Journalistin und Autorin

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No pasaran! oder Die Diktatur der Maschinen

Ein guter Freund von mir spricht schon seit ein paar Jahren mit „Siri“, dieser Sprachanwendung seines geliebten iPhones. Vor einem Jahr war ich zu Gast bei einem alten Bekannten, bemerkte, dass er eine „Alexa“Säule neben dem Tisch stehen hatte, an dem wir uns unbeschwert unterhielten und auch politische Diskussionen führten. Ich bestand darauf, dass er den Stöpsel bei seiner „Alexa“ zieht – vermutlich war es aber schon zu spät.
Nebenzu bemerkt gehöre ich auch zu den Menschen, die ihre Webcam am Notebook verkleben, auch wenn das ein wenig paranoid klingen mag.
Ich proklamiere schon seit etlichen Jahren, dass ich _nicht_ mit Maschinen spreche und auch nicht vorhabe, das jemals zu tun. Es ist meine tiefe Überzeugung, dass man nicht mit Maschinen sprechen sollte. Dafür gibt es eigentlich keinen rationalen Grund. Aber: Menschen sollen nicht mit Maschinen sprechen. Ausrufezeichen.

Vor einiger Zeit erwarb ich eine „moderne“ vollautomatische Kaffeemaschine einer deutschen Marke. Das Angebot war günstig, die Maschine gebraucht und generalüberholt. Sie begrüßt mich jeden Morgen mit der Anzeige „Herzlich Willkommen!“ und Datum und Uhrzeit. Das ist hinnehmbar, wenngleich auch schon leicht übergriffig. Ich möchte schließlich einfach nur einen Kaffee aufgebrüht bekommen und keine weiteren Informationen egal in welcher Hinsicht. Wenn ihr Satzbehälter voll ist oder sie der Meinung ist, er wäre voll, was sie häufig ist, da sich natürlich der Kaffeesatz genau an der Stelle ihrer Messplatine stapelt, das Schiff aber ansonsten leer ist, befiehlt sie mir: „Satzbehälter leeren“. Ich ziehe das Ding raus, schüttele den wenigen Satz nach weiter hinten, wo noch leer ist und schiebe es dann wieder ein. So habe ich es bei meiner alten Saeco auch gemacht. Nur, dass die alte Saeco mir hinterher nicht die Frage via Display stellte: „Satzbehälter geleert?“ und ich eingeben musste: „Ja“ oder „Nein“. Im Ende läuft es darauf hinaus, dass ich meine neue Kaffeemaschine – natürlich deutscher Provinienz – regelmäßig belüge, indem ich antworte, dass ich geleert hätte, aber in Wirklichkeit habe ich den Mist nur nach hinten geschüttelt, damit ihre Messplatine nicht mehr anschlägt.
Ich bin ein hochsensibler Mensch. Natürlich ist das dann die Ursache dafür, mich regelmäßig schlecht zu fühlen: „Ich habe meine Kaffeemaschine angelogen“. Ein unerfreulicher Zustand für mein Seelenleben.
Gestern erwarb ich einen dieser neuen Drucker, die ans Internet angeschlossen sind. Im Grunde benötigte ich einfach nur eine neue Patrone für meinen uralten All in One Drucker. Aber die Patrone für den alten hätte mehr gekostet als der neue Drucker, der auch noch zwei Patronen im Karton mit dabei hatte.
„Consumismo“, merkte mein italienischer Fachhändler lakonisch dazu an, als ich diesen Zustand beklagte. Die Italiener können ja aus jedem Scheißzustand eine Ein-Wort-Beschreibung mit wunderschön vielen Vokalen bilden.
Heute habe ich ihn installiert. Ich rede jetzt mal gar nicht davon, dass ich die Postleitzahl seines Standortes angeben sollte und sich das Teil auch noch via Internet automatisch mit meinem Router verbinden konnte, ohne dass ich dessen Passwort manuell eingeben musste etcpepe.
Jetzt druckte er als erstes mal eine Kalibrierungsseite, die ich einscannen sollte. OK.
Dann kam die Message via Minibildschirm, ich müsse diese Seite nun wieder entfernen und entweder wiederverwenden oder recyceln. So mein neuer Domina-Drucker. Ich werde ihn Greta nennen.
Und die Kalibrierungsseite klimaschädlich anzünden und verbrennen.

Mai 25, 2019   No Comments

George Bernanos: Tagebuch eines Landpfarrers

“Die Soldaten von damals gehörten nämlich der Christenheit an, und die Christenheit gehört heute keinem mehr. Es gibt keine mehr, es wird nie mehr eine Christenheit geben.”
“Warum?”
“Weil es keine Soldaten mehr gibt. Ohne Soldaten keine Christenheit. Oh, Sie werden mir erwidern, die Kirche lebt noch, und das sei die Hauptsache. Sehr richtig. Nur wird es kein Reich Christi in der Zeitlichkeit mehr geben. Die Hoffnung auf dieses Reich ist mit uns gestorben.”
“Mit Ihnen?” rief ich aus. “Es fehlt doch nicht an Soldaten.”
“Soldaten? Nennen Sie das ruhig Militär. Der letzte echte Soldat ist am 30. Mai 1431 gestorben, und ihr habt ihn umgebracht. Gerade ihr! Schlimmer noch als umgebracht, ihr habt ihn verurteilt, ausgestoßen und dann verbrannt!”
“Wir haben ihn aber auch zur Heiligen erhöht!”
“Sagen Sie lieber: Gott hat es so gewollt. Und wenn er diesen Soldaten so hoch erhoben hat, dann eben deshalb, weil es der letzte war. Der letzte eines so edeln Geschlechts konnte nur ein Heiliger sein. Und Gott hat sogar gewollt, dass es eine Heilige war. “

April 29, 2019   No Comments

Iwan Iljin: Wesen und Eigenart der russischen Kultur

>>Die Quelle des russisch-orthodoxen Glaubens ist das schauende Herz.
Der Russe glaubt nicht dann und darum, wenn und weil er etwas «verstanden» und «erklärerisch» gedacht hat; und nicht dann, wenn er den «Willensentschluß» gefaßt hat, sich einer Glaubensweise zuverschreiben und derselben in disziplinierendem Selbstzwang zu huldigen. Im Gegenteil, dann verliert er seinen Glauben: Intellektualismus und obligate Disziplin zerstören den Glauben in der russischen Seele. Und zwar nicht deswegen, weil der Glaube an sich vernunftlos oder vernunftwidrig wäre, dem ist nicht so, daran glaubt auch der orthodoxe Christ gar nicht. Der orthodoxe Christ ist vielmehr immer bereit, seinen Glauben zu einer allumfassenden Totalität auszubauen und läßt sich dabei nicht von einem «credo quia absurdum» leiten.
Auch hat die meditative Weisheit der ostchristlichen Einsiedler eine wunderbare Konzeption und Tradition hinterlassen: da wird die Gottliebende Vernunft zum lebendigen Urgrund der menschlichen Seele und des Herzens erhoben; da wird die schauende Einsicht, die «begreifende» Kontemplation als lebendige Quelle des Glaubens angenommen.
Der Intellektualismus ist aber etwas ganz anderes: er bedeutet grundsätzlich Souveränität oder gar Monopol des abstrakten, bald mehr logischen, bald mehr sinnlich-empirischen Denkens, ohne Herz und Schau. Der Intellektualismus vernachlässigt die übersinnliche Schau und schämt sich seines Herzens; darum bricht er mit der Vernunft und wird kurzsichtiger Verstandes-Mensch. Und kaum setzt der Intellektualismus ein, kaum versucht jemand Herz und Schau auszuschalten und sich dem selbstherrlichen, dünkelhaften Verstande zu ergeben, so schwindet der Glaube (langsam weichend oder sich rasch auflösend).
Dieser Intellektualismus wurde nach Rußland aus Frankreich, ganz besonders während der napoleonischen Kriege, importiert; er stammt von den französischen Enzyklopädisten und Voltaire einerseits, andrerseits von der deutschen «Aufklärung» und ihrer Popularphilosophie, und ganz besonders von den Links-Hegelianern und von den Materialisten. Dieser Intellektualismus kam nach Rußland und unterwühlte den Glauben unsrer intelligenten Schicht im Laufe des XIX. Jahrhunderts.<<

Iwan Iljin: Wesen und Eigenart der russischen Kultur.(Seite 67). Edition Hagia Sophia

März 24, 2019   No Comments

Gastautorin auf der Internetseite „Hans Urs von Balthasar kennen lernen“

Mein Artikel über Hans Urs von Balthasar und Adrienne von Speyr, der im Rahmen meiner Serie „Geistliche Paare“ für das Vatican-Magazin in print erschienen ist und der auch hier auf diesem Blog von mir eingestellt wurde, ist nun in einer gekürzten Version auch auf der liebevoll aufgemachten und äußerst informativen Seite über diesen Ausnahmetheologen erschienen:

Hans Urs von Balthasar kennen lernen – Theologie, die staunt – Theologie, die lebt – Theologie, die kniet

Ich kann allen Interessierten einen Besuch dort ans Herz legen.

März 20, 2019   No Comments

Zum Tag der heiligen Odile – der „Mutter des Elsass“

Es gibt zahlreiche spektakuläre Aussichtspunkte in den elsässischen Nordvogesen, doch der berühmteste unter ihnen ist zugleich ein heiliger Berg und eine Pilgerstätte: Der Odilienberg, 764 Metern über dem Meeresspiegel, bietet atemberaubende Ausblicke über die Landschaft der Rheinebene nach Osten zwischen Kehl und Lahr bis in die Hänge des Schwarzwalds, wie nach Westen über die Kämme der Vogesen bis weit ins Land hinein. Schon in frühester Vorzeit diente das Buntsandsteinmassiv mit seinem Hochplateau als Zufluchtsort. Eine 10 Kilometer lange Wallmauer umgibt seine Hänge, die so genannte Heidenmauer, von der man annahm, dass sie prähistorischen Ursprungs sei. Neueste Untersuchungen gehen jedoch davon aus, dass sie aus dem 7. und 8. Jahrhundert stammen könne. Die Römer unterhielten dort eine Höhenfestung, die sie Altitona nannten. Heute befinden sich auf seinem Gipfel nicht nur der uralte Merowingerfriedhof, sondern auch eine großzügige und modernisierte Anlage, die auf den Resten des ehemaligen Klosters der heiligen Odilie, der Schutzpatronin des Elsass, errichtet wurde. Hier werden noch immer ihre Reliquien verehrt. Dieser Ort hat viele Pilger magnetisch angezogen, unter ihnen auch Johann Wolfgang von Goethe, der darüber in „Dichtung und Wahrheit“ schreibt: „Einer mit hundert, ja tausend Gläubigen auf den Ottilienberg begangenen Wallfahrt denke ich noch immer gern. Hier, wo das Grundgemäuer eines römischen Kastells noch übrig, sollte sich in Ruinen und Steinritzen eine schöne Grafentochter aus frommer Neigung aufgehalten haben. Unfern der Kapelle, wo sich die Wanderer erbauen, zeigt man ihren Brunnen und erzählt gar manches Anmutige. Das Bild, das ich mir von ihr machte und ihr Name prägte sich tief ein.“

Odilia oder Ottilie kam um das Jahr 660 als erstes Kind des fränkischen Herzogs Adalric (auch Attich, Etich) zur Welt. Adalric gehört zu den Stammvätern der Capetinger, sein Name taucht ebenso in den Ahnentafeln vieler bedeutender Herrscherhäuser wie der Salier, Staufer, Zähringer und Habsburger auf. Man geht davon aus, dass Odilia in dem Schloss ihres Vaters zur Welt kam, das dieser auf den römischen Ruinen von Altitona errichtet hatte. In einer Mischung aus Wut, Scham und Schuldgefühl befahl Adalric, dass sein erstgeborenes Kind, enttäuschenderweise eine Tochter und noch dazu blind geboren, in der Wildnis ausgesetzt werden solle. Der Herzog handelte gemäß einem heidnischen Brauch, da er insgeheim befürchtete, dass das behinderte Kind die göttliche Strafe für eine von ihm begangene schändliche Tat sei. Doch Persinda, seine Gemahlin, versuchte verzweifelt, das sichere Todesurteil für ihr Kind abzuwenden. Sie sandte deshalb einen Boten an ihre ehemalige Amme, die in einiger Entfernung lebte und die sich freudig dazu bereit erklärte, die Pflege und Erziehung des Mädchens zu übernehmen. Odilie wuchs, unter der Obhut ihrer Amme, in einem „Palma“ genannten Kloster auf, welches heute als Baume-les-Dames in der Nähe von Besançon identifiziert wird.
Das Christentum steht in dieser Zeit in Mitteleuropa in voller Blüte, auch wenn Adalrics Anwandlungen noch tief im heidnischen Gedankengut zu wurzeln scheinen. Denn die irischen Wandermönche und Missionare, die auf dem Weg nach Süden, nach Rom und Jerusalem durch das europäische Festland zogen, konnten das einfache Volk mit ihrem missionarischen Eifer, ihren glühenden Predigten und ihrer überzeugenden Lebensweise für das Evangelium entfachen. Vom heiligen Columban – nicht zu verwechseln mit dem Heiligen gleichen Namens, der in Schottland missionierte, ist bekannt, dass um das Jahr 592, also knapp 60 Jahre vor der Geburt Odilias, durch die Vogesen zog und unter anderem das bedeutsame Benediktinerkloster in Luxueil gründete. Die Leuchtspur des heiligen Columbans von Luxueil und seiner Gefährten zog sich durch ganz Süddeutschland, die Donauregion und den Bodensee, bis hinunter nach Norditalien. Selbst bis zu den slawischen Siedlungen im Osten drangen sie vor und prägten mit ihrer glühenden Hingabe das ganze siebte Jahrhundert in Mitteleuropa. Die Evangelisierung war mobil, meist zu Fuß durchzogen heilige Männer die Landen.
Und so tat es auch ein Bischof aus den bayrischen Landen, Erhard von Regensburg. Dieser Bischof Erhard empfing eines Tages eine göttliche Weisung: Er solle nach Palma gehen und dort ein blindes Mädchen auf den Namen Odilia taufen. Sie soll im Alter von 12 Jahren gewesen sein, als der Regensburger Bischof sie im wörtlichen Sinne aus der Taufe hob, denn zu dieser Zeit bestand der Ritus noch darin, dass man die Täuflinge in das Wasser eines geweihten Brunnens eintauchte. Schließlich salbte der Bischof die blinden Augen seines Taufkindes mit Chrisam. Und da geschah das Wunder: Odilia öffneten sich die Augen – sie erblickte zum ersten Mal seit ihrer Geburt das Licht. Nein, nicht das Licht der Welt, wie man Geburt noch gerne umschreibt: Es handelte sich insbesondere um eine geistliche Neu-Geburt in Christo. Durch das göttliche Wunder der Heilung ihrer Sinne, der jahrelang verschlossen gewesenen Augen, ereignete sich auch eine grundlegende Lebenswende für Odilia. Sie lernte Lesen und Schreiben und man ließ ihr die allerbeste Ausbildung angedeihen, denn sie war, wenn auch verstoßen, die Tochter eines Herzogs. Die Jahre zogen ins Land und es geschah, dass einer ihrer Brüder von ihrem Schicksal erfuhr und den Vater mit der Schwester wieder versöhnen wollte. Doch Adalric wollte, verstockt wie er war, nichts davon wissen und drohte seinem Sohn sogar. So ließ jener ohne Wissen des Vaters nach der Schwester schicken, um sie nach Hause auf die Hohenburg zu holen, wo er nicht nur sein Schloss erbaut, sondern mittlerweile auch ein Kloster gegründet hatte. Adalric muss ein sehr jähzorniger Mensch sein, denn als er Odilia und ihr Gefolge anreisen sah, verlor er dermaßen die Beherrschung gegenüber seinem Sohn, der sich nur das Beste für ihn und Odilia gewünscht hatte, dass er mit einem Stock auf ihn losging und in maßloser Wut erschlug. Es war die letzte Grausamkeit, die er in seinem Leben begehen sollte, den Rest seiner Tage verbrachte er voller Trauer und Reue in dem von ihm gegründeten Kloster, nicht ohne sich vorher mit Odilia herzlich versöhnt zu haben. Sie, die bis kurz vor seinem Tod als einfache Magd in seinem Kloster gelebt hatte, wurde von ihm in einem Moment der Barmherzigkeit, als er ihr zufällig begegnete, wie sie Mehl austrug, um für die Armen Brot zu backen, mit allen Würden und Rechten als Vorsteherin des Klosters eingesetzt. Nun hatte sie die verantwortungsvolle Aufgabe, für 130 Schwestern zu sorgen. Doch sie ließ auch Neubauten errichten: Eine Kirche, die dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht werden sollte, der ihr Schutzpatron war, seit sie während ihrer Taufe das Augenlicht wiedererlangt hatte, und ein Tochterkloster am Fuße des Berges, in dem besonders Alte und Kranke betreut werden sollten, die den steilen Aufstieg zum Mutterkloster nicht bewältigen konnten. Alle diese großartigen Unternehmungen erlebte Adalric nicht mehr – er starb kurze Zeit, nachdem er sie als Äbtissin eingesetzt hatte.
Als treue Tochter ehrte sie ihren Vater, der doch einst ihren Tod erwünscht hatte und fastete und betete nach seinem Hinscheiden tage- und nächtelang hartnäckig für seine Erlösung und um göttliche Barmherzigkeit. Ihre Trauer war unermesslich, denn sie musste davon ausgehen, dass Adalrics Seele aufgrund seiner schlimmen Taten am Orte der Verdammnis weilte. Aufgrund ihres großes Glaubens und ihrer Hingabe wurde Odilia erhört. Eines Nachts öffnete sich der Himmel und ein strahlender Glanz brach über sie herein. Die Vita berichtet, dass sie folgende Worte vernahm: „Odilia, die du Gott teuer bist, bezähme doch deine quälende Schwermut! Denn du hast von Gott für die Sünden deines Vaters Vergebung erlangt. Siehe auch, aus der Unterwelt befreit, wird er von Engeln geleitet, um sich dem Chor der Patriarchen zu gesellen!“ Sie aber pries Gottes Güte und sagte Dank dafür, dass er sich ihrer unwürdigen Gebete angenommen habe.
Heute markiert die so genannte Tränenkapelle den Ort, an dem das inständige und anhaltende Gebet der Heiligen stattgefunden hat: den ehemaligen Klosterfriedhof mit dem Grab ihres Vaters.

Zu den Umständen ihres eigenen Todes an einem 13. Dezember, das genaue Jahr ist unbekannt, soll jedoch nach 723 liegen, wird berichtet, dass Odilia, entgegen sämtlicher Gepflogenheiten der Zeit ihre Mitschwestern von ihrem Sterbelager wegschickte, damit sie die Psalmen sängen. Der Jammer der Frauen war groß, als sie bei ihrer Rückkehr die geliebte Äbtissin tot vorfanden, insbesondere auch deshalb, weil sie ohne den Empfang des Viatikums, der letzten heiligen Kommunion hinübergegangen sei. So sehr flehten, weinten und beteten sie, dass Odilias Lebensodem zurückkehrte. Sie setzte sich auf und beklagte sich bei den trauernden Frauen, denn sie habe im Jenseits die heilige Jungfrau Lucia getroffen und eine solche Freude genossen, die kein lebender Mensch ermessen könne. Doch die frommen Schwestern ließen sich durch solche Vorwürfe nicht beirren: Man könne ihnen schließlich Unachtsamkeit und Pflichtvergessenheit vorwerfen, wenn sie Odilia ohne einen letzten Empfang des Leib des Herrn sterben ließen! Daraufhin ließ die Äbtissin sich die heilige Kommunion bringen, empfing sie und hauchte ihre Seele im Kreise der Schwestern aus. Um ihre Grablege soll sich noch tagelang ein himmlischer Wohlgeruch ausgebreitet haben.

Das Kloster auf dem Sandsteinmassiv trotzte sämtlichen Zeitläuften. Nach einer Hochblüte unter Äbtissin Herrad von Landsberg, die im 12. Jahrhundert den „Hortus Delicarum“ das gesamte Wissen ihrer Zeit zusammenfasste, wurde es während des Dreißigjährigen Krieges mehrmals geplündert. Danach übernahmen Prämonstratensermönche die Fürsorge für Odilias Grab und die zahlreichen Pilger, die vor allem um Heilung von Augenkrankheiten baten. Was der Bauernkrieg nicht geschafft hatte, gelang den Jakobinern der Französischen Revolution – die völlige Vertreibung der Ordensleute und die Vernichtung einer bislang beliebten Wallfahrt. Doch nicht für lange. Keine 60 Jahre später wurde das profanisierte Kloster zurückgekauft und dem Bischof von Straßburg unterstellt. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts pulsiert das geistliche Leben auf dem Berg wieder, ist das Kloster nicht nur ein touristisches Ausflugsziel, sondern auch einer der beliebtesten Wallfahrtsorte in Frankreich, der im Jahr 1988 als prominentesten Pilger der Neuzeit Papst Johannes-Paul II. empfangen durfte.

Über dem Eingangstor des ehemaligen Klosters ist die in Stein gemeißelte Inschrift zu lesen: „Hier blühte einst die heilige Äbtissin Odilia, hier waltet sie immerfort als Mutter des Elsass“.
Im Herzen des ehemaligen Klosters, das von drei Ordensschwestern vom Heiligen Kreuz und einem Kaplan betreut wird, glüht die Liebesflamme der Ewigen Anbetung: Seit 1931 kommen Gruppen von Gläubigen aus allen Pfarreien und Dekanaten, um vor dem Allerheiligsten tagsüber und in der Nacht zu beten – eine Woche lang, bis sie von der nächsten Gruppe abgelöst werden. Draußen blickt die überlebensgroße Statue der heiligen Odilia mit dem Äbtissinnenstab auf einem Balustradenturm weit in die oberrheinische Tiefebene und hält ihre segnende Hand über die Landschaft und ihre Bewohner. Es ist ein gewaltiges Zeichen, sichtbar für alle, für den gläubigen wie den nichtglaubenden Besucher dieser besonderen heiligen Stätte.

[Zuerst erschienen im Vatican-Magazin Januar 2014]

Dezember 12, 2018   No Comments

Seraphim Rose: Nihilismus. Die Ideologie des Antichristen.

Der Glaube an das Nichts als Quell des Untergangs.

Zitat:

„Der Nihilismus unseres Zeitalters ist in allem und wer nicht mit Gottes Beistand beschließt, ihn im Namen der Seinsfülle des lebendigen Gottes zu bekämpfen, den hat dieser bereits bezwungen. Wir sind an den Rand des Abgrunds zum Nichts gebracht, und wir werden, ob wir sein Wesen erkennen oder nicht, infolge der Affinität zum stets vorhandenen Nichts in uns ohne jede Hoffnung auf Erlösung von ihm verschlungen werden – es sei denn, wir bleiben reinen und festen Glaubens in Christus, ohne den wir wahrlich nichts sind.“

Dezember 5, 2018   No Comments

Zviad Ratiani: Ex voto

Schreib, was dir keiner glauben wird,
schreib, als wäre nichts passiert, schreib
über Geister, an deren Existenz
du auch nicht geglaubt hättest, doch.

Schreib, was dir niemand verzeihen wird.
Nein, nicht dort unten, auf das Blatt schreib
dass du dir selbst deine Heimat bist
und dass rein ist dein Herz.

Schreib, wofür man dich auslachen wird.
Warte nicht auf Begeisterung, schreib hemmungslos
über die alltägliche ungerechte Niedertracht
und über deinen kreuzverwerflichen Glauben.

Was noch? Schreib auch über die Liebe
und sag, dass du das Geheimnis erfuhrst – dass Gedichte vor der Liebe geschrieben
und nach der Liebe gelesen werden.

August 2, 2018   1 Comment

Quantum of solace

Es war zur Zeit der WM 2010. Deutschland hatte Argentinien im Viertelfinale Vier zu Null besiegt.

Unterlag aber Spanien im Halbfinale dann Null zu Eins.

Am nächsten Tag wurde ich zum ersten Mal in meinem ganzen Leben von den Carabinieri angehalten.

Zum allerersten Mal in meinem Leben …
von den Carabinieri gestoppt worden. Normalerweise lassen sie Leute wie mich, die mit deutschem Kennzeichen unterwegs sind, vorbeifahren. Aber nein, der streng dreinblickende Uniformierte hebt die rote Kelle und weist mir gleich an, wo meine Stopp-Linie zu sein hat. Dann nähert er sich dem Auto. Ich überlege, ob ich meinen Führerschein dabei habe, ob der Hund vielleicht einen Maulkorb tragen muss im Auto, was das alles kostet, wenn ich keine Rettungsweste dabei haben sollte usw… Was einem halt alles so siedendheiß durch den Kopf fährt in so einer Situation. Und dann noch Carabinieri, nicht polizia … Mit denen ist eh nicht zu spaßen.
Er baut sich vor dem Autofenster auf.
„Dalla Germania?“, fragt er.
Stummes Nicken.
Der Carabiniere stemmt die Arme in die Hüften und holt tief Luft: „Was war da gestern los, eh? Was soll das? Kann man das verstehen? Nein, das kann ich nicht verstehen! Was war das nur für ein schreckliches Spiel, eh?“
Ich nicke unsicher.
„Eine absolute Katastrophe! Was war nur mit den Deutschen los?“ Er fängt an, heftig zu gestikulieren und sich in Rage zu reden. „Die sind so gut gewesen, und jetzt das. KA-PUTT! Einfach KA-PUTT!“ (Das Kaputt kommt im O-Ton auf Deutsch).
Ich stimme zu und traue mich anzumerken, dass es eine große Enttäuschung war.
Er knallt sich mit der rechten Hand an die Stirn. „Gewinnen die gegen Argentinien! Mit Vier-Null! EH? VIER TORE! Und jetzt d a s!“, regt er sich auf.
Ich, lebhafter: „Ja, die totale Katastrophe, ich kann das gar nicht verstehen!“
Er, ballt die Fäuse, lehnt sich etwas nach hinten, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen: „So eine Kata-stro-phe! Verlieren die Eins-Null im Halbfinale!“
Ich: „Unfassbar! Einfach schreck-lich!“ und winke heftig ab.
Er: JA, das ist es. (Seufzer). Gut, Sie können weiterfahren. Trotzdem noch einen schönen Tag!
Ich: Grazie! Ebenso! (Und ab.)

Juni 27, 2018   No Comments

Berliner Hausbesetzerszene

Es begab sich im Jahre Drei nach dem Mauerfall, ich kehrte über Berlin nach einem längeren Aufenthalt aus Prag zurück nach Deutschland und besuchte zu diesem Anlass eine gebürtige Ostberlinerin in ihrer Wohnung in der Oranienstraße, mit der ich in den Achtzigern im Westen studiert hatte.
Zur Auswahl stünden verschiedene Events am Abend – naturgemäß kann man in Berlin wenigstens gescheit ausgehen, immerhin.
Wir entschieden uns für ein Punkkonzert-Event in einem der angesagtesten besetzten Häuser der Stadt.

Ich betrat das Establishment einigermaßen inspiriert – echte Hausbesetzer! In Berlin! Szene! So cool! Ich obercoolerweise auch noch mittendrin.

Die Tür öffnete sich, und die hippen Hausbesetzer entpuppten sich mindestens zur Hälfte als bekannte oder sogar befreundete Leute, denen ich vor fünf Jahren noch regelmäßig in meinem Jugendzentrum (Westdeutschland) in der Otterbachstraße (Symbolname) in Obermoschel (Symbolname) begegnet war.
Soviel zum Mythos Berlin und zu seiner coolen Hausbesetzerszene.

Mai 22, 2018   No Comments

Die Schwarze Madonna von Tschenstochau

Als jemand, der praktisch ein und aus geht bei der Madonna von Loreto, war ich hin- und weggerissen, als ich kürzlich Tschenstochau besuchte.

Unsere liebe Frau ist immer wunderschön und vollständig bezaubernd, egal an welchem Ort man sie besucht.
Aber Tschenstochau bewahrt die schönste Marienikone als einen Schatz eines ganzen Volkes.

Mein Artikel dazu für Die Tagespost.

April 29, 2018   No Comments