Für die Christenheit hat der Ort schon früh große Bedeutung erlangt: der heilige Felitian, Bischof und Missionar der ganzen Region, erlitt dort im Jahre 249 das Martyrium – zuerst wurde er gefoltert, hernach von Pferden zu Tode geschleift. Um seine Grabstätte – die heutige Dom-Krypta – baute man im Mittelalter eine Befestigung und nannte den Ort Castrum Santi Felitiani.
Dass Foligno in der zweiten Hälfe des 13. Jahrhunderts als weiterer Brennpunkt franziskanischer Spiritualität in Umbrien Ruhm erlangte, ist der Seligen Angela zu verdanken.
Rund zwanzig Jahre nach dem Tode des poverello wurde Angela hier als Tochter wohlhabender Eltern geboren. Nur wenig weiß man von ihrem Leben vor ihrer Bekehrung. Dass sie ihren Vater früh verloren hat, sie bereits als junges Mädchen verheiratet wurde, sie ihre Kinder sehr geliebt haben muss. Rückschlüsse auf ihre damalige Lebensweise lässt eine Äußerung zu, die aus ihren Schriften überliefert ist: „Ihr sollt wissen, dass ich mich mein Leben lang bemüht habe herauszufinden, wie ich am besten verehrt und bewundert werden konnte.“ Vielleicht liegt darin die paradoxe Ursache, dass aus dieser eitlen und selbstverliebten Frau, die immer nur von anderen umschwärmt und angebetet werden wollte, eine solch glühende Mystikerin wurde, deren visionäre Erfahrungen, die durch harte Askese noch befördert wurden, sie an die Grenze dessen führten, was ein menschlicher Verstand, eine menschliche Seele an Gotteserfahrung noch ertragen kann – und manches Mal sogar darüber hinaus.
Doch zunächst wurden all ihre Versuche, ihr Leben zu ändern und sich zu bekehren, vereitelt. Nicht, dass sie nicht entschlossen genug gewesen wäre, allein, sie hatte eine Sünde begangen, die ihr so peinlich war, dass sie sich vor Scham und Selbstverachtung außerstande sah, sie einem Priester zu beichten. Angela tat das einzig Richtige, was man auch heute noch, sollte man sich diesem Problem ausgesetzt sehen, tun kann: Sie erflehte geistlichen Beistand vom Hl. Franziskus von Assisi und vertraute sich der vollständigen Barmherzigkeit Gottes an. Kurz darauf erschien ihr Franziskus im Traume und kündigte an, dass sie tags darauf einen guten Beichtvater finden werde, dem sie sich vollständig anvertrauen könne. So geschah es. Fra Arnaldo, ein Franziskanerpater und Verwandter Angelas, war von nun an ihr geistlicher Begleiter, was ihn anfänglich zu überfordern schien.
Einmal saß Angela unaufhörlich kreischend und laut schreiend vor dem Portal der Kirche des Hl. Franz in Assisi – ihre Schreie waren so durchdringend, dass schnell eine große Zahl von Franziskanerpatres zusammenlief, um zu sehen, was wohl Entsetzliches vor sich gehen möge. Fra Arnaldo kam ebenfalls dazu. In seinen Aufzeichnungen gibt er freimütig zu, dass er sich vor seinen Mitbrüdern maßlos schämte. Jeder wusste, dass diese Verrückte mit ihm verwandt war, ja mehr noch, dass er ihr Beichtvater war. Mit entwaffnender Ehrlichkeit schreibt er weiter, dass sein Erstaunen und sein Stolz zu groß waren, um zu Angela zu gehen und sie zu beruhigen, weshalb er peinlich berührt in einigem Abstand darauf wartete, dass die Schreierei endlich aufhören möge. Als dies endlich der Fall war, stand Angela auf, um ihrerseits zu Arnaldo gehen. Doch der konnte seine Wut kaum verbergen. Er verbot ihr, jemals wieder nach Assisi zu kommen und schärfte dies auch ausdrücklich ihren Begleitern ein. Als er sie ein paar Tage danach in Foligno besuchte und zur Rede stellte, erfährt er zum ersten Mal von ihren mystischen Erlebnissen und erkennt, dass sie vor dem Kirchportal nicht etwa vom Bösen besessen gewesen war, sondern eine Gotteserfahrung durchlebt hatte. Dies ist der Moment, in dem er beschließt, ihre Visionen und Erfahrungen zum Nutzen und Wohle der ganzen Kirche aufzuzeichnen.
Als innerhalb kurzer Zeit ihre Mutter, ihr Mann und ihre Kinder sterben, sieht sie das als Erhörung ihrer Gebete und Zeichen Gottes, dass sie sich nun ganz dem geistlichen Leben widmen solle. Im Jahre 1291 tritt sie in den Dritten Orden der Franziskaner ein.
Tatsächlich erlebte die Kirche insbesondere in den Jahren 1200 bis 1350 eine neue Hochblüte christlicher Mystik, doch Angelas Visionen und Gotteserfahrungen besitzen eine eigene, geradezu schockierende Qualität.
Über das Kreuz findet sie Zugang zur Passion Christi, die sie am eigenen Leib erleiden möchte. In Ekstase wirft sie sogar ihre Kleider vor dem Kruzifix ab, in ihrer inneren Schau steigt sie hinauf, sie legt ihre Lippen in die Seitenwunde und trinkt das göttliche Blut. Ihr Ausruf „Ich habe mir Dein Kreuz zu meinem Bett gemacht!“ ist nicht metaphorisch zu verstehen, sondern beschreibt eine konkrete Erfahrung ihrer Seele: In mystischer Verzückung liegt sie neben dem Gekreuzigten und erfährt die liebevolle Umarmung mit seiner durchgebohrten Hand. Ihre mystische Reise wird sie jedoch noch weit über das Kreuz hinausführen, über die Passion Christi und seinen Sühnetod zur Erfahrung Gottes, des allmächtigen Schöpfers, hin zur Verschmelzung mit der Heiligen Dreifaltigkeit und mit der gesamten sichtbaren und unsichtbaren Schöpfung: „In dieser Offenbarung Gottes begreife ich und besitze ich jegliche Wahrheit, die da ist im Himmel und in der Hölle und in der ganzen Welt und in jeglichem Ding, und jegliche Freude, die im Himmel ist und in jeglicher Kreatur.“

Derweil unterzieht sie sich strenger Bußpraktiken bis hin zur extremen Selbstabtötung. Nicht nur das Trinken des Badewassers von Leprakranken gehörte dazu – fast schon usus ordinarius bei Asketen dieser Zeit -, auch das Brennen mit glühender Kohle an „drei bestimmten Stellen des Körpers“, um unreine Empfindungen abzutöten gehört dazu, bis Fra Arnaldo es ihr entsetzt verbietet. Immer weiter treibt sie ihre Selbsthingabe, bis zur völligen Auslöschung ihres Willens und in die vollständige Auflösung in die Wahrheit und All-Gegenwart Gottes. Sie erkennt „seine Weise, in jeder Kreatur gegenwärtig zu sein, in allem, was Dasein besitzt, im bösen Geist, im guten Engel, in der Hölle, im Paradies“ und ruft in tiefer Verzückung aus: „Die Welt geht schwanger von Gott!“

Trotz der Wucht ihrer mystischen Erfahrungen, den dazugehörigen Phasen vollständiger Gottesverdunkelung, in denen sie auch körperlich erkrankt, schafft sie es, eine lebendige Gemeinschaft von Schülern und geistigen Kindern um sich aufzubauen. Sie nennt es „Cenacolo“, Abendmahlssaal, eine Vereinigung von Männern und Frauen, Geistlichen wie Laien, die ihr religiöse Leben unter der Leitung von Angela vervollkommnen wollten und sich gleichzeitig auch der Pflege von Kranken, der Speisung von Bedürftigen und der Sorge um die Waisen widmeten.
Angela stirbt nach einer monatelangen Krankheit am 4. Januar 1309. Auf ihrem Sterbebett mahnt sie noch einmal ihre Freunde und geistigen Kinder: „Suchet klein und wahrhaftig, demütig und sanft zu sein.“ Der Kirche hinterlässt sie die beiden Schriften Memoriale – das bereit 1298 fertiggestellt war und in der franziskanischen Gemeinschaft kursierte – sowie die Instructiones.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Innozenz XII. spricht sie im Jahre 1693 selig. Insbesondere Franz von Sales, Alfons Maria von Liquori und Papst Benedikt XIV. sollen von ihren Schriften beeinflusst worden sein, die Selige Angela bekommt später den Ehrentitel „magistra theologorum“ verliehen – Lehrmeisterin der Gottesgelehrten.
Am 20. Juni 1993 besuchte Papst Johannes Paul II. die Kirche San Francesco in Foligno, wo ihr gläserner Schrein zur Verehrung aufgestellt ist. Zu diesem Anlass hatte er eigenhändig ein besonderes Gebet verfasst, welches von der innigen Zuneigung zeugt, die der damalige Pontifex für die kleine Selige aus Foligno empfunden haben muss. Zuletzt würdigte sie Benedikt XVI. in seiner Katechesenreihe über heilige Frauen am 13. Oktober 2010.
Keiner könne Entschuldigungen vorgeben, da jeder Gott lieben kann, zitierte Benedikt XVI. die Selige Angela. Auf ihrem geistlichen Weg habe sich der Übergang von der Umkehr zur mystischen Erfahrung, das heißt zum Sagen dessen, was unsagbar ist, durch den Gekreuzigten vollzogen. Der Kern ihrer Lehre sei, sich mit Christus zu identifizieren, sich in ihn hineinzubegeben und sich in der Liebe und in den Leiden Christi verwandeln zu lassen.

Betrachtet man das Leben Angelas, ihre geistliche Wirkung durch die Zeit, die umgekehrt proportional zu ihrer allgemeinen Bekanntheit steht, dann erhält auch das Wort Jesu, das er einmal an sie gerichtet haben soll – „Ich habe dich nicht zum Scherz geliebt!“ – eine tiefere, eine vollkommenere Bedeutung.

Selige Angela von Foligno!
Große Wunder hat der Herr in dir vollbracht.
Mit dankbarer Seele schauen wir heute
und beten das geheime Mysterium der göttlichen Barmherzigkeit an,
die dich auf den Weg des Kreuzes geführt hat
und dich erhöhte zu Heldengröße und Heiligkeit.
Erhellt durch den Gehalt des Wortes,
geläutert vom Sakrament der Buße,
bist du zum leuchtenden Beispiel geworden
für die Tugenden des Evangeliums
eine weise Lehrerin der christlichen Erkenntnis
und sichere Führerin auf dem Weg zur Vollkommenheit.
Du weißt um die Traurigkeit der Sünde,
doch ebenso hast du die vollkommene Seligkeit der Vergebung Gottes erfahren.
Mit freundlichen Worten hat Christus
sich an dich gewandt,
er nannte dich „Tochter des Friedens“
und „Tochter der göttlichen Weisheit“.
Selige Angela, auf deine Fürsprache vertrauend
bitten wir um deine Hilfe
denn ehrlich und ausdauernd sei die Bekehrung desjenigen,
der auf deinen Pfaden wandelnd die Sünde verlässt
und sein Herz der göttlichen Gnade öffnet.
Gib, dass die jungen Menschen deine Nähe spüren,
führe sie hin zur Entdeckung ihrer Berufung
damit ihr Leben sich der Freude und der Liebe öffnen möge.
Unterstütze auch diejenigen, die müde, ohne Vertrauen und nur mit Mühe
ihren Weg gehen, beschwert von körperlichen und seelischen Schmerzen.
Sei ein leuchtendes Vorbild der Weiblichkeit im Sinne des Evangeliums
für jede Frau: für die Jungfrauen und Bräute, die Mütter und Witwen.
Das Licht Christi, das deinen schwierigen Lebensweg erhellt hat
erstrahle auch auf ihrem täglichen Weg.
Bitte zuletzt auch um Frieden für uns alle und für die ganze Welt.
Selige Angela, bitte für uns!

Gebet des heiligen Johannes Paul II. bei seinem Besuch in Foligno

[Artikel zuerst erschienen in Vatican-Magazin November 2011]

Januar 4, 2017   No Comments

Zum Tag der heiligen Odile – der “Mutter des Elsass”

Es gibt zahlreiche spektakuläre Aussichtspunkte in den elsässischen Nordvogesen, doch der berühmteste unter ihnen ist zugleich ein heiliger Berg und eine Pilgerstätte: Der Odilienberg, 764 Metern über dem Meeresspiegel, bietet atemberaubende Ausblicke über die Landschaft der Rheinebene nach Osten zwischen Kehl und Lahr bis in die Hänge des Schwarzwalds, wie nach Westen über die Kämme der Vogesen bis weit ins Land hinein. Schon in frühester Vorzeit diente das Buntsandsteinmassiv mit seinem Hochplateau als Zufluchtsort. Eine 10 Kilometer lange Wallmauer umgibt seine Hänge, die so genannte Heidenmauer, von der man annahm, dass sie prähistorischen Ursprungs sei. Neueste Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass sie aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammen könne. Die Römer unterhielten dort eine Höhenfestung, die sie Altitona nannten. Heute befinden sich auf seinem Gipfel nicht nur der uralte Merowingerfriedhof, sondern auch eine großzügige und modernisierte Anlage, die auf den Resten des ehemaligen Klosters der heiligen Odilie, der Schutzpatronin des Elsass, errichtet wurde. Hier werden noch immer ihre Reliquien verehrt. Dieser Ort hat viele Pilger magnetisch angezogen, unter ihnen auch Johann Wolfgang von Goethe, der darüber in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt: „Einer mit hundert, ja tausend Gläubigen auf den Ottilienberg begangenen Wallfahrt denke ich noch immer gern. Hier, wo das Grundgemäuer eines römischen Kastells noch übrig, sollte sich in Ruinen und Steinritzen eine schöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Kapelle, wo sich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmutige. Das Bild, das ich mir von ihr machte und ihr Name prägte sich tief ein.“

Odilia oder Ottilie kam um das Jahr 660 als erstes Kind des fränkischen Herzogs Adalric (auch Attich, Etich) zur Welt. Adalric gehört zu den Stammvätern der Capetinger, sein Name taucht ebenso in den Ahnentafeln vieler bedeutender Herrscherhäuser wie der Salier, Staufer, Zähringer und Habsburger auf. Man geht davon aus, dass Odilia in dem Schloss ihres Vaters zur Welt kam, das dieser auf den römischen Ruinen von Altitona errichtet hatte. In einer Mischung aus Wut, Scham und Schuldgefühl befahl Adalric, dass sein erstgeborenes Kind, enttäuschenderweise eine Tochter und noch dazu blind geboren, in der Wildnis ausgesetzt werden solle. Der Herzog handelte gemäß einem heidnischen Brauch, da er insgeheim befürchtete, dass das behinderte Kind die göttliche Strafe für eine von ihm begangene schändliche Tat sei. Doch Persinda, seine Gemahlin, versuchte verzweifelt, das sichere Todesurteil für ihr Kind abzuwenden. Sie sandte deshalb einen Boten an ihre ehemalige Amme, die in einiger Entfernung lebte und die sich freudig dazu bereit erklärte, die Pflege und Erziehung des Mädchens zu übernehmen. Odilie wuchs, unter der Obhut ihrer Amme, in einem „Palma“ genannten Kloster auf, welches heute als Baume-les-Dames in der Nähe von Besançon identifiziert wird.
Das Christentum steht in dieser Zeit in Mitteleuropa in voller Blüte, auch wenn Adalrics Anwandlungen noch tief im heidnischen Gedankengut zu wurzeln scheinen. Denn die irischen Wandermönche und Missionare, die auf dem Weg nach Süden, nach Rom und Jerusalem durch das europäische Festland zogen, konnten das einfache Volk mit ihrem missionarischen Eifer, ihren glühenden Predigten und ihrer überzeugenden Lebensweise für das Evangelium entfachen. Vom heiligen Columban – nicht zu verwechseln mit dem Heiligen gleichen Namens, der in Schottland missionierte, ist bekannt, dass um das Jahr 592, also knapp 60 Jahre vor der Geburt Odilias, durch die Vogesen zog und unter anderem das bedeutsame Benediktinerkloster in Luxueil gründete. Die Leuchtspur des heiligen Columbans von Luxueil und seiner Gefährten zog sich durch ganz Süddeutschland, die Donauregion und den Bodensee, bis hinunter nach Norditalien. Selbst bis zu den slawischen Siedlungen im Osten drangen sie vor und prägten mit ihrer glühenden Hingabe das ganze siebte Jahrhundert in Mitteleuropa. Die Evangelisierung war mobil, meist zu Fuß durchzogen heilige Männer die Landen.
Und so tat es auch ein Bischof aus den bayrischen Landen, Erhard von Regensburg. Dieser Bischof Erhard empfing eines Tages eine göttliche Weisung: Er solle nach Palma gehen und dort ein blindes Mädchen auf den Namen Odilia taufen. Sie soll im Alter von 12 Jahren gewesen sein, als der Regensburger Bischof sie im wörtlichen Sinne aus der Taufe hob, denn zu dieser Zeit bestand der Ritus noch darin, dass man die Täuflinge in das Wasser eines geweihten Brunnens eintauchte. Schließlich salbte der Bischof die blinden Augen seines Taufkindes mit Chrisam. Und da geschah das Wunder: Odilia öffneten sich die Augen – sie erblickte zum ersten Mal seit ihrer Geburt das Licht. Nein, nicht das Licht der Welt, wie man Geburt noch gerne umschreibt: Es handelte sich insbesondere um eine geistliche Neu-Geburt in Christo. Durch das göttliche Wunder der Heilung ihrer Sinne, der jahrelang verschlossen gewesenen Augen, ereignete sich auch eine grundlegende Lebenswende für Odilia. Sie lernte Lesen und Schreiben und man ließ ihr die allerbeste Ausbildung angedeihen, denn sie war, wenn auch verstoßen, die Tochter eines Herzogs. Die Jahre zogen ins Land und es geschah, dass einer ihrer Brüder von ihrem Schicksal erfuhr und den Vater mit der Schwester wieder versöhnen wollte. Doch Adalric wollte, verstockt wie er war, nichts davon wissen und drohte seinem Sohn sogar. So ließ jener ohne Wissen des Vaters nach der Schwester schicken, um sie nach Hause auf die Hohenburg zu holen, wo er nicht nur sein Schloss erbaut, sondern mittlerweile auch ein Kloster gegründet hatte. Adalric muss ein sehr jähzorniger Mensch sein, denn als er Odilia und ihr Gefolge anreisen sah, verlor er dermaßen die Beherrschung gegenüber seinem Sohn, der sich nur das Beste für ihn und Odilia gewünscht hatte, dass er mit einem Stock auf ihn losging und in maßloser Wut erschlug. Es war die letzte Grausamkeit, die er in seinem Leben begehen sollte, den Rest seiner Tage verbrachte er voller Trauer und Reue in dem von ihm gegründeten Kloster, nicht ohne sich vorher mit Odilia herzlich versöhnt zu haben. Sie, die bis kurz vor seinem Tod als einfache Magd in seinem Kloster gelebt hatte, wurde von ihm in einem Moment der Barmherzigkeit, als er ihr zufällig begegnete, wie sie Mehl austrug, um für die Armen Brot zu backen, mit allen Würden und Rechten als Vorsteherin des Klosters eingesetzt. Nun hatte sie die verantwortungsvolle Aufgabe, für 130 Schwestern zu sorgen. Doch sie ließ auch Neubauten errichten: Eine Kirche, die dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht werden sollte, der ihr Schutzpatron war, seit sie während ihrer Taufe das Augenlicht wiedererlangt hatte, und ein Tochterkloster am Fuße des Berges, in dem besonders Alte und Kranke betreut werden sollten, die den steilen Aufstieg zum Mutterkloster nicht bewältigen konnten. Alle diese großartigen Unternehmungen erlebte Adalric nicht mehr – er starb kurze Zeit, nachdem er sie als Äbtissin eingesetzt hatte.
Als treue Tochter ehrte sie ihren Vater, der doch einst ihren Tod erwünscht hatte und fastete und betete nach seinem Hinscheiden tage- und nächtelang hartnäckig für seine Erlösung und um göttliche Barmherzigkeit. Ihre Trauer war unermesslich, denn sie musste davon ausgehen, dass Adalrics Seele aufgrund seiner schlimmen Taten am Orte der Verdammnis weilte. Aufgrund ihres großes Glaubens und ihrer Hingabe wurde Odilia erhört. Eines Nachts öffnete sich der Himmel und ein strahlender Glanz brach über sie herein. Die Vita berichtet, dass sie folgende Worte vernahm: „Odilia, die du Gott teuer bist, bezähme doch deine quälende Schwermut! Denn du hast von Gott für die Sünden deines Vaters Vergebung erlangt. Siehe auch, aus der Unterwelt befreit, wird er von Engeln geleitet, um sich dem Chor der Patriarchen zu gesellen!“ Sie aber pries Gottes Güte und sagte Dank dafür, dass er sich ihrer unwürdigen Gebete angenommen habe.
Heute markiert die so genannte Tränenkapelle den Ort, an dem das inständige und anhaltende Gebet der Heiligen stattgefunden hat: den ehemaligen Klosterfriedhof mit dem Grab ihres Vaters.

Zu den Umständen ihres eigenen Todes an einem 13. Dezember, das genaue Jahr ist unbekannt, soll jedoch nach 723 liegen, wird berichtet, dass Odilia, entgegen sämtlicher Gepflogenheiten der Zeit ihre Mitschwestern von ihrem Sterbelager wegschickte, damit sie die Psalmen sängen. Der Jammer der Frauen war groß, als sie bei ihrer Rückkehr die geliebte Äbtissin tot vorfanden, insbesondere auch deshalb, weil sie ohne den Empfang des Viatikums, der letzten heiligen Kommunion hinübergegangen sei. So sehr flehten, weinten und beteten sie, dass Odilias Lebensodem zurückkehrte. Sie setzte sich auf und beklagte sich bei den trauernden Frauen, denn sie habe im Jenseits die heilige Jungfrau Lucia getroffen und eine solche Freude genossen, die kein lebender Mensch ermessen könne. Doch die frommen Schwestern ließen sich durch solche Vorwürfe nicht beirren: Man könne ihnen schließlich Unachtsamkeit und Pflichtvergessenheit vorwerfen, wenn sie Odilia ohne einen letzten Empfang des Leib des Herrn sterben ließen! Daraufhin ließ die Äbtissin sich die heilige Kommunion bringen, empfing sie und hauchte ihre Seele im Kreise der Schwestern aus. Um ihre Grablege soll sich noch tagelang ein himmlischer Wohlgeruch ausgebreitet haben.

Das Kloster auf dem Sandsteinmassiv trotzte sämtlichen Zeitläuften. Nach einer Hochblüte unter Äbtissin Herrad von Landsberg, die im 12. Jahrhundert den „Hortus Delicarum“ das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammenfasste, wurde es während des Dreißigjährigen Krieges mehrmals geplündert. Danach übernahmen Prämonstratensermönche die Fürsorge für Odilias Grab und die zahlreichen Pilger, die vor allem um Heilung von Augenkrankheiten baten. Was der Bauernkrieg nicht geschafft hatte, gelang den Jakobinern der Französischen Revolution – die völlige Vertreibung der Ordensleute und die Vernichtung einer bislang beliebten Wallfahrt. Doch nicht für lange. Keine 60 Jahre später wurde das profanisierte Kloster zurückgekauft und dem Bischof von Straßburg unterstellt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts pulsiert das geistliche Leben auf dem Berg wieder, ist das Kloster nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, sondern auch einer der beliebtesten Wallfahrtsorte in Frankreich, der im Jahr 1988 als prominentesten Pilger der Neuzeit Papst Johannes-Paul II. empfangen durfte.

Über dem Eingangstor des ehemaligen Klosters ist die in Stein gemeißelte Inschrift zu lesen: „Hier blühte einst die heilige Äbtissin Odilia, hier waltet sie immerfort als Mutter des Elsass“.
Im Herzen des ehemaligen Klosters, das von drei Ordensschwestern vom Heiligen Kreuz und einem Kaplan betreut wird, glüht die Liebesflamme der Ewigen Anbetung: Seit 1931 kommen Gruppen von Gläubigen aus allen Pfarreien und Dekanaten, um vor dem Allerheiligsten tagsüber und in der Nacht zu beten – eine Woche lang, bis sie von der nächsten Gruppe abgelöst werden. Draußen blickt die überlebensgroße Statue der heiligen Odilia mit dem Äbtissinnenstab auf einem Balustradenturm weit in die oberrheinische Tiefebene und hält ihre segnende Hand über die Landschaft und ihre Bewohner. Es ist ein gewaltiges Zeichen, sichtbar für alle, für den gläubigen wie den nichtglaubenden Besucher dieser besonderen heiligen Stätte.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Januar 2014]

Dezember 13, 2016   No Comments

Basilika des heiligen Benedikt in Trümmern

Heute morgen gegen 7.40 Uhr brachte ein neuerlicher schwerer Erdstoß der Stärke 6,5 (Angaben variieren bis hin zu 7,1) die Basilika mit den Fundamenten des Geburtshauses des heiligen Benedikt von Nursia (das ist Norcia) zum Einsturz.
Wir erinnern uns an die schwersten Beben der letzten Jahrzehnte. Um die Jahrtausendwende traf es zunächst Assisi und besonders seine Oberkirche. In der herabstürzenden Trümmern kam ein Priester um. Im Jahre 2009 wurde L’Aquila fast völlig vernichtet. L’Aquila, das ist der Ort, der vor dem verheerenden Erdbeben berühmt war als Grablege des heiligen Papstes Coelestin V. (der übrigens von seinem Amt zurücktrat) und für dessen großen Ablass aus dem Jahre 1294, den man “la perdonanza” nennt und der denjenigen gewährt wird, die am 28./29. August unter den üblichen Bedingungen durch die Pforte der Basilika Santa Maria di Collemaggio eintreten. Die Signifikanz wird langsam spürbar, nicht? Und nun also Norcia, der Geburtsort des “Vaters von Europa” ….
Aus aktuellem, wenn auch traurigem, Anlass, hier mein Artikel über Norcia und die Benediktinermönche dort, im Originallayout, die ich vor einigen Jahren besucht, Interviews gemacht hatte, sowohl für das Vatican-Magazin als auch für Die Tagespost.

Oktober 30, 2016   No Comments

Zum Tag der heiligen Hildegard von Bingen


Es hat fast 800 Jahre gedauert und einen deutschen Papst gebraucht, bis die heilige Hildegard von Bingen in einem Ausnahmeverfahren, das sich “gleichwertige Kanonisierung” nennt, nun offiziell „heilig“ ist und somit nun von der gesamten Weltkirche verehrt wird. Benedikt XVI. hat mit seinem Beschluss vom 10. Mai 2012, dass die Verehrung der Heiligen auf die gesamte Weltkirche auszudehnen ist – eine Entscheidung, die nicht nur längst überfällig war, sondern auch zeigt, welch hohen Stellenwert Benedikt der deutschen Äbtissin, Visionärin, Komponistin und Kirchenkritikerin beimisst. Wertschätzung, ja Bewunderung, die er zuvor schon zu einigen wenigen, aber äußerst bedeutsamen Anlässen geäußert hatte.

Selbst wenn man mit Leben und Werk der Hildegard von Bingen nur oberflächlich vertraut ist, bleibt uns angesichts ihrer universalen Schaffenskraft, der Kühnheit ihrer Visionen, die sie stets bei klarem Verstand und offenen Auges erfuhr, des prophetischen Löwenmuts, den sie ohne zu zögern gegen die Mächtigen im Klerus und sogar gegen den Kaiser einsetzte, nur schieres Staunen und tiefe Dankbarkeit über diese die Jahrhunderte überstrahlende Heilige. „Wer ist die, die da aus der Wüste gleich einer Rauchsäule von Gewürzkräutern aufsteigt?“ so ruft Papst Eugen III in einem Brief an Hildegard aus, und muss dabei, um seine faszinierte Verehrung auszudrücken, auf das Hohelied, das poetischste Liebeslied aller Zeiten, zurückgreifen.

Sie war die letzte Prophetin, die Deutschland geschickt wurde, eine Persönlichkeit, die mit traumwandlerischer Sicherheit, dabei luzide und klar wie ein lupenreiner Diamant das Wort Gottes verkündete und als „ungelehrte Frau“, als „armseliges Gebilde“ die größten Männer ihrer Zeit mit göttlicher Vollmacht belehrte, den Kampf mit den Kleingeistigen beherzt aufnahm. Hildegard betätigte sich auf einem breiten Spektrum der damaligen Wissensgebiete: Theologie, Kosmologie, Anthropologie, Musik, der Heilkunst, der Erforschung von Naturphänomenen – sie erfand sogar eine eigene geheime Sprache, die lingua ignota. Hildegard von Bingen kann deshalb mit Fug und Recht als die erste deutsche Universalgelehrtin gelten, die jüngst vom Osservatore Romano in einem Atemzug mit Dante, Avicenna und Johannes Scotus Eriugena genannt wurde, somit noch einmal die Bedeutung dieser „wahren Intellektuellen“ ihrer Zeit unterstreicht, die sie für den derzeitigen Papst sozusagen als eine Seelenschwester, zu besitzen scheint.

Die Geschichte dieser Frau, die bei ihren Zeitgenossen Ehrfurcht und Bewunderung erweckte, die mit von Gott verliehener Autorität auftrat und deren Kompositionen und Schriften noch heute Bestseller sind, beginnt im Jahre 1098, zur Zeit des ersten Kreuzzuges. Hildegard wird als zehntes Kind in Bermersheim bei Alzey geboren. Ihre Eltern gehören dem niedrigen Adel an und geben das Mädchen im Alter von 8 Jahren zur gemeinsamen Erziehung in die Grafenfamilie derer von Sponheim. Hildegard ist 14, Jutta von Sponheim 20 Jahre alt, als sie sich auf den Berg des heiligen Disibod am Zusammenfluss von Nahe und Glan bei Odernheim zurückziehen. Auf dem Gelände des Klosters, das von Benediktinermönchen besiedelt wurde, hatte die Familie von Sponheim eine Frauenklause errichten lassen. Dort verbringt Hildegard fast die Hälfte ihres Lebens in völliger Abgeschiedenheit, gestorben und begraben mit Christus. Wie ein Senfkorn, das der Herr in die Erde gelegt hat, auf dass es eines Tages erwache und ein Baum daraus werde, der bis zum Himmel wächst, und in dessen Zweigen singende Vögel nisten werden.

Der Tag kommt im Jahre 1140, als sie „42 Jahre und 7 Monate“ zählt, wie sie selbst schreibt. Seit vier Jahren ist ihre geistliche Mutter Jutta tot, die Gemeinschaft der mittlerweile zehn Schwestern hatte sie damals einstimmig zur Priorin gewählt. Die Visionen, die sie schon in ihrer Kindheit erfahren hat, setzen wieder ein. Sie bespricht sich zunächst mit dem Abt; er rät, alles niederzuschreiben. Doch die Unsicherheit und die Zweifel nagen an ihr: Hildegard besaß neben ihren außergewöhnlichen intellektuellen und spirituellen Gaben eine ausgeprägte persönliche Demut, hinzu kam, dass die deutschen Bischöfe ihr zum Teil nicht gerade mit Wohlwollen, sondern mit großer Skepsis begegneten. Sie fasst sich deshalb ein Herz und wendet sich in ihrem ersten, überlieferten Brief an den Mann, der zur damaligen Zeit als die einflussreichste und anerkannteste geistliche Autorität galt – den inspirierten monastischen Erneuerer und mitreißenden Prediger Bernhard von Clairvaux. Der Tonfall dieses Briefes ist hochachtungsvoll und zärtlich zugleich; sie nennt Bernhard „Vater“ und schildert ihm den Charakter ihrer Visionen detailgenau. Aus ihren Formulierungen spricht tiefstes töchterliches Vertrauen: „Du bist Sieger in deiner Seele und richtest andere zum Heile auf. Du bist der Adler, der in die Sonne blickt.“

Die Antwort des heiligen Bernhard ist unmissverständlich und muss für Hildegard eine enorme Erleichterung gewesen sein: „Wir freuen uns mit dir über die Gnade Gottes, die in dir ist. Und was uns angeht, so ermahnen und beschwören wir dich, sie als Gnade zu erachten und ihr mit der ganzen Liebeskraft der Demut und Hingabe zu entsprechen.“ Während der Synode in Trier 1147 werden ihre Visionen sogar öffentlich verlesen und von Papst Eugen III. bestätigt. Nun darf sie endlich sicher sein, dass ihre Schau nicht ein Hirngespinst ist oder gar vom Gegenspieler kommt, sondern vom Allerhöchsten geschickt wird. Mehr noch, dass Er selbst es ist, der durch sie spricht. Sie ist sein Instrument, seine „Posaune“, wie sie sich selbst bezeichnet, durch die der göttliche Geisthauch weht und die Menschen behaucht. Und so manches Mal wird in Zukunft dieser Geisthauch gerade auch für die höchsten Machthaber wie Kaiser und Papst zu verzehrenden Flammenzungen werden. Etwa wenn Hildegard an Friedrich Barbarossa schreibt, weil er nicht aufhört, gegen den legitimen Papst Alexander III. Gegenpäpste aufzustellen. Sie spricht mit einer Vollmacht, die ihr der Schöpfer des Universums verliehen hat. Er ist es, der durch sie zu dem mächtigen Kaiser spricht und ihm mit Seinem Gericht droht: „Wehe, wehe der Niederträchtigkeit der Gottlosen, die mich beleidigen! Höre geschwind, o König, wenn du leben willst! Sonst wird mein Schwert dich durchbohren!“
Die prophetissa teutonica, wie man sie schon bald nennt, korrespondiert auch mit Prälaten und Päpsten. In einem Brief an Eugen III. aus dem Jahre 1148 nennt sie sich selbst eine kleine Feder, die vom Höchsten berührt worden ist, damit sie wunderbar emporfliege und die nun von einem starken Wind getragen wird, damit sie nicht sinke. Auch ihn wird sie mit strengen Worten ermahnen, als Gesandte desjenigen, der über jeder weltlichen Autorität steht: „O du funkelnde Brustwehr, kraft deines Amtes, ursprüngliche Wurzel der neuen Vermählung Christi mit der Kirche, du bist zweigeteilt: Einerseits ward deine Seele in der geheimnisvollen Blüte erneuert, die eine Gefährtin der Jungfräulichkeit im Mönchtum ist. Andererseits bist du ein Zweig der Kirche. Höre auf den, dessen Wort scharf wie ein Schwert ist …. Entferne nicht die Sehkraft vom Auge und trenne nicht das Licht vom Licht, sondern halte dich auf dem eindeutigen Weg, damit du nicht der Anklage verfällst wegen der Seelen, die in dein Herz gelegt sind.“
Wir begegnen dieser charakteristisch bildreichen und wortgewaltigen Sprache auch in ihren Hauptwerken: Scivias – Wisse die Wege, das in 35 Visionen die gesamte Heilsgeschichte durchdekliniert, vom Anbeginn der Zeit und der Schöpfung der Welt bis zum Ende aller Zeiten. Der Liber vitae meritorum, das Buch der Lebensverdienste, in dem es um die immense und alles überwältigende Kraft Gottes geht, der den gesamten Kosmos gestaltet und den Menschen zum Leben gerufen hat und in immerwährendem Austausch mit der Heiligen Dreifaltigkeit durchpulst wird. Aufgabe des Menschen ist es dabei, sich jeden Tag aufs Neue vom Bösen abzukehren und die Herrlichkeit Gottes in seiner eigenen Existenz so vorwegzunehmen.
Im Liber divinorum operum oder auch De operatione Dei geht es wiederum um die Schöpfung, das zentrale Thema Hildegards, die Beziehung zwischen dem Erschaffer des Alls, der Erde und seinem geliebten Geschöpf, dem Menschen.
Régine Pernoud, die französische Mediävistin, spricht im Zusammenhang mit den Werken Hildegards zutreffend von einer poetischen Kosmologie, einem kosmischen Roman. In der Tat, die Sprachmacht Hildegards ist überwältigend, obgleich sie angeblich nicht besonders gut Latein konnte, weshalb sie ihre Visionen dem Mönch Volkmar und später ihrer geliebten Mitschwester Richardis von Stade diktierte.

Angesichts des unerhörten Mutes, mit dem diese Äbtissin aus Deutschland als Botin Gottes den Machthabern ihrer Zeit entgegentrat, erscheint es wie trauriger Hohn, dass diese Frau nun in der Neuzeit durch esoterische Kreise auf Dinkelrezepte, Wellness-Elixiere und Heilsteinwissen heruntergebrochen und vermarktet wird. Mehr noch, eine Kirchenkritikerin sei sie gewesen, weiß vor allem die feministische Theologie anzuführen und in dieser Eigenschaft wird sie gerne auch von kirchlichen Reformkreisen vereinnahmt. Dabei wird gerne vergessen, dass es Hildegard nicht um die Veränderung von Strukturen ging, sondern um einen aufrichtigen Geist der Buße und den tätigen Weg der Umkehr, wie dies Benedikt XVI. in einer seiner beiden Katechesen über die Heilige erläutert hat.
Hildegard, die noch im hohen Alter auf Predigtreisen durch Deutschland ging, die sie unter anderem nach Trier, Köln, Mainz und bis nach Lothringen führten, geißelte nämlich nicht nur den trägen und verhurten Klerus ihrer Zeit vor aller Öffentlichkeit mit überaus harten Worten: „Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet. Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderer Eitelkeiten unterweist ihr eure Untergebenen nicht. Ihr solltet eine Feuersäule sein, den Menschen vorausziehen und sie aufrufen, gute Werke zu tun.“ Mit ebensolcher Vehemenz predigte diese Frau gegen die Katharer an, die angesichts der Verweltlichung und des Verfalls im Klerus immer mehr Zulauf für ihre engstirnige Vorstellung von der „Kirche der Reinen“ bekamen.

Es ist deshalb kein Zufall, dass Benedikt XVI. diese Frau, dieses Kernkraftwerk des Heiligen Geistes, nun offiziell durch ein „canonisatio aequipollens“ genanntes Verfahren, per Dekret also, heilig gesprochen hat, obwohl sie schon immer als Heilige verehrt worden ist. Immer wieder hat er seine Wertschätzung, ja seine Verehrung für ihre Persönlichkeit, ihre Wirkung, ihre Kühnheit und ihren Mut ausgedrückt. Im Jahre 1994 sandte Kardinal Ratzinger eine Grußbotschaft zum Hildegard-Symposium in Wiesbaden und schrieb unter anderem: „Heute steht Hildegard in ihrer ganzen kühnen  Universalität vor uns. Wir fühlen uns angesprochen durch ihre liebevolle Zuwendung zu den heilenden Kräften der Schöpfung wie durch ihre vielseitige künstlerische Begabung vor allem aber durch ihre eindringliche Glaubensverkündigung; sie ist uns daher nahe als eine Frau, die Christus in seiner Kirche liebte, aber nichts von Weltfremdheit oder Ängstlichkeit zeigt, sondern gerade von ihrer Berührung mit den Geheimnis Gottes her ihrer Zeit das rechte Wort furchtlos und frei zu sagen vermochte.“
Dass dieses „rechte Wort“ aus der Berührung mit dem Geheimnis Gottes auch unserer Zeit noch Gewaltiges zu sagen vermag, hat uns der Heilige Vater wieder zu Bewusstsein gebracht, indem er anlässlich des Weihnachtsempfangs für die Kardinäle und die Kurie am 20. Dezember 2010, dem Jahr, in dem der Missbrauchsskandal seinen vorläufigen Höhepunkt erreichte, eine Vision Hildegards zitiert und interpretiert. Sie findet sich in einem Brief an Werner von Kirchheim und dessen Priestergemeinschaft, die sie bei ihrer letzten Missionsreise um das Jahr 1170 – sie stirbt 1179 – in Schwaben besucht hatte. Werner von Kirchheim hatte gebeten, ihre dort gehaltene Rede nochmals schriftlich für ihn und seine Mitbrüder festzuhalten. Es ist eine Schau aus dem gleichen Jahr, während dem sie eine Krankheit durchzustehen hatte. Vor ihren Augen ersteht eine unerhört schöne Frau, mit leuchtendem Antlitz und einer Gestalt, die von der Erde bis zum Himmel hinaufragt. Sie trägt ein strahlendes Gewand aus weißer Seide, einen Mantel, mit Edelsteinen besetzt und Schuhe aus Onyx. Doch das Antlitz der herrlichen Frau ist befleckt, ihre Kleidung zerfetzt, die Schuhe besudelt. Sie klagt und schreit deswegen zum Himmel:
„Und weiter sprach sie: Im Herzen des Vaters war ich verborgen, bis der Menschensohn, in Jungfräulichkeit empfangen und geboren, sein Blut vergoss. Mit diesem Blut, als seiner Mitgift, hat er mich sich vermählt.
Die Wundmale meines Bräutigams bleiben frisch und offen, solange die Sündenwunden der Menschen offen sind. Eben dieses Offenbleiben der Wunden Christi ist die Schuld der Priester. Mein Gewand zerreißen sie dadurch, dass sie Übertreter des Gesetzes, des Evangeliums und ihrer Priesterpflicht sind. Meinem Mantel nehmen sie den Glanz, da sie die ihnen auferlegten Vorschriften in allem vernachlässigen. Sie beschmutzen meine Schuhe, da sie die geraden, das heißt die harten und rauen Wege der Gerechtigkeit nicht einhalten und auch ihren Untergebenen kein gutes Beispiel geben.“

Der Papst erläutert diese Vision Hildegards vor den Kardinälen und der Kurie, knapp 840 Jahre nach der Niederschrift dieses Gesichts, und es ist so aktuell und zeitlos wie nie zu vor:
„Das Gesicht der Kirche ist in der Vision der heiligen Hildegard mit Staub bedeckt, und so haben wir es gesehen. Ihr Gewand ist zerrissen – durch die Schuld der Priester. So, wie sie es gesehen und gesagt hat, haben wir es in diesem Jahr erlebt. Wir müssen diese Demütigung als einen Anruf zur Wahrheit und als einen Ruf zur Erneuerung annehmen. Nur die Wahrheit rettet. Wir müssen fragen, was wir tun können, um geschehenes Unrecht so weit wie möglich gutzumachen. Wir müssen fragen, was in unserer Verkündigung, in unserer ganzen Weise, das Christsein zu gestalten, falsch war, dass solches geschehen konnte. Wir müssen zu einer neuen Entschiedenheit des Glaubens und des Guten finden. Wir müssen zur Buße fähig sein. Wir müssen uns mühen, in der Vorbereitung zum Priestertum alles zu versuchen, damit solches nicht wieder geschehen kann.“

Mit der Kanonisierung Hildegards im Mai 2012 hat der Heilige Vater offiziell gemacht, was alle schon immer wussten und geglaubt haben: Dass die Äbtissin und Gründerin von Rupertsberg und Eibingen eine Heilige ist. Zugleich aber zeigt diese Geste die andächtige Verbeugung eines zarten, weißhaarigen Mannes vor der größten intellektuellen Frau ihres Zeitalters. Nicht zuletzt bedeutet dieses Dekret auch die anerkennende Würdigung einer großartigen Verbündeten, die bereits vor 800 Jahren einen feurigen Kampf für die heilige Kirche führte – es ist derselbe, den dieser Papst entschlossen aufgenommen hat.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin 2012 anlässlich der Kanonisierung der hl. Hildegard]

September 17, 2016   No Comments

Die Rheinpfalz über mein Buch “Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse”

>>Wenz hat einen Blick für absonderlich und außergewöhnlich erscheinende Ereignisse und Erfahrungen, und sie versteht es, sie lebendig zu schildern. << Aus dem Artikel in der Rheinpfalz vom 7.9.16 im Nachgang zu meiner ersten Lesung von “Konvertiten. Ergreifende Glaubenszeugnisse.”

September 9, 2016   No Comments

Beginn meiner Sommerserie “Orthodoxie in Deutschland”

Für “Die Tagespost” arbeite ich derzeit an einer Artikelserie über Orthodoxe in Deutschland. Der erste Artikel in der Reihe ist gestern nachmittag bzw. heute erschienen und beschreibt meine Eindrücke beim Besuch der russisch-orthodoxen Gemeinde der Verklärungskirche in Baden-Baden.
“Eine orthodoxe Insel im Schwarzwald” – zum Artikel geht es hier.

Außerdem habe ich einen Blogbeitrag von Kardinal Dominik Duka, dem Erzbischof von Prag, für “Die Tagespost” aus dem Tschechischen ins Deutsche übersetzt (nur für ePaper-Abonnenten), der zuletzt schwere Wellen in der tschechischen Kirche geschlagen hat. Dazu ein Hintergrund hier.

August 18, 2016   No Comments

Konvertiten – Ergreifende Glaubenszeugnisse ist Buchtipp von Radio Vatikan

Am 6. August 2016 hat Radio Vatikan ein Interview mit mir gesendet und online gestellt und gleichzeitig mein Konvertitenbuch als “Buchtipp” präsentiert.

Im November 2014 war bereits “Das Farnese-Komplott”, mein Vatikan-Krimi, Buchtipp von Radio Vatikan deutsche Sektion geworden.

Hier der Link zum Interview.

August 12, 2016   No Comments

Zum Mord an Père Jacques Hamel – Erzmärtyrer

father jacques

Juli 27, 2016   No Comments